Honorarkürzungen: Warum viele Psychotherapeut:innen jetzt aufhören wollen
In Deutschland wird an der Psychotherapie gespart. Was bedeutet das für die Behandlung – und für ihre Klient:innen?
Text: Jana Reininger da Rosa
Collage: Jana Reininger da Rosa / ZIMT Magazin
In Deutschland ist die Aufregung groß: Ein Gremium aus Krankenkassen und Ärztevertretung, das festlegt, wie viel Behandlungen kosten dürfen, hat beschlossen, die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen zu kürzen — um 4,5 Prozent ab dem 1. April 2026. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen sagt zwar, unter dem Strich verlören die Praxen weniger, weil sie an anderer Stelle einen Zuschuss für ihre Personalkosten bekommen. Trotzdem gehen Therapeut:innen auf die Straße. Was ist da eigentlich los? Ein Gespräch mit Psychotherapeutin Tamara Scherer.
ZIMT: Psychotherapeut:innen verdienen gut. Das ist ein weit verbreitetes Klischee. Wenn man dieser Meinung ist, klingen 4,5 Prozent Honorarkürzungen eigentlich gar nicht so viel. Was ist also eigentlich das Problem? Ist der Aufschrei der Behandler:innen Jammern auf hohem Niveau?
Tamara Scherer: Auf den ersten Blick wirkt die Zahl tatsächlich überschaubar. Das Problem ist aber, dass sie auf ein System trifft, das schon lange unter Druck steht. Viele Psychotherapeut:innen arbeiten mit hohem Aufwand und großer Verantwortung, gleichzeitig aber mit relativ engen wirtschaftlichen Spielräumen. Konkret heißt das: Ein erheblicher Teil der Einnahmen fließt in Fixkosten wie Miete, Personal, Fortbildungen und Verwaltungsaufwand. Zudem wird in der Regel nur die direkte Therapiesitzung vergütet – zeitintensive Tätigkeiten wie Vor- und Nachbereitung, Dokumentation oder organisatorische Aufgaben bleiben oft unbezahlt. Die Honorarkürzung verschärft dieses ohnehin angespannte Verhältnis weiter. Es geht also weniger um die Prozentzahl an sich, sondern um die grundsätzliche Frage, ob das System unter diesen Bedingungen langfristig noch tragfähig ist.
Viele Psychotherapeut:innen denken nun daran, ihren Kassensitz (in Österreich: Kassenvertrag) zurückzugeben. Warum?
Das ist meist keine kurzfristige Reaktion, sondern entwickelt sich über Jahre. Viele erleben, dass sie ihre Arbeit im Kassensystem nur eingeschränkt so ausüben können, wie es fachlich sinnvoll wäre – etwa wenn Sitzungsfrequenzen reduziert werden müssen, obwohl therapeutisch mehr Kontinuität angezeigt wäre, oder wenn für komplexe Fälle nicht ausreichend Zeit und Vergütung für die Koordination mit anderen Hilfesystemen bleibt.
Was ist ein Therapieplatz wert? Das Kassensystem kalkuliert nur einen Teil der tatsächlichen Arbeit als vergütungsfähig.
Gerade bei komplexen Störungsbildern, etwa Essstörungen, wäre ein enger Austausch mit Kliniken, Schulen oder anderen Beteiligten häufig fachlich sinnvoll. In der Praxis ist diese Vernetzungsarbeit jedoch kaum vorgesehen, schlecht oder gar nicht vergütet und belastet das ohnehin hohe Arbeitspensum zusätzlich. Therapeut:innen sind im Kassensystem außerdem stärker an anerkannte Verfahren und formale Vorgaben gebunden. Ergänzende oder flexiblere Ansätze lassen sich daher nicht immer so einbinden, wie es im Einzelfall hilfreich erscheinen könnte.
Wir sehen das auch bei Mediziner:innen: Weil Kassenärzt:innen geringe Honorare pro Patient:in bekommen, entscheiden sich immer mehr Ärzt:innen, zu Privatarztordinationen zu wechseln. Aber ist das nicht Profitgier? Sollten nicht gerade Berufsgruppen, die mit erkrankten Menschen arbeiten, darauf achten, arme Menschen nicht von der Behandlung auszugrenzen?
Das greift zu kurz. Natürlich spielen wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, aber oft geht es eher um Arbeitsbedingungen als um Gewinnmaximierung. Viele Therapeut:innen wollen ausreichend Zeit für ihre Patient:innen haben und ihre Arbeit qualitativ gut machen können. Wenn das im Kassensystem nur begrenzt möglich ist, entsteht ein Spannungsfeld. Der Schritt in andere Modelle ist dann häufig der Versuch, wieder selbstbestimmter arbeiten zu können – nicht primär, um mehr zu verdienen.
Psychotherapie ist teuer und deshalb für viele schon jetzt kaum leistbar. Gleichzeitig können Therapeut:innen heute schon kaum mehr hochwertige Therapie unter den gegebenen Vergütungssätzen leisten.
Steigende bürokratische Anforderungen, zum Beispiel Dokumentationspflichten oder komplexe Abrechnungsregularien, sowie ein wachsender wirtschaftlicher Druck verstärken das Problem. Neben den Lebenserhaltungskosten steigen auch die Praxiskosten. Honorare lassen sich nur begrenzt an die Inflation anpassen, kurzfristige Absagen führen zu Einnahmeausfällen, und viele indirekte Leistungen werden nicht vergütet.
Wirtschaftlich gesehen ist in der Psychotherapie also gerade einiges in Bewegung. Auch ein gedeckeltes Budget wird gerade diskutiert.
Perspektivisch könnte das bedeuten, dass erbrachte Leistungen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr vollständig vergütet werden. Das verstärkt das Problem. Auch wenn diese Budgetierung noch nicht final beschlossen ist, sorgt sie bereits für Unsicherheit und zusätzlichen Druck. Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele irgendwann die Frage, ob sich Verantwortung, Aufwand und Rahmenbedingungen noch vereinbaren lassen oder ob andere Modelle mehr Gestaltungsspielraum bieten.
Welche Modelle könnten das sein?
Die Suche nach alternativen Praxismodellen ist individuell, ein einheitliches Konzept gibt es nicht. Entscheidend ist vielmehr ein stimmiges Gesamtkonzept, das sowohl zu den Patient:innen als auch zur eigenen Lebenssituation passt, etwa in Bezug auf Zielgruppen, Arbeitszeiten oder Flexibilität. Auch die Gestaltung der Therapie kann variabler sein, zum Beispiel durch intensivere Anfangsphasen statt starrer Sitzungsintervalle. Dabei geht es nicht zwingend um die vollständige Aufgabe des Kassensitzes. Häufig entstehen Mischmodelle, die Kassenpatient:innen und Selbstzahler:innen kombinieren. Viele Therapeut:innen erweitern ihre Arbeit zudem um präventive oder begleitende Angebote.
Ein zentraler Punkt ist außerdem die klare Abgrenzung zwischen Therapie und Beratung, insbesondere wenn es um die Vermarktung und die Entwicklung der Praxis zu einem umfassenderen Business geht. Das ist wichtig, um rechtliche und ethische Standards einzuhalten und Transparenz für Patient:innen zu schaffen.
Was braucht es nun, um die ohnehin schon so begrenzte leistbare Psychotherapie aufrechtzuhalten?
Entscheidend ist, das System insgesamt zu entlasten. Wenn Vergütung, Aufwand und Verantwortung dauerhaft auseinanderlaufen, wird der Beruf unattraktiv. Es braucht deshalb bessere Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und mehr Flexibilität, damit Therapeut:innen langfristig im Kassensystem bleiben. Letztlich geht es auch darum, die psychische Gesundheit als zentralen Teil der Versorgung ernst zu nehmen.
Tamara Scherer ist Psychologin, Psychotherapeutin und Gründerin von TherapeutenWEGE. Sie begleitet Fachpersonen aus dem therapeutischen Bereich in ihrer beruflichen Weiterentwicklung.