Ist es fettfeindlich, abnehmen zu wollen?
Wie sich unsere Autorin mit der Body Positivity Bewegung versöhnt hat.
Text: Jolanda Allram
Collage: ZIMT Magazin
Jahrelang habe ich versucht, Frieden mit meinem Körper zu schließen. Ich habe die Waage verbannt, mir immer größere Hosen gekauft und das gegessen, worauf ich Lust hatte. Das Konzept war neu für mich, denn mein Leben lang glaubte ich, abnehmen zu müssen.
Schon als Kind hörte ich meine Mutter über ihren eigenen Körper schimpfen, später auch über meinen. Mit 15 machte ich meine erste Diät. Als ich 20 Jahre alt war, wurde Britney Spears bei ihrem Auftritt bei den VMAs 2007 als fett bezeichnet, obwohl sie das nicht war. Wenn ich mich auf Fotos von damals sehe, fällt mir auf: Britney und ich hatten das gemeinsam. Trotzdem wollte ich immer abnehmen.
Body Positivity: Ganz so einfach ist es nicht
Viele Jahre später war ich nicht mehr schlank. Inzwischen hatte ich aber verstanden, dass mein Wunsch nach einem flachen Bauch und zarten Oberarmen von unrealistischen Schönheitsidealen geprägt war. Es war die Hochphase der sogenannten Body Positivity-Bewegung. Von allen Seiten wurde mir vermittelt: Du musst deinen Körper einfach so lieben, wie er ist. Und das habe ich versucht. Mein Versuch endete damit, dass ich mich schwer und träge fühlte und keine Freude mehr an Bewegung hatte.
„Mein Versuch, meinen Körper so zu lieben, wie er ist, endete damit, dass ich mich schwer und träge fühlte und keine Freude mehr an Bewegung hatte.”
Hinzu kamen gesundheitliche Sorgen. Ich hörte bei Familientreffen Onkeln und Tanten über ihre künstlichen Knie und Hüftoperationen sprechen. Ich sah ältere, übergewichtige Frauen, wie sie sich nur mühevoll fortbewegten und ich merkte selbst beim Treppensteigen: Es wird eng in der Brust, mir bleibt die Luft weg. Bei der ärztlichen Routineuntersuchung zeigten sich erhöhte Cholesterinwerte.
Irgendwann habe ich also beschlossen, dass ich das nicht möchte – Frieden mit einem Körper zu schließen, der mir kein gutes Gefühl gibt. Mein Wohlbefinden wog mehr als meine feministischen Überzeugungen. Ich hatte es satt, aus meinem Körper ein politisches Statement zu machen. Nach jahrelangem Ringen um Selbstakzeptanz beschloss ich, es noch einmal mit dem Abnehmen zu versuchen, obwohl mir das nicht leicht fiel. Immer wieder flüsterte die feministische Stimme in meinem Kopf: „Du unterwirfst dich patriarchalen Schönheitsidealen.”
Frieden mit dem eigenen Körper zu schließen ist kein geradliniger Prozess.
Als ich also zum ersten Mal von Unshame, dem neuen Buch der Autorin und Body Positivity Content Creatorin Louisa Dellert, hörte, dachte ich: „Nicht schon wieder ein Aufruf zur radikalen Selbstakzeptanz” – und dann schämte ich mich für genau diese unfeministischen Gedanken.
Soziale Medien verstärken Polarisierung
Aber sind sie wirklich unfeministisch? Wir tendieren dazu, in gegenüberliegenden Polen zu denken. Bei der Körperdebatte scheint es auf Instagram oft nur ein Entweder/Oder zu geben: Wir können dicke Körper feiern oder in den Schlankheitswahn verfallen. Wir können feministische Werte vertreten oder uns dem male gaze, also dem männlich geprägten Blick auf Frauenkörper, unterwerfen. Das, was wir auf Social Media sehen, verstärkt unsere Polarisierung, wie Studien zeigen. In Wirklichkeit liegen zwischen diesen beiden Polen der Weltanschauung aber ganz viele Nuancen.
„Bei der Körperdebatte scheint es oft nur ein Entweder/Oder zu geben: feministische Werte vertreten oder uns dem male gaze zu unterwerfen.”
Diese Nuancen schafft Dellert in ihrem Buch einzufangen. Sie geht ganz offen mit eigenen Widersprüchen um: zum Beispiel wenn sie zugibt, völlig überteuerte Anti-Aging-Produkte zu kaufen. Verkauft uns Dellert einen Selbstliebe-Ratgeber? Nein, das schreibt sie selbst in ihrem Buch. Stattdessen untersucht sie gängige Schönheitsideale und hinterfragt diese aus einem feministischen Blickwinkel. Immer wieder zeigt sie, wer davon profitiert, dass wir unsere Körper abwerten. Da wäre zum Beispiel die Beauty-Industrie, aber auch konservative politische Stimmen: Je mehr wir damit beschäftigt sind, unrealistischen Beauty-Standards nachzueifern, umso weniger Zeit und Energie haben wir, für unsere Rechte zu kämpfen, so die Autorin.
Shitstorms für Gewichtsabnahmen?
Ein ganzes Kapitel widmet Dellert der Body Positivity Bewegung und schreibt darin: „Ich wünsche mir, dass wir Debatten generell wohlwollender und interessierter aneinander führen.” Den ersten Schritt dazu schafft Dellert in ihrem Buch. Weil sie Erklärungen für viele Unsicherheiten liefert und Einladungen dafür ausschreibt, unsere Sichtweisen und Entscheidungen zu hinterfragen, aber nie dazu drängt.
„Ich wünsche mir, dass wir Debatten generell wohlwollender und interessierter aneinander führen.”
– Louisa Dellert, Autorin
Dennoch fehlt mir in Dellerts Buch eine intensivere Auseinandersetzung mit dem ehrlichen Wunsch abzunehmen. Denn nicht nur bei mir überwiegte, meiner politischen Haltung zum Trotz, irgendwann der Wunsch, mich wieder mit Leichtigkeit bewegen zu können. Auch so manchen Body Positivity-Vertreter:innen der Öffentlichkeit scheint es ähnlich zu gehen. Die Autorin Jaqueline Scheiber zelebrierte jahrelang online ihren dicken Körper und schien genau dafür viele Follower:innen zu gewinnen. Als sie sich also zuletzt schlank zeigte, wurde ihr von vielen Anhänger:innen vorgeworfen, ihre einstigen Werte zu verraten.
Darüber spricht sie in einem Instagram-Posting, in dem sie sich auch darüber ärgert, sich nun abermals für ihren Körper rechtfertigen zu müssen. Genau das ist es doch, was wir mit der Body Positivity bekämpfen wollen. Auch wenn es Zeiten gab, in denen sie sich glücklich in ihrem dickeren Körper gefühlt habe, tat sie das irgendwann nicht mehr, schreibt sie. Ich vermute, dass diese Erkenntnis nicht ganz einfach war.
Welcher Körper gilt als schön? Weibliche Körperformen folgen seit Langem gesellschaftlichen Trends.
Seit meiner Kindheit habe ich so viele Meinungen zu meinem Körper gehört, dass ich gar nicht mehr unterscheiden konnte, was Gefühle, Erwartungen und Ideale anderer waren – und was meine eigenen. Jedes „Willst du das wirklich auch noch essen?” oder „Deine Arme sehen in diesem Oberteil aber dick aus.” hallte jahrelang in meinen Gedanken nach. Bei jedem Bissen, bei jedem Blick in den Spiegel hörte ich diese Stimmen. So zu leben ist anstrengend. Mit der Body Positivity kam für mich das schlechte Gewissen darüber hinzu, mich nicht von diesen Gedanken lösen zu können.
„Ich glaube, dass wir dort wo etwas Druck macht, loslassen dürfen.”
Im letzten Jahr habe ich tatsächlich abgenommen. Dafür habe ich mir professionelle Unterstützung geholt. Ich habe mir nichts verboten und nicht gehungert. Stattdessen bewege ich nun meinen Körper viel, genieße mein Essen wieder mehr.
Gleichzeitig habe ich bis heute noch Sorge, in feministischen Kreisen dafür verurteilt zu werden, nun schlanker zu sein. Ab und zu frage ich mich, ob der Wunsch, weniger wiegen zu wollen, nicht doch fettfeindlich ist. Aber letztendlich glaube ich, dass wir dort, wo etwas Druck macht, auch wenn es an sich gut ist, loslassen dürfen.
Körper sind politisch – und höchst privat
Es ist wichtig, dass wir die Diskriminierung, die mehrgewichtige Menschen erleben, benennen. Denn ja: In dieser Hinsicht ist unser Körper politisch. Gleichzeitig ist unser Körper doch auch höchst privat. Alle müssen das Recht haben, in ihrem Körper unkommentiert so zu leben, wie sie das möchten. Das, was aus der Body Positivity Bewegung geworden ist, war für mich ein bisschen wie das Prinzip des blauen Elefanten: Wer versucht, nicht an etwas zu denken, denkt umso mehr daran. Und so habe auch ich ständig an meinen Körper gedacht – und mich für meine Gedanken geschämt.
Louisa Dellert schreibt in ihrem Buch: „Lasst uns den Begriff der Body Positivity wieder zu dem machen, was er anfangs war: ein Auflehnen gegen Fettfeindlichkeit und strukturelle Diskriminierung.” Das feiere ich, denn auch wenn ich Gewicht verloren habe: An meinen Werten halte ich fest.
Unshame von Louisa Dellert ist im Juni 2026 im ullstein allegria Verlag erschienen. Preis: EUR 18,99 (DE), EUR 19,60 (AT).