„Machen Sie es sich so einfach wie möglich“
Das sogenannte Mom Brain gibt es wirklich. Elternschaft verändert nämlich das Gehirn.
Text: Anna Gugerell
Collage: Jolanda Allram / ZIMT Magazin
Wer ein erstes Kind bekommt, erwartet in der Regel, dass sich damit viel im Leben ändern wird. Was aber oft übersehen wird, sind die psychischen Transformationen, die Eltern erleben. Viele kennen den sogenannten Baby Blues, bei dem Frauen nach der Geburt oft traurig sind, oder den Druck, den die neue Rolle mit sich bringt. Überraschend mag für manche aber sein, dass sich auch abseits des Lebens mit Kind einiges ändert. Beispielsweise orientieren sich viele Frauen in der Mutterschaft auch beruflich neu. Die Elternschaft verändert nämlich vor allem auch das Gehirn. Die klinische Psychologin Theresa Haselgruber verrät im Gespräch mit ZIMT, warum diese Veränderungen, die sogenannte Muttertät, oft unterschätzt wird, was sie mit der Pubertät gemein hat und warum eine gute Geburtsvorbereitung über Atemtechniken und Kinderzimmerrenovierung hinausgehen sollte.
ZIMT: In der Muttertät passen sich frische Eltern ihrer neuen Rolle an. Was bedeutet das?
Theresa Haselgruber: Muttertät, auch Matreszenz genannt, ist eine Übergangsphase, die potenziell auch krisenhaft sein kann. Dabei spielen biologische, soziale und psychische Veränderungen zusammen. Die Phase geht mit erhöhter Instabilität, Neuorganisation und größerer Verletzbarkeit einher. Die Veränderungen betreffen so viele Bereiche gleichzeitig, dass bei fehlender Unterstützung oder zusätzlicher Belastung die Gefahr einer Überforderung besteht. Zum Beispiel können sich Personen mit ihrem Kind tief verbunden fühlen. Gleichzeitig sind sie aber chronisch erschöpft, zweifeln an sich selbst, streiten häufiger mit den Partner:innen und haben das Gefühl, ihr „altes Ich“ verloren zu haben.
Warum wird Muttertät so oft mit Pubertät verglichen?
Weil es Gemeinsamkeiten gibt: neurologische Veränderungen, aber auch Veränderungen der Identität. Die Identitätssuche steht wieder stark im Fokus. Der große Unterschied: Jugendlichen gesteht man zu, dass sie ausprobieren und experimentieren. Erwachsene in der Muttertät unterliegen dagegen oft einem starken Perfektionismus. Das erhöht den Druck auf junge oder frischgebackene Mütter enorm. Der Übergang zur Mutter oder in die Elternschaft wird oft als etwas ganz Natürliches beschrieben, das man instinktiv richtig macht. Genau das verdeckt aber, dass es eigentlich um einen Lernprozess und einen Anpassungsprozess geht. Dieser viel zitierte Mutterinstinkt überdeckt vieles, obwohl er in dieser Form nicht einfach angeboren ist.
In dieser Zeit verändert sich auch das Gehirn von Müttern. Was passiert da genau?
Die Veränderungen im Gehirn rund um Schwangerschaft und Mutterschaft sind so stark, dass ein Computeralgorithmus bei Gehirnscans mit sehr hoher Trefferquote zwischen Müttern und Nicht-Müttern unterscheiden kann. Betroffen sind etwa Areale, die mit Bindungsfähigkeit zu tun haben. Auch die Stressreaktivität verändert sich. Das hilft einerseits, sensibel auf das Kind einzugehen und die Bindung aufzubauen. Andererseits kann genau diese erhöhte Alarmbereitschaft sehr belastend sein, etwa wenn man auf Schreien oder andere Reize viel sensibler reagiert als früher. Viele Klientinnen beschreiben vor allem Sorgen: dass man ständig kontrolliert, ob das Baby noch atmet, dass man aufwacht und nachschaut, dass man sich fragt, ob man alles richtig macht. Emotional kann es schnelle Wechsel geben zwischen Freude, Schuld, Gereiztheit und Überforderung. Dazu kommt oft eine starke Erschöpfung. Eine Klientin hat das einmal so beschrieben: Sie sei ständig auf Empfang gestellt, also permanent in Bereitschaft.
Muttertät verändert Eltern messbar. Für viele Frauen ist dies beispielsweise häufig auch Anlass für berufliche Veränderungen.
Wenn Sie sagen, man könne Mütter am Gehirn erkennen – bezieht sich das auch auf Adoptiveltern? Erleben auch Väter diese Veränderungen?
Ja. Auch andere Bezugspersonen zeigen solche Anpassungsprozesse. Je stärker jemand in Fürsorge und Bindungsaufbau eingebunden ist, desto stärker sind meist auch diese psychologischen Transformationsprozesse. Es geht also nicht nur um die biologische Mutter. Der Begriff Muttertät hat sich etabliert, auch wenn er zu eng gefasst ist, andere Bezeichnungen konnten sich kulturell aber noch nicht durchsetzen.
Wie kann man sich auf diese Herausforderungen vorbereiten?
Vorbereitung nimmt den Druck raus, alles gleich perfekt machen zu müssen. Wichtig ist vor allem eine realistische Erwartung an das, was kommt. Negative Gefühle dürfen da sein, und sie sind auch normal. Viele Frauen erleben in der ersten Zeit Gedanken wie: Was habe ich mit meinem Leben gemacht? oder Meine Freiheit ist weg. Solche Gedanken können ganz normal sein, auch wenn kaum darüber gesprochen wird.
Was hilft noch?
Sich frühzeitig mit der eigenen Beziehungserfahrung auseinanderzusetzen: Wie gehe ich in Beziehung? Wie war ich mit meinen Eltern in Beziehung? Wie möchte ich Elternschaft leben? Und sehr wichtig ist, früh ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen: Welche Freund:innen können mich gut unterstützen? Wo kann ich hin, wenn es mir nicht gut geht? Hilfen und Anlaufstellen sollte man sich idealerweise schon vorher heraussuchen. Es wird oft viel Energie in Einrichtung, Dekoration oder klassische Vorbereitungskurse gesteckt. Das hat alles seine Berechtigung. Aber ich würde den Schwerpunkt stärker auf mentale Vorbereitung legen.
Was schützt die mentale Gesundheit in dieser Phase besonders?
Die Alleinverantwortung möglichst zu vermeiden. Im besten Fall sind beide Elternteile gleichberechtigt beteiligt, Aufgaben werden klar verteilt und der Perfektionsanspruch wird zurückgestellt. Ich sage meinen Klientinnen oft: Machen Sie es sich so einfach wie möglich. Jetzt ist nicht die Zeit, um Pluspunkte zu sammeln. Möglichst früh Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist enorm wichtig.
Was können Warnsignale sein?
Erschöpfung, anhaltend depressive Stimmung, wenig Freude, zunehmende Angst, sozialer Rückzug, Vermeidungsverhalten oder Schwierigkeiten, die Verbindung zum eigenen Kind zu spüren. Auch das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, sollte man ernst nehmen. Dann ist eine weitere Abklärung sinnvoll. Wir sprachen nun viel über die negativen Seiten der Muttertät. Aber sie bringt ja auch viele positive.
Wie können Mütter von diesen Veränderungen im Alltag profitieren?
Der Fokus verschiebt sich: Man kann sehr feinfühlig auf Mitmenschen eingehen, unter Belastung effizient handeln und lernt, mit vielen gleichzeitigen Anforderungen umzugehen. Dieses oft zitierte Mom Brain ist nicht einfach ein Defizit, sondern auch eine Verschiebung des Fokus: weg von Zahlen und Fakten, hin zu Feinfühligkeit und Sensibilität für die Umgebung.
Was müsste gesellschaftlich passieren, um das Thema präsenter zu machen und Eltern besser vorzubereiten?
Es braucht mehr Aufklärungsarbeit. Wenn Frauen wissen, dass sie nicht persönlich versagen, sondern einen komplexen Anpassungsprozess durchlaufen, kann das enorm entlasten. Man darf lernen, man darf sich Zeit geben, man darf mitfühlig mit sich selbst sein. Mehr Selbstmitgefühl – das wäre zentral.
Zur Person
Theresa Haselgruber ist klinische Psychologin und berät zu psychischer Gesundheit in der Schwangerschaft, nach der Geburt und rund um Muttertät. In ihrer Praxis sowie im Familienzentrum Innsbruck begleitet sie Frauen und Eltern in dieser Übergangsphase.