Triggerwarnung
Elternteil Nummer zwei
Depressionen nach der Geburt treffen auch Väter. Das wird meist übersehen.
Collage: ZIMT Magazin
Florians Tochter schreit. Er hält sie auf dem Arm, geht auf und ab, wechselt die Seite. Sie schreit weiter. Schrill und ohne Pause, wie ein Alarm. Er spürt es im Kiefer, in den Schultern, hinter den Augen. Jedes Wippen, jeder Schritt macht es lauter. Irgendwann ist es zu viel. Er gibt seiner Frau das Baby. Und geht in sein Arbeitszimmer.
Zehn Minuten vergehen, zwanzig. Dann steht sie im Türrahmen. „Was ist jetzt?“, fragt sie. Sie will schlafen, ihre Augen sind müde. Florian weicht ihrem Blick aus. Warum schafft er es nicht, sie zu entlasten? „Ich brauche eine Pause“, sagt er. „Ich bin völlig überfordert.“ Sie geht. Er verriegelt die Tür. Drei Tage lang bleibt er im Arbeitszimmer und verlässt es nur minutenweise. Dann, wenn es draußen kurz ruhig ist.
Von außen scheint sein Leben geordnet. Florian arbeitet als Dokumentationsassistent, er wertet medizinische Befunde aus. Die Befunde anderer. In seiner Freizeit spielt er Schlagzeug, schwimmt, trifft Freund:innen. Dann kommt das erste Kind. Und damit die Zweifel.
Als seine Tochter im September 2023 geboren wird, ist Florian überwältigt von Glück. So viel Freude, so viel Zuneigung. Er nimmt zwei Monate Elternzeit, in der sie zu dritt zu Hause sind. Danach arbeitet er wieder Vollzeit. Trotzdem will er seinen Anteil tragen: wickeln, nachts aufstehen, sich kümmern. Das Stillen klappt nicht, also gibt er das Fläschchen. Doch das Baby weint, auch wenn es satt ist. Stundenlang, immer wieder.
„Die gefühlte Erwartungshaltung von außen macht vieles unnötig zermürbend.“ – Florian
Zunächst weiß niemand, warum. Erst später wird der Kinderarzt eine Kuhmilchallergie feststellen. Das Kind verträgt das Eiweiß in der Säuglingsmilch nicht, jedes Fläschchen tut im Bauch weh. Die Nächte sind kurz, die Gespräche enden oft im Streit. Das junge Elternpaar funktioniert, mehr nicht. Und manchmal hat Florian einen Gedanken, der ihn erschreckt: ins Auto steigen, losfahren. Einfach weg.
Wer bin ich als Vater, als Mensch?
Das Schöne der ersten Wochen nimmt er kaum wahr. Er weiß, dass er es genießen müsste. Aber es geht nicht. Das tue weh, weil man sein Kind doch eigentlich über alles liebt, sagt er. Es müsse an ihm liegen, dass es so schwierig ist. Er macht sich Vorwürfe, bei jedem Fläschchen, in jeder Nacht, in der das Mädchen kaum schläft. Über allem steht eine Frage, die er später als zentral beschreibt: Wer bin ich, als Vater, als Mensch?
Dass Väter nach der Geburt eines Kindes an einer Depression erkranken können, ist in der Medizin eine recht junge Erkenntnis, sagt Luc Turmes. Über 20 Jahre lang leitete er die LWL-Klinik (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) im nordrhein-westfälischen Herten, ein psychiatrisches Fachkrankenhaus in Deutschland. Dort baute er 2003 eine Station auf, auf der psychisch erkrankte Mütter gemeinsam mit ihren Säuglingen behandelt werden. Mütter, wohlgemerkt: Die Station ist älter als die Erkenntnis, dass auch Männer hierbei Unterstützung brauchen können. In Ausnahmefällen nahm Turmes dort auch erkrankte Väter mit ihrem Kind auf.
Hohe Dunkelziffern unter Vätern
Wie viele Väter solche Depressionen entwickeln, kann Turmes nur schätzen. Er geht von 5 bis 10 Prozent aus. Bei Müttern ist die Datenlage besser: Rund 10 bis 15 Prozent erkranken nach der Geburt. Doch selbst von ihnen bekomme nur etwa jede fünfte die korrekte Diagnose, vermutet Turmes. Von den richtig Diagnostizierten komme wiederum nur gut ein Drittel in eine angemessene Behandlung. Und es sei davon auszugehen, dass die Unterdiagnostizierung bei Männern noch höher ist als bei den Frauen.
Daten von Susan Garthus-Niegel, Professorin an der Technischen Universität Dresden, stützen diese Größenordnung. Die Psychologin leitet die DREAM-Studie, eine Langzeituntersuchung zu Elternschaft und psychischer Gesundheit. Sie ist eine der wenigen, die auch die Väter mitzählen. Rund neun Prozent der Väter berichten demnach schon während der Schwangerschaft von erhöhten depressiven Symptomen, fünf Prozent acht Wochen nach der Geburt. Oft beginnt die Belastung schon vor der Geburt. Deshalb spricht die Forschung zunehmend von peripartaler statt postpartaler Depression, also von der Zeit rund um die Geburt: von der Schwangerschaft bis ins erste Lebensjahr. Für werdende Väter ist die Schwangerschaft der Anfang einer neuen Rolle. Etwas, das sie neun Monate lang miterleben, wenn körperlich auch nur von außen. In dieser Phase können sich Sorgen einnisten: um die Partnerin, um Geld und um die Frage, ob man all das schafft.
Es sind Zahlen mit einer eigentümlichen Spannung. Nimmt man die Schätzungen ernst, trifft die Krankheit jeden zehnten bis zwanzigsten Vater. Und doch bleibt sie fast unsichtbar. Warum wird diese Depression bei Vätern so selten erkannt? Und warum sucht so selten jemand nach ihr?
Ängste, Selbstvorwürfe, Überforderung
Bei Florian steht die Diagnose wenige Wochen nach der Geburt fest: „Angst und Depression, gemischt“, dazu eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung, so steht es in seiner Krankschreibung. In den typischen Symptomen erkennt er sich wieder. Die Kernsymptome ähneln sich bei Müttern und Vätern, doch bei Vätern stünden neben Antriebslosigkeit und Traurigkeit häufiger Ängste, Sorgen, Selbstvorwürfe oder das Gefühl von Überforderung im Vordergrund, sagt Garthus-Niegel. Es ist dieselbe Krankheit, aber sie äußert sich anders. Ein Vater mit Depression sagt vielleicht seltener, dass er traurig ist. Er sagt, dass er es nicht schafft, dass er alles falsch macht. Das klingt oft eher nach Erschöpfung, nach zu wenig Schlaf, nach einem Problem, das sich organisieren lässt. Unterschiede, die dazu beitragen könnten, dass depressive Symptome bei Vätern übersehen werden.
„Die meisten wissen gar nicht, was mit ihnen los ist.“ – Eberhard Schäfer, Väterzentrum Berlin
Bei seiner Frau wirke alles so einfach und vertraut, erzählt Florian. Er spürt ihren Wunsch, dass auch er unbefangen mit dem Baby umgeht. Doch echte Nähe zu seiner Tochter will nicht gelingen. Er schiebt sie durch die Straßen. Die wachen Babyaugen im Kinderwagen beobachten ihn. Dunkle Herbstabende, Autolichter ziehen vorbei. Florian schiebt und grübelt. Heute weiß er noch, was ihm durch den Kopf ging. Ein einziger Satz, immer derselbe: „Boah, ist das hart.“
Eberhard Schäfer, Paartherapeut am Väterzentrum Berlin, kennt solche sogenannten Bindungsnöte aus seiner Beratung. Viele Väter, sagt er, sehen sich als „Elternteil Nummer zwei“. Sie erleben die Innigkeit zwischen Mutter und Kind und denken: Da komme ich nie heran. Verfestigt sich das Bild, zieht der Vater sich weiter zurück. Kommt eine Depression hinzu, verstärkt sich beides.
Florians Tiefpunkt sind die drei Tage hinter der verschlossenen Tür. November 2023, seine Tochter ist acht Wochen alt. Ein Nachmittag im Dämmerlicht, das Kind schreit seit Stunden. Florian sitzt mit ihr auf dem Sofa, steht auf, setzt sich wieder, es macht keinen Unterschied. Seine Frau sagt etwas, er hört ihre Stimme, aber die Wörter dringen nicht zu ihm durch. Er legt ihr das Baby in den Arm, geht ins Arbeitszimmer und dreht den Schlüssel um. Drei Tage. Irgendwann klingelt es, vielleicht der Postbote. Florian nutzt den Moment, schleicht hinaus. Er spürt die Enttäuschung seiner Frau. Was wohl ihre Familie über ihn denkt?
Wenn Wut sich nach innen richtet
Bei manchen Vätern ist Rückzug nur die eine Seite der Krankheit. Die andere kann ins Gegenteil kippen. Männer werden häufig auch aggressiv, sagt Turmes. Wütend auf sich selbst, auf die Umwelt, wütend auf alles. Davor erschrickt auch Florian: wie impulsiv er denken und sprechen kann, wie die Ausbrüche sich auch gegen seine Frau richten.
Gefährlich wird Wut auch dann, wenn sie sich ganz nach innen richtet. Neue, noch nicht abschließend ausgewertete Daten aus Turmes’ Studie deuten darauf hin, dass Väter mit Depression häufiger suizidal werden als Mütter mit ebendieser Erkrankung. Auch Florian beschreibt aus dieser Zeit einen geminderten Lebenswillen.
Risikofaktor psychische Vorbelastung
Auf eine einzige Ursache lässt sich diese Form der Depression selten zurückführen. Wie bei psychischen Erkrankungen generell, sagt Turmes, spielen biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammen. Ein Risikofaktor ist eine psychische Erkrankung in der Vorgeschichte. Auf Florian trifft das zu: Seine Angst- und Depressionserkrankung bestand schon vor der Geburt, sie war wiederkehrend.
„Es gibt keinen Mutterinstinkt, und es gibt keinen Vaterinstinkt.“ – Luc Turmes, Vorsitzender der Marcé-Gesellschaft
Für die biologische Seite bei Vätern fehlt noch robuste Evidenz, doch es gibt Hinweise, dass sich auch im Körper des Mannes nach der Geburt etwas verändert. Der Testosteronspiegel kann sinken und auf die Stimmung drücken. Bei Müttern ist der Einschnitt drastischer. Ihre Schwangerschaftshormone fallen nach der Entbindung schlagartig ab, beim Mann geschieht das, wenn überhaupt, viel langsamer.
Den größeren Einfluss aber sieht Turmes im Psychosozialen, auch im gesellschaftlichen Druck. „Es gibt keinen Mutterinstinkt, und es gibt keinen Vaterinstinkt“, sagt er. Jede Mutter müsse ihre neue Rolle erst lernen und Väter umso mehr, weil das System rund um die Geburt für Mutter und Kind gebaut ist und der Vater darin die Begleitperson bleibt. Schäfer vermutet aus seiner Erfahrung im Väterzentrum, dass vor allem Männer mit hohem Anspruch an sich selbst gefährdet sind, zu erkranken.
Florian erledigt auf der Arbeit in jener Zeit nur noch das Mindestmaß, um Kräfte für die Familie zu sparen. Die Nächte werden trotzdem immer kürzer. „Die gefühlte Erwartungshaltung von außen macht vieles unnötig zermürbend“, sagt er. Es ist, als gerate er zwischen zwei Rollenbilder: das neue, das den präsenten Vater will, und das alte, das von ihm verlangt, bei der Arbeit zu funktionieren. Krankwerden scheint bei keinem der beiden vorgesehen.
Stigma und Einsamkeit
Dass viele Väter mit ihrer Krankheit allein bleiben, hat mit einem Stigma zu tun, das mehrfach wirkt. Psychische Erkrankungen sind ohnehin stigmatisiert, sagt Turmes, doch in der Zeit nach der Geburt noch mehr. Das Baby ist da, die Eltern haben „gefälligst glücklich“ zu sein. Es trägt wesentlich dazu bei, dass die Einsicht, krank zu sein und Hilfe zu brauchen, hinterherhinkt. Dazu kommt: Viele Väter haben von einer postpartalen Depression noch nie gehört, sagt Garthus-Niegel, und können ihre Symptome nicht einordnen. Manche erfahren Ablehnung, weil es so etwas „ja nur bei Müttern gebe“. Auch der soziale Rückhalt, der vor psychischer Erkrankung schützen kann, fehlt heute oft: „Kaum eine junge Familie lebt noch im Umkreis ihrer Eltern oder Schwiegereltern.“
„Kaum eine junge Familie lebt noch im Umkreis ihrer Eltern beziehungsweise Schwiegereltern.“ – Luc Turmes
Für Florian fühlt sich die Depression an wie permanente Erschöpfung. Wie etwas, das allein zu schaffen wäre, wenn er sich nur genug anstrengt. Freund:innen spüren seine Überforderung und bieten Hilfe an. Doch dann, so denkt er, wollen sie beim nächsten Mal hören, dass es besser geworden ist. Und das wäre gelogen. Die Scham wächst, dass es bei anderen Familien „läuft“, nur nicht in seiner. Also lieber: Rückzug. Auch wenn das Einsamkeit bedeutet. Ein Gefühl, das viele kennen. Für den Einsamkeitsreport der Techniker Krankenkasse, einer der größten deutschen Krankenkassen, befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Mai 2024 rund 1.400 in Deutschland lebende Menschen, repräsentativ für die volljährige Bevölkerung. Von den Männern, die Einsamkeit kennen, hat demnach jeder dritte noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Bei den Frauen ist es jede fünfte.
Im Dezember findet Florian einen Psychiater, der ihn krankschreibt. Er verschreibt ein Antidepressivum und bestellt ihn regelmäßig zum Gespräch. Florian hofft, mit den Medikamenten seine Gefühlsschwankungen und die Impulsivität zu dämpfen. Das Jugendamt schickt eine Familienhelferin, eine Sozialpädagogin, die nun regelmäßig vorbeischaut und mit ihm den Alltag mit der Tochter übt. Für Florian und seine Frau kommt eine Betreuerin der Caritas: Sie hilft ihnen, den Tag zu strukturieren. Und wenn die Tochter nachts um drei nicht aufhört zu schreien, ruft seine Frau die Hebamme an, die Tag und Nacht für die Familie erreichbar ist. Von alledem fühlt sich Florian unterstützt. Aber so richtig mit väterlicher Depression scheint sich trotzdem niemand auszukennen.
Mit dem Baby in die Psychiatrie
Einen Klinikaufenthalt schlägt Florian niemand vor. Dabei wäre das möglich. „Man kann Väter genauso gut mit dem Säugling stationär aufnehmen wie die Mutter“, sagt Turmes. In Herten geschah das, wenn auch selten. Dass es solche Orte kaum gibt, hat in seinen Augen einen einfachen Grund: Geld. Mutter-Kind- oder Mutter-Vater-Kind-Stationen werden in Deutschland von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht eigens finanziert. Wer schwer erkrankt und stationär behandelt werden muss, geht deshalb meist allein in die Psychiatrie, ohne Kind, „was für die Mutter-Vater-Kind-Bindung eine Katastrophe ist“, sagt Turmes.
Auch in Österreich sind solche Plätze knapp. Eine Bestandsaufnahme des Austrian Institute for Health Technology Assessment kam 2023 zu dem Schluss, dass die stationären Kapazitäten für Mutter-Kind-Betten deutlich unter den international empfohlenen Bedarfszahlen liegen. In drei Bundesländern, Burgenland, Kärnten und Tirol, gab es damals in der Erwachsenenpsychiatrie keine. Als ein Salzburger Krankenhaus im selben Jahr ein Pilotprojekt für die stationäre Mutter-Kind-Versorgung startete, begründete der Leiter der dortigen Psychiatrie das ausdrücklich mit der Versorgungslücke in Österreich. Ein Haus, das auch Väter mit ihrem Kind aufnimmt, ist das Kepler Universitätsklinikum in Linz: Auf einer Station stehen dafür derzeit zwei Einzelzimmer bereit, für Eltern aus Oberösterreich.
Dabei rechnet sich Vorsorge, sagt Turmes. Er beruft sich auf Berechnungen der London School of Economics zu den Folgekosten psychischer Erkrankungen rund um die Geburt und überträgt sie auf Deutschland: Mit guter peripartaler Versorgung, samt gemeinsamer stationärer oder teilstationärer Behandlung von Vater, Mutter und Kind, ließen sich hier pro Jahr und Geburtenkohorte rund 12 Milliarden Euro an Folgekosten für die nächste Generation sparen. Und die Aussicht auf Heilung ist gut: „Wenn man sich adäquat kümmert, ist die Prognose exzellent“, sagt Turmes. „Diese Frauen und Männer werden fast alle gesund.“
Eine Schablone für Mütter?
Nur: Erst einmal muss jemand die Krankheit bemerken. Die größte Lücke, sagt Garthus-Niegel, sei, dass Väter in der Versorgung rund um die Geburt häufig gar nicht systematisch erfasst werden. Während Mütter regelmäßig Kontakt zu gynäkologischen Praxen und Hebammen haben, gibt es für Väter deutlich weniger strukturierte Zugangswege. Auch in den Geburtsvorbereitungskursen sind die Themen für sie begrenzt. Und wo gemessen wird, geschieht das meist mit Fragebögen, die ursprünglich für Mütter entwickelt wurden. Bestimmte Symptomgruppen decken sie deshalb nicht ab. Dahinter steht eine Frage, die diese junge Forschung noch nicht beantwortet hat: Sucht die Versorgung mit einer Schablone, die für Mütter gemacht wurde, nach einer Krankheit, die bei Vätern ganz andere Gestalt annehmen kann?
Wie schwer die Krankheit selbst dort zu erkennen ist, wo das System hinschaut, zeigt ein Fall aus den USA. Lindsay Clancy arbeitete als Pflegerin im Kreißsaal des Massachusetts General Hospital in Boston. Ihr wird vorgeworfen, im Jänner 2023 ihre drei Kinder getötet zu haben. In den Monaten davor hatte sie wiederholt ärztliche Hilfe gesucht und war in Behandlung. Ihre Verteidigung führte vor Gericht an, sie sei überdosiert medikamentös behandelt worden und sei an einer postpartalen Psychose erkrankt gewesen, der seltensten und schwersten Form psychischer Erkrankung nach der Geburt. Anfang September 2026 erklärte der Richter den Prozess für gescheitert, weil die Geschworenen sich nicht einigen konnten. Ob neu verhandelt wird, ist offen.
Fälle wie dieser sind extreme Ausnahmen. Was er zeigt, ist trotzdem etwas Grundsätzliches: Selbst eine Frau, die im Kreißsaal arbeitete und immer wieder um Hilfe bat, fiel durch das Raster. Bei Vätern stellt sich diese Frage seltener – weil das System erst gar nicht nach ihnen sucht.
Aus der Beratung im Väterzentrum weiß Schäfer: Kaum ein Vater sucht sich Hilfe. „Die meisten wissen gar nicht, was mit ihnen los ist.“ Mit dem ausdrücklichen Anliegen, dass es ihm seit der Geburt schlecht gehe, komme etwa ein Vater im Jahr zu ihm. Die Schwelle, an die Tür einer Psychiatrie zu klopfen, ist hoch.
Neue Lösungsversuche
Immerhin bewegt sich etwas. In Deutschland setzt ein Projekt namens UPlusE bei den Vorsorgeuntersuchungen des Kindes in der Kinderarztpraxis an. Selbst schwer depressiv erkrankte Eltern nehmen diese Termine wahr, sagt Turmes. Mütter wie Väter füllen dort per App einen standardisierten Fragebogen aus. Schlägt er an, kann die Praxis eine Diagnose stellen und an Hilfe vermitteln. Seit Juli 2026 bieten die bayerischen Betriebskrankenkassen das gemeinsam mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte als Zusatzleistung an, bei der U3 in den ersten Lebenswochen oder der U4 im dritten bis vierten Monat – Vorsorgeuntersuchungen, vergleichbar mit jenen im österreichischen Eltern-Kind-Pass. Doch nur ein Elternteil füllt dabei den Bogen aus. Und wer das ist, entscheidet sich meist von selbst: Zur U3 kommen manche Väter noch mit, weil sie gerade Elternzeit haben. Zur U4 sitzt oftmals die Mutter allein im Wartezimmer.
Was sich ändern müsste: eine Versorgung, die die Familie als Ganzes sieht. Man müsse das Thema auch für Väter viel sichtbarer machen, sagt Schäfer. In Flyern, auf Homepages und in der Ansprache. Die Tür zu Hilfsangeboten stehe zwar offen, doch nur wenige wüssten davon.
„Das Kind wird es ihnen verzeihen.“ – Eberhard Schäfer
Rückblickend hat Florian eins am meisten geholfen: kurze Auszeiten, wo immer möglich, aber bewusst kommuniziert. Denn jede Stunde, die er sich nimmt, ist eine, die seine Frau allein mit dem Kind ist. In kleinen Schritten liegt oft der Ausweg, bestätigt Schäfer. Gelingt es nach ein paar Wochen, das Baby zu tragen, ohne dass es schon nach wenigen Minuten schreit, ist viel gewonnen. Niemand müsse sofort Meister sein. Viele betroffene Väter quälten sich mit der Angst, in den ersten Wochen sei alles zerstört, die Bindung werde sich nie mehr aufbauen. Schäfer sagt: „Das Kind wird es ihnen verzeihen.“
Die Gespräche mit seinem Psychiater richten Florian auf. Mit der Familienhelferin übt er den Umgang mit der Tochter. Sie sitzt daneben, wenn er wickelt und wenn er das Fläschchen gibt. Er lernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – und Überforderung zu erkennen, bevor alles aus den Fugen gerät.
Seine Frau ist in diesen Monaten die, die oft alles am Laufen hält. Sie kümmert sich um die Tochter, während er beim Psychiater sitzt. Sie macht Anrufe und füllt Anträge aus, schaut, dass alles irgendwie weiterläuft. Florian sieht das. Er spürt, wie erschöpft sie ist, schon morgens. Wenn er heute über diese Zeit redet, kommt er immer wieder auf sie zu sprechen. Er weiß, wie viel sie in diesen Monaten vollkommen allein stemmen musste.
Heute wohnt Florians Familie in der Nähe seines Vaters, der eine große Unterstützung ist. Ein zweites Kind ist da. Nicht alles, aber vieles ist anders. Vor allem Florian selbst.
Wenn es dir schlecht geht
Über Suizidgedanken zu sprechen, hilft. Die folgenden Stellen sind kostenlos, vertraulich und rund um die Uhr erreichbar:
Österreich
Telefonseelsorge: 142
Rat auf Draht (für Kinder und Jugendliche): 147
Kriseninterventionszentrum Wien: 01 406 95 95 (Mo–Fr 8–17 Uhr)
Deutschland
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche): 116 111
Unterstützung für junge Familien gibt es hier:
Österreich
- Frühe Hilfen: kostenlose Begleitung bei Belastungen rund um Schwangerschaft und frühe Elternzeit, auch für Väter: https://fruehehilfen.at/
- Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie, Klinik Ottakring: unterstützt Mütter und Väter in psychischen Krisen von der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr des Kindes: https://klinik-ottakring.gesundheitsverbund.at/leistung/spezialambulanz-fuer-peripartale-psychiatrie/ Terminvergabe Tel. +43 1 491 50-8110
- Workshop „Ich werde Papa!”: kostenloses Angebot für werdende Väter in Wien, vom Familienzentrum Nanaya gemeinsam mit dem Väterverein papainfo. Themen unter anderem Babyblues, postpartale Depression, Vaterrolle und Bindungsaufbau: https://nanaya.at/ich-werde-papa
Deutschland
- Schatten & Licht e.V.: Selbsthilfe bei peripartalen psychischen Erkrankungen, mit Liste von Selbsthilfegruppen und Beraterinnen; offen auch für Väter: https://www.schatten-und-licht.de/
- Marcé-Gesellschaft: Übersicht spezialisierter Kliniken und Ambulanzen im deutschsprachigen Raum: https://marce-gesellschaft.de/
- Väterzentrum Berlin: Beratung für Väter rund um die Geburt. vaeterzentrum-berlin.de
Transparenzhinweis
Mit diesen Quellen haben wir gearbeitet:
- Bauer, A., Parsonage, M., Knapp, M., Iemmi, V. & Adelaja, B. (2014). The costs of perinatal mental health problems. Centre for Mental Health & London School of Economics and Political Science. https://eprints.lse.ac.uk/59885/
- Garthus-Niegel, S., Staudt, A., Kinser, P., Haga, S. M., Drozd, F. & Baumann, S. (2020). Predictors and changes in paternal perinatal depression profiles — insights from the DREAM study. Frontiers in Psychiatry, 11, 563761. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2020.563761
- Kardinal Schwarzenberg Klinikum. (2023, 9. Oktober). Getrübtes Babyglück – neues Angebot für junge Mütter mit Postpartaler Depression [Presseinformation]. https://www.ks-klinikum.at/de/service/news/detail/getruebtes-babyglueck
- Kepler Universitätsklinikum. (o. J.). Stationäre Aufnahme von Mutter oder Vater mit Kind [Folder]. Abgerufen am 18. September 2026 von https://www.kepleruniklinikum.at/media/4476/kuk_nmc_fld_muter-vater-mit-kind_100x210_web.pdf
- Techniker Krankenkasse. (2024). TK-Einsamkeitsreport 2024. https://www.tk.de/resource/blob/2186830/73239d0d1b389491c47f1bf7960ed254/2024-tk-einsamkeitsreport-data.pdf
- Zechmeister-Koss, I. (2023). Perinatal and infant mental health care in Austria: A mapping report of existing prevention, screening and care structures, with a specific focus on Tyrol (AIHTA-Projektbericht Nr. 151). HTA Austria – Austrian Institute for Health Technology Assessment. https://eprints.aihta.at/1437/
Weitere Beiträge
„Machen Sie es sich so einfach wie möglich“
Das sogenannte Mom Brain gibt es wirklich. Elternschaft verändert nämlich das Gehirn.
Ist es fettfeindlich, abnehmen zu wollen?
Wie sich unsere Autorin mit der Body Positivity Bewegung versöhnt hat.
Essen gegen Depressionen: Wie Ernährung die Psyche beeinflusst
Wie wichtig Ernährung für die Psyche ist, wird durch aktuelle Studien immer klarer. Ein Gespräch mit Psychiaterin und Ernährungsmedizinerin Sabrina Leal Garcia.


