„Wie bei einem Glücksspielautomat“
Warum TikTok und Co. Menschen mit ADHS besonders schwer loslassen – und dafür Verantwortung übernehmen müssten.
Text: Karina Grünauer
Collage: ZIMT Magazin
Foto: Fotogenia – TU Graz
Noch ein Video. Noch eins. Und noch eins. Der Feed auf TikTok, Instagram Reels oder YouTube Shorts endet nie, der Algorithmus wählt aus, was gefallen könnte. Davon kommen Menschen mit ADHS besonders schwer los, wie die Informatikerin Elisabeth Lex gemeinsam mit ihrem Team an der Technischen Universität Graz untersucht hat. Im Gespräch mit ZIMT erklärt sie, warum sie die Verantwortung bei den Plattformen sieht und nicht bei den Nutzer:innen.
ZIMT Magazin: Frau Lex, warum glauben Sie, dass der Algorithmus für manche ein Problem werden kann?
Elisabeth Lex: Recommender-Systeme (Anm. d. Red.: Recommender-Systeme, in sozialen Netzwerken oft einfach Algorithmus genannt, berechnen aus dem bisherigen Verhalten, was als Nächstes vorgeschlagen wird) sind in vielen Aspekten sehr hilfreich. Es gibt eigentlich fast keine digitalen Systeme mehr, die keines eingebaut haben. Aber sie sind nicht immer ausschließlich auf unser Wohl optimiert. Meistens geht es darum, die Menschen möglichst lange an die Plattform zu binden und sie dazu zu bringen, möglichst viel zu interagieren. Natürlich wollen die Plattformen die Leute an ihr Produkt binden, sie wollen gezielt Werbung ausspielen. Und diese Orientierung aufs Engagement bindet sehr viel Aufmerksamkeit.
Was ist das Problem daran?
Es gibt Personen, die mit der Impulskontrolle und der Regulierung von Aufmerksamkeit größere Schwierigkeiten haben als andere. Die Plattformen sprechen gezielt das Belohnungssystem an und erzeugen immer wieder Dopaminkicks. Man bekommt Inhalte, die einem plötzlich voll gut gefallen, und hat einen Vorfreudeeffekt, weil der Algorithmus ständig neue Inhalte liefert, die sehr auf die eigenen Interessen zugeschnitten sind. Dann verpasst man den richtigen Moment aufzuhören.
„Die Betreiber nehmen in Kauf, dass das für ganze Bevölkerungsgruppen negative Folgen hat.”
Die Zeit verfliegt, und man bleibt länger auf der Plattform, als man vorgehabt hat, weil es schwerfällt, sich davon zu lösen. Menschen mit ADHS bringen die Grundtendenz mit, dass ihre Selbstregulierung nicht so stark ausgeprägt ist. Und die Algorithmen nutzen das schön aus.
Ist das bei neurotypischen Menschen nicht ähnlich?
Alle diese Effekte hat man auch ohne ADHS immer wieder: dass man die Zeit übersieht, oder das, was wir Post-Usage Regret genannt haben, also die Reue nach der Nutzung. Die Gruppe mit ADHS hat in unserer Erhebung aber signifikant häufiger gesagt, dass sie die Zeit als nicht sinnvoll empfunden hat. Auch die Reue war signifikant höher, ebenso die Schwierigkeit, tatsächlich auszuschalten. Deshalb sprechen wir von einer Engagement Trap (dt. Engagement-Falle).
Welche Folgen hat diese Falle?
Das zieht sehr viele andere Dinge nach sich, etwa dass man den Schlaf oder wichtige Aufgaben aufschiebt.
Ist das seitens der Plattformanbieter gewollt?
Gewollt ist, dass es viel Interaktion gibt. Davon profitieren auch Content Creators, also Menschen, die Inhalte für die Plattformen produzieren und wollen, dass diese gesehen werden. Aber meiner Meinung nach nehmen die Betreiber in Kauf, dass das für ganze Bevölkerungsgruppen negative Folgen hat. Sie legen zu wenig offen, als dass wir wüssten, ob sie sich anschauen, wie bestimmte Gruppen darunter leiden. Sie verändern laufend Kleinigkeiten an den Algorithmen und an der Benutzeroberfläche, ohne dass die Nutzer:innen das bewusst merken. Man ist eigentlich ständig Teil irgendeiner Testkohorte. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Plattformen wissen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen unter solchen Effekten leiden.
Welche Rolle spielt Konditionierung? Man wartet an der Bushaltestelle und greift als Erstes zum Handy.
Das ist ein ganz wichtiger Mechanismus. Er erklärt, warum Menschen weitermachen, obwohl sie vielleicht wissen, dass es besser wäre aufzuhören. Die Belohnung ist variabel: Nicht jedes Video ist relevant, nicht jedes ist lustig. Aber irgendwann kommt wieder ein gutes, und man kann nicht vorhersagen, wann der nächste Kick kommt. Das verstärkt das Scrollen, so wie bei einer Slotmaschine (Anm. d. Red.: Glücksspielautomat, bei dem Gewinne unvorhersehbar kommen).
„Sie verändern laufend Kleinigkeiten an den Algorithmen und an der Benutzeroberfläche, ohne dass die Nutzer:innen das bewusst merken. Man ist eigentlich ständig Teil irgendeiner Testkohorte.”
Dazu kommt klassische Konditionierung: Schon der Ton einer Benachrichtigung oder das Aufleuchten des Displays löst bei vielen den Impuls aus, die App zu öffnen. In den Öffis schaut kaum jemand in der Wartezeit einfach aus dem Fenster. Wir sind es gewohnt, uns immer mit irgendetwas abzulenken.
Die gängigen Lösungen setzen beim Einzelnen an: Bildschirmzeit messen, einen Wecker stellen. Wird so ein Problem, das in der Bauweise der Apps steckt, zu einem persönlichen gemacht?
Absolut. Ich bin eine Verfechterin davon, dass wir aufhören, die Verantwortung den Einzelnen zuzuschreiben. Das ist nicht fair, wenn man gleichzeitig Systeme baut, die gezielt menschliche Schwächen ausnutzen. Ich finde, da sollten die Plattformbetreiber in die Pflicht genommen werden. Bei anderen Dingen, die suchtähnliches Verhalten auslösen, gibt es ja auch Regulierungen. Niemand würde 13-Jährigen eine Packung Zigaretten geben und sagen: Du wirst schon selbst wissen, wann du wieder aufhören kannst.
Gab es in Ihrer Studie auch Teilnehmende, die von der Nutzung der Apps profitiert haben?
In unserer Interviewstudie gab es durchaus positive Stimmen. Jemand hat die Inhalte zum Beispiel genutzt, um sein Gitarrenspiel zu verbessern, also eine ganz konkrete Fähigkeit im realen Leben. Deshalb ist das eine paradoxe Sache: einerseits sehr hilfreich, andererseits sehr zeitbindend. In einer Folgestudie, die noch in Begutachtung ist, haben wir uns die Dysregulierung von Emotionen angeschaut. Wir haben beobachtet, dass manche mit richtig guter Stimmung hineingehen, lange scrollen, und plötzlich ist die Stimmung ganz schlecht, fast depressiv.
Gleichzeitig kommen viele Menschen erst über diese Plattformen mit ADHS in Berührung. Ist das Aufklärung, oder werden Diagnosen dort zu stark verkürzt?
Das ist eine ambivalente Sache. Die Aufklärung und die Entstigmatisierung von ADHS sind positive Effekte. Die Leute haben uns auch von Community-Building erzählt: Gerade wer stigmatisiert wurde, findet dort Gleichgesinnte, Menschen, die einen verstehen. Die Selbstdiagnose finde ich hingegen sehr schwierig, denn ADHS richtig zu diagnostizieren ist komplex. In so einem verknappten Video erkennt man vieles wieder und münzt es auf sich um.
„Wir haben beobachtet, dass manche mit richtig guter Stimmung hineingehen, lange scrollen, und plötzlich ist die Stimmung ganz schlecht, fast depressiv.”
Das ist generell eine Gefahr bei medizinischen Themen auf diesen Plattformen. Und wenn der Algorithmus merkt, dass ich mich für ADHS-Inhalte interessiere, sehe ich immer mehr davon. Es entsteht eine Feedbackschleife. Wenn ich das oft genug sehe, beeinflusst das auch meine Wahrnehmung von mir selbst. Das muss man kritisch sehen.
Ab 1. Jänner 2027 soll in Österreich Social Media für unter 14-Jährige verboten sein. In Deutschland wird ähnliches diskutiert. Wie sinnvoll ist so ein Verbot?
Alles zu verbieten, ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Man sollte den Menschen bei der Selbstregulierung helfen. Diese Plattformen sind nicht nur ein Konsumtool, sondern auch ein Kommunikationstool. Nimmt man sie Jugendlichen weg, verlieren sie vielleicht ihre ganzen sozialen Kontakte, weil sie über Messenger kommunizieren und gar nicht mehr telefonieren. Das ist nicht binär, einschalten oder ausschalten.
Ist es realistisch, die Plattformen dazu zu bringen, ihre Algorithmen umzuprogrammieren?
Technisch ist das auf jeden Fall möglich. Es ist ein gesellschaftliches und wohl auch ein politisches Problem. Die Plattformen erleben jetzt mit den ersten Urteilen auch erste Backlashes, und auf EU-Ebene gibt es Bestrebungen, regulatorisch gegenzusteuern, gerade beim Schutz von Kindern und Jugendlichen. Aber es ist sehr schwierig, weil das ein so großer Teil der Lebensrealität vieler Menschen ist.
Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit ein bewusster Umgang mit Bildschirmen selbstverständlich wird?
Das ist schwierig, weil ohne Smartphone kaum noch etwas geht. Die ständige Verfügbarkeit, das ständige Abrufen von Nachrichten und Notifications gilt als Marker für Produktivität oder dafür, sozial gut eingebunden zu sein. Wer nicht dabei ist, ist out. Aber das ist ein falsches Zeichen von Produktivität und von Verbundenheit zwischen Menschen. Man geht in ein Restaurant, und ganze Tische sind voll von Leuten am Handy. Das gehört gesellschaftlich überdacht.
„Niemand würde 13-Jährigen eine Packung Zigaretten geben und sagen: Du wirst schon selbst wissen, wann du wieder aufhören kannst.”
Die Plattformen müssen viel stärker in die Pflicht genommen werden, menschenzentriert zu arbeiten und Autonomie zu unterstützen. Sie halten sich da nobel zurück und verdienen an jedem Klick. Und man muss früher anfangen, in den Schulen. Es gibt die digitale Grundbildung, das finde ich sehr gut. Aber es wird kaum vermittelt, wie algorithmische Systeme unser Verhalten beeinflussen. Ganz viele Menschen wissen nicht, wie sie manipuliert werden. Je bewusster man sich ist, dass Technologien auch negative Folgen haben können, für einen selbst, das soziale Umfeld und die Gesellschaft als Ganzes, desto eher wird sich das ändern. Das Wissen darum ist eine Leerstelle, die gefüllt werden muss, auch bei Lehrkräften und Eltern.
Wenn Sie entscheiden könnten: Welche Funktion der Apps müsste als Erstes abgeschafft werden?
Das endlose Scrollen ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Es müsste Unterbrechungen geben, auch von Seiten der Plattform, damit einem das zumindest bewusst wird. Denn wir haben in den Interviews gefragt, was die Leute dazu bringt, auszuschalten. Bei vielen waren es komplett externe Reize aus der realen Welt, zum Beispiel: jemand kommt nach Hause, ein Vogel fliegt vorbei, also wirklich externe Reize aus der realen Welt. Das heißt, es muss da schon irgendwie einen Trigger geben. Manche haben natürlich auch gesagt, sie würden sich dann sehr bevormundet fühlen. Aber per se ist das Infinite Scroll aus meiner Sicht einfach etwas, was nicht unbedingt gut ist.
Elisabeth Lex ist Informatikerin und Professorin für Human-Computer Interfaces and Inclusive Technologies an der Technischen Universität Graz. Sie erforscht, wie Algorithmen und künstliche Intelligenz gestaltet sein müssen, damit sie allen Menschen gerecht werden, auch Menschen mit Behinderungen und neurodivergenten Menschen.
Die gesamte Studie „Quantifying the Engagement Trap“ unter der Leitung von Vedad Misirlic, Gregor Mayr und Elisabeth Lex kannst du hier abrufen. Die Arbeit wurde für die internationale Konferenz für barrierefreie Technologien ASSETS 2026 angenommen und für den Best Paper Award nominiert.