Triggerwarnung

In diesem Text geht es um Selbstverletzung und suizidales Verhalten. Geht es dir heute gut genug, um diesen Text zu lesen?

Ein Kind oder kein Kind?

Immer mehr junge Menschen entscheiden sich gegen Kinder. Für psychisch erkrankte Personen spielen umso mehr Gründe in die Entscheidung hinein.

Text: Jolanda Allram Foto: Zoe Opratko

Datum: 16. September 2025
Person mit VR-Brille in Pflanzenumgebung

Viktoria ist in ihrem Badezimmer und stellt den Timer. Fünf Minuten. Dann weiß sie mit Sicherheit, was sie schon seit Längerem ahnt. Fünf Minuten, bis ihr der Schwangerschaftstest anzeigt, dass in ihr ein Kind wächst. Auch wenn sie mit jeder Faser spürt, wie das Ergebnis ausfallen wird, sie will die Bestätigung in ihren Händen halten. Der Timer läutet, noch einmal tief durchatmen. Dann ein Blick, zwei Striche: Der Test ist positiv. Viktoria jubelt.

Die 32-Jährige strahlt, als sie von diesem Moment erzählt: „Es war kein Zweifel dabei, nur pure Freude.“ Heute ist ihr Kind ein Jahr alt. Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung hatte das Thema Familienplanung bis zu dem Tag mit dem positiven Schwangerschaftstest aber kaum Platz in ihrem Leben.

Dabei ist Viktoria immer davon ausgegangen, irgendwann Kinder zu haben. „Weil ich Kinder mag und sie als eine Bereicherung ansehe.“

Immer mehr Menschen planen, keine Kinder zu bekommen. Das zeigt auch das Generations & Gender Programm (GGP) der Vereinten Nationen, das familiendemographische Themen wie den Kinderwunsch erfasst. Die letzte Studie des GGP für Österreich stammt aus dem Jahr 2023. Sie zeigt: Vor allem junge Männer wünschen sich immer häufiger ein Leben ohne Kinder. In der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen sind es rund 16 Prozent – fast jeder Sechste. Bei den Frauen im selben Alter liegt der Anteil bei etwas über neun Prozent. Diese Zahlen haben im letzten Jahrzehnt einen sprunghaften Anstieg erlebt. Gründe dafür sind vielfältig: globale Krisen zum Beispiel, die Teuerung, veränderte Wertvorstellungen oder eine ungleiche Arbeitsteilung aufgrund traditioneller Geschlechterrollen.

Familiengründung kann psychisch belastend sein

Zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr setzen sich die meisten Menschen mit dem Thema Kinderwunsch auseinander. Genau das ist auch die Zeit, in der die meisten psychischen Störungen beginnen. Schätzungsweise jedes sechste Kind in Österreich hat mindestens ein Elternteil, das psychisch erkrankt ist. Eltern mit psychischer Erkrankung gibt es demnach viele. Andere entscheiden sich aufgrund ihrer Belastungen gegen Kinder. Wie erleben Menschen mit psychischer Erkrankung diesen Entscheidungsprozess und was brauchen sie, um ihren Weg selbstbestimmt gehen zu können?

Viktoria ist aktuell 32 Jahre alt und hat eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Der Grund für ihre Diagnose bleibt lange im Dunklen. Im Alter von sechs Jahren entwickelt sie die ersten Symptome. Sie weigert sich zu essen, wird immer untergewichtiger. Wenn sich Viktoria unsicher fühlt, muss sie sich oft übergeben. Aber eigentlich, sagt sie, leidet Viktoria im Stillen: „Ich habe meine Ängste und Zwangsgedanken im Innen gehalten, es war wirklich der Horror im Nachhinein.“ Zwei Mal greift ihre Mutter im letzten Moment ein – als Viktoria suizidal wirkt. Trotz Therapieversuchen kann sich Viktoria damals nicht öffnen: „Ich schwieg über alles.“

Mit 18 Jahren, Viktoria befindet sich in ihrem Schulabschlussjahr, kehrt sich ihr Schmerz nach außen: Heulattacken, Episoden, die sich im Nachhinein als Flashbacks herausstellen, selbstverletzendes Verhalten und eine Essstörung prägen ihren Alltag. Viele Jahre verbringt Viktoria immer wieder in stationärer Betreuung und intensiver Psychotherapie, aber erst seit Kurzem kennt sie den Grund für ihre PTBS: In frühester Kindheit wurde sie mehrfach sexuell missbraucht. Das Erlebte hatte Viktoria bis dahin verdrängt: „Meine Erinnerungen waren und sind immer noch bruchstückhaft“, sagt sie. Weil Viktoria damals noch sehr jung war, lassen sich die Erlebnisse nicht genau rekonstruieren. „Das ist aber meiner Meinung nach nicht notwendig, denn so bleibt mir auch einiges erspart.“

Heute weiß Viktoria, dass das Erlebte auch der Grund für ihre über lange Zeit beeinträchtigte Sexualität war. Und trotzdem wünschen sich sie und ihr Mann ein Kind – da ist sie 27 Jahre alt. Psychisch geht es ihr besser, ihre Essstörung hat sie überwunden. Weil sie penetrativen Sex als sehr belastend erlebt, spricht sie mit ihrer Frauenärztin über alternative Methoden, schwanger zu werden. Die rät ihr, die Spermien ihres Mannes mit einer Spritze aufzuziehen und dann vaginal einzuführen. „Ich kann gar nicht sagen, warum, aber wir haben das dann doch nicht gemacht“, sagt Viktoria und fügt schnell hinzu: „Und das war gut so, weil erst danach meine Traumageschichte aufgetaucht ist und ich in ein Loch gefallen bin.“ Die Aufarbeitung ist intensiv. Viktoria geht drei Stunden die Woche in Therapie. „Es war ein harter, steiniger Weg“, sagt sie.

In dieser Phase stellt sie sich auch die Frage: „Wenn ich jetzt ein Kind bekommen würde, schenke ich ihm ein Leben oder tue ich ihm das Leben an?“ Lange Zeit fühlt sie sich instabil. „Wäre ich damals schwanger geworden, würde ich die Geschichte jetzt viel negativer erzählen“, ist sich Viktoria sicher.

„Es wäre mir nicht möglich gewesen, ein Kind gesund zu erziehen.“

Familiengründung kann psychisch belastend sein. Annemarie Unger ist Psychiaterin und leitet die Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie im Wiener AKH, wo Menschen mit psychischen Erkrankungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt behandelt werden. Sie sagt, ein Kind zu bekommen sei, nicht nur für psychisch Erkrankte, eine herausfordernde Phase.

„Es ist problematisch, dass eine Schwangerschaft immer als wunderschöne, rosarote Wolke dargestellt wird“, sagt Unger.

Die Geburt und der damit verbundene Übergang in die Elternrolle kann sowohl zu einer erstmaligen psychischen Erkrankung beitragen, aber auch neue Episoden einer bereits vorhandenen Erkrankung auslösen. Etwa 15 Prozent der Mütter leiden an einer postpartalen Depression.

Die übersehenen Väter

Lange Zeit ging man davon aus, dass dies nur die Mütter betrifft. Neue Studien zeigen, dass auch Männer vor, während und nach der Geburt psychisch erkranken können. So weiß man heute, dass auch Männer von einer postpartalen Depression, der sogenannten Wochenbettdepression, in den ersten Wochen und Monaten betroffen sein können. Schätzungsweise trifft das auf fünf bis zehn Prozent der Väter zu.

Erste Daten deuten auch darauf hin, dass werdende Väter, so wie werdende Mütter, ein erhöhtes Risiko haben, an Angsterkrankungen, Zwangsstörungen und Psychosen zu erkranken. Zu psychischen Erkrankungen bei (werdenden) Vätern gibt es aber bisher nur sehr wenig Forschung. Eine Lücke, wenn man bedenkt, dass immer mehr Väter ihrer Verantwortung in der Familie, abseits der Erwerbsarbeit, gerecht werden wollen.

Auch bei Viktoria bringt der positive Schwangerschaftstest nicht nur Freude, sondern viele Herausforderungen mit sich. Nach einer körperlich anstrengenden Schwangerschaft kommt ihr Baby zu früh zur Welt. Aufgrund von Komplikationen während der Geburt muss Viktoria notoperiert werden. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus folgt ein emotionaler Einbruch: „Ich habe nur geweint, ich hatte ständig Kopfschmerzen. Es hat sich angefühlt wie meine depressiven Phasen in der Vergangenheit.” Schon bei den ersten Anzeichen einer psychischen Krise sucht sie Unterstützung bei ihrem Psychiater und ihrer Therapeutin. So kann sie eine Verschlechterung ihres Zustandes abwenden. Doch auch ihr unterstützendes Umfeld spielt eine tragende Rolle.

Ihr Mann, der ihr schon in den belastenden Phasen ihrer Erkrankung zur Seite stand und immer verständnisvoll war, beweist sich als verantwortungsbewusster Vater. Auf die Hilfe ihrer engsten Familie bei der Kinderbetreuung kann sie sich verlassen. Wenn Viktoria und ihr Mann Zeit für sich brauchen, kümmern sich ihre Eltern und Schwiegereltern gerne um das Kind. Auch ihre Freundinnen geben ihr Kraft.

Die Hilfe, die Viktoria erhält, hat nicht jede:r zur Verfügung. Mangelnde Unterstützung sei ein Grund, warum Personen nach einer Geburt psychisch erkranken, sagt Annemarie Unger. Weil gerade Menschen mit psychischer Erkrankung leicht überfordert von den vielen Reizen, dem Schlafmangel und dem vermehrten Stress, den Kinder mit sich bringen, sein können.

Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung ist das einer von vielen Gründen, keine Kinder zu bekommen. So auch bei Martin. Er ist 44 Jahre alt und Autist. Er hat sich für ein Leben ohne Kinder entschieden. Das Interview für diesen Beitrag möchte er lieber schriftlich führen. „Autismus Alarm“, schreibt er. Weil sein Autismus erst im Erwachsenenalter erkannt wurde, war seine Kindheit und Jugend schwer: Er kämpft mit Lernschwierigkeiten in der Schule, sein auffälliges Verhalten wird nicht als Autismus erkannt.

Er erfährt kaum Empathie von erwachsenen Bezugspersonen, wird gemobbt und entwickelt eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Dennoch gelingt es ihm als Erwachsener, ein gefestigtes Leben zu führen.

Dann, während der Corona-Krise, endet seine langjährige Beziehung. Zu dieser Zeit erlebt Martin seine erste depressive Episode, die sich als Teil einer bipolaren Störung herausstellt. Aktuell befindet er sich im Langzeitkrankenstand mit einem Grad der Behinderung von 70 Prozent. Schon mehrmals war er aufgrund akuter Suizidalität in stationärer Behandlung. Seine Freunde sind ihm in diesen Phasen eine Stütze. Heute versucht er, Treffen mit ihnen in seinen Alltag einzubauen.

Das ist nicht immer leicht, sagt Martin: „Wenn ich zu lange unter Leuten bin und es zu viele Reize gibt, habe ich Shutdowns und aggressive Meltdowns.” Beides sind Reaktionen auf Überbelastung: Shutdowns können zu einem plötzlichen Rückzug und einer geistigen und körperlichen Starre führen, Meltdowns sind geprägt von aggressiven Ausbrüchen bis hin zur Selbstverletzung.  Zum Ausgleich macht Martin Sport oder ist künstlerisch aktiv. Manchmal macht es ihn traurig, aber er weiß: Kinder haben in seinem Leben keinen Platz, auch wenn er sich früher immer welche darin vorgestellt hat. „Weil ich psychisch nicht mehr belastbar bin“, schreibt er.

Die große Frage der Genetik

Ein weiterer Grund für Martins Wunsch, keine Kinder zu bekommen, ist eine mögliche Vererbung seiner Erkrankungen. Diese Sorge kennt die Psychiaterin Unger von ihren Patient:innen. Tatsächlich spielt bei vielen psychischen Erkrankungen auch die genetische Komponente eine Rolle – etwa bei Autismus, ADHS, Schizophrenie, bipolarer Störung oder Depression. Bin ich zum Beispiel von Schizophrenie betroffen, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind ebenfalls erkrankt, bei zehn Prozent. Das ist zwar zehn Mal höher als das Risiko in der Gesamtgesellschaft (hier besteht ein Risiko von einem Prozent), ob es zu einer Vererbung kommt, sei aber von einem komplexen Zusammenspiel aus Genetik und vielen Umweltfaktoren abhängig. „Man kann letztlich überhaupt nicht wissen, wie sich das entwickelt“, sagt Unger. Umso wichtiger ist es, ein unterstützendes Umfeld zu schaffen und frühzeitig auf Anzeichen zu achten.

Martin hat mit der Familienplanung abgeschlossen, aber seit er vor zwei Jahren geheiratet hat, fragen Menschen in seinem Umfeld zunehmend nach Kindern. „Das ist für viele wohl der nächste logische Schritt.“ Seine Frau und er sind sich aber sicher: Sie wollen ein Leben ohne Kinder.

Eine lange Geschichte der Diskriminierung

Dass Menschen mit psychischer Erkrankung frei über ihren Kinderwunsch entscheiden können, war nicht immer selbstverständlich. Sie wurden bis weit ins 20. Jahrhundert oft daran gehindert, Kinder zu bekommen. Ihren grausamen Höhepunkt fanden diese Zwangsmaßnahmen im sogenannten Euthanasieprogramm des Nationalsozialismus. Bis zu 400.000 Menschen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung wurden bis 1945 zwangssterilisiert. Heute schützt die UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf Familie, auch für Menschen mit psychischer Erkrankung. Doch die Diskriminierung scheint tief in unserem Denken verwurzelt zu sein.

Unger glaubt, dass Beratungen zum Thema Kinderwunsch bei psychisch Erkrankten nicht immer vorurteilsfrei ablaufen: „Weil ich der Meinung bin, dass mit psychisch kranken Personen oft nicht auf Augenhöhe kommuniziert wird, vor allem im medizinischen Bereich.“ So kann sie sich vorstellen, dass Personen davon abgeraten würde, ein Kind zu bekommen. „Das obliegt uns nicht”, sagt die Ärztin. Sie sieht aber auch das Spannungsfeld zwischen reproduktiver Autonomie, also der Freiheit, über die eigene Fortpflanzung zu entscheiden, und dem Kindeswohl:

„Psychiatrisch erkrankte Menschen mit schweren Verläufen können sich teilweise selbst nicht gut versorgen. Dann ist es schwierig, das für eine weitere Person zu tun.“

Betroffene bräuchten deshalb umfangreiche Beratung und Information, um diese Entscheidung selbstbestimmt treffen zu können, sagt die Psychiaterin Unger. Sie zu einer Entscheidung zu drängen, sei fehl am Platz.

Sarah hat ihre Entscheidung selbstbestimmt getroffen. Sie weiß: Sie will keine Kinder haben. Die 28-Jährige hat seit drei Jahren die Diagnosen einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung und einer Depression. Sie sagt: „Meine Kinder sollen nicht so leiden müssen, wie ich in manchen Phasen meines Lebens leide.“ Ihre Erkrankungen zu beschreiben, fällt ihr nicht leicht. Einerseits gebe es Phasen, in denen sie sich leer fühle, kaum Emotionen verspüre. „Und dann gibt es Momente – und das sind die Schlimmen – in denen eine Kleinigkeit mich komplett reinreiten kann. Dann zieht sich in meinem Körper alles zusammen“, sagt Sarah. Gefühle wie Enttäuschung und Wut sind für sie dann überwältigend. „Ich spüre wahnsinnig viel Spannung und fange an, mich selbst zu hassen und zu verletzen.“ In diesen Zuständen habe sie schon ganze Holzbetten auseinandergerissen und unzählige Handys zerstört. „Da sind dann so viele Emotionen und so viel Energie, die irgendwo hinmüssen.“

Heute hat sie ihre Reaktionen besser im Griff und kann ihren Alltag gut bewältigen, sagt sie. „Trotzdem gibt es Phasen, in denen ich nicht für meine eigene Sicherheit und die von potenziellen Kindern garantieren könnte.“ Sie glaubt, dass vor allem die emotionale Nähe zu eigenen Kindern es schwer machen würde, Grenzen zu wahren:

„Selbst, wenn ich gerade lerne, gut mit meiner Erkrankung umzugehen, glaube ich, dass Kinder im Zweifelsfall genau die Knöpfe drücken, die mich im schlimmsten Fall zum Ausrasten bringen.“

Sarah macht eine längere Pause, bevor sie weiterspricht, mit glasigen Augen blickt sie ins Leere. „Ich habe Angst, dass ich am Schluss meinen Kindern gegenüber gewalttätig werden könnte.“ Sie erinnert sich noch gut an die Angst als Kind vor ihrem eigenen gewalttätigen Vater: „Diese Spirale möchte ich nicht weiterführen.“ Wenn Sarah Familien mit Kindern sieht, ist sie aber nicht wehmütig: „Ich glaube, es ist eine gute Entscheidung, dass ich keine Kinder möchte. Ich bin eher wehmütig, wenn ich Leute mit Hund sehe“, sagt Sarah und lacht.

Unterstützung macht den Unterschied

Familien, die nicht in der Lage sind, sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern, bräuchten einen Ort, wo sie Unterstützung bekommen, sagt Unger. Zwar kontrolliere das Jugendamt die Familien mithilfe standardisierter Checklisten, um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten, erklärt sie. Doch für eine umfassendere Begleitung im Alltag reichten die Ressourcen häufig nicht aus. Eltern in dieser Situation bräuchten ein großzügiges Unterstützungssystem aus finanziellen Hilfen, aber auch aktive Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. „Jemand, der kommt und herzlich unterstützt, nicht als Kontrollinstanz.“ Eine Lösung in diese Richtung bietet das Projekt Grow Together an. Es begleitet auch schon in der Schwangerschaft Eltern, die Traumata wie Gewalt, Sucht oder Vernachlässigung erfahren haben und unter Beobachtung des Jugendamtes stehen. Davon brauche es mehr, ist sich Unger sicher.

Kinder brauchen über die körperlichen Bedürfnisse hinaus Bezugspersonen, die bereit sind, in Beziehung zu treten. Die Psychiaterin sagt: „Ich glaube durchaus, dass die meisten psychisch kranken Menschen gute Eltern sein können. Denn Menschen mit viel Psychotherapieerfahrung sind sehr reflektiert und können sich selbst hinterfragen.“ Dabei dürfen sie aber nicht alleine gelassen werden. Unger findet:

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Das gilt für alle Menschen, aber vor allem auch für psychisch Kranke.“

Dabei können kooperatives Elternverhalten und eine stabile Partnerschaft das Risiko senken, in eine psychische Krise zu schlittern. Eine Studie mit über 600 Vätern zeigt: Väter, die Elternschaft als gemeinschaftliche Aufgabe mit dem anderen Elternteil teilen, zeigen weniger depressive Symptome, haben eine bessere Bindung zu ihren Kindern und fühlen sich sicherer in ihrer Elternrolle. Eine gerechte Aufgabenteilung, respektvolle Kommunikation und gegenseitige Unterstützung stärken die Partnerschaft und reduzieren Stress – ein zentraler Risikofaktor für psychische Erkrankungen.

Gestresst wirkt die junge Mutter Viktoria nicht. Sie führt heute ein gesundes, zufriedenes Leben. Nach vierzehn Jahren konnte sie ihre Therapie beenden. Ihr Kind verleiht ihrem Leben einen noch größeren Sinn, sagt sie. „Es war nicht geplant, aber es war von der ersten Sekunde an ein absolutes Wunschkind.“ Dass Viktoria heute in ihrer Mutterschaft glücklich ist, habe sie ihrer jahrelangen Therapie zu verdanken. „Meine Therapeutin hat mir den Arsch gerettet“, sagt sie lachend.

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