„Fall bloß nicht auf“, flüstert die Scham.

Wer sich oft schämt, stößt im Alltag häufig auf Grenzen. Doch das unangenehme Gefühl kann uns auch helfen.

Text: Sabine Spitzer-Prochazka

Datum: 9. März 2026
Schwarz-weiß Collage mehrerer Augen in verschiedenen Öffnungszuständen – Symbol für Schamgefühl, Gesehenwerden und den Wunsch, unsichtbar zu bleiben;<br />
ZIMT Magazin

„Ich schäme mich, sobald ich auch nur einen Fuß aus der Tür setze“, sagt Mona, die eigentlich anders heißt, und senkt den Blick, als sie fortfährt: „Gestern zum Beispiel war es besonders schlimm. Wir waren im Möbelhaus, mein Mann und ich, weil wir ein neues Bett brauchten. Ich konnte dem Verkäufer nicht in die Augen sehen. Ich war mir sicher, dass er die ganze Zeit denke: ‚Diese dicke Frau will ich keinem unserer Betten zumuten – die halten das nicht aus.'“ Ein Bett kauften Mona und ihr Mann an diesem Tag nicht.

Mona ist Anfang 60, pensionierte Lehrerin und lebt mit ihrem Mann in einer deutschen Großstadt. Scham ist für sie kein abstraktes Thema. Im Gespräch mit ZIMT beschreibt sie die Scham als überwältigenden, körperlichen Zustand: als Enge und Hitze, als Erstarren, als den Impuls, möglichst unsichtbar zu werden – begleitet von roten Flecken am Hals und dem Gefühl, nicht richtig zu sein.

Scham gehört zu den grundlegenden Gefühlen – sie ist kulturübergreifend und zutiefst menschlich. Aber warum eigentlich? Wofür brauchen wir das Schamgefühl – und wann beginnt es, mehr zu schaden als zu nützen?

Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Brené Brown, die seit über zwanzig Jahren Emotionen erforscht, beschreibt Scham als ein Gefühl, das das gesamte Selbstbild beeinflusst. Wer sich schämt, so Brown, erlebe sich nicht als „falsch handelnd“, sondern beziehe das Falschsein auf seine ganze Person.

Ein Gefühl aus frühen Zeiten

Wie und wann sich dieses Gefühl formt, ist eine zentrale Frage der Entwicklungspsychologie. Laut dem britischen Psychoanalytiker Donald Winnicott entstehen Schamgefühle oft sehr früh – nämlich dort, wo Kinder emotional abhängig sind und erste Rückmeldungen über sich selbst erhalten: zuallererst in der Familie. Sie fungiert als Spiegel für das kindliche Selbstbild. Da Kinder in dieser Phase existenziell auf die Zuwendung ihrer Eltern angewiesen sind, verinnerlichen sie deren Botschaften besonders stark.

Vor allem die ersten Lebensjahre, eine Zeit, in der ein Kind beginnt, ein Gefühl für das eigene Selbst zu entwickeln, sind Winnicott zufolge prägend. Hier spürt ein Kind deutlich, wie es gesehen wird. Kann es sich im wohlwollenden Blick der Eltern spiegeln, entsteht ein anderes Selbstbild, als wenn es abwertenden Worten und kalten Augen begegnet. Dort liegt der Nährboden für das spätere Schamempfinden.

Baby betrachtet sich im Spiegel – frühkindliche Selbstwahrnehmung und Entstehung von Schamgefühlen; ZIMT Magazin

Schon früh lernen wir, wie wir gesehen werden. Die Familie ist der erste Spiegel des kindlichen Selbstbilds.

Einen weiteren großen Einfluss hat aus entwicklungspsychologischer Sicht die Schule: Dort verbringen Kinder einen Großteil ihrer Zeit – und sie ist jener Ort, an dem Leistung, Bewertung und Vergleich eine zentrale Rolle spielen. Heranwachsende sind dafür besonders empfänglich, weil sich ein stabiles Selbstbild erst allmählich herausbildet.

Auch Mona kennt das aus eigener Erfahrung:

„In meiner Familie wurde ich Dickie gerufen, die fanden das lustig und niedlich.“

Und das, obwohl Mona auf Fotos aus dieser Zeit keineswegs ein höheres Körpergewicht hatte. Heute ahnt sie, dass viele Wurzeln ihrer heutigen Scham von damals stammen – nicht als Folge eines einzelnen Erlebnisses, sondern als Teil eines Musters, das sich früh gebildet hat.

Außer für ihren Spitznamen hat Mona sich Zeit ihres Lebens auch für ihre Herkunft geschämt. Nicht so sehr dafür, auf dem Land aufgewachsen zu sein – die Tiere am Hof, die Schönheit der Natur waren von jeher ihre Lichtblicke – sondern für die Armut, die die siebenköpfige Familie geprägt hat, für die Trunksucht des Vaters und die Gewalt in der Familie, worüber nach außen geschwiegen werden sollte. Still sein, nicht auffallen, funktionieren – so hieß es für die Kinder, ebenso wie für die Frau des Hauses: eine Botschaft, die sich tief eingeprägt hat und mit der Scham immer wiederkehrt.

Ländlicher Bauernhof mit Feldern – Kindheit auf dem Land und Scham wegen sozialer Herkunft; ZIMT Magazin

Scham wegen Herkunft oder Armut sitzt tief – und prägt das Selbstbild oft bis ins Erwachsenenleben.

Wie aber kommt es überhaupt, dass sich ein Gefühl, das zu uns gehört und uns eigentlich nicht schaden sollte, dermaßen gegen uns wendet?

Das passiert, erklärt die Psychologin und Körpertherapeutin Brigitte Schlegel, wenn die Scham über die Stränge schlägt – wenn sie genau das zu flüstern beginnt, was Mona so gut kennt: „Fall bloß nicht auf, mach dich klein, mach dich unsichtbar…“

Scham hilft dem Zusammenhalt

Schlegel leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Hille Beseler-Roth seit einigen Jahren Selbsterfahrungsseminare mit dem Schwerpunkt Scham, in denen Teilnehmende eigene Gefühle und Muster erforschen. In ihrer Arbeit betonen sie deren positive Seiten: Als soziales Gefühl erfüllt Scham eine wichtige Funktion, indem sie hilft, Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren – und somit den zwischenmenschlichen Zusammenhalt ermöglicht.

Personen, die kaum oder kein Schamgefühl zeigen, werden nach Schlegels Erfahrung häufig als distanzlos oder wenig rücksichtsvoll wahrgenommen. Umgekehrt löst sichtbare Scham bei anderen oft Mitgefühl und Trostbereitschaft aus. Scham wirkt in diesem Sinne verbindend: Sie reguliert soziale Nähe und Distanz und gibt Orientierung im Miteinander.

Frauen in öffentlichem Bus – soziale Situationen als Auslöser von Schamgefühlen im Alltag; ZIMT Magazin

Öffentliche Situationen können das Gefühl auslösen, beobachtet und bewertet zu werden.

„So gesehen ist Scham ein wichtiger Schutzfaktor“, erklärt Schlegel. „Sie verhindert zum Beispiel, dass ich nackt über die Mariahilfer Straße laufe.“

Diese Art der Scham ist also keineswegs überflüssig. Schlegel kennt aber aus ihrer Praxis auch die andere, die destruktive Seite der Scham – jene, die uns klein hält, neue, spannende Erfahrungen verhindert, Lust zu empfinden, auch einmal aus der Reihe zu tanzen.

Auch Mona kennt diese Seite: „Ich besuche gerne Schreibworkshops, bei denen die Teilnehmer:innen ihre Texte vor der ganzen Gruppe vorlesen. Wenn ich dann überschwänglich gelobt werde, halte ich das gar nicht gut aus. Ich schäme mich richtiggehend dafür, weil ich viel lieber zur Gruppe gehören möchte.“ Mona fällt es sogar schwer, sich über gewonnene Literaturpreise zu freuen. Das ist weniger verwunderlich, als es auf den ersten Blick scheint – denn Erfolg macht sichtbar. Er widerspricht dem Dogma der Scham: bloß nicht auffallen.

Je geringer das Selbstbewusstsein, desto größer die Scham

Was das bedeutet, zeigt die Schauspielerin und Körpertherapeutin Hille Beseler-Roth in einer Performance, die den Auftakt zu ihren Scham-Seminaren bildet. Mit vollem Körpereinsatz tritt sie ins Licht, zeigt sich schwitzend, zum Teil entblößt oder mit verrutschtem Kleid – und benennt sogleich das Gesehenwerden selbst als schamauslösend. Denn überall dort, wo wir sichtbar werden – mit unserem Können, unserem Körper oder unserer Lust –, kann auch Scham entstehen.

Balletttänzerin bindet Spitzenschuh mit Schatten – Sichtbarkeit, Leistung und Schamgefühl; ZIMT Magazin

Manche Muster sind wie Schatten. Sie können nur schwer abgelegt werden.

Auf der Bühne nimmt Beseler-Roth das Publikum dann mit in die Zeit ihrer Pubertät, erzählt von unangenehmen Momenten und davon, wie leicht etwa das Sexualleben zur Quelle von Schamgefühlen werden kann. Aus eigener Erfahrung – und aus Erzählungen von anderen – zeigt sie, wie vielfältig die Anlässe dafür sind: für noch keine, wenige oder vermeintlich zu viele sexuelle Erfahrungen; für Wünsche, die als unpassend oder unzumutbar gelten; für zu viel oder zu wenig Lust. Und nicht zuletzt für den eigenen Körper.

Form und Größe von Busen oder Penis, Körperspannung, Haut, Beweglichkeit – es gibt unzählige Aspekte, die verglichen und bewertet werden können. Je geringer das Selbstbewusstsein und je größer die Scham, desto strenger fällt dieses innere Urteil aus.

Stigma nährt die Scham

Besonders empfindlich ist unser Selbstbild im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen. Zahlreiche Studien, wie auch der World Mental Health Report der WHO aus dem Jahr 2022, zeigen, dass Diagnosen wie Depressionen oder Angststörungen immer noch mit Stigma verbunden sind und dass psychisch krank zu sein immer noch als Schwäche gilt. Aufforderungen, sich zusammenzureißen, sich nicht so anzustellen, vermitteln schnell das Gefühl, falsch zu sein – und nähren die Scham.

Viele Betroffene ziehen sich zurück, was direkt in einem Teufelskreis mündet: Isolation macht einsam, Einsamkeit verstärkt die Symptome psychischer Erkrankungen. Der Weg in die Psychotherapie wäre entlastend, setzt aber voraus, die Scham zu überwinden, sich hilfsbedürftig zu zeigen. Auch Brigitte Schlegel berichtet aus ihrer therapeutischen Praxis, dass Scham den Zugang zur Behandlung erschweren kann. Manche würden sich selbst dafür schämen, mit ihrem Problem überhaupt in die Therapie zu kommen.

Beschämung in der Psychotherapie

Anders war das bei Mona, die den Schritt in die Psychotherapie vergleichsweise leicht fand. Dennoch hat sie auch dort bereits Beschämung erfahren. In jenen Momenten, in denen ihre Körperscham Thema hätte sein können, lenkten Therapeut:innen das Gespräch oft auf vermeintliche Lösungen: mehr Sport treiben, disziplinierter essen – statt der Frage nachzugehen, was ihre Scham gerade braucht. Dass ihr die Umsetzung dieser gut gemeinten Ratschläge nicht gelang, verstärkte die Scham stets, statt sie zu entlasten.

Person in Psychotherapie mit verschränkten Händen – Scham als Hindernis auf dem Weg in die Behandlung; ZIMT Magazin

Scham kann den Zugang zur Psychotherapie erschweren – dabei wäre sie oft der erste Schritt zur Entlastung.

Was aber löst sie auf, diese überfleißige Scham, die mehr verhindert als ermöglicht, die mehr schwächt als schützt? Und wie lässt sich ein Gefühl, das so tief sitzt, überhaupt bewältigen?

Wer Scham erkennt, nimmt ihr die Macht

Der erste Schritt ist oft unspektakulär – und entscheidend: zu erkennen, dass es sich um Scham handelt. Denn so erklärt Brigitte Schlegel: Meist reagiert der Körper zuerst – Hitze steigt auf, der Atem wird flach, die Schulterpartie verkrampft. Oft wird das Gefühl zunächst als Angst, Stress oder innere Unruhe erlebt – erst später folgt die gedankliche Einordnung. Wird die Scham aber als solche erkannt, verliert sie bereits einen Teil ihrer Macht.

Nach der Erkenntnis folgt die Differenzierung: Geht es um eine Form von Scham, die vor Verletzungen schützt – oder verhindert sie das Wohlbefinden der sich schämenden Person? Konstruktive Scham, wie Schlegel am Beispiel der Mariahilfer Straße gezeigt hat, hilft dabei, soziale Grenzen wahrzunehmen und zu wahren, und ermöglicht Zugehörigkeit. Bewegen wir uns in diesem Bereich, ist es sinnvoll, die Botschaft der Scham ernst zu nehmen. Wird jedoch deutlich, dass die Scham beginnt, das Leben einzuschränken – wenn wir uns zurückziehen, auf Spontaneität, Lust oder Sichtbarkeit verzichten –, dann rät die Expertin, genauer hinzuschauen.

Traumatherapie kann helfen

Oft stehen hinter übermäßiger Scham alte Glaubenssätze und Anpassungsmuster. In der Kindheit können sie überlebensnotwendig sein – etwa in einem Umfeld, in dem es sicherer war, still zu sein und nicht aufzufallen, weil Bindung und Loyalität existenziell waren. Im Erwachsenenleben jedoch verhindern diese Muster häufig Entwicklung und Entfaltung. Manche therapeutischen Ansätze beschäftigen sich gezielt mit frühen Verletzungen – zum Beispiel das neuroaffektive Beziehungsmodell (NARM). Es beschreibt, wie aus kindlichen Überlebensstrategien automatische Überzeugungen über sich selbst werden können. Ein zentraler Schritt ist demnach, diese Muster zu erkennen und zu überprüfen: Welche Regeln haben einst geschützt – und welche passen nicht mehr zu unserem erwachsenen Leben? Das Motto „nur nicht auffallen“ kann durch einen Satz ersetzt werden, der dem heutigen Selbst entspricht.

Person schreibt am Laptop mit Notizbuch – Scham überwinden durch Schreiben und Selbstreflexion; ZIMT Magazin

Gefühle aufzuschreiben ist eine Möglichkeit, der Scham eine Stimme zu geben – und ihr damit die Macht zu nehmen.

Mona übt gerade, sich bei neuen Bekanntschaften als Autorin vorzustellen. Damit stärkt sie ihre Rolle als Schreibende und setzt den frühen Kränkungen bewusst etwas entgegen.

Wer sich zugehörig fühlt, schämt sich weniger

Ob in der Forschung von Brené Brown, in der therapeutischen Praxis von Brigitte Schlegel oder in Monas eigener Erfahrung – alle kommen zum selben Ergebnis: Reden hilft! Scham lebt vom Rückzug und vom Schweigen. Sie verliert an Macht, wenn sie geteilt wird, wenn jemand anderes bleibt, zuhört und nicht abwertet.

Brigitte Schlegel berichtet aus ihren Seminaren, wie berührend das Erlebnis ist, wenn sich Scham in der Gemeinschaft auflöst. Das Erkennen, nicht allein zu sein, wirkt entlastend. Wer nicht isoliert ist, ist weniger einsam – und wer sich zugehörig fühlt, schämt sich weniger.

Was im Kontakt mit anderen hilft, gilt ebenso für den Umgang mit sich selbst. Auch Mona beschreibt, wie sehr sich ihre Scham verstärkt, sobald sie sich innerlich dafür beschimpft oder abwertet. Im Lauf der Therapie versucht sie deshalb, sich selbst anders zu begegnen – so, wie sie es mit einer guten Freundin tun würde: tröstend, verständnisvoll, wertschätzend. Sie merkt deutlich, wie entlastend das wirkt. Das beobachtet auch Brigitte Schlegel in ihrer Körpertherapie-Praxis. Wer lernt, der eigenen Scham mit mehr Freundlichkeit zu begegnen, kann verhindern, dass sie sich weiter verfestigt. 

Der Scham eine Stimme geben

In Therapie- und Selbsterfahrungssettings werden oft kreative Zugänge genutzt, um mit der Scham in Kontakt zu kommen. Gefühle wollen ausgedrückt werden – auch die unangenehmen. Die Scham als Figur zu zeichnen, ihr eine Stimme zu geben, sie aufzuschreiben, zu tanzen oder zu formen, macht sie sichtbar. Und was sichtbar wird, kann in Beziehung treten. Die Scham zu fragen, wovor sie schützen will, und ihr Grenzen zu setzen, wenn sie zu viel Raum einnimmt, kann eine wirksame Intervention sein. Es braucht jedoch Geduld, sie wirklich kennenzulernen und in einen inneren Umgang zu integrieren, der Halt gibt statt zu verletzen.

Mona weiß, dass der Weg noch nicht zu Ende ist – und dass sich dennoch bereits etwas verändert hat. In ihrem Schlafzimmer steht inzwischen ein neues Bett. Auf dem Regal eine Skulptur, die sie für einen Literaturpreis bekommen hat. Sie übt, sie mit aufrechter Haltung und freundlichem Blick zu betrachten. Und vielleicht wird eines Tages der Moment kommen, in dem sie einen Fuß vor die Tür setzt – ohne sich für all das zu schämen, was sie ausmacht.

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