Die Geheimnisse unserer Großeltern

Psychotherapeut Wolfgang Krüger erzählt im Gespräch mit ZIMT, warum es für unsere Psyche wichtig ist, der Vergangenheit unserer Ahnen auf den Grund zu gehen.

Text: Jana Reininger
Bilder: ZIMT Magazin/Canva AI

Datum: 13. Dezember 2023
Bernhard Rappert, VertretungsNetz-Patient:innenanwaltschaft

ZIMT: Sie sagen, damit ein glückliches Leben möglich ist, müssen wir die Geheimnisse unserer Vorfahren aufdecken. Das klingt mysteriös. Was meinen Sie damit?

Wolfgang Krüger: Oft geht es dabei um sogenannte Familienaufträge. Für Großeltern, die Kriege oder die Nachkriegszeit erlebt haben, sind beispielsweise viele Wünsche an ihr eigenes Leben nicht in Erfüllung gegangen. Sie haben vielleicht jemanden heiraten müssen, den sie nicht geliebt haben, einen Beruf ergreifen müssen, den sie gar nicht wollten, wurden oft vertrieben oder mussten flüchten. Die Dinge, nach denen man sich selbst hoffnungslos gesehnt hat, werden dann auf die Nachkommen übertragen. Ich selbst hatte beispielsweise einen Urgroßvater, der einst ein sehr berühmter Weinhändler war, in der Weltwirtschaftskrise aber pleite ging. Seine Familie verarmte und sein großer Wunsch war es, dass einer seiner Nachfahren den Namen der Familie wieder groß machen würde. Ich habe erst spät bemerkt, dass ich genau das zu tun versucht habe, als ich Vorträge vor tausenden Leuten gehalten habe und beim Verlassen des Podiums das Gefühl hatte, meine Pflicht getan zu haben.

ZIMT: Diese Wünsche an Kinder und Enkelkinder werden aber oft gar nicht ausgesprochen. Wie vererben sie sich denn weiter?

Krüger: Zunächst einmal werden traumatische Belastungen übertragen und zwar vor allem in Form von Defiziten. Wer traumatische Dinge erfährt, kommt in einen Überlebensmodus und muss alle Affekte, wie Angst, Freude, Hoffnung, Leidenschaften und Wut ausschalten. Sonst würden Menschen, die erlebt haben, wie Angehörige gestorben sind, Häuser kaputt wurden und Tote gesehen haben, an ihren Erfahrungen kaputtgehen. Sie fangen an, das Leben nicht mehr zu fühlen und es mehr als etwas Technisches zu sehen. Übrig bleibt dann nur noch die Hülle unseres Lebens, das Lebendige ist weg. Das hilft zwar beim Überleben, aber wenn man dann Kinder bekommt, hat man zu diesen oft eine sehr eingeschränkte Beziehung.

„Bis zur dritten oder vierten Generation kann bei vererbten Traumata der innere Halt und die Orientierung im Leben fehlen.“

Man kann sie nicht leidenschaftlich lieben, sondern versorgt sie bloß. Die Kinder bekommen zwar alle nötigen materiellen Dinge, aber ihnen fehlt wirkliches Interesse. Diese Defizite werden weitergegeben. Bis zur dritten oder vierten Generation kann dann der innere Halt und die Orientierung im Leben fehlen. Wenn die Kinder dafür dann beispielsweise für Handlungen gelobt werden, die im Sinne der Familienaufträge sind, setzt sich das oft durch. An mich wurde zum Beispiel schon früh die Erwartung herangetragen, dass ich es noch zu etwas Großem bringen soll.

Gurte Psychiatrie bunt

Ein Koffer mit alten Fotos und Aufzeichnungen brachte Wolfgang Krüger dazu, die Vergangenheit seiner Familie zu erforschen.

ZIMT: Wie haben Sie schließlich Ihren Familienauftrag herausgefunden?

Krüger: Als ich 40 Jahre alt war, war ich zwar ausgesprochen erfolgreich, habe aber stets eine innere Unruhe, eine Art Getriebensein gefühlt, von dem ich überhaupt nicht wusste, wo das her kam. Als meine Tante gestorben ist, hat sie einen Koffer voller alter Bilder und Aufzeichnungen über unsere Familie hinterlassen. Das hat mich motiviert. Ich habe versucht, mehr über die Vergangenheit herauszufinden und wie diese mein Leben beeinflusst. Das war, abgesehen von der Liebe, mit Abstand das Aufregendste, was ich jemals erlebt habe.

ZIMT: Damit traten aber sicher auch unangenehme Dinge ans Tageslicht, oder?

Krüger: Das ist richtig. Ich habe damals erfahren, dass einer meiner Großväter in einem russischen Lager mit unvorstellbaren Verhältnissen festgehalten wurde. Er hatte fast nichts zu essen, war sehr eingefallen. Als mir das klar geworden ist, bekam ich Schlafstörungen. Aber nachdem ich immer mehr über meine Familie wusste, hatte ich bald den Eindruck, dass mir erstmals die gesamte Palette von Gefühlen zur Verfügung stand: Hoffnung, Ausgelassenheit, aber auch Wut und Zorn.

„Wir sind erst dann in der Lage, ein Leben nach freier Wahl zu führen, wenn wir nicht mehr durch veraltete Normen von vor 200 Jahren gesteuert werden.“

Alles, was in unserer Familie unter den Teppich gekehrt wurde, war wieder da. Das Leben wurde sehr viel lebendiger. Ich konnte mich von den Familienaufträgen teilweise befreien und hatte die Chance, meine Werte und Ziele aufzudecken und zu überprüfen. Wir sind erst dann in der Lage, ein Leben nach freier Wahl zu führen, wenn wir nicht mehr durch veraltete Normen von vor 200 Jahren gesteuert werden.

Schriftstück Einweisung Psychiatrie

Wolfgang Krüger ist Psychotherapeut und Großelternforscher in Berlin.

ZIMT: Wo kann man also anfangen, wenn man die Geheimnisse seiner Ahnen aufdecken möchte?

Krüger: In den meisten Fällen lösen wir uns in jungen Jahren erst einmal etwas von unserer Familie, damit wir eigene Lebensziele finden können: Partnerschaften, Kinder, Beruf, Karriere. Wenn wir damit fertig sind, fangen wir an, uns für die Großeltern zu interessieren. Wenn diese bis dahin verstorben sind, wird das Ganze zu einer Detektivarbeit. Ich habe das selbst erlebt und dann alle Leute befragt, die meine Großeltern kannten. Man beginnt mit dem Zwiebelprinzip, nähert sich mit harmlosen Themen und je länger man redet, kann man dann auch nach heikleren Dingen fragen. Wenn die Großeltern noch am Leben sind, kann man persönlichere, intime Fragen stellen, sich Fotos zeigen lassen und dazu erzählen lassen. Noch schöner ist es, wenn man mit ihnen zusammen an den Ort fährt, an dem sie aufgewachsen sind. Das bringt die Großeltern eigentlich immer zum Reden.

ZIMT: Was war Ihre größte Erkenntnis in der Familienforschung?

Krüger: Das Wichtigste, das Großeltern mitzugeben haben, ist nichts Materielles, sondern ihre Lebensgeschichte und die Weisheit, die sie haben. Ich habe immer wieder erlebt, dass Großeltern unendlich gerührt sind, wenn plötzlich jemand viele Fragen hat, ihnen zuhört und den Erzählungen Bedeutung gibt. Oft konnten sie über lange Zeiten hinweg mit niemandem über ihre Erinnerungen sprechen. Das Interesse kann dann zum schönsten Moment im Leben Ihrer Großeltern werden.

Infobox

Seine Erkenntnisse rund um die Familienforschung und weitere Tipps, mit denen man der Vergangenheit seiner Ahnen besser auf den Grund gehen kann, hat Wolfgang Krüger in seinem Buch „Die Geheimnisse der Großeltern – Unsere Wurzeln kennen, um fliegen zu lernen“ aufgeschrieben. Du findest das Werk hier.

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