Triggerwarnung

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Machtmissbrauch durch Männer: „Wir müssen uns einmischen”

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* ist momentan in vielen Medien ein Thema. Trotzdem schweigen Männer weitgehend. Psychotherapeut Wolfgang Krüger im Gespräch.

Text: Karina Grünauer
Collagen: Jana Reininger da Rosa / ZIMT Magazin, Foto Wolfgang Krüger: Gerald Wesolowski

Datum: 27. März 2026
Collage aus Kinosaal, Popcorn, muskulösem Mann und Smartphone-Hand – Symbolbild für das passive Zuschauen von Männern bei Machtmissbrauch und toxischen Männlichkeitsbildern

In den vergangenen Wochen und Monaten häufen sich Skandale um sexualisierte Gewalt: Jeffrey Epstein, Vergewaltigungsnetzwerke, Vorwürfe gegen Christian Ulmen. 2024 wurden in Deutschland über 13.300 Vergewaltigungen polizeilich erfasst – fast doppelt so viele wie noch vor 10 Jahren.  Trotzdem schweigen Männer weitgehend zu diesem Thema. ZIMT hat einen von ihnen befragt: Psychotherapeuten Wolfgang Krüger.

ZIMT: Wir sehen es in vielen Fällen – und gerade jetzt bei den Vorwürfen von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen wegen digitaler Gewalt: Viele Frauen solidarisieren sich öffentlich mit Betroffenen, teilen eigene Erfahrungen und fordern Konsequenzen. Gleichzeitig hören wir in solchen Debatten selten Männerstimmen, die sich klar positionieren oder von Beobachtungen berichten. Wie erklären Sie sich diese „negative Solidarität“, das reflexhafte Wegschauen?

Krüger: Wir haben tief verinnerlicht, dass das, was in Familien passiert, Privatsache sei. Man mischt sich nicht ein, man lässt niemanden von außen hinein. In meinem Elternhaus gab es zwei klare Regeln: Man achtet sehr darauf, was die Nachbar:innen sagen, aber man erzählt den Nachbar:innen nichts – und man lässt keinerlei Einmischung zu. Diese Haltung wirkt bis heute.

Genau das schützt Täter. Wenn wir Gewalt hören, ein weinendes Kind, massive Streits – und wir klingeln nicht, stellen keine Fragen, nehmen uns nicht das Recht, uns einzumischen –, dann tragen wir eine Mitverantwortung. 

 

„Wir schauen auf Epstein wie ins Kino – und übersehen, was nebenan passiert“

 

Vielleicht haben manche auch das Gefühl, die Skandale der anderen haben nichts mit ihnen zu tun. Ist das ein Fehler?

Wir schauen uns Epstein und die anderen Fälle an, als säßen wir im Kino: Da ist die Welt der Reichen, Schönen und Mächtigen – und wir tun so, als hätte das mit unserem eigenen Leben nichts zu tun.

Porträt von Psychotherapeut Wolfgang Krüger vor einer Collage männlicher Silhouetten in verschiedenen Posen – Aufmacherbild zum ZIMT-Interview über Machtmissbrauch und männliche Verunsicherung

„Alkohol ist in unserer Gesellschaft tief verankert – sei es bei Festen, im Berufsleben oder als alltägliches Genussmittel“, sagt Lisa Brunner, Sucht- und Drogenkoordination Wien.

Was wir dabei übersehen: Wir leben heute in einer Zeit, in der die Rechte von Frauen wieder allmählich, aber stetig beschnitten werden. Es findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, in dem alte Überzeugungen und Muster – wie wir sie aus der Zeit unserer Eltern und Großeltern kennen – wieder selbstverständlich Einzug halten. Und wir übersehen, dass es eine ganz alltägliche Form von Missachtung von Frauen gibt, ein schwieriges Verhältnis zwischen Männern und Frauen, das sich in unzähligen Schlafzimmern und Wohnzimmern abspielt. Die Zahl angezeigter Vergewaltigungen und der häuslichen Gewalt steigt, und in der Therapie erlebe ich immer mehr Frauen, die von massiv respektlosem, sexualisiertem Verhalten ihrer Partner berichten. Das ist die eigentliche, alltägliche Parallelhandlung zu Epstein – direkt vor unserer Haustür.

 

„Ein absoluter Machtrausch“

 

Wenn man auf Epstein, die katholische Kirche oder Ulmen blickt: Was verbindet diese Systeme psychologisch?

Das Gemeinsame ist zunächst ein absoluter Machtrausch. Ich erlebe meine eigenen Bedürfnisse als grenzenlos – ich darf alles, ich muss keine Grenzen einhalten, jeder Übergriff ist möglich. Man fühlt sich fast an die Welt des Marquis de Sade erinnert: Ich kann tun, was ich will, und es wird schon keine Konsequenzen haben.

Sexualität wird dabei zur Bühne der Macht. Sie ist dann kein dialogischer Prozess mehr, kein Sich-Einlassen auf den anderen, sondern reiner Konsum, faktisch Vergewaltigung. Ich mache den anderen zum Objekt, ich entscheide, was mit dem Körper und der Würde des anderen passiert. Historisch sehen wir immer wieder: Wenn im Krieg eine Stadt erobert wurde, wurde geplündert – und danach Frauen vergewaltigt. Das ist einer der stärksten Ausdrücke von Macht überhaupt: zu zeigen, dass der andere völlig ausgeliefert ist und keine eigene Grenze mehr setzen kann.

„Wir interessieren uns zu wenig für Opfer“

 

In der Öffentlichkeit wird dennoch erstaunlich oft über die Täter gesprochen – ihre Psyche, ihre Netzwerke, ihre Perversionen. Warum interessieren uns die Erfahrungen der Opfer so viel weniger?

Eine wirklich schlüssige, vollständige Erklärung habe ich dafür nicht. Aber wir leben grundsätzlich in einer Gesellschaft, die sich zu wenig dafür interessiert, dass Menschen zu Opfern werden. Das gilt für häusliche Gewalt genauso wie für Obdachlosigkeit oder andere Formen sozialer Not. Überall dort, wo Menschen in eine Opferrolle geraten, war die Aufmerksamkeit traditionell gering.

Frau hält sich den Mund zu, im Hintergrund Silhouetten fliehender Männer – Symbolbild für das Schweigen von Betroffenen und das Wegschauen von Männern bei sexualisierter Gewalt

„Alkohol ist in unserer Gesellschaft tief verankert – sei es bei Festen, im Berufsleben oder als alltägliches Genussmittel“, sagt Lisa Brunner, Sucht- und Drogenkoordination Wien.

Beim Thema Sexualität kommt noch hinzu, dass es eines der am stärksten tabuisierten Themen überhaupt ist. Man hat lange nicht genau hingeschaut, was eigentlich passiert. Und dann gibt es ein drittes Tabu: Wir haben in der Vergangenheit die Mächtigen eher geschützt – Staat, Kirche, „Respektspersonen“. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Menschen sehr deutlich von Missbrauch berichtet haben – und ihnen wurde mit Skepsis begegnet, egal ob sie zur Polizei gingen oder zur Kirche. Es hat schlicht niemand wirklich hingehört. Erst in den letzten Jahren beginnt langsam ein Prozess, in dem auch große Institutionen bereit scheinen, Missbrauch aktiv aufzuarbeiten. Aber das passiert spät, und es passiert vor dem Hintergrund einer langen Tradition des Wegschauens.

 

„Wir landen seelisch im Mittelalter“

 

Was erleben Sie gerade in Ihrer Praxis? Welche Dynamiken prägen die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, die zu Ihnen kommen?

In der Therapie erlebe ich zunehmend Denk- und Verhaltensmuster, bei denen ich manchmal denke: Wir landen seelisch wieder im Mittelalter. Männer, die sich nur darüber definieren, ob ihr Penis „groß genug“ ist. Frauen, denen der Partner in einer Phase großer seelischer Not nur sagt: „Na, Sex gibt’s ja hoffentlich trotzdem – du musst ja nur die Beine breit machen.“ Das sind keine Einzelfälle, sondern etwas, wovon mir viele Kolleginnen und Kollegen in ähnlicher Weise berichten.

Gleichzeitig sehen wir, dass die Toleranz für Gleichberechtigung abnimmt. Die Zahl der Männer, die für Feminismus offen sind, sinkt. Die Zahl der Männer, die wollen, dass Frauen möglichst zu Hause bleiben, steigt. Und nach allem, was wir wissen, nehmen Vergewaltigungen – auch innerhalb der Ehe – zu. Mein Eindruck ist: Ein Teil der Rechte von Frauen, der Gleichberechtigung und des respektvollen Miteinanders ist real bedroht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur über spektakuläre Fälle wie Epstein reden, sondern über diese schleichende alltägliche Missachtung, die längst in vielen Beziehungen angekommen ist.

 

„Die psychische Verunsicherung von Männern ist enorm“

 

Was sagt das über das psychische Befinden von Männern heute aus?

Wir müssen zunächst die Gesamtsituation betrachten, in der Männer heute leben. Viele Männer haben sich früher stark über die Rolle des Ernährers definiert: Sie verdienen das Geld, sie sind die, die „die Familie durchbringen“. Frauen hatten mehr soziale Kompetenz, mehr Freundschaften, besseren Kontakt zu den Kindern – sie waren im emotionalen Bereich überlegen, das wussten die Männer. Die männliche Stärke lag im Materiellen, im Beruf, im Bestimmen.

Frau arbeitet allein in der Küche, während mehrere Männer tatenlos daneben stehen – Symbolbild für traditionelle Rollenbilder und die ungleiche Verteilung von Hausarbeit

„Alkohol ist in unserer Gesellschaft tief verankert – sei es bei Festen, im Berufsleben oder als alltägliches Genussmittel“, sagt Lisa Brunner, Sucht- und Drogenkoordination Wien.

Diese Welt gerät massiv ins Wanken. Wir leben in einer ökonomischen Umstrukturierung, in der vieles, was in den letzten 50 Jahren selbstverständlich schien, infrage steht. Konkurrenz aus anderen Ländern, globale Märkte – und jetzt die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, bei der wir wissen, dass in manchen Berufen in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze wegfallen könnte. Viele Männer, die zu mir kommen, haben große Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren – und sie wissen, dass sie, wenn sie etwas Neues finden, oft weniger verdienen oder gar nichts Adäquates mehr finden.

Parallel wurden Frauen in den letzten Jahrzehnten tendenziell selbstbewusster – und Männer verunsicherter. Ab einem bestimmten Punkt kippt das: Wenn auch der Bereich Arbeit, den Männer als Kernbereich ihres Lebens empfunden haben, brüchig wird, entsteht das Gefühl, dass die eigene Machtbasis wegbricht. Dann entsteht bei manchen Männern instinktiv der Wunsch, Verhältnisse „wie früher“ wiederherzustellen: Männer bestimmen, Frauen fügen sich, Frauen kümmern sich um Hausarbeit und Kinder. Die alten Muster, die man aus dem Elternhaus kennt, kommen zurück – ausgelöst durch eine fundamentale Verunsicherung.

 

„Frauen haben ein anderes Sicherheitsnetz“

 

Frauen erleben dieselben Unsicherheiten: Jobverlust, Prekarität, KI. Trotzdem reagieren sie nur selten mit Gewalt gegen Partner oder Kinder. Warum eskaliert diese Kränkung so häufig bei Männern – und kaum bei Frauen?

Frauen hatten immer eine andere soziale Absicherung. Kindererziehung ist – bei allen Fortschritten – nach wie vor überwiegend Frauensache. Frauen haben erheblich mehr Sozialkontakte. Über zwei Drittel aller Frauen haben mindestens eine enge Freundin, bei Männern ist es nur etwa ein Drittel. Frauen sind sozial und emotional besser vernetzt, sie haben ein anderes Stützsystem, wenn die äußere Welt ins Wanken gerät.

Drei Frauen stehen Arm in Arm und blicken gemeinsam auf einen Strand – Symbolbild für weibliche Solidarität und soziale Vernetzung als Schutzfaktor gegen Machtmissbrauch

„Alkohol ist in unserer Gesellschaft tief verankert – sei es bei Festen, im Berufsleben oder als alltägliches Genussmittel“, sagt Lisa Brunner, Sucht- und Drogenkoordination Wien.

Männer haben dieses Netz oft nicht. Wenn bei ihnen die Arbeit wackelt, wenn sie dort gekränkt sind, bleibt ihnen häufig nur noch eines: die Partnerin zu Hause. Wenn man von dieser Partnerin so abhängig ist – und sie dann auch noch widerspricht, sich emanzipiert oder die Beziehung infrage stellt –, dann greifen manche Männer zur „Machtkarte“. Sie versuchen, über Kontrolle, Abwertung und notfalls Gewalt zu zeigen, „wer hier bestimmt“. Sexualität ist dabei ein besonders anfälliger Bereich, weil sie sich sehr leicht zum Feld der Machtausübung pervertieren lässt. Das ist keine rationale Reaktion, sondern Ausdruck eines inneren Panikmodus.

Das Thema lässt uns oft ratlos zurück und gibt uns manchmal auch das Gefühl, ohnmächtig zu sein. Wie kann man dennoch handlungsfähig bleiben?

Ich habe selbst erlebt, wie sich etwas verändert, wenn man bei lautem Streit in der Nachbarwohnung klingelt oder wenn man Menschen anspricht, bei denen man immer wieder Grenzverletzungen wahrnimmt. Der Kern ist: Wir müssen uns für das Schicksal der Mitmenschen verantwortlich fühlen, das Recht wahrnehmen, uns einzumischen – und verstehen, dass das kein Übergriff ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Allein dieses „Ich sehe euch“ kann schon etwas verschieben. Wir müssen lernen, dass Einmischen nicht Denunzieren ist, sondern gelebte Verantwortung.

Dr. Wolfgang Krüger ist tiefenpsychologischer Psychotherapeut in Berlin und arbeitet seit über 40 Jahren in eigener Praxis zu Beziehungsproblemen, Ängsten und Depressionen. Er ist Autor zahlreicher psychologischer Sachbücher, darunter „Macht und Leidenschaft in der Liebe“, in dem er zeigt, wie Machtprozesse Partnerschaften zerstören können – und was Paare brauchen, damit Leidenschaft und Nähe bleiben.

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