Nicht ohne dich

Die Essstörung lässt mich nicht los, schreibt Livia in ihrem Gedicht.

Text: Livia Döller
Illustration: Markus Steinböck

Datum: 18. April 2023
Collage Ewald Lochner, PSD Wien, Credits: Karina Grünauer

Wer bin ich? 

 

Ich kann sie nicht mehr hören, diese Frage. Und doch lässt sie mich nicht los.

 

Ein Universum lang wollte ich nichts anderes, als einfach zu sein, zu leben.

Frei sein von Sorgen, von Ängsten und vor allem: frei sein von ihr. Meiner Essstörung.

 

Wir treffen uns als ich noch sehr jung bin.
Unwissend, naiv, lasse ich mich fallen. In ihre Arme. Blind vertrauend hoffnungsvoll.

Ich bin mir so sicher: Wir werden für immer Freunde bleiben.

 

Doch aus blinder Liebe wird schnell sichtbarer Hass.
Nichts von dem, was ich glaubte, in ihr gefunden zu haben, ist wahr.

Die Sicherheit. Die Kontrolle. Die Geborgenheit. 

 

Aber sie hält mich fest. Und ich lasse sie nicht gehen.

Ich verliere mich immer mehr in ihr, neben ihr, zwischen ihr.
Und irgendwann bin da nicht mehr nur ich, oder nur sie.

 

Wir sind ein Wir.

Ich werde sie und sie wird ich.

Meine Trauer ist ihre. Ihre Wut ist meine. 


Ich weiß nicht mehr, wie ich mich ohne sie anfühle.
Jeder Moment, jeder Augenblick, jedes Lebensstück: alles gemeinsam, niemals einsam. 

 

Tage vergehen, Monate umschlingen sich, Jahre verschwimmen ineinander. 

Die Vorstellung, mich von ihr zu trennen, lässt mich erstarren vor Angst und dennoch:

Irgendwann will ich nichts sehnlicher, als alleine zu sein.

 

Alleine in meinem Kopf, meinen Gedanken, meinen Gefühlen.
Nur ich. Nicht sie. Nicht wir. 

 

Jeder Tag, jeder Monat wird ein Kampf gegen uns und mit mir selbst.

 

Und dann, irgendwann, zwischen erstarrten Jahren und verschwommener Angst,
lasse ich sie wirklich gehen. Und sie mich.
Aus meinem Kopf, meinen Gedanken, meinen Gefühlen. Blind vertrauend hoffnungsvoll.

 

Plötzlich bin da nur mehr ich. Nicht sie. Nicht wir.

 

Ich mache mich bereit. Bereit für absolute Freiheit.

Doch dort, wo ich eben noch mich selbst vermutete, ist nichts.
Nichts als ein dunkler Fleck.

 

Plötzlich bin ich nur mehr blind.

Nicht mehr vertrauend. Und erst recht nicht hoffnungsvoll. 

 

Wer bin ich, wenn nicht meine Essstörung?

Wer bin ich, wenn sie nicht ich ist?  Und ich nicht sie? 

Wenn ich frei bin in meinem Denken, meinem Sein, meinem Handeln?

 

Ich kenne mich nicht alleine.
Und dennoch muss ich lernen, allein zu sein.

Mit meinem Kopf, meinen Gedanken, meinen Gefühlen.

In jedem Moment, jedem Augenblick, jedem Lebensstück.

An den Tagen, die vergehen,
in den Monaten, die sich umschlingen, 

in den Jahren, die ineinander verschwimmen.

 

Wer also bin ich? 

 

Ich kann sie immer noch nicht hören, die Frage. Und doch lass ich sie irgendwann los.

Blind vertrauend hoffnungsvoll.