Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit dem Thema Depressionen. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Das ausgedachte Krankenhaus: Mascha

Ende 2018 hat Mascha ein Burnout. Antidepressiva lehnt sie für sich ab. Sie versucht es mit alternativen Methoden.

Text und Fotos: Jana Reininger

Datum: 1. Februar 2022

Mascha steht auf einer kleinen  Bühne. Vor ihr das Mikrofon, dahinter das Publikum. Das Lokal, dessen Namen Mascha heute vergessen hat, ist klein und voll. Mascha singt. Sie sitzt auf einem Hocker, untypisch für ihre Bühnenshow. Eigentlich bewegt sich Mascha viel. Aber heute geht es ihr schlecht. Schon vor dem Konzert hat sie sich unwohl gefühlt, hatte Schmerzen im linken Arm und im Brustkorb. Wollte ihre Zuseher:innen nicht enttäuschen und das Konzert trotzdem durchziehen. Doch ihr Zustand wird nicht besser. Maschas Atem wird kurz, sie schnappt nach Luft. Die Worte wollen nicht mehr aus ihrem Mund kommen und Mascha wird schwindlig. Es geht nicht mehr. Mascha hört auf zu spielen, geht von der Bühne, bricht das Konzert ab. Ihr Freund bringt sie ins Krankenhaus. Mascha fühlt sich schlecht, fürchtet sich vor einem Herzinfarkt und denkt gleichzeitig daran, das Publikum enttäuscht zu haben.

 

Herzinfarkt oder Überarbeitung?

Mascha hat keinen Herzinfarkt, vielleicht eine Panikattacke, so genau weiß sie das nicht – und ein Burnout, ein Erschöpfungssyndrom. Zu lange hat Mascha als kreative Freelancerin zu viel gearbeitet, war auf temporäre Projekte in der Werbung angewiesen, hat sich zu wenig erholt, zu viel Stress gehabt und Schuldgefühle bei dem Gedanken daran empfunden, Abmachungen nicht einzuhalten. Auf sich selbst und ihre Grenzen hat sie dadurch zu wenig geachtet. „Meine Routinen waren super schlecht, von Ernährung angefangen bis hin zum Schlaf“, erklärt sie heute, während sie auf der abgewetzten, grünen Couch in ihrem Wohnzimmer sitzt, in den Händen eine Kaffeetasse. „Ich hab vier Stunden pro Tag geschlafen“, erinnert sie sich. „Ich hab keine Ahnung, wie ich das  gemacht hab. Man ist halt irgendwie schon mal drinnen und wir Menschen sind ja Gewohnheitstiere.“ Weil Mascha überlastet ist, weint sie schnell. Sie fühlt sich schwach und fürchtet sich davor, Kontrolle zu verlieren, kann nicht schlafen. Weil sie das lange ignoriert, antwortet ihr Körper mit Schmerzen.

Mascha in ihrem Wohnzimmer & Maschas Katze

Die Psyche selbst in die Hand genommen

Der Arzt, der Mascha berät, interessiert sich nicht für ihren Schlaf und auch sonst nicht für ihre Routinen. „Antidepressiva“, sagt er und Mascha zieht die Bremse. „Wow, das ist sehr schnell. Wollen Sie nicht mehr über mich wissen, mehr über mich erfahren? Was ich tue, was ich arbeite? Wollen Sie nicht zumindest meine Blutwerte kennen?“, fragt sie ihn still schweigend in ihrem Kopf.

Sie entscheidet sich gegen Tabletten, nimmt die Dinge selbst in die Hand. „Ich hab gesagt: Okay, so schaut mein Leben aus. Da waren einige Baustellen, wie ich finde, die man verbessern kann, bevor man zu so etwas wie einem Antidepressivum greift“, erzählt Mascha, die ihre Kaffeetasse nun auf dem Couchtisch abgestellt und in ihrem Schoß mit ihren Fingern spielt. „Ich habe mich sehr in Burnout eingelesen, in Stress und was Stresshormone im Körper verursachen. Welche man braucht und welche im Übermaß zerstörerisch sein können. Ich war der Auffassung, dass ich den Overkill an Stresshormonen aus meinem Körper loswerden muss, weil ich quasi eine Stresshormonvergiftung habe.“ Also beginnt Mascha ihr Detox-Programm – alles, was stresst, muss gehen. „Ich habe mir eine Karte aufgezeichnet und beschlossen, eine Art Krankenhaus bei mir zuhause zu machen. Ich bin die Patientin und stelle mir eine fiktive Ärztin vor, die mich jetzt behandelt. Was würde die machen, um mich von diesem Stresshormonspiegel runterzuholen?“

 

Das Leben umkrempeln

Die ersten drei Wochen verbringt Mascha damit zu schlafen. Dann beginnt sie eine Gesprächstherapie, sie schreibt Tagebuch und nutzt es, um über sich selbst nachzudenken. „Wie geht es mir? Was ist schief gegangen? Warum muss ich so produktiv sein? Warum muss ich überhaupt immer der ganzen Welt beweisen, dass ich alles gleichzeitig machen kann?“ Sie trinkt weniger Kaffee, geht mindestens eine Stunde am Tag spazieren, fängt an, ihre Freundschaften zu hinterfragen. „Wer sind die Menschen um mich herum? Die, die vielleicht sogar zu diesem Stress beigetragen haben? Das war ein schwieriger Punkt, aber das war, glaube ich, auch ein sehr wichtiger Punkt. Welche Menschen tun mir gut, welche Menschen tun mir nicht gut?“ Letztere müssen gehen.

Mascha erklärt sich selbst für vorzeitig arbeitsunfähig, hat sich zum Glück ein wenig Geld angespart. Sie schaltet ihr Handy aus, checkt ihre E-Mails nicht, ist eine Weile nicht erreichbar, geht das Risiko ein, Arbeitsgelegenheiten zu verlieren, aber das ist ihr vorerst egal.

„Es ist ein Privileg, dass ich es mir leisten konnte, auf Antidepressiva zu verzichten und mich stattdessen alternativen Behandlungsmethoden zu verschreiben“, sagt Mascha. Um sich eine Pause vom eigenen Alltag zu gönnen, braucht es Zeit, Geld und Unabhängigkeit. Die haben Menschen nicht, die von Angehörigen abhängig sind, die Kinder umsorgen müssen, schlecht bezahlte Jobs oder kein Erspartes haben. Das weiß Mascha. Deshalb wiederholt sie das später nochmals. „Ich bin nicht grundsätzlich gegen Antidepressiva. Aber ich glaube, dass es viele Dinge gibt, die wir zuerst aus eigener Kraft versuchen könnten, zu beheben.”

 

Besserung

Einige Monate dauert es. Dann fängt Maschas ausgedachtes Krankenhaus an, Wirkung zu zeigen. Mascha geht es besser. „Es hat auf sehr viele Lebensbereiche eine große Auswirkung gehabt. Ich habe das alles sehr lange verarbeiten müssen und es haben definitiv auch Beziehungen darunter gelitten.“ Doch das ist es Mascha wert. „Mein Bauchgefühl sagt mir, das ist eine viel ganzheitlichere Herangehensweise, um das Problem zu beheben, weil das Problem auch mit meinen Werten zusammengehangen ist und mit meinem Lebensstil. Und wenn mein Lebensstil darauf ausgerichtet ist, mich zugrunde zu richten, dann weiß ich nicht, wie viel ein Antidepressivum geholfen hätte, muss ich ehrlich sagen.“

In ihrem Buch How to live with your exhausting weird creative self erzählt Mascha von ihrer Erschöpfungsdepression und davon, wie sie mit den Anforderungen ihrer Psyche umgeht.

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