Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit Missbrauch, Depressionen und suizidalen Gedanken. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Das Bilderbuch trügt: Chleo

Chleos Kindheit ist von Trauma geprägt. Durch einen Aufenthalt in der Psychiatrie findet sie zurück zu sich.

Text: Jana Reininger
Bilder: ZIMT Magazin/AI-Generator: Canva

Datum: 13. Oktober 2023
Verzerrtes Spiegelbild Illustration (c) Jana Reininger

Manchmal, wenn sie einer Freundin gegenüber sitzt, in das Gespräch vertieft einen Schluck von ihrem Tee nimmt oder das Gesicht ihres Gegenübers mustert, ist Chleo* plötzlich einfach weg. Dann sitzt sie physisch zwar noch da, möchte Antworten formen oder spricht sogar noch, aber ihr Kopf ist leer. In manchen Fällen dauert es wenige Minuten, andere Male ganze Stunden, bis sie wieder zu sich kommt und merkt, dass sie sich an das eben Passierte gar nicht erinnern kann. 

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Von Farben, Lichtern und Geräuschen in die Dissoziation

Die Dissoziation kommt hervor, wenn gewisse Worte Chleo an die Geschehnisse ihrer Kindheit erinnern, manchmal aber auch, wenn sie in den Supermarkt geht und ihr dort die Lichter, Geräusche und Farben zu viel werden. Kommt Chleo wieder zu sich, ist sie erschöpft, angespannt und oft auch depressiv. Dann schafft sie es manchmal mehrere Tage nicht aus dem Bett. Eine posttraumatische Belastungsstörung und eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung wurden der 28-Jährigen diagnostiziert, als sie einmal in Behandlung war. Die Ursachen führt Chleo zurück auf ihre Kindheit, obwohl ihre Familie auf den ersten Blick wie aus dem Bilderbuch wirkt, wie sie sagt.

Zielscheibe, Bild: Jana Reininger/ZIMT Magazin/AI-Generator: Canva

Manchmal wird Chleo von den Eindrücken im Supermarkt zur Dissoziation getriggert.

Ihre Eltern haben beide studiert und arbeiten in angesehenen Berufen. Finanzielle Nöte kennt Chleo nicht, ihre Eltern haben viele Freund:innen. Dass hinter geschlossenen Türen immer wieder Unzumutbares passiert, merkt lange niemand. Chleo selbst ist 12, vielleicht 13 Jahre alt, als sie feststellt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Mit Beginn der Pubertät fällt ihr auf, dass ihr älterer Bruder nicht nur materiell durch Geschenke, sondern auch emotional bevorzugt wird. Wenn Felix* gelobt wird, wird Chleo gerügt. Sie sei schlimm, wahnsinnig anstrengend und immer trotzig gewesen, sagt Chleos Mutter auch heute noch – daher sei es kein Wunder, dass sie ihren Sohn mehr liebe als ihre Tochter, so erklärt sie es dem Mädchen von klein auf immer wieder.

Die Erinnerung fehlt

Abgesehen davon hat Chleo wenig Erinnerungen an ihre Kindheit – ein klassisches Symptom einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das kindliche Gehirn versucht, sich zu schützen. Die Schläge ihrer Mutter kann sie jedoch bis heute fühlen. Wenn Chleo damals zu trotzig, zu laut, zu anstrengend wird, wird sie immer wieder alleine in ihr Zimmer eingesperrt – wie lange sie dann hilflos schreiend in ihrem Zimmer sitzt, weiß Chleo heute nicht mehr. Doch die Verzweiflung von damals spürt sie auch heute noch, wenn die Erinnerungen zu den einsamen Momenten von früher wandern, in denen sich Chleo nach einem sicheren Zuhause sehnt.

Als Chleo im Grundschulalter ist, beginnt sie zu musizieren. In der Musik findet das Mädchen die Freude, die ihr in der Familie fehlt. Im Unterricht gibt Chleo sich Mühe, zuhause übt sie und immer wieder spielt sie auch Konzerte. Doch ihr Hobby sorgt für Konflikte – für ihre Eltern scheint sie nie gut genug zu spielen. Und auch in allen anderen Lebensbereichen erntet sie stets viel Kritik.

Handy mit Blüten (c) Jana Reininger

Trost findet Chleo in der Musik, aber auch dieses Hobby führt immer wieder zu Konflikten.

Als Chleo volljährig ist, zieht sie zum Studieren in eine deutsche Großstadt, deren Namen sie im Gespräch mit ZIMT nicht nennen möchte, um ihre Identität zu schützen. Fünf Stunden von zuhause entfernt findet sie die Distanz zum Elternhaus, die ihr guttut. Doch die Vorwürfe und Beleidigungen enden nicht – sie trudeln nun verpackt in dicke Briefumschläge ins Haus. Die Briefe, die ihre Mutter verfasst, unterzeichnet auch ihr Vater. Dieses Muster kennt Chleo schon lange. Ein Großteil der Gewalt geht schon in ihrer Kindheit stets von ihrer Mutter aus, doch der Vater unternimmt nichts dagegen. Oft ist er nicht zuhause, wenn es passiert. Wenn doch, sieht er wortlos zu, erzählt Chleo.

In der Klinik fühlt Chleo sich gesehen

Als Chleo erwachsen ist, zeigen sich ihre Sorgen in Form von Depressionen, immer wieder denkt sie auch an Suizid. Mit 23 Jahren weist sie sich selbst in eine Klinik ein. Die feste Tagesstruktur und die vielen verschiedenen Therapien tun Chleo gut. Erstmals fühlt sie sich in ihren Problemen gesehen, ernst genommen und aufgefangen. Während des Aufenthaltes erhält Chleo ihre Diagnosen.

Gemeinsam mit der Therapeutin in der Klinik nimmt Chleo ihren Mut zusammen und verfasst einen Brief an ihre Eltern, in dem sie über ihre Erkrankung und mögliche Ursachen spricht. In ihrem Antwortbrief weisen ihre Eltern jegliche Schuld von sich – und behaupten einmal mehr, dass ihr Kind selbst Schuld an seiner Geschichte sei. Doch nun liest Chleo diese Zeilen mit ihrer Therapeutin gemeinsam – und lernt, dass sie selbst keine Schuld trägt. Sie arbeitet daran, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Neun Wochen verbringt Chleo in der Klinik. Sie beginnt, Medikamente zu nehmen und fängt allmählich an, sich besser zu fühlen. Die Ärzte in der Klinik vermuten hinter dem Verhalten der Eltern eine narzisstische Persönlichkeitsstörung der Mutter. Mit Sicherheit können sie das aber nicht sagen, denn aus der Ferne zu diagnostizieren ist fehleranfällig.

 

Handy mit Blüten (c) Jana Reininger

In der Psychiatrie schreibt Chleo einen Brief, in dem sie Grenzen zieht.

Als Chleo die Klinik schließlich verlässt, findet sie einen Therapeuten, der sie bis heute begleitet. Nach einigen Jahren gelingt es ihr, den Kontakt zu ihren Eltern zu beenden – eine der schwersten Entscheidungen, die sie je treffen musste, wie sie sagt. Kontakt zum Rest ihrer Familie hat sie nicht – niemand meldet sich, um sie nach ihren Beweggründen für den Kontaktabbruch zu fragen. Doch die Distanz fühlt sich besser an. Natürlich sind die Folgen des Traumas nicht einfach weggewischt, doch Chleo weiß nun mit ihren Depressionen umzugehen.

Weil sie weitergeben möchte, was ihre eigene Geschichte sie gelehrt hat, arbeitet sie heute selbst mit gewaltbetroffenen Kindern. Gewalt gibt es nicht nur in benachteiligten Familien, erklärt sie, auch wenn das häufig angenommen wird. Darum hat Chleo es sich zur Aufgabe gemacht, über Familien wie ihre zu sprechen. 

*Sämtliche Namen der Personen, die in diesem Text vorkommen, wurden auf Wunsch der Interviewpartnerin geändert. Der Redaktion ist ihre Identität bekannt.