Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit Ängsten und Einsamkeit. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Die Welle: Ramy

Ramy ist zum Studieren nach Europa gezogen. Zwischen kulturellen Unterschieden, Einsamkeit und Ängsten findet er schließlich ein neues Verhältnis zu seinen Gefühlen.
Text: Jana Reininger
Fotos: Ramy*
Datum: 13. Dezember 2022

Ich hatte immer das Gefühl, dass etwas in meinem Leben fehlt. So sehr ich auch probiert und probiert habe, da blieb immer ein Loch.

Ich bin mit 18 Jahren nach Deutschland gezogen, um hier Ingenieurwesen zu studieren. Aufgewachsen bin ich in Beirut, im Libanon. Am Anfang war da natürlich die Sprachbarriere. Aber als ich die bewältigt hatte, hat mir immer noch etwas gefehlt. Unsere mediterrane Kultur ist sehr warm. Deutsche Menschen sind sehr präzise, sehr strikt, sehr technisch. Für mein Studium war das perfekt. In meinem akademischen Leben war ich sehr erfolgreich. In meinem sozialen Leben nicht. Ich dachte, wahrscheinlich würde ein Ortswechsel meinen Erwartungen gerechter werden und so zog ich nach Italien.

Ich bezog ein kleines Studio in Turin. Dann kam Corona und damit die Lockdowns. Ich lebte alleine. Für eine lange Zeit sah ich niemanden. Und wenn du alleine bist, fängst du an, über die Dinge nachzudenken, die dich stören. Du fängst an, deine Ambitionen und Entscheidungen zu hinterfragen, du fragst dich, was du eigentlich von deinem Leben willst.

Vernunft und Leidenschaft

Mein ganzes Studium lang habe ich die Dinge, die nicht meine Ausbildung betrafen, beiseite geschoben, um mich auf die Universität zu konzentrieren. Dabei wollte ich für eine lange, lange Zeit Musik machen. Ich wusste, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte zu jenem Moment, an dem ich die Schule abschloss, würde ich etwas ganz anderes studieren. Musik wahrscheinlich statt Ingenieurwesen. Für eine Weile dachte ich also, ich werde nur älter und mache nichts daraus. Das hat mich die ganze Zeit gestört. Das Gefühl, nicht zu machen, was ich liebe. Nicht zu machen, was vielleicht meine Berufung ist. Ich hinterfragte den Sinn meines Lebens. Ich wurde traurig und fürchtete, dass ich mein ganzes Leben nicht glücklich werden würde. Denn ich war immer begeistert von Kunst, von Philosophie und Geisteswissenschaften. Aber was ich studierte, war trocken.

Durch die Pandemie war ich nur zuhause. Ich war alleine und hatte Zeit. Ich hatte plötzlich eine Chance und ich ergriff sie. Ich informierte mich über Methoden digitaler Musikproduktion, über Softwares und Musiktheorie. Ich schloss mein Piano an den Computer an und begann meine eigene Musik zu komponieren. Nach acht oder neun Monaten der Pandemie konnte ich Musik machen und langsam, ganz langsam haben sich die Dinge entwickelt: Eines Tages sprach ich zufällig mit Menschen, die einen Film drehten. Plötzlich erstellte ich Filmsoundtracks für ein paar Kurzfilme. Ich machte endlich meine eigene Musik und hatte das Gefühl, die Pandemie hatte mein Wohlbefinden beflügelt.

Zurück in die Isolation

Doch ich merkte, dass all meine Freundschaften verschwunden waren. Viele Leute waren zurück in ihre Herkunftsstädte, zurück zu ihren Familien und Eltern, gegangen und ich sah plötzlich niemanden mehr. Weil ich nicht mehr mit dem Fahrrad zur Uni fuhr, machte ich keinen Sport mehr. Die Spaziergänge oder Laufrunden, die ich zu Beginn der Pandemie versucht hatte, hatte ich aufgegeben, weil sie mir zu langweilig schienen. Ich fotografierte zwar mehr, machte weiterhin Musik und las Bücher, die ich schon lange herumliegen hatte. Aber ich fühlte mich müde und schwach. Ich sah oft auf mein Handy, versuchte mit jemandem zu interagieren, scrollte endlos durch Social Media.

Ein weiteres Mal hatte ich Zeit, mich auf meine negativen Gedanken zu konzentrieren. In meinem Kopf kreisten die immer gleichen Worte herum: Du bist alleine, du bist eingesperrt. Je mehr ich versuchte, sie wegzuschieben, desto mehr dachte ich daran. Das machte mich sehr ängstlich, weißt du? Es fühlte sich an wie eine konstante Unsicherheit darüber, was ich tun wollte. Ich fing an, eine Sache zu machen und hörte abrupt wieder auf. Ich aß, um Zeit zu vertreiben. Ich kochte, obwohl ich gar nicht hungrig war. Ich schlief nicht gut. Ich versuchte um elf Uhr ins Bett zu gehen und lag dort wach. Wenn ich endlich einschlief, wachte ich gegen vier oder fünf Uhr morgens wieder auf und versuchte dann lange, wieder einzuschlafen. Mein Rhythmus war komplett durcheinander. Es war eine sehr seltsame Zeit in meinem Leben und ich fühlte mich geistig überfordert. Ich beschloss, dass es besser wäre, weniger Zeit alleine zu verbringen. Also reiste ich zu meinen Eltern nach Beirut. Tatsächlich wurde es dadurch für ein paar Wochen besser. Aber wenn du dich daran gewöhnt hast, mit deinen Eltern zu sein, fängst du erst recht wieder an, an die selben Sachen zu denken, wie zuvor. Ich wusste, ich musste etwas ändern.

Kulturelle Stigmata

Nie in meinem Leben hatte ich viel über meine psychische Gesundheit nachgedacht. Ich glaube, in mediterranen Ländern wird psychische Gesundheit umso mehr ignoriert, als an anderen Orten. Wir fokussieren uns auf das körperliche Wohlbefinden. Wenn du gut aussiehst, dich gut kleidest, dann bist du okay. Für mich, als jemand, der in Beirut aufgewachsen ist, war Psychotherapie stets etwas für Menschen, die sehr schwere Störungen oder Erkrankungen haben. Zur Therapie zu gehen, hatte keine Tradition für mich, keine soziale Diskussion. Niemand sprach darüber, als wäre es ein Tabu. Es dauerte also eine lange Zeit, bis ich den Mut fand, eine Therapeutin aufzusuchen. Aber eines Tages tat ich es.

Zum ersten Mal sprach ich mit jemandem, der mich nicht kannte und nicht über mich urteilte. Das war sehr hilfreich für mich. Ich bekam Ratschläge und startete eine psychische Entwicklung. Ich lernte, dass das, was ich kontrollieren kann, meine Handlungen und meine Gedanken sind. Alles andere um mich herum nicht. Ich musste aufhören, auf alles zu reagieren, das ich nicht kontrollieren konnte, weil es mich zu sehr erschöpfte.

Auf Film nahm Ramy während der Lockdowns in der Pandemie Fotos seiner leeren Stadt auf.

Eigentlich heißt Ramy nicht Ramy. Seinen echten Namen möchte er nicht nennen. Der Redaktion ist seine wahre Identität bekannt.

Der Text entstammt einer persönlichen Erzählung Ramys, den die Autorin niedergeschrieben und vom Englischen ins Deutsche übersetzt hat.

„Die Fotos erinnern mich heute an die ‚einsamen‘ Gefühle der Pandemie“, sagt Ramy.

Ich lernte, mein Handy auf Flugmodus zu schalten und es im Nebenzimmer abzulegen, um nicht in Versuchung zu kommen, pausenlos nach Benachrichtigungen zu sehen. Stattdessen übte ich, meine Augen zu schließen, keine Geräusche und keine Musik zu hören, keinen Bildschirm zu sehen und nur mich und meine Gedanken zu spüren. Ich folgte keinen Anleitungen für Meditation oder Yoga, ich brachte mich einfach selbst zur Ruhe. Ich lernte meine Tage vorauszuplanen, sodass ich das Gefühl hatte, etwas zu tun zu haben.

Eine erstaunliche Erkenntnis

Dann begann ich, mit Freund:innen über meine Gefühle zu sprechen. Dabei lernte ich Erstaunliches: Jede:r Einzelne hatte ähnliche Sorgen und Ängste wie ich. Einige hatten noch viel größere Probleme. Das beruhigte mich. Ich merkte, dass ich nicht alleine war. Dass ich Teil der Gesellschaft war, auch in meinen Sorgen und Ängsten. Ich traf einen Freund, der durch eine umso schwierigere Zeit ging und versuchte ihm zu helfen. Das mache ich bis heute, weil es sich gut anfühlt. Wenn du mit Menschen auf einer sehr persönlichen, geistigen Ebene interagierst, gehst du tiefe Beziehungen ein. Das ist toll. Die Art und Weise, wie die Gesellschaft Glück als gutes Aussehen und gute Kleidung portraitiert, ist Blödsinn. Jede:r sieht an guten Tagen gut aus. Aber niemand weiß, was wirklich in deiner Psyche passiert.

Es dauerte bis zum Ende der Lockdowns, bis sich meine Gedanken besserten. Es ist noch nicht lange her, vielleicht zwei oder drei Monate. Da hatte ich endlich das Gefühl, eine Routine in meinem Leben zu haben. Ich wache auf und dusche, ich kleide mich, frühstücke und verlasse das Haus. Es ist ein Gefühl von Normalität, ein Gefühl von Regelmäßigkeit, weißt du?

Ebbe und Flut

Das erste, was ich nach den Lockdowns unternahm, war eine Besprechung mit meinem Studienberater. Ich sagte: “Hör zu, da gibt es ein paar Dinge, die ich nicht mag. Ich möchte einige Fächer aus meinem Studienplan streichen. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich mich für sie angemeldet habe. Ich möchte nur noch Fächer wählen, die mir etwas bedeuten.” Heute studiere ich weiterhin Ingenieurwesen, aber 30 oder 40 Prozent meiner Fächer sind Geisteswissenschaften. Nach all den Jahren lerne ich nun Dinge, die mich wirklich begeistern. Ich genieße es sehr.

Nach der Universität gehe ich nun mit meinen Kolleg:innen essen oder ich koche zuhause. Dann mache ich meine Hausaufgaben und abends verlasse ich wieder das Haus. Manchmal treffe ich Freund:innen und wir essen gemeinsam ein Eis. Manchmal gehe ich Radfahren oder ins Museum. Meine Zeit ist gefüllt und das ist gut. Vor einigen Wochen habe ich mich als Musikkomponist für ein international anerkanntes Filmfestival beworben. Irgendwie haben sie mich angenommen. Es ist, wie meine Mutter sagt: Weißt du, manchmal kommt das Beste vom Schlechtesten.

Ängste sind wie eine Welle: Wenn sie dich trifft, schlägt sie dich. Sie bricht in dir und du bist von oben bis unten nass. Dann zieht sich die Welle zurück und verschwindet. Als ich mitten in der Welle stand, konnte ich meinen Kopf nicht über Wasser halten. Ich konnte nicht über sie hinweg sehen. Und jetzt blicke ich zurück und denke: Okay, sie ist verschwunden.

Alle Gefühle, jede Angst, sie werden nicht für immer bei dir bleiben. Sie werden wieder verschwinden und vielleicht müssen wir einfach einsehen, dass sie Teil unserer Menschlichkeit sind, in dieser modernen, aber mangelhaften Welt.

Weitere Beiträge

Wände aus Beton: Olivier

Wände aus Beton: Olivier

Olivier David ist in Armut aufgewachsen. Heute schreibt er über die Folgen dieser Erfahrung für seine psychische Gesundheit.

In Watte: Mona

In Watte: Mona

Mona hat schwere Depressionen und kämpft mit ihrem Alltag. Antidepressiva und Psychotherapie helfen ihr aus den Sorgen hinaus.

Gemeinsam nicht mehr allein: Sarai

Gemeinsam nicht mehr allein: Sarai

Im Alter von 31 Jahren erhält Sarai eine Autismus-Diagnose. Heute macht sie sich für die Sichtbarkeit von neurodivergenten Menschen stark.