Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit Depression, Angst und suizidalen Gedanken. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

In Watte: Mona

Mona hat schwere Depressionen. Antidepressiva helfen ihr aus den Sorgen hinaus.

Text: Jana Reininger
Illustrationen: Sabrina Haas / Jana Reininger

Datum: 13. Dezember 2022

Mona ist spät dran. In zwanzig Minuten beginnt der Vortrag, zu dem sie ihrer Freundin versprochen hat, zu kommen. Doch Mona wird nicht kommen. Ohne Rücksicht auf Mona zu nehmen, läuft die Uhrzeit weiter und Mona schafft es nicht aus dem Bett. „Alle hassen dich“, flüstert die Stimme in ihrem Kopf. „Sie wollen dich sowieso nicht dabei haben“, setzt die Stimme noch eins drauf. „Ich habe nicht einmal abgesagt“, erinnert sich Mona. „Das war nicht toll.“ Aber Mona hat Gründe.

Mona ist 25 Jahre alt und heißt überhaupt nicht Mona. Ihren wahren Namen möchte die Journalistin nicht nennen. Schon ihr ganzes Leben begleitet sie eine Depression. Als Mona mit ihrem Studium fertig wird, sie erstmal keinen Job findet und die Pandemie ihren Alltag über den Haufen wirft, werden ihre Gefühle umso schwerer. Mona isoliert sich im Lockdown. Sie verliert die Hoffnung, denkt immer wieder an Suizid. „Das monatelange Zuhausebleiben, keinen Kontakt zur Familie und auch zu anderen Menschen zu haben – da ist alles schlimmer geworden“, erzählt Mona.

Depressionsanzeichen Wut

Als die Isolation endet und Mona ihre Freund:innen wiedersehen kann, bemerkt sie die Auswirkungen ihrer Erkrankung. Immer wieder schafft sie es nicht zu Verabredungen oder zu ihren beruflichen Terminen. Wenn Mona mit ihrer Schwester streitet, werden die Gefühle extrem. „Ich habe Aussagen so schnell als Angriff gegen mich empfunden“, erzählt Mona, „mich dann in Trauer und Wut verloren“.

„Ich fühle mich, als wären meine Gefühle in Watte gepackt“, sagt Mona. „Mein Leben ist so viel besser mit Medikamenten.“

Immer wieder sprechen ihre Freund:innen Mona auf ihren Gesundheitszustand an. Sie erzählen von Tabletten, die ihr Leben verbessert haben. Mona geht zur Psychotherapie und zu einer Psychiaterin. Auch letztere legt ihr Antidepressiva nahe. Doch Mona hat Bedenken. Sie mag es nicht, Medikamente zu schlucken, sorgt sich um ihr chemisches Gleichgewicht. Sie fürchtet, durch Antidepressiva nicht mehr sie selbst zu sein und fühlt sich von der Psychiaterin in ihren Bedenken nicht ernstgenommen. Auch eine Anforderung an sich selbst macht sich in Mona Kopf breit: „Ich habe gedacht, ich sollte einfach so besser werden. Mit meiner eigenen Kraft und Anstrengung. Ich dachte, eine Besserung durch Medikamente wäre keine echte Besserung“, sagt sie.

Doch obwohl Mona weiterhin zur Therapie geht, wird ihr Zustand ohne Medikamente nicht besser. Ganz im Gegenteil. Er verschlechtert sich. Mona fühlt sich unzureichend und verurteilt, ist wütend, traurig und hat Angst. „Irgendwann ging es mir so schlecht, dass ich gedacht hab: OK, scheiß drauf. Ich werde jetzt mit den Tabletten anfangen. Schlimmer als jetzt kann es mir sowieso nicht gehen.“

Die Behandlung hilft

Erst einmal spürt Mona gar nichts. Die Psychiaterin erhöht die verschriebene Dosis. Nach wenigen Wochen fängt Mona an, sich besser zu fühlen. „Vor den Medikamenten hatte ich das Gefühl, nur zwei Emotionen zu haben: Entweder supergut oder superschlecht. Ich hatte das Gefühl, von meinen Emotionen beherrscht zu werden“, vergleicht Mona heute. „Mit den Antidepressiva fühle ich mich balanciert. Ich kann klarer denken, habe das Gefühl aus mir herauszutreten, mich selbst und meine Emotionen ein bisschen objektiver zu betrachten.“ Mona hat keine stundenlangen Angstzustände mehr und fühlt sich in Konfliktsituationen weniger persönlich angegriffen.

Natürlich wird Mona auch heute noch traurig, wenn etwas Trauriges passiert. Aber die Trauer endet auch wieder. Weil Mona sich nun selbst auf den Boden der Tatsachen zurückholen kann. Sich selbst daran erinnern kann, dass Emotionen auch wieder vergehen. „Ich fühle mich, als wären meine Gefühle in Watte gepackt“, sagt Mona. „Mein Leben ist so viel besser mit Medikamenten.“ Ihre Bedenken gegenüber den Tabletten hat sie mittlerweile verloren.

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