Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit Schizophrenie. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Parallelwelt: Lisa

Lisas Mutter hat Schizophrenie. Als die Tochter eines Tages die Polizei ruft, schaltet sich das Jugendamt ein.

Text: Jana Reininger
Illustration: Jana Reininger

Datum: 29. September 2022

“Lisa, ist dir das nicht zu arg?”, fragt die fremde Frau, vor der Lisa sitzt. Lisa ist 16 Jahre alt und schüttelt bestimmt den Kopf. Die Sozialarbeiterin vom Jugendamt bietet ihr an, von ihrer Mama weg zu ziehen. Als Lisa alleine zuhause ist, fängt sie an zu weinen. Natürlich ist ihr alles zu arg.

Lisa ist damals 16 Jahre alt und wohnt allein mit ihrer Mutter und Großmutter. Ihre Eltern haben sich früh getrennt. Kontakt zum Vater besteht, aber im Alltag stützt der nicht, denn Lisas Sorgen sind zuhause und da ist Papa nicht. Lisas Mutter hat Schizophrenie und noch dazu mit einem schweren Krankheitsverlauf. Heute ist Lisa 28 Jahre alt und arbeitet in Wien als Fotografin. 

Als Lisa klein ist, ist die Erkrankung ihrer Mutter einer Depression ähnlich. Sie ist oft müde und zieht sich zurück, manchmal überfallen sie auch Psychosen. Dann hört sie Stimmen, die ihr manchmal gut gestimmt und andere Male bösartig und furchteinflößend sind. An solchen Tagen zieht sich Mama ins Schlafzimmer zurück, die Tür hinter ihr geschlossen. “Ich musste sie dann in Frieden lassen”, erinnert sich Lisa heute. Sonst ist die Erkrankung ihrer Mutter damals kaum sichtbar. “Was nicht heißt, dass es nicht spürbar war und mein Alltag nicht anders war, als der von anderen Kindern.”

Übernehmen, was Mama nicht kann

Damals wohnt Lisa mit ihrer Mama und ihrer Oma bei ihrer Uroma. Das ist gut für Lisa, denn so kümmert sich ihre Urgroßmutter um sie, weil Mama es nicht kann. Als Lisa 13 Jahre alt ist, stirbt ihre Urgroßmutter. Bald übernimmt Lisa die Aufgaben, die ihre Mutter nicht schafft. Sie schnürt eigenständig einen Finanzplan für sich, ihre Großmutter und Mutter, kalkuliert, wie viel Geld die Familie ausgeben darf und wie viel für Notfälle wie kaputtgehende Kühlschränke übrig bleiben muss. Mama ist arbeitsunfähig und Oma gibt regelmäßig zu viel Geld beim Einkaufen aus. Das macht die Sorgen um die Finanzen umso größer.

Die Veränderungen belasten auch Lisas Mutter. Weil Uroma sie nicht mehr täglich an ihre Medikamente erinnert, nimmt sie nun kaum noch Tabletten. Ihren Psychosen werden schwerer. Mama hört nun häufiger Stimmen. Wenn Lisa ihrer Mama Fragen stellt, dauert es manchmal eine Weile, bis die Erwachsene reagiert. Dann fragt sie zwei oder drei Mal, bis sich ihr Kopf wendet und ihr Blick jenen der Tochter trifft. Für Lisa ist das anstrengend. Besonders als Kind schmerzt es, wenn grundlegende Bedürfnisse nach Bindung und Kommunikation nicht erfüllt werden können.

Lisa hat an mehr zu denken, als Kinder gewöhnlicherweise in ihrem Alter haben. Die Probleme, die ihre Freund:innen haben, fühlen sich für Lisa lächerlich an. Während die anderen vom ersten Liebeskummer sprechen, hat Lisa die Sicherheit ihrer Mutter im Kopf. “Manchmal hab ich mich so missverstanden gefühlt, weil ich mir gedacht hab: Du weißt gar nicht wie arg das ist, was ich machen muss und ich kanns dir auch gar nicht begreifbar machen.” Lisa fühlt sich unverstanden und ist wütend. Dadurch kommt es zu Streitigkeiten mit Freund:innen. Lisa fühlt sich dadurch, in einem Alter, in dem Gleichaltrige meist das Wichtigste sind, umso mehr belastet.

Das Jugendamt schaltet sich ein

Es ist Sommer und Lisa ist am Land bei der Familie ihres Vaters, als ihre Oma anruft. Dass Mama ganz arg drauf sei, sagt sie. Dass sie für ein paar Wochen zu ihrer Tante gezogen sei und Mama ihr den Schlüssel zur Wohnung weggenommen habe. Also fährt Lisa nachhause.

Mit 13 Jahren schnürt Lisa den Finanzplan für sich, ihre Großmutter und Mutter, kalkuliert, wie viel Geld die Familie ausgeben darf und wie viel für Notfälle wie kaputtgehende Kühlschränke übrig bleiben muss.

Als sie dort ankommt, sieht sie die Kleidung, die ihre Mutter zuvor aus den Regalen geworfen hat. In der Decke, wo einst die Lampe hang, klafft ein Loch. Lisa spricht mit ihrer Mutter. Sie sagt ihr, sie müsse ihr den Schlüssel von Oma geben und das Haus wieder aufräumen. Doch Mama reagiert nicht. Lisa ruft die Polizei, damit sie ihr hilft, Mama in die Psychiatrie einzuweisen. Dass sich mit der Polizei auch das Jugendamt einschaltet, bedenkt Lisa zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie wird zu einem Gespräch eingeladen. Ob es ihr zuhause nicht zu arg ist, fragt die Sozialarbeiterin die Jugendliche. Lisa ist 16 Jahre alt, als sie in eine betreute Wohngemeinschaft von der Kinder- und Jugendhilfe zieht. Für Lisa ist das die beste Entscheidung.

Lisa fährt von der WG aus noch regelmäßig nachhause, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung ist. Trotzdem erhält sie nun die Chance, sich von den Sorgen ihrer Mutter und Großmutter zu distanzieren. Sie darf Organisationsaufgaben, wie die Regelungen der häuslichen Finanzen abgeben und gewinnt Bezugspersonen, die Lisa ein offenes Ohr leihen können, wenn sie Sorgen hat. “Die Betreuer:innen dort waren gesunde Menschen, mit denen ich einen ganz normalen Dialog führen konnte und die auch die Ressourcen hatten, mir zu helfen.” In der WG darf Lisa auch einmal ein ganz gewöhnlicher Teenager sein. Das hilft. Lisas Leben wird besser.

Trotzdem fallen damit nicht alle Sorgen einfach ab. Bis heute fällt es Lisa schwer, die Kontrolle abzugeben, die sie als Kind übernehmen musste. Was früher “survival mode” war, wie Lisa sagt, stößt heute vor allem in Beziehungen zu Frend:innen auf. “Das kann für andere lästig sein, weil sie merken, dass ich ihnen nicht viel zutraue”, sagt Lisa. “Vor allem aber ist es für mich belastend, wenn ich beispielsweise in der Urlaubsplanung alles übernehme und es mich gleichzeitig aufregt, dass ich alles allein mache.” Aber Lisa arbeitet daran, sich zurückzulehnen, vor allem auch mittels Psychotherapie.  Manchmal geht Lisa in den Supermarkt und kauft sich extra die beste und teuerste Schokolade. Einfach, weil sie heute nicht mehr sparsam und genügsam sein muss.

Lisa lernt sich abzugrenzen

Heute nimmt Lisas Mutter Medikamente. Damit geht es ihr besser. Trotzdem ruft sie manchmal ihre Tochter an und erzählt ihr von den Stimmen, die ihr Dinge erzählen und von früheren Freund:innen, die Flaschen nach ihr werfen. Dann versucht Lisa ihr diese Realität nicht auszureden. Sie versucht ruhig und empathisch zu sein. “Es ist wichtig anzuerkennen, dass Menschen unterschiedliche Wahrnehmungen haben und alle Wahrnehmungen stimmen”, sagt sie. Wenn es Lisa zu viel wird, über die Sorgen ihrer Mutter zu hören, sagt sie ihr, dass sie nun auflegen möchte. “Am Ende des Tages bin ich immer noch ihre Tochter und nicht andersrum.”

Lisa hat gelernt, dass es nicht ihre Aufgabe ist, für das Wohlbefinden ihrer Mutter zu sorgen. Manchmal geht sie Mama besuchen. Aber nur dann, wenn es ihr selbst auch wirklich gut genug dafür geht. Nicht um auf ihre Mutter aufzupassen. “Das war nicht immer so. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich selbst dazu in der Lage fühlen muss, sie zu treffen, weil es mir sonst zu viel wird und dann geht es mir auch nicht gut. Manchmal sehe ich sie ein bis zwei Monate gar nicht. Manchmal bin ich jede Woche bei ihr.” Dann schwelgen sie in Erinnerungen über alte Haustiere, stricken gemeinsam oder blödeln herum und kugeln sich vor lachen. “Es kann auch sehr schön sein mit meiner Mutter”, sagt Lisa.

Vor zwei Jahren hat Lisa ein Buch veröffentlicht, in dem Betroffene, Angehörige und Psychiater:innen erzählen, was Schizophrenie überhaupt ist. Hätten in Lisas Jugend mehr Menschen über die Diagnose Bescheid gewusst, wäre vielleicht auch Lisa weniger allein gewesen. Hätten nämlich ihr Vater, ihre Tanten und Onkels oder gar ihre Lehrer:innen damals realisiert, in welcher Welt Lisa lebt, wäre sie wahrscheinlich nicht alleine darin gewesen. So wie die zahlreichen anderen Kinder psychisch erkrankter Eltern auch.