Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit Depressionen, Panikattacken und weiteren Diagnosen. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Überdiagnostiziert: Lena

Lena ist psychisch belastet. Diagnosen hat sie mehr, als sie glauben kann. Ihr Weg zur Besserung ist ein langer.

Text: Jana Reininger
Illustrationen: Sabrina Haas

Datum: 13. Mai 2022

Lena ist unruhig, Gedanken rasen durch ihren Kopf. „Ich will einen Job. Ich brauche einen Job. Ich kann den Job nicht halten. Ich kann die Fassade nicht halten. Ich kann nicht aufhören und auch nicht weitermachen.“ Sie sitzt im Wartezimmer ihrer Psychiaterin, spürt den Stoff des Sessels auf ihrer Haut, erträgt das Gefühl des Materials nicht. Ekel. Abscheu. Sie wird aufgerufen. Lena springt auf, läuft ins Behandlungszimmer der Ärztin, kann nicht mehr ruhig sitzen. Sie läuft im Raum auf und ab. „Sie sind wie ein Tiger im Käfig“, sagt die Psychiaterin und beschließt, der Situation ein Ende zu setzen. Sie möchte Lena umgehend abholen lassen, doch die Patientin protestiert. Lena fährt nach Hause, packt ihre Taschen und fährt anschließend selbst ins Krankenhaus.

Lena ist 34 Jahre alt und heißt eigentlich nicht Lena. Weil in ihre Krankheitsgeschichte auch Familienmitglieder involviert sind und Lena diese nicht offenbaren möchte, möchte sie ihren echten Namen nicht nennen. Ihre psychischen Belastungen beginnen früh und ziehen sich auch später noch durch ihr Leben.

Scheidung der Eltern, Einsamkeit und existenzielle Sorgen

Als Lena 12 Jahre alt ist, trennen sich ihre Eltern. Die Konflikte zwischen ihnen sind schwierig. Sie drehen sich um Lena und ihren Bruder, um Geld, um Besuche. Es hagelt Vorwürfe. Dazwischen Lena und ihr Bruder. Als Lena 18 Jahre alt ist, lassen sich ihre Eltern offiziell scheiden. Der Gerichtsprozess erfordert von Lena, sich auf eine Seite zu stellen. Lena hadert lange, stellt sich dann hinter ihre Mutter und verliert damit den Kontakt zu ihrem Vater. Lena geht es schlecht. Sie ist verletzt, traurig und wütend. Dann trennt Lena sich auch noch von ihrem Freund. Sie fühlt sich einsam. Im Internet findet sie einen Freund, jemanden, dem sie ihre intimsten Sorgen anvertraut. Der Freund entpuppt sich als Fake-Profil. Er ist nicht echt, dahinter steckt jemand ganz anderes. Lena fühlt sich gedemütigt und einmal mehr verletzt.

„Ich habe so starke gesundheitliche Probleme gehabt, dass ich auf 43 Kilo abgemagert bin. Ich konnte meinem Studium kaum mehr nachgehen, zum Unterricht gehen, weil ich ständig aufs Klo musste. Ich konnte nichts bei mir behalten, ich hatte so starke Probleme und wenn du so erschöpft bist, weil du nicht schlafen kannst, bist du irgendwann sehr nahe am Rande des Zusammenbruchs“, erinnert sich Lena heute. Sie findet wieder Kontakt zu ihrem Vater, lernt ihre Halbgeschwister kennen. Doch wohl fühlt sie sich dabei nicht. Sie merkt, dass ihr Vater ihr nicht verzeiht, sich vor Gericht nicht auf seine Seite gestellt zu haben. Sie fühlt sich, als würde sie einen Schein der glücklichen Familie vorspielen. Das raubt ihr umso mehr Kraft. Lena wird alles zu viel. „Da war für mich alles nur noch ein Überlebenskampf. Sobald ich mein Studium beendet hatte, war mein erster Gedanke: Wie werde ich nicht obdachlos? Wie kann ich mich selbst erhalten? Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich im echten Leben bin und dass ich nicht mehr spiele. Schule und Studium waren für mich ein sicherer Hafen. Das war alles Spaß. Da war ich gut, aber ich musste nicht gut sein.“

Nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus

Lena findet rasch einen Job im Online Verkauf. Aber Lena hat keine Freude am Arbeiten. Sie sorgt sich nur darum, ihre Stelle wieder zu verlieren. Als sie wiederholt gekündigt wird, fühlt sich in ihren Ängsten bestätigt. Nach mehreren Arbeitsplätzen landet sie bei einer Stelle im Marketing. „Ich war in der ersten Arbeitswoche. Ich habe meine Aufgaben gut gemeistert, aber ich wusste, ich kann das Niveau nicht halten. Und ich hatte eine unglaubliche Angst vor der Zeit nach dem Probemonat.“ Lena ist gerade mit einer Arbeitskollegin gemeinsam im Büro, als sie schlagartig die Angst überkommt. „Ich konnte mich nicht ruhig verhalten. Ich musste mich auf den Boden werfen und heulen und meine Angst über mich ergehen lassen.“ Lena liegt auf dem Boden, ihre Arbeitskollegin sieht sie stumm an, ignoriert sie. Nach ihrem Zusammenbruch sucht Lena eine Psychiaterin auf. Auch dort kann sie nicht ruhig bleiben. Noch am selben Tag ist Lena im Krankenhaus.

„Ich habe zuhause noch das Nötigste zusammengepackt, bin öffentlich zum psychiatrischen Krankenhaus gefahren, habe mich dort zur richtigen Station durchgefragt und dann wie eine Bittstellerin ein Aufnahmegespräch geführt. In der Hoffnung, dass sie mich tatsächlich aufnehmen. Erst will man auf keinen Fall hin und dann hat man Angst, dass man nicht genommen wird, dass man zu gesund wirkt.“ Aber Lena wird aufgenommen und die Auszeit tut ihr gut. „Letztlich war es tatsächlich eine Lösung, komplett von der normalen Welt und den täglichen Aufgaben wegzukommen, ein wenig aus dem Spiel genommen zu werden, sich um nichts kümmern zu müssen, außer zu atmen.“

Illustration einer besorgten Person

Im Krankenhaus erhält Lena auch eine Diagnose – es ist nicht ihre erste. „Ich habe wahnsinnig viele Diagnosen bekommen zwischen 2015 und 2016. Teilweise konnte ich mich damit identifizieren, teilweise nicht.“ Die Ärzt:innen sprechen von bekannteren Erkrankungen wie Depressionen, Panikattacken oder bipolarer Störung – oder auch von unbekannteren Erscheinungen, wie etwa der histrionischen Persönlichkeitsstörung. „Wenn ich eins gelernt habe, dann: Wenn jemand dich untersucht, dann kommt immer irgendwas raus. Ob man sich krank fühlt oder nicht, hängt aber nicht damit zusammen, ob man mit irgendwas diagnostiziert wurde oder nicht“, sagt Lena heute.

Der Weg zur Besserung ist hürdenreich

Zweieinhalb Wochen bleibt Lena damals im Krankenhaus. Die nächsten acht Monate ist sie zuhause im Krankenstand. Sie geht ins Fitnesscenter und einkaufen. „Weil das Aufgaben waren, die ich bewältigen konnte. Ich habe das Haus verlassen. Ich hatte eine gewisse Struktur.“ Lena macht Psychotherapie. Sie arbeitet daran, sich von negativen Erfahrungen abzugrenzen und Emotionen von Handlungen zu trennen, wie sie sagt. Und sie nimmt Medikamente. Antidepressiva waren die Einstiegsdroge, sag ich jetzt mal. Das hat sich dann sehr schnell vermischt mit allem anderen, was es in die Richtung gibt: Neuroleptika, Hypnotika, Benzodiazepine.“ Die Medikamente wirken unterschiedlich. Manche weniger, manche mehr. Nebenwirkungen bekommt Lena von allen. Sie fühlt sich benommen und ihr ist übel, mehrmals übergibt sie sich sogar im Bus. Deshalb probiert Lena auch bis zu 20 unterschiedliche Medikamente innerhalb von einem Jahr aus, wie sie sagt.

„Antidepressiva waren mir zu schwach, da habe ich gar nichts bemerkt. Generell waren mir viele Medikamente zu schwach, nicht mal Benzodiazepine haben zum Teil geholfen. Da ist der Körper einfach so stark in seinem Extremmodus, dass er das alles auf sich nimmt und mehr Macht hat als das Medikament“, erinnert sich Lena. Gebraucht hat sie die Tabletten dennoch. „Ich wusste, dass es notwendig ist. Ein Übel, das man in Kauf nehmen musste, um sich so viel Erholung, so viel Zeit zu verschaffen, dass man diese dazu nutzen konnte, aus der Misere herauszufinden. Ohne diese Medikamente hätte ich nicht aus der Misere herausgefunden. Aber sie waren auf jeden Fall nicht die Lösung.“

Über alternative Wege zur Besserung

Nach etwa einem Jahr empfiehlt ihr ein Freund ein Nahrungsergänzungspulver, das sich positiv auf die Darmgesundheit auswirken soll. „Wahnsinnig viele Hormone sitzen im Darm“, erklärt Lena. Auch solche, die für die psychische Gesundheit wichtig sind. Lena vertraut auf die Empfehlung ihres Freundes – und hat Erfolg. „Das Pulver war der Heilige Gral für mich. Ich habe mich viel, viel besser gefühlt und es gab keinerlei Nebenwirkungen.“ Sie ergänzt das Pulver durch weitere Nahrungsergänzungskapseln. „Die Kombination dieser Präparate, die für mich bis heute keine nachweislichen Nebenwirkungen hatten, haben es mir ermöglicht, die Medikamente abzusetzen. Ich wüsste nicht, ob das sonst gegangen wäre.“

Heute geht es Lena meistens gut. Das glaubt sie nicht nur Kapseln, Pulvern und Tabletten zu verdanken. „Ich arbeite immer noch jeden Tag an mir“, erzählt sie. „Ich habe schon immer alles analysiert.” Die Analyse hilft Lena. “Wenn ich einen Anflug von Traurigkeit habe, von Wut, von Hilflosigkeit, dann setze ich bewusst Gegenmaßnahmen. Ganz wichtig ist für mich Bewegung. Bewegung hat mir immer geholfen, mich besser zu fühlen, war immer ein Ventil für mich. Ich lasse mich nicht mehr so tief fallen. Ich weiß relativ gut, wie sich das anfühlt, tief zu fallen. Ich trete bewusst weg. Ansonsten bin ich einfach glücklich und zufrieden. Und nehme das bewusst wahr.“ 

Heute hat Lena einen Job in einer Immobilienverwaltung. Damit ist sie zufrieden. Ihre Werte passen mit ihrer Tätigkeit zusammen, ihre Arbeitsweise findet sie nützlich. Hier kann sie sein, wie sie ist.

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