Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit dem Thema bipolare Störung. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Von der Schwierigkeit ins Bett zu kommen: Vero

Vero vermutet, eine bipolare Störung zu haben, doch bis sie zur richtigen Diagnose findet, dauert es eine Weile. Erst dann wird ihr Alltag leichter.

Text und Fotos: Jana Reininger
Datum: 27. Mai 2022
Drei Uhr morgens. Vero liegt in ihrem Bett, ihre Augen brennen. Sie sehnen sich nach Schlaf, doch der Kopf macht nicht mit. Tausend Ideen rasen durch Veros Gehirn. Keine davon kann bis morgen warten. “Du musst ein Buch schreiben”, zischen die Ideen und Vero sieht bereits das halbe Manuskript vor sich liegen. “Du musst einen Verein gründen, um geflüchteten Frauen zu helfen”, wirft sogleich die nächste Idee hinterher. “Die Nachbar:innen miteinander vernetzen, ein Hoffest veranstalten, Hochbeete installieren”, rufen weitere Ideen im Hintergrund. Vero knipst den Lichtschalter an, zieht das Notizbuch zu sich her und fängt an, sämtliche Gedanken niederzuschreiben. Sie beeilt sich, rasch zu schreiben, bevor sie die Ideen wieder verliert. Ihre Gedanken sind schneller als ihre Hand. In dieser Nacht wird sie nicht schlafen. Vielleicht wird die nächste Nacht besser, bevor die Depression sie zurück auf den Boden holt.

Vero heißt eigentlich Veronika und ist 26 Jahre alt und macht gerade eine Ausbildung zur Innenarchitektin. “Ich mache gerne Sachen selber”, erzählt sie. “Kerzen gießen, Möbel bauen, in der Wohnung herumwerken, irgendwas zu tun finde ich immer.” Vor drei Jahren wurde Vero mit einer bipolaren Störung diagnostiziert. “Wie ich mich fühle, kommt immer ganz stark darauf an, in welcher Phase ich mich gerade befinde”, erklärt die Wahlwienerin. “Mal bin ich depressiv und komme nicht aus dem Bett. In anderen Zeiten bin ich manisch und komme nicht ins Bett.”

Diagnose-Verdacht wird nicht ernst genommen

Das erste Mal hört Vero über die bipolare Störung bei einem nahen Familienmitglied, das mit ihr diagnostiziert wurde. “Ich habe viele Ähnlichkeiten zwischen uns entdeckt, aber mir anfangs nicht viel dabei gedacht”, erinnert sie sich. Als sie beginnt, sich näher mit dem Krankheitsbild auseinander zu setzen, um ihren Verwandten besser zu verstehen, fragt sie sich zum ersten Mal, ob sie nicht vielleicht auch bipolar ist. “Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Mama, in dem ich ihr davon erzählt habe. Da meinte sie: ‘Nein, du bist sicher nicht bipolar, mach dir keinen Kopf.’” Doch Veros Ahnung verschwindet nicht. Je mehr Zeit vergeht, desto klarer wird ihr der Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und den Symptomen der bipolaren Störung.

Ein paar Monate später sitzt Vero in der psychologischen Studierendenberatung. Sie hofft auf Unterstützung. Doch die Psychotherapeutin, die sich 20 Minuten Zeit für Vero nimmt, schüttelt den Kopf. “Jemand, der manisch ist, sucht sich keine Hilfe”, sagt sie und schickt Vero nachhause.

Vero und Hund Findus im Wohnzimmer ihrer WG

Erst durch starke depressive Episode zur korrekten Diagnose

“Das hat mich nochmal ziemlich zurückgeworfen”, erinnert sich Vero. Sie gibt es auf, sich psychologische Hilfe zu holen und erlebt im Herbst darauf die heftigste Depression, die sie bis dahin hatte. Einen Monat verbringt Vero bei ihren Eltern in Salzburg, eine Stadt, die sie nicht mag, wie sie sagt. Es ist September und regnet pausenlos. Das drückt Veros Stimmung. Zwei, vielleicht drei Monate schafft sie es nicht aus dem Bett. Nachts halten sie Sorgen und Ängste wach. Untertags fehlt ihr die Kraft für den Alltag. Die depressive Episode endet auch nicht, als Vero schon längst wieder zurück in Wien ist und das neue Semester an der Universität beginnt. Irgendwann wird es Vero zu viel. Sie ruft den sozialpsychiatrischen Notdienst an, wird mit einer bipolaren Störung diagnostiziert und bekommt Medikamente verschrieben.

Medikamente und Hund bringen Besserung

Etwa zur gleichen Zeit, zu der Vero beginnt, Psychopharmaka zu schlucken, adoptiert sie einen Welpen. “Ich bin mit einem Hund aufgewachsen”, erzählt sie. “Ich wusste, worauf ich mich einlasse und hatte immer schon den Wunsch, einen Hund zu haben.” Durch ihre neue Verantwortung muss Vero plötzlich Routinen in ihr Leben schaffen. Sie muss morgens aufstehen, um das Tier zu füttern und außer Haus zu bringen, muss sich an der frischen Luft bewegen, um den Hund auszuführen und hat keine Zeit mehr, Nächte durchzufeiern. Stattdessen bleibt sie abends mit dem Hund zuhause und empfängt Freund:innen, die vorbeikommen, um sich das neue Haustier anzusehen. “Ich weiß nicht, ob mir die Medikamente oder der Hund mehr geholfen haben”, sagt Vero. “Wie soll man depressiv sein, wenn man einen Welpen hat?”

Bis heute nimmt Vero Medikamente. Erst fühlt sie sich dadurch ein wenig lustlos, aber sie ist froh, zumindest nicht mehr so traurig zu sein. Vero schwankt nicht mehr von euphorischen Phasen in Erschöpfungen. Nach einer Weile wechselt sie die Präparate. Mit den neuen Antidepressiva spürt sie kaum Nebenwirkungen. Nur um den sexuellen Aspekt macht sich Vero Gedanken. Ihre Libido ist mal gedrückt und mal erhöht und die Auswahl der möglichen Verhütungsoptionen ist reduziert. “Da fragt man sich immer: Wie offen kann ich mit meiner Psychiaterin darüber sprechen?”, erzählt Vero, doch bei ihrem nächsten Termin möchte sie das tun.

Vero und Hund Findus im Wohnzimmer ihrer WG

Freund:innen können helfen

Zu ihrer Ärztin geht Vero nach wie vor regelmäßig. Zur Psychotherapie hingegen hat sie es seit ihrer schlechten Erfahrung noch nicht zurückgeschafft. “Ich habe keine Energie mehr gehabt, meine psychische Geschichte nochmals durchzukauen und mich längere Zeit nicht darum gekümmert.” Doch wenn Vero in den nächsten Wochen ihre Ausbildung abschließt, möchte sie das nachholen. “Dann hab ich auch wirklich Zeit, daran zu arbeiten.” Bis dahin halten Veros Freund:innen her.

“Ich habe das Glück, dass ich ein sehr aufmerksames, verständnisvolles Umfeld habe. Meine guten Freund:innen erkennen, wenn ich in die Manie oder Depression abrutsche. Dann sagen sie: ‘Ist dir das bewusst? Ist dir das aufgefallen? Brauchst du Hilfe? Nimmst du gerade Medikamente?’ Das hilft enorm.”

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