Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Dominics Mutter greift immer wieder auf Alkohol und Beruhigungstabletten zurück, um mit schwierigen Situationen umgehen zu können. Sein Leben ist geprägt von der Hoffnung, dass seine Mutter eines Tages gegen ihre Sucht gewinnt.

Text: Dominic Stüttler
Bilder: Canva: DAPA Images & pixelshot

Datum: 7. Juni 2024
Person mit VR-Brille in Pflanzenumgebung

Montag, 19 Uhr: Das Telefon klingelt auf der Gegenseite, doch es nimmt niemand ab. Kein Lebenszeichen, kein Rückruf. Dienstag, 19 Uhr dasselbe Spiel. Wieder kein Lebenszeichen und kein Rückruf. Nervös rufe ich meine Schwester an und frage, ob es unserer Mama gut geht. Sie sagt, dass sie wieder trinke. Nach wenigen Worten mit ihr lege ich das Telefon auf, und meine Gedanken beginnen zu kreisen.

Meine Mutter trinkt, seit ich denken kann. Sie ist keine schlechte Mama. Als ich ein kleiner Junge war, kamen ihre Rückfälle alle paar Monate vor. Doch ich hatte immer Angst davor. Wenn sie mal trank, gab es für sie kein Halten mehr. Sie wurde nie böse zu uns, war aber doch wie ein anderer Mensch. Jedenfalls nicht wie die Mama, die ich sonst kannte und liebte. Zu meinem Stiefvater wurde sie jedoch aggressiv. Sie schrie ihn an und es gab Streitereien, obwohl alles zuvor noch in Ordnung schien. Ich hatte wahnsinnige Angst, weil ich davon mitbekam. In meinem Zimmer in unserem damaligen recht großen Haus bekam man jeden Treppenschritt mit. Ich weinte und hoffte, dass dieser Spuk bald vorbei sein möge. Ohnmacht und Sorge überkamen mich. Am nächsten Tag entschuldigte sich meine Mutter bei uns für ihr Verhalten und versprach, dass das nicht so schnell wieder vorkommen werde.

Meine Großeltern hatten keine Suchtproblematik. Es gab Eiswein zum Geburtstag.

Doch wieso wurde meine Mutter zur Alkoholikerin? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es wohl nie. Die Eltern meiner Mama hatten keine Suchtproblematik – ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich noch als ich meiner Oma einen Eiswein zu ihrem Geburtstag geschenkt habe und dass wir gemeinsam ein Achtelchen zusammen getrunken haben. Wochen später sah ich diesen Wein noch in ihrer Küche stehen. Von meinem Opa weiß ich nicht besonders viel – er verstarb an einem Herzinfarkt lange Zeit, bevor ich überhaupt auf die Welt kam. Das war 1981. Er hinterließ meine Großmutter, die zur Witwe wurde, und vier Kinder.

Meine Mutter war da gerade einmal acht Jahre alt. Sie wuchs mit ihren Geschwistern in bitterster Armut auf. Zu der Zeit war der Wohlfahrtsstaat noch nicht so gut ausgebaut wie heute. Meine Oma musste für die Familie Verantwortung übernehmen und arbeitete von früh bis spät als Reinigungskraft. Trotzdem reichte das Geld kaum aus. Mama erzählte mir, dass es meistens Kartoffeln zum Essen gab und Süßigkeiten eine absolute Ausnahme darstellten. Die schwierigen Lebensverhältnisse in ihrer Kindheit und Jugendzeit hatten sicherlich Einfluss darauf, dass sie später alkoholkrank wurde.

Person im Flugzeug am Fenster, schaut ängstlich

Dominics Mutter trinkt, seit er denken kann. Vor allem die Streitereien mit dem Stiefvater bereiteten dem Jungen Angst.

In meiner Kindheit und Jugendzeit gab es eine lange Phase, wo Mama bloß alle paar Monate rückfällig wurde. Sie hatte die Sucht gut in Griff. Doch als ich etwa 16 Jahre alt war, passierte etwas Schreckliches: Mein Onkel, der sein Leben bisher gut meisterte und nur zur Jugendzeit Alkohol und Drogenprobleme hatte, konsumierte wieder. Er war unser aller großes Vorbild: sportlich, sehr aktiv und im Beruf sehr erfolgreich. Da unsere gesamte Familie räumlich sehr nah beieinander wohnte, bekamen wir dieses Leid jeden Tag mit. Wir waren alle hilflos, denn er wollte mit seinem Alkohol und Drogenkonsum nicht aufhören. Einweisungsversuche in das Krankenhaus scheiterten. Gespräche scheiterten. Das Weinen meiner Oma brachte keine Bes-
serung. Vor knapp vierzehn Jahre dann der Anruf. Es war Frühling. Ich fuhr gerade nach der Schule Richtung Bregenz. „Onkel Arno ist tot“, sagte meine Mutter am Telefon. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Später sah ich dann den leblosen Körper meines Onkels in seinem Bett und hatte die traurige Gewissheit, dass er tot ist. Ich werde nie das Schluchzen und Weinen meiner Oma vergessen. Sie zerbrach daran.

Ein Jahr später die nächste Hiobsbotschaft für unsere Familie: Bei meiner Oma wurde Krebs gefunden. Zu der Zeit geriet dann auch das Leben meiner Mutter komplett außer Kontrolle. Sie verkraftete den Tod meines Onkels nicht und trank mehr oder weniger pausenlos. Ich zog mich in meine eigene Welt aus Computerspielen und Büchern zurück, weil ich dieses Leid nicht mehr ertragen konnte. Meine Oma verlor schließlich den Kampf. Sie verstarb zwei Jahre nach dem Tod meines Onkels, als ich etwa 19 Jahre alt war.

Die räumliche Distanz war wie ein Befreiungsschlag.

Nicht viel später zogen meine Schwester und ich aus. Meine Mama verlor komplett ihren Sinn im Leben. Sie war Hausfrau und durch ihre Sehbehinderung kaum in der Lage, einer regelmä- ßigen Beschäftigung nachzugehen. Ihre Einsamkeit, das Empfinden von Sinnlosigkeit und die Verluste versuchte sie mit Alkohol und Beruhigungsmitteln zu kompensieren. Immer öfter wurde sie ins Krankenhaus oder zu einer stationären Behandlung in die Psychiatrie eingewiesen. Ich besuchte sie so oft ich konnte.

Als ich für ein Studium nach Wien zog, fühlte sich die räumliche Distanz wie ein Befreiungsschlag an. Auch wenn ich regelmäßig davon mitbekam, dass es meiner Mum nicht gut ging, war es hauptsächlich meine Schwester, die sich um sie kümmerte. Doch die räumliche Distanz machte die Sache oft schwieriger. Einmal rief mich meine Mutter mitten in der Nacht an. Ich merkte, dass sie kaum ansprechbar war. Das Erste, was ich sie fragte, war, wie viele Beruhigungsmittel sie genommen hat und wie viel Alkohol sie getrunken hat. Nach ihrer Antwort rief ich unmittelbar die Rettung in Wien an. Ich bat sie darum, mich in ein anderes Bundesland zu überstellen. Gar kein leichtes Unterfangen stellte ich fest. Und viel Zeit, die dabei verloren geht, die womöglich über Leben und Tod entscheidet. Ihr wurde geholfen, doch bis heute hat sich an ihrem Suchtverhalten wenig geändert. Leider. Trotz etlicher Therapien, zahlreichen Krankenhausaufenthalten und fortschrittlichster Behandlungsmethoden.


Heute frage ich mich, ob es für meine Mama ein Happy End gibt. Ich wünsche es mir sehr. Die Hoffnung habe ich nicht verloren. Diesen Monat steht bei ihr die nächste Entgiftung an und für mich bleibt die Ungewissheit, ob sie es dieses Mal schafft.

Die ganzen Erlebnisse rund um meine Mutter und meinen Onkel brachten immerhin etwas Positives hervor: Weder ich, noch meine Schwester oder mein kleiner Bruder haben heute Suchtprobleme.

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