Triggerwarnung

Dieser Text handelt von psychischer Gewalt in der Kindheit. Lies ihn nur, wenn es sich für dich heute richtig anfühlt. Hilfsangebote findest du am Ende des Textes.

Deine Schuld

Wenn Kinder systematisch beschämt werden, ist ihre Entwicklung gefährdet. Was steckt dahinter?

Text: Lisa Stürznickel
Collage: ZIMT Magazin

Datum: 2. November 2026
Kleines Kind mit Bommelmütze auf dem Arm einer blonden Person, beide von hinten; das Gesicht des Kindes ist ein grünes Blatt

Als Marion ein Kind war, hörte sie oft Sätze wie „Du bist schuld daran, dass ich mich mit deinem Vater gestritten habe.“ Andere Situationen wirkten subtiler: Ihre Mutter habe sich häufig beklagt, wie schlecht es ihr gehe, wie belastend der Haushalt sei oder wie sehr sie unter der Schwangerschaft gelitten habe.

Was die heute Anfang 50-Jährige, die eigentlich anders heißt, ihre wahre Identität aber schützen möchte, als Kind erlebte, würde heute auf TikTok und Co. wahrscheinlich als toxische Beziehung eingestuft werden – ein alltagssprachlicher Begriff, der meist eher küchenpsychologisch eingesetzt wird. Viele Erfahrungen, die heute als toxisch betitelt werden, lassen sich fachlich präziser als Formen psychischer Gewalt beschreiben. Auch das, was Marion erlebte, zählt zu dieser Gewalt.

Unangemessene Konflikte und Beschämung

Marion wuchs die ersten drei Lebensjahre bei ihrer Tante und Oma auf. Als Grund nannte ihr die Mutter einen dreiwöchigen Kuraufenthalt des Vaters. Aus den ursprünglich geplanten drei Wochen bei den Verwandten wurden jedoch drei Jahre. Warum sich diese Situation damals so entwickelte, kann Marion heute nur teilweise nachvollziehen. Dass es so gekommen ist, bezeichnet sie selbst aber als Glücksfall: Von ihrer Tante und Oma habe sie Wärme und Zuwendung erhalten, die in der Beziehung zu ihrer Mutter häufig gefehlt haben. Erst Jahre später habe Marions Mutter offen ihre Gedanken formuliert: „Du mochtest mich schon nicht, als du ein Baby warst.“

Menno Baumann lehrt an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf in den Fächern Intensivpädagogik und Soziale Arbeit. Er sagt, bei der sogenannten Schuldumkehr werde eine Konfliktsituation von Täter:innen fälschlicherweise so dargestellt, als habe das Kind sie verursacht. Es finde eine doppelte Beschämung statt: „Zuerst wird die Zielperson Opfer einer unangemessenen Konfliktstrategie, und hinterher wird sie zusätzlich dafür beschämt, dass die Situation genau so laufen musste.“ Im familiären Kontext passiert das zum Beispiel, indem Kinder für die Handlungen der Eltern verantwortlich gemacht werden: „Du hast mich dazu gebracht“ oder „Muss das immer erst so weit kommen?“, könnten Vorwürfe lauten.

Dem Kind werde signalisiert, dass seine eigenen Emotionen völlig unangemessen seien und es stattdessen die Verantwortung für die Gefühle der Eltern zu übernehmen habe.

Die Verantwortung eines Elternteils für eigene Gefühle, Konflikte oder Überforderung wird auf das Kind verschoben. Ein ähnlicher Mechanismus zeige sich, laut Baumann, auch außerhalb von Familien, etwa wenn Frauen nach sexuellen Grenzverletzungen vorgeworfen wird, sie hätten diese durch ihre Kleidung provoziert.

Auch Marion erkennt dieses Muster rückblickend in ihrer Kindheit wieder: Ihre Mutter habe ihr durch offene Vorwürfe, aber auch in wiederkehrenden Verhaltensweisen vermittelt, Auslöser ihrer negativen Gefühle zu sein. Schuldumkehr kann sich in destruktiven Sätzen zeigen. Nicht immer ist dieses Verhalten aber klar als solches ersichtlich, erläutert Baumann: „Oft sind es nur versteckte Gesten oder tagelanges Schweigen, also genau das, was nicht gesagt wird.“

„Es geht nicht um einzelne Kränkungen“

„Es geht nicht um einzelne Kränkungen und Gemeinheiten“, erklärt auch Adele Lassenberger, klinische Psychologin mit Fokus auf Kinderschutz. Darin liege auch die Abgrenzung zu familiären Konflikten in gesunden Eltern-Kind-Beziehungen. „Was ich unterscheiden muss, ist die Haltung, die Häufigkeit und die Dauer. Schuldumkehr ist ein Muster, das die Beziehung zwischen Elternteil und Kind strukturiert und definiert. Es entsteht ein Bindungsmuster.“

Junge Kinder seien besonders stark auf die Beziehung zu ihren Eltern angewiesen – sie benötigen diese schlichtweg, um zu überleben. „Sie nehmen das Bindungsangebot der Eltern erst einmal so, wie es kommt“, erklärt Baumann. In Beziehungen, die auf Schuldumkehr basieren, lernt das Kind, die Verantwortungsübernahme für die Gefühle anderer als selbstverständlich zu erleben.

Zwei Menschen umarmen sich in einem sonnigen Park im Gegenlicht; ihre Gesichter sind durch grünes Laub ersetzt

Durch das Feedback von anderen Personen können betroffene Kinder feststellen, dass ihnen der Kontakt zu ihrem Elternteil nicht guttut.

Mit zunehmendem Alter sind Kinder weniger auf ihre Eltern angewiesen. Sie knüpfen in der Regel weitere Bindungserfahrungen und gewinnen dadurch Abstand zum Elternteil, das Schuldumkehr betreibt. Auch holen sie sich Feedback bei anderen Personen ein und stellen vielleicht fest, dass es ihnen nach dem Kontakt zum jeweiligen Elternteil schlecht geht.

Mit Beginn der Pubertät treten zusätzlich identitätsstiftende Themen in Erscheinung, wie zum Beispiel die Frage, welcher Mensch oder was für ein Elternteil man später eigentlich sein möchte. Das bringt sie zum Nachdenken über die eigene Kindheit und das Verhalten der Eltern. Baumann schildert: „Im Rückblick ist vielen Kindern sehr klar, mit welchen ‚Hebeln‘ sie damals zur Verantwortungsübernahme manipuliert wurden. Im akuten Moment ist das meistens sehr viel schwerer zu erfassen.“ Das Identifizieren der Schuldumkehr als solche kann aber auch erst deutlich später, im Erwachsenenalter, beginnen, wie die Psychologin Lassenberger beschreibt: „Viele gehen aufgrund eines Lebenslauf-Ereignisses in Therapie und merken dann, dass in der Kindheit doch nicht alles so toll war.“

Weitere Familienmitglieder tragen Verantwortung

Für Außenstehende ist die Schuldumkehr häufig nur schwer zu erkennen, sie zeigt sich eher in diffusen Momenten. Enge Familienmitglieder haben in der Regel dagegen ein klares Bauchgefühl: Sie merken, dass das Verhalten nicht in Ordnung ist. Aus Sorge, der ausführenden Person noch mehr vermeintliche Belastung zuzufügen, schweigen sie aber häufig. Das macht die zweiten Elternteile oft zu Unterstützer:innen des emotionalen Missbrauchs: Sie fangen an, das gewalttätige Elternteil gegenüber dem Kind zu rechtfertigen und nähern sich auf diese Weise oft selbst der Gewalttätigkeit an. So sieht das auch Lassenberger, die die Verantwortung der zweiten Elternteile betont: Es sei deren Aufgabe, dem Kind deutlich zu machen, dass die Schuldzuweisungen nicht gerechtfertigt sind, das schädliche Verhalten des anderen Elternteils sogar zu beenden.

[Zweite Elternteile] fangen [häufig] an, das gewalttätige Elternteil gegenüber dem Kind zu rechtfertigen und nähern sich auf diese Weise oft selbst der Gewalttätigkeit an.

Auch Marion erzählt, dass ihr Vater das Verhalten der Mutter meist nicht offen thematisiert habe. Marions Tante hingegen schien die Taten der Mutter früh zu erkennen. Auch ein anderes Familienmitglied, die Cousine ihrer Mutter, wollte das Mädchen adoptieren. Doch Marions Mutter wollte das nicht.

Emotionaler Missbrauch hat Folgen

Der emotionale Missbrauch, den betroffene Kinder erleben, hat Folgen. In ihrer Jugend bekommt Marion Angstzustände und körperliche Probleme, wie Sehstörungen. Sie wird in der Schule häufig ohnmächtig, muss sich übergeben und entwickelt eine Bulimie, eine Essstörung, die sich in Essanfällen und anschließendem Erbrechen äußert. Ihre Lehrer:innen beschreiben sie als schüchtern und still.

Lassenberger nennt Selbstwertprobleme als eine Folge wiederholt erlebter psychischer Gewalt. Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, sich abzugrenzen, leiden unter chronischen Schuldgefühlen und empfinden eine überhöhte Verantwortlichkeit.

„Wenn Kinder permanent die Gefühlswelt der Eltern übergestülpt bekommen, können sie ihre eigenen Gefühle gar nicht richtig kennenlernen.“

Baumann zufolge hat das Verhaltensmuster der Schuldumkehr auch Auswirkungen auf den Umgang mit den eigenen Gefühlen: „Viele Betroffene verspüren den Drang, permanent die Verantwortung für Konflikte, Emotionen und negative Erlebnisse der Kommunikationspartner übernehmen zu müssen.“ Ebenfalls bestehe die Gefahr, dass Kinder ihre eigenen Gefühle nicht richtig einordnen können. „Wenn Kinder permanent die Gefühlswelt der Eltern übergestülpt bekommen, können sie ihre eigenen Gefühle gar nicht richtig kennenlernen“, schildert Lassenberger. Das Risiko, erneut in eine ungesunde Beziehung, gleich welcher Art, zu rutschen, ist erhöht. Dysfunktionales Verhalten wird eher als normal wahrgenommen, weil Betroffene es oft nicht anders kennen.

Blonde Frau im Strickpullover auf einem Ledersofa, Hand an der Stirn; ihr Gesicht ist durch Farnblätter ersetzt

Eigene psychische Erkrankungen der Eltern können in der Schuldumkehr eine Rolle spielen.

Wie stark die Auswirkungen von erlebter Schuldumkehr sind, hängt laut Lassenberger damit zusammen, wie lange und in welchem Alter das Kind dem destruktiven Verhaltensmuster ausgesetzt war. Mit zunehmendem Alter erleben Kinder weitere zwischenmenschliche Erfahrungen, können so das Fehlverhalten der Eltern besser identifizieren und das Bedürfnis nach Bindung eher bei anderen Personen befriedigen. Auch schützende Faktoren, wie zum Beispiel weitere nahe Bezugspersonen, haben einen Einfluss. Das können das andere Elternteil, ein Geschwisterkind oder andere nahestehende Personen sein. Bei Marion war es die enge Beziehung zu ihrer Oma und Tante, bei denen sie ihre ersten drei Lebensjahre verbrachte. Dort fühlte sie sich angenommen und aufgehoben. „Meine Oma und meine Tante waren meine Familie“, schildert sie.

Eigene psychische Erkrankungen der Eltern

Marion beschreibt ihre Mutter als „tote Hülle“: „Da war kein Mensch drin“, sagt sie. Die Ursachen für das Verhaltensmuster der Schuldumkehr sind vielfältig. Meist stecken dahinter, laut Baumann, weniger bewusst manipulative Strategien als unbewusstes Verhalten. Elternteile, die Schuldumkehr betreiben, verfügen, dem Pädagogen zufolge, häufig über eine mangelhaft ausgeprägte Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme und eine geringe Reife in der eigenen Persönlichkeit. Negative Gefühle laden Eltern auf das Kind ab, weil sie selbst sich nicht mit ihnen auseinandersetzen können. Die klinische Psychologin Lassenberger weist darauf hin, dass auch psychische Erkrankungen der Eltern eine Rolle spielen können.

Welche inneren Konflikte das Verhalten der Mutter geprägt haben könnten, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Marion erinnert sich an Beziehungsprobleme zwischen ihren Eltern und an eine Essstörung der Mutter.

Zu erkennen, dass die Schuldgefühle nichts mit der eigenen Person zu tun haben, das Verhalten des Elternteils rückwirkend kritisch einzuordnen, sei wichtig. Dadurch ist es möglich, sich vom Erlebten zu distanzieren und Selbstmitgefühl für die eigene Kindheit aufzubringen. „Wer das reflektieren kann, landet auch später seltener in ähnlichen dysfunktionalen Beziehungen“, macht Lassenberger deutlich. Ihr Rat: Nähe zu Menschen, die guttun – und bewusste Distanz zu jenen, die es nicht tun.

Konfrontation und Abgrenzung

Lassenberger empfiehlt, jenes Elternteil, das die Schuldumkehr ausübt, klar auf das Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Das ist nicht immer einfach: „Eltern müssen sich auch auf Hilfsangebote einlassen können.“ Baumann sieht folgende Gefahr: „Wenn erwachsene Kinder versuchen, das Verhalten anzusprechen, werden häufig dieselben Mechanismen genutzt, um dem Konflikt auszuweichen und die Verantwortung wieder zu drehen.“

Collage zu emotionalem Missbrauch: Frau mit dunklen Locken, deren Gesicht durch eine Pusteblume ersetzt ist

Abstand zum Elternteil und Autonomie können zur Besserung verhelfen.

Eine Konfrontation des Elternteils mit seinem Verhalten verlaufe oft unbefriedigend. Oft ist zuvor eine intensive Auseinandersetzung, zum Beispiel durch eigene therapeutische Unterstützung, notwendig. Lassenberger empfiehlt älteren Kindern, an der eigenen Autonomie zu arbeiten: „Dass sie lernen, sich abzugrenzen und neue Beziehungen zu suchen.“ Das muss nicht immer gleich mit einem vollständigen Kontaktabbruch einhergehen. Auch das Knüpfen neuer Beziehungen und ein Abstand zum jeweiligen Elternteil könnten schon helfen.

Ein hilfreicher Klinikaufenthalt

Viele Jahre noch blieb Marion im familiären Gefüge verhaftet. Der Grund: ihre Großmutter. „Ich wäre nie gegangen, solange meine Oma noch lebte.“ Nach dem Tod der Oma wurde die Firma, in der Marion arbeitete, an ein Unternehmen in das 250 km entfernte Bremen verkauft. Marion nutzte den jobbedingten Umzug, um sich von ihrer Mutter zu lösen. In einem Klinikaufenthalt arbeitete Marion später ihre Bulimie, ihre Angststörung und ihre Kindheit und Jugend auf. Erstmals setzte sie sich mit ihren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen auseinander. Auch ihr Glaube an Gott gab ihr Kraft, sich von dem Erlebten zu lösen. Den Kontakt zu ihrer Mutter schränkte Marion Stück für Stück ein. Bis zu deren Tod sah sie sie nur noch vereinzelt.

Die Erfahrungen aus ihrer Kindheit wirkten in Marion lange nach. Nachdem sie später erneut eine ungesunde Beziehung erlebt hatte, begann sie, sich intensiver mit emotionalem Missbrauch und destruktiven Beziehungsmustern auseinanderzusetzen. Heute gibt Marion ihre Erfahrungen an andere Betroffene weiter: Sie gründete eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit erlebtem emotionalem Missbrauch. Dort sprechen Menschen über Schuldgefühle, Scham und schwierige Beziehungserfahrungen. Aber auch darüber, wie es gelingen kann, sich abzugrenzen und neue, gesündere Beziehungen aufzubauen. Marion selbst ist sich sicher: Ohne ihre Großmutter und Tante hätte sie das nicht geschafft: „Die Zeit mit ihnen hat mich leben lassen.“

Hilfe bei psychischer Gewalt in der Familie

Österreich

  • Telefonseelsorge: 142, rund um die Uhr. Gespräch bei Belastung und in Krisen, auch per Chat und Mail. telefonseelsorge.at
  • Kriseninterventionszentrum Wien: 01 406 95 95 (Mo–Fr 10–17 Uhr), anonym, auch per Mail. Kurzfristige Hilfe in akuten Krisen. kriseninterventionszentrum.at
  • Helpline des Berufsverbands Österreichischer Psycholog:innen (BÖP): 01 504 80 00 (Mo–Do 9–13 Uhr). Beratung und Vermittlung zu psychologischer Behandlung. boep.or.at

Deutschland

  • Opfer-Telefon (Weisser Ring): 116 006, täglich 7–22 Uhr, kostenfrei und anonym, auch online. weisser-ring.de
  • TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, rund um die Uhr, auch per Chat und Mail. telefonseelsorge.de
  • ODABS: Datenbank zur Suche nach Beratungsstellen für Gewaltbetroffene in der Nähe. odabs.org

Schweiz

  • Opferhilfe-Nummer: 142, rund um die Uhr, kostenlos, bei physischer, psychischer oder sexueller Gewalt, auch für Angehörige. opferhilfe-schweiz.ch
  • Die Dargebotene Hand: 143, rund um die Uhr, auch per Chat und Mail. 143.ch
  • Selbsthilfegruppen finden: über Selbsthilfe Schweiz und die regionalen Selbsthilfezentren

Bei akuter Gefahr: Österreich 133, Deutschland 110, Schweiz 117 oder Euronotruf 112.

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