Angry Woman Character

Wut ist ein konstruktives Gefühl, heißt es. Aber warum fühlt es sich dann so unangenehm an? Ein Selbstversuch.

Text: Jana Reininger da Rosa
Fotos: Kerstin Muth
Collage: ZIMT Magazin

Datum: 27. Juni 2026
Extreme Nahaufnahme eines fest zusammengepressten Auges mit rosafarbenem Lidschatten und pinken Haaren daneben

Ab und zu hört man von unserem Schlafzimmer aus eine Frau schreien. Ihre Stimme bricht kraftvoll die Ruhe der nächtlichen Nachbarschaft. Ich halte manchmal die Luft an, während ich auf meiner Matratze liege und die Decke anstarre, um ihre Worte zu verstehen – vergeblich. Irgendetwas hat mich immer davon abgehalten, mir Sorgen um sie zu machen oder gar die Polizei zu rufen. Es dauerte eine Weile, bis ich den Grund erkannte: Ihre Stimme klingt nicht nach Angst, sie macht Angst.

Eines Abends sah ich die Frau zum ersten Mal. Sie spazierte in Blazer und Mokassins zwischen den geparkten Autos durch die laternenbeleuchtete Straße, blieb immer wieder abrupt stehen und schrie gestikulierend Schimpfwörter in den Himmel hinauf. Hier und da bogen Menschen um die Ecke, wechselten rasch die Straßenseite.

Die Journalistin in mir kam nicht umhin zu analysieren: Eine Frau wie sie war sicher einsam, dachte ich. Hatte sie Freund:innen? Hatte sie Arbeit? Nahm sie Medikamente? Was hatte sie wohl erlebt, das sie so wütend machte? Welche Diagnosen verpassten ihr die Ärzt:innen wohl?

Es ist März und meine Ellenbogen liegen auf dem Fensterbrett. Auf den Zweigen der Bäume brechen erste Knospen auf und ich atme die kühle Luft ein, um einen frischen Kopf zu bekommen. Gerade eben habe ich noch in mein Polster geschrien. Mein Gesicht ist rot und nass, und beim Gedanken daran, dass wir Frauen ständig weinen müssen, wenn wir wütend sind, werde ich gleich wieder wütend. Weil wir nicht wütend sein dürfen, bleibt uns nichts anderes übrig als zu weinen, das habe ich mal gehört. Und da macht sich ein noch unbekannter Gedanke in mir breit:

Vielleicht wäre es eine Befreiung, die Frau von gegenüber zu sein. Würde die Wut durch meine Fingerspitzen hinauf in den Himmel verschwinden, wenn ich auch so unbefangen schreien würde? Würde ich mich leichter fühlen, wenn es mir egal wäre, dass sich die neugierigen Gesichter der Nachbar:innen gegen die Fensterscheiben drückten, während ich alleine durch die Stille der Nacht zöge?

Schwarz-weiße Aufnahme einer Person, deren Haare wild im Wind fliegen und das Gesicht verdecken

Die Stimme der Frau klingt nicht nach Angst, sie macht Angst.

Stattdessen schweige ich und überlege, wie ich wieder zur Ruhe komme, wie ich möglichst schnell wieder funktionieren, dem Kind versichern kann, dass alles in Ordnung ist – wie ich eine vernünftige Frau für den Mann, weiterhin Mitglied dieser Gesellschaft sein kann.

Laufen gehen? Eine kalte Dusche? Mich ins Bett einmümmeln und mir selbst mit einem guten Buch die Pause gönnen, nach der ich mich schon so lange sehne? Was macht man bloß mit dieser verdammten Wut?

„fueled by female rage“

Unter dem Begriff Female Rage scheint weibliche Wut im Internet bereits etabliert. Gibt man #femalerage auf Instagram ein, tauchen tausende Beiträge auf, darunter Memes: „fueled by female rage“ steht in einer Kachel, die, verziert mit rosa und roten Farben, fast schon lieblich wirkt. Mit den Worten „Which angry woman character are you based on your zodiac?“ (dt: „Welche wütende Frauenfigur bist du laut deinem Sternzeichen?“) lädt ein anderer Beitrag dazu ein, sich mit Filmfiguren zu identifizieren.

Ästhetische Bilder normschöner Frauen und sorgfältig kuratierte Buchtipps verleihen fast schon das Gefühl, weibliche Wut sei das neueste Trend-Accessoire.

Unbezahlte Care-Arbeit, niedrigere Löhne, Altersarmut, der Druck, unmöglichen Schönheitsidealen zu entsprechen, häusliche Gewalt bis hin zu Femiziden – all das ist nur ein Auszug der Realität, in der Frauen leben. Na klar, das macht wütend. Je länger ich scrolle, desto eher habe ich das Gefühl, dass wir Frauen nicht nur alle wütend sind, nein, dass wir richtiggehend wütend sein müssen, um uns gegen Unterdrückung zu wehren.

Als ich das Handy beiseite lege, fühle ich mich erschöpft. Natürlich möchte auch ich die Welt verändern, aber außerhalb von Social Media fühlt sich meine Wut nicht rosa-rot-lieblich an, wenn ich dumpf in einen Polster schreie, wenn ich Türen knalle, mich schäme und sorge, Ängste in meiner kleinen Tochter zu säen.

Wohin packe ich also meine Wut, wenn sie nicht mehr in einen Beitrag auf Instagram passt, wenn sie nicht mehr zu zähmen ist? Wie viel Wut ist notwendig, um Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und wann geht sie zu weit? Ich mache mich auf die Suche nach Antworten.

Zurückstecken, bis wir platzen

Ich sitze im Schneidersitz auf einem Fischgrätboden, über mir an der Decke ist aus weißem Stoff ein Himmel gespannt. Es ist ruhig, als Veronika Fiegl uns fragt, warum wir hier sind. Fiegl ist Trainerin für Körperbewusstsein, bietet Workshops und Einzelsitzungen an, um Menschen zu ihrem Wohlbefinden zu begleiten.

Heute begrüßt sie mich und zwei weitere Frauen in ihrem Wutworkshop. Die 46-Jährige hat ihre Haare nach hinten gebunden und sieht uns erwartungsvoll an. Ich habe Veronika Fiegl gefunden, als ich im Internet nach Wutexpert:innen gesucht habe. Ihr Versprechen, Wut konstruktiv nutzen lernen zu können, hatte mich angesprochen.

Ich knete meine Finger im Schoß, dann breche ich das Schweigen. In meiner Familie war Wut ein großes Thema, erzähle ich. Schon meine Eltern konnten oft und rasch sehr wütend werden. So ist das nun auch bei mir.

Meine Wut kommt meist dann, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.

„Die Klassiker“, sage ich: Wenn mein Partner nicht wertschätzt, wie ich mich um unser Kind kümmere. Wenn ich den Eindruck habe, viel seltener Zeit für mich selbst haben zu dürfen als er. Die Frauen mir gegenüber sehen mich an. Als sie von ihren Anliegen sprechen, merke ich, dass es bei uns allen um Ähnliches geht: Auch sie sind Mütter. Auch sie stecken für das Wohl der Familie viel zurück.

Frauen verrichten täglich mehr als vier Stunden unbezahlte Arbeit, Männer zweieinhalb, so zeigt es eine Erhebung der Statistik Austria. Frauen landen deshalb eher in Altersarmut, so eine Studie des Momentum Instituts aus 2025. Auch wenn beide Elternteile im gleichen Ausmaß erwerbstätig sind, übernimmt die Frau rund zwei Drittel der Hausarbeit. Nach der Geburt schlafen Mütter laut einer US-Studie weniger als Väter und altern folglich schneller. Und auch Zeit für Freizeit bleibt ihnen laut Statistik Austria am Ende der Woche weniger.

Frau mit pinken Haaren und offenem rosa Hemd hält einen Strauß brennender dunkelroter Rosen vor rosa Hintergrund

Viele Frauen empfinden Wut auf die Ungerechtigkeiten des Patriarchats.

Diese Mehrfachbelastung hat Folgen: Jede zweite Mutter in Europa erlebt psychische Probleme wie Angst oder Depressionen. Auch Eltern-Burnouts werden bei ihnen häufiger diagnostiziert als bei Vätern, so die internationale Make Mothers Matter-Studie aus dem Jahr 2025.

Ich habe den Eindruck, je mehr wir über diese Ungleichverteilungen überhaupt wissen, desto wütender werden wir.

Sind Männer einfach aggressiver?

Veronika Fiegl erhebt sich aus dem Schneidersitz, schreitet an das Ende des Raums, wo ein großer Gong steht. Sie hebt den Schläger, holt aus und erteilt der Metallscheibe einen Hieb, der gewaltig durch den Raum hallt. Ich spüre meinen Brustkorb beben.

Dann schütteln wir unsere Körperteile aus, wir spannen sie bewusst an und entspannen sie dann auch wieder. Fiegl schaltet Musik ein. „Haters gonna hate, hate, hate, hate, hate“, singt Taylor Swift und Veronika Fiegl grinst: „bisschen plakativ.“ Wir tanzen ausgelassen durch die Räume. Wenn sich unsere Blicke treffen, lachen wir, um die Peinlichkeit der ungewohnten Intimität loszuwerden. Dann werden wir ernster. Wir üben, bestimmt Nein zu sagen, legen unsere Arme in Kreuze, um auch körperliche Grenzen zu ziehen. Wir schließen die Augen, weil es uns leichter fällt, zornig zu sein, wenn wir dabei nicht gesehen werden. Fiegl korrigiert meine Körpersprache: Wenn ich weniger schwungvoll gestikuliere, werde mein Nein bestimmter. Ich grinse ertappt, bemühe mich um mehr Ernsthaftigkeit.

Würden Männer das auch brauchen? Ihnen scheint es leichter zu fallen, ihre Aggressionen zu äußern – zumindest physisch gesehen. Das kann man auch an der Kriminalitätsstatistik sehen, erklärt Ute Habel, die an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen Neuropsychologische Geschlechterforschung betreibt. Sie gilt als eine der führenden Stimmen, wenn es um die Frage geht, was bei Aggression im Gehirn passiert. Aggression, das ist nicht dasselbe wie Wut, erklärt Habel. Sie ist kein Gefühl, sondern das Verhalten, das darauf abzielt, einer anderen Person Schaden zuzufügen. Während Männer also häufiger auf diese Art handeln, unterscheide sich die Häufigkeit, überhaupt wütend zu werden hingegen nicht nach Geschlecht, so Habel.

Vielmehr, so zeigen es zahlreiche internationale Studien, verbergen Frauen ihre Wut einfach öfter: Anger Gap nennt man das Phänomen, dessen Ursachen noch nicht ganz geklärt sind. Gesellschaftliche, kulturelle, biologische und physische Gründe dürften bei Aggression allesamt eine Rolle spielen, etwa hormonelle Einflüsse oder körperliche Überlegenheit von Männern, so Ute Habel. Aber auch, dass Männern mehr aggressives Verhalten zugestanden wird, ist ausschlaggebend. Denn Frauen erfahren oft negative Konsequenzen, wenn sie ihre Wut äußern. Als zu emotional zu gelten ist noch eine der milderen Abstrafungen.

Wer wütend ist, wird bestraft

Immer wieder kommt es seitens Betroffener zu dem Vorwurf, wütende Frauen würden vorschnell Diagnosen wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung erhalten. Unangemessene Wut gilt als eines vieler Anzeichen einer solchen Diagnose. Die Frage danach, was die Frauen überhaupt zornig macht, würde dabei hinter die Frage rücken, was mit ihnen nicht stimme.

Ob das wirklich so ist, ist wissenschaftlich umstritten. Während ältere Studien einen solchen Bias aufzeigen, zeigen neuere Arbeiten ein gemischtes Bild: Der Effekt scheint kleiner als gedacht, so eine australische Studie aus dem Jahr 2025. Doch nach wie vor wird Frauen häufiger Borderline diagnostiziert als Männern.

Eine Hand in einem rosa Latexhandschuh zerquetscht kraftvoll eine geschälte Banane vor rosa Hintergrund

Wann reicht das Buttermesser, und wann braucht es mehr, um der Wut Raum zu geben?

Dass ich gestört sei und hysterisch, habe ich in romantischen Beziehungen auch schon gehört. Das Wort Hysterie kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich Gebärmutter: Der griechische Arzt Hippokrates dachte, dieses Organ wandere im Frauenkörper umher und verursache emotionale Ausbrüche. Die Diagnose wurde erst 1980 aus dem amerikanischen Standardwerk der Psychiatrie, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), gestrichen.

Dabei wird mir noch mehr Wut zugestanden als anderen: Den Anger Gap erleben nicht-weiße Frauen besonders drastisch. Das Stereotyp der angry Black woman ist in den USA so verbreitet, dass die Politologin Brittney Cooper ihm ein ganzes Buch gewidmet hat.

Frieden schließen

„Eure Wut ist willkommen“, sagt Veronika Fiegl und ich lasse die Worte durch mich hindurch rauschen. Die Akzeptanz fühlt sich gut an. Ich möchte mir meine Wut zur Freundin machen. Aber wie kann ich Freundschaft schließen, mit einem Gefühl, das mich zum Schreien und Toben bringt, das ich erst begrabe, indem ich nachher Rotz und Wasser weine?

„Wut fühlt sich schlecht an, weil wir in unserer Gesellschaft und Erziehung so viele komische Sachen über sie gelernt haben“, sagt Fiegl.
„Ich glaube, das ist eine unserer großen, menschlichen Wunden. Da ist schon so viel unterschiedlicher Missbrauch passiert, dass man sich nachher schämt, wenn man wütend wurde.“

Fiegl spricht von einem Schuld-Wut-Teufelskreis. Wer sich schämt, entschuldige sich häufig dafür und verbiege sich anschließend, um erneute Scham zu vermeiden. Aber ewig funktioniert das nicht: Irgendwann halte man das nicht mehr aus, platze erneut – und fühle sich wieder schuldig.

Ich sitze vor der Körperpraktikerin und denke über meine Wut nach. Fiegl hat recht. Was mich nach meiner Wut belastet, ist Scham. Ich begrabe meinen Zorn oft, um wieder Harmonie leben zu können. Und erst, wenn ich dann Tage später wieder Wut spüre, merke ich, dass ihre Ursache immer noch in mir brodelt.

Wut kommt, wenn eine Grenze überschritten wird, sagt Fiegl, und auch die Psychologin Ute Habel betont: „Zur reaktiven Aggression kommt es bei Bedrohung, Frustration und Provokation.” Den Eindruck, bedroht oder provoziert zu sein, kann bei uns Menschen etwa das auslösen, was wir sehen, hören oder fühlen. Aber auch Tiere funktionieren ähnlich. Bei ihnen sind es vor allem Gerüche, die im Gehirn Aggression auslösen. Das ist durchaus sinnvoll, blickt man auf unsere Evolution: „Ärger und Aggression waren für unser Überleben wesentlich, um sich oder die Seinen zu verteidigen, Status zu erhalten oder sich Zugang zu Ressourcen zu verschaffen.” Auch der dänische Pädagoge und Therapeut Jesper Juul argumentiert in seinen Schriften:

„Ohne Aggression wären wir nicht imstande, uns Ziele zu setzen und sie zu verfolgen.“

Wenn ich etwa vor lauter Care-Arbeit keine Pausen mehr habe, ist es nötig, dass mein Ärger mich dazu bringt, für Zeit für mich zu kämpfen. Wenn bei der Meldung eines erneuten Femizids die Rage in meinem Brustkorb klopft, brauche ich sie, um für mehr Frauenschutz auf die Straße zu gehen. Unsere Wut hilft uns dabei, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber um das Potential des ungeliebten Gefühls auszuschöpfen, müssen wir erst mit ihm Frieden schließen, sagt Fiegl.

Die Wut der Hexen

Juul schreibt, wenn Wut bei Kindern laufend unterdrückt wird, gefährde das ihr Selbstwertgefühl und ihre psychische Gesundheit. Auch bei Erwachsenen können unterdrückte Gefühle zu Depressionen führen, wie internationale Studien zeigen. Das spielt Mareike Fallwickl in ihrem Roman Die Wut, die bleibt (2022) literarisch durch: Eine Mutter begeht nach einem ganz gewöhnlich erscheinenden Familienabendessen Suizid. Doch ihre Wut hinterlässt sie ihrer Tochter, sie bahnt sich ihren Weg durch die Generationen.

Collage: Schwarz-weißes Foto eines wütend schreienden Kindes mit Zöpfen, vor einer alten Handschrift im Hintergrund, aus dem Mund eine Staubexplosion

Wenn Wut bei Kindern laufend unterdrückt wird, gefährde das ihr Selbstwertgefühl, so der dänische Pädagoge Jesper Juul. 

Ist unsere heutige Wut also vielleicht auch das Ergebnis jahrtausende langer Unterdrückung? In ihrem Buch Nemesis‘ Töchter (2025) spürt Tara-Louise Wittwer 3.000 Jahre Frauengeschichte nach. So liegen zwischen uns und der sogenannten Hexenverbrennung beispielsweise nur zehn Frauen. Wittwer argumentiert, dass all die Frauen, die gekämpft haben, in uns weiterleben – ihre Angst, ihre Freude, ihre Liebe. Und auch ihre Wut.

Erste Studien aus der Epigenetik, wie etwa die Arbeiten der US-Forscherin Rachel Yehuda, legen nahe, dass extreme Belastungen generationenübergreifende biologische Spuren hinterlassen können. Ob das auch für weibliche Wut gilt, ist noch nicht geklärt.

Männer töten

Der Workshop geht weiter, und drei wütende Frauen liegen am Boden. Wir öffnen unsere Lippen, unsere Brustkörbe und unsere Herzräume, so sagt es zumindest Veronika Fiegl. Wir sagen Muh und Mi und Mah, fühlen die Vibration in unseren Körpern. Dann wollen wir alle auf den Gong hauen. Wir holen mit zu viel Kraft aus, es scheppert. Wir bewegen uns schwungvoll, genießen den vollen Klang, lachen nervös. Voreinander so laut zu sein ist ungewohnt.

Collage auf rosa Hintergrund: Drei Frauen in schwarzer Kampfsportkleidung in Bewegungsposen, in der Mitte ein großer goldener Gong mit Klangschalen

Im Wutworkshop: Körper anspannen, loslassen, den Gong schlagen – und merken, wie ungewohnt es ist, voreinander so laut zu sein.

Geht es nach Jesper Juul, sollte das nicht so sein. Kinder sollten ihre Aggressionen frei ausüben dürfen, auch wenn das unsere eigenen Werte von Konfliktfreiheit herausfordert. Das mag drastisch klingen, aber noch nicht so drastisch, wie die These der französisch-spanisch-baskischen Autorin Irene García Galán. In ihrem Buch Feministisch Morden wirft sie mittels historischer Abhandlungen die Frage auf, ob Feminismus, der wirklich etwas verändert, nicht nur verbale Aggression, sondern richtige, körperliche Gewalt brauche.

Vernunft, Empathie und Scham bringe Männer einfach nicht dazu, patriarchale Unterdrückung zu beenden, argumentiert sie:

„Müssen wir diese angebliche Gewaltlosigkeit als obersten Wert hochhalten? Sollten wir uns damit aufhalten, möglichst harmlos zu wirken und zu versuchen, die Welt von unserer Freundlichkeit und Friedfertigkeit zu überzeugen?“

Ich finde Irenes Gedanken interessant, aber möchte meinen Mann nicht körperlich attackieren. Auch Ute Habel hält entgegen: „Aggressives Verhalten ist mit hohem Einsatz und Kosten verbunden – heute wie früher.” Kämpfen Frauen physisch gegen Männer, sind sie häufig unterlegen und können selbst verletzt werden, von den sozialen Konsequenzen ganz abgesehen. Und: Aggression verschwindet nicht, nur weil wir sie ausleben. „Wir müssen lernen, mit Wut und Ärger besser umzugehen und Reaktionen zu zeigen, die für uns und die Umwelt akzeptabler und weniger schädlich sind.”

Um das zu erreichen, können Menschen mit erhöhter Aggression in der Psychotherapie lernen, fälschlich als bedrohlich eingestufte Situationen neu zu bewerten, um so emotionale Überreaktionen zu verhindern. Andere Methoden wirken direkt am Gehirn: Sie aktivieren den präfrontalen Kortex, die Schaltzentrale für Verhaltens- und Emotionskontrolle, etwa indem Magnetspulen an den Kopf gehalten oder schwache elektrische Impulse über Elektroden geleitet werden. Erste Befunde deuten darauf, dass sich so Aggression senken lassen könnte. Das ist vergleichbar mit Trainings zur Emotionsregulation, sagt Ute Habel. Workshops wie jener von Fiegl können vor allem im Vorfeld helfen, denn Entspannung sei immer sinnvoll.

Mit Fisch- und Buttermesser kämpfen

Wir haben verschiedene metaphorische Messer zur Verfügung, erklärt Veronika Fiegl. Um unsere Wut konstruktiv zu nutzen, müssen wir wissen, für welche Unstimmigkeiten das Buttermesser reicht und für welche Kämpfe das Fischmesser nötig ist. Letzteres klingt brutal, ist aber nicht im Sinne Irene García Galáns gemeint. Fiegl erklärt die Metapher an einem Beispiel: Muss ich wirklich schreien, weil ich möchte, dass mein Partner mehr Zeit mit dem Kind verbringt? Oder hört er mich auch, wenn ich ruhig spreche?

Damit die Wut nicht unangenehm wird, damit wir uns im Anschluss an sie nicht schämen müssen, damit wir nicht zum Fischmesser greifen, wenn es auch das Buttermesser tut, dürfen wir sie nicht ignorieren, gibt sich Fiegl sicher. Wir müssen sie spüren und sofort auf unsere Grenzen bestehen.

Drei Frauen in weißen Kleidern tanzen ausgelassen vor einem rosa Hintergrund, Haare und Arme in Bewegung

Sich mit der Wut anfreunden und mit ihr umgehen, müssen viele Frauen erst noch lernen.

Das klingt vernünftig. Die US-Lyrikerin und Aktivistin Audre Lorde schrieb bereits 1981, Wut sei eine angemessene Reaktion auf rassistische Haltungen. Auf sexistische, denke ich, auch. Wenn ich meine Wut nur als persönliches Problem behandle, das ich mit Sport oder einer kalten Dusche zu therapieren versuche, depolitisiere ich sie. Statt sie als Werkzeug zu nutzen, mit dem ich Ungerechtigkeiten bekämpfe, wird sie zur Privatangelegenheit, die ich möglichst leise erledigen soll. Und leise sind wir Frauen ohnehin schon viel zu oft.

„Ich mache eine Pause”

Das Ende des Workshops naht, und wir sitzen auf Sesseln verteilt im Raum. Die Trainerin leitet uns an, an eine Situation zu denken, in der wir wütend sind, und ein paar Minuten in uns hinein zu spüren. Dann schnappen wir uns Stift und Papier und schreiben unsere Gedanken auf. Das Schreiben hilft, Schlüsse zu ziehen, die wir in unseren Alltag integrieren können.

Nach dem Workshop sitze ich in der U-Bahn und fühle mich entspannt, etwa so, als hätte ich eine ausgiebige Yoga-Einheit hinter mir. Ich denke daran, dass auch meine Wut in mir wohnt, spüre die Verbundenheit zu den anderen Teilnehmerinnen, vor denen ich mich eben noch so verletzlich gezeigt habe. Bevor ich mich von Fiegl verabschiedete, sagte sie noch, dass die heute bearbeiteten Gefühle in den nächsten Tagen noch besonders intensiv sein können. Allerdings, und das war ihr wichtig zu betonen, bringe eine einzelne Einheit alleine wahrscheinlich noch keine langfristigen Veränderungen.

Werde ich es schaffen, die gelernten Techniken in meinen Alltag zu integrieren?

Ich bin skeptisch. Die Kontrolle über die eigene Wut in konkreten Momenten des Ärgers allein mit Entspannungstechniken wiederzuerlangen ist schwierig, sagt auch Ute Habel. Aber ich nehme mir vor, achtsamer mit einem Gefühl umzugehen, das ich gerade erst zu schätzen lerne.

Zu Hause angekommen, treten die Gedanken des Workshops schnell in den Hintergrund zwischen Kind baden, Abendessen überlegen, ausgeschütteten Saft aufwischen. Während ich auf meinem Handy notieren will, welches Duschgel ich kaufen muss, leuchtet eine neue Nachricht auf, zusätzlich zu den 43 ungelesenen. So ist das eben, denke ich. Wann hat frau schon Zeit, lange mit ihren Gefühlen zu verharren?

Mein Kind setzt sich auf die Couch und sagt, es mache jetzt eine Pause. Ich grinse: „Gute Idee“, und lege mich dazu. „Machen wir gemeinsam eine.“

Die Frau von gegenüber habe ich schon lange nicht mehr gehört, denke ich, als ich einige Tage später wieder die Ellenbogen auf das Fensterbrett lege. Was wohl aus ihr geworden ist? Hat sie gelernt, das Buttermesser zu verwenden? Hat sie all ihre Ungerechtigkeiten aus der Welt geschafft? Vielleicht ist sie auch einfach woanders hingezogen und brüllt nun dort ganz ungestört ihren Zorn in den Himmel hinauf.

Wütend?

Hier findest du kostenfreie Übungen von Veronika Fiegl, wenn die Wut dich überkommt.

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