Er sein

Manuel Franco über den Konflikt zwischen zwei Geschlechtern.

Gedicht: Manuel Franco
Bio und Fotos: Jana Reininger

Datum: 12. September 2022

Ich kann noch immer sein Parfum auf meiner Haut riechen. Ein leiser, stechender Geruch von Holz, und Mann, und gut gehüteten Geheimnissen. Er lauert an meinem Hals, und an der Stelle meiner Handgelenke wo mein Puls an meine Finger klopft. Sie sind lang, die Nägel scharf wie Krallen über meinen sanften Fingerkuppen, als wollten sie ihre runden Köpfchen vor der rauen Außenwelt beschützen. 

Waffen. Sie sind Waffen gegen Hände die nicht so sanft sind, die nichts vor der rauen Außenwelt schützt, weil es dort nichts gibt, wovor sie Schutz bräuchten. Und trotzdem verstecken deren Handgelenke ihren Herzschlag. 

Vielleicht, um zu verstecken, dass sie überhaupt ein Herz besitzen.

Es ist nicht schwer sich die Venen vorzustellen, die unter seiner Haut auf seinen Armen und seinen Händen zu Bergen anschwellen, wann immer er sich anstrengt. Auf meinen fließen sie versengt, versickert, wenn ich nur ruhig genug da liege. Doch bei ihm machen sie mir immer Angst. Bisse und Blutergüsse, die nur auf ihren Auftritt warten. 

Ich frage mich, ob er genauso blutet wie ich oder ob sein Blut dunkler ist, irgendwie befleckt, von gedimmten Nachttischlampen-Lichtern verdeckt und den Worten von Fremden in seinem Mund. Ich frage mich, ob sein Blut wie Feuer durch seine Venen tost, denn so sind Flammen nun Mal. Rastlos, zornig, grenzenlos. Wut ist Flut und Ebbe, sie wäscht all den Dreck im Ozean an Land und wäscht all den Dreck an Land ins Meer. Am Ende sind beide etwas schmutziger, und beide ein kleines bisschen zu leer. 

Er brennt so hell, er merkt nicht mal dass brennen niemals so sehr schmerzt, wie tatsächlich verbrannt zu sein.

Seine Stimme ist eine offene Wunde, voll Kohle und Wolken zur Mitternachtsstunde. Seine Worte vibrieren durch meine Brust, lassen meine Worte als Nebel zurück, am allerstillsten Meeresgrunde. Er spricht wie glimmendes Vinyl, der Rauch kratzt meine Kehle auf. Macht meine Muskeln schwach und rau. Ich bin nicht stark genug. Bin nicht wie er. Vielleicht liebt er deshalb die Tiefe so sehr. Vielleicht fürchte ich sie deshalb mehr als alles sonst. Denn in der Tiefe lauert Schönheit. Ich höre sie manchmal, wenn er singt. Wenn er Magie aus Meerrauch spinnt. 

Könnte ich aushalten ihm zuzuhören, ich würde vielleicht weinen. Doch auf seinen Wangen ist kein Platz für Küstenstrand und Sommerregen. Auf seinen Wangen hat gar nichts Platz als scharfe Knochen und schärfere Kanten die Schatten wie Rasierklingen werfen. Sein ganzer Körper ist nichts als Schatten und Kerzen, nur Schlüsselbeine und Rippen und Knie. Meine weichen Kurven leben jetzt allein in seiner Phantasie, als die schwache Erinnerung an einen Wunsch. Gewünscht von mir oder von ihm, ich weiß es gar nicht mehr. 

Ich habe gespürt, wie seine Haut zu meiner wurde. Diese raue Rüstung eines Soldaten, der nie in den Krieg ziehen wollte. Er wurde für den Winter gemacht, doch der Schnee ist lange schon geschmolzen, und hat das ganze Blut und Salz und Spiegelstaub dorthin mitgenommen, wo Alpträume verschwitzt und Lichter es wert sind, das ganze Jahr auf sie zu warten. 

Er ist so viel größer als ich, sein Körper braucht so viel mehr. Mehr Platz, mehr Luft, mehr ich. Je mehr er nimmt, umso weniger lässt er für mich zurück. Ich bin ein loser Gürtel um seine Taille, ein hastiger Kuss auf seinem Augenlid, eine verwelkende Schleife in seinem Haar. Meinem Haar. Das Einzige, das mir noch durch und durch geblieben ist. Er bindet es fest, er zähmt das Biest, er macht es brav im Wind. Doch wenn der Sturm vorrüberrinnt, da glaube ich, auch er glaubt es sei Magie. 

Die schüchternen Ebenholz-Locken sind Lakritze gegen seine schneebedeckte Haut. Sie wachsen und wachsen, als wollten sie aus einem Turm ausbrechen, der nie auch nur eine Seele eingesperrt hat. Die Sonne spinnt die Strähnen zu Gold für einige, kostbare Märchenmomente. 

Vergängliche, vergangene Märchenmomente. Manche Menschen enden nicht als Ritter in scheinender Rüstung.

Manche Schlösser sind eben nicht gebaut für Prinzen allein. 

Und eigentlich sollen manche Schlösser auch gar nicht die von Prinzen sein.

Manuel Franco ist 19 Jahre alt. Der gebürtige Südtiroler wohnt seit einem Jahr in Wien, wo er transkulturelle Kommunikation studiert. Der Text “Er sein” thematisiert einen Konflikt zwischen den beiden Geschlechtern, “zwischen maskuliner und femininer Seite, einem Mix von beidem oder keinem von beidem”, wie der Künstler sagt. Der Text „Er sein“ wurde auf der Open Mic Veranstaltung „Hast du Lust?“ von improper walls und ZIMT gelesen.

Weitere Beiträge

Der fremde Vater: Clara

Der fremde Vater: Clara

Durch Zufall erfährt Clara, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist. Der Betrug belastet die Beziehungen in ihrer Familie.