Körperbilder

Rita Schmidl über den Körper, die Nähe und das Ankommen.

Gedicht: Rita Schmidl
Fotos: Daniel Nuderscher

Datum: 12. September 2022

Ich wollte Liebe. Wollte Geborgenheit.

Wollte akzeptiert sein. Wollte gewollt werden. Eben nicht für meinen Körper

sondern für mich.

Dachte, ich werde gewollt, wenn ich

meinen Körper zeige. Nämlich nicht –

wenn ich mich zeige. Mich als Person, meine Gedanken, meine Ängste. Sondern

mich als Körper, fast als Fläche, die bespielt wird. Sich bespielen lässt.

Als Oberfläche.

Das Resultat?

Ein runterschlucken von Gefühlen.

Ein nicht zeigen können von mir. 

Ein zu viel zeigen.

Ein – – – 

ich lasse alles mit mir machen, weil ich glaube du akzeptierst mich dann

du willst mich dann, für mehr als nur meinen Körper. Für mich.

Das Gefühl, nicht nein sagen zu können 

aber auch definitiv nicht nein sagen zu wollen. Weil ich doch Nähe wollte,

spüren wollte, Verbindungen herstellen wollte. Verbindungen,

die dann zu schnell getrennt wurden.

Dann kam das Vergraben. Die Traurigkeit. Das dumpfe Gefühl. Irgendwann (viel später) auch die Wut. Das schreien. Innerlich. Selten auch nach außen – in sicheren Räumen.

Je mehr Wut, je mehr sagen was brennt. Je mehr —

der Gleichgültigkeit keine Fläche mehr bieten.

 

Heute liege ich zusammengerollt an der Bettkante. Da, wo ich damals zusammengekrümmt lag. Mit nassem Gesicht. Alleine, mich alleine fühlend. 

Heute umfasse ich meinen Körper. Mal zärtlicher, gefühlvoller. Mal weniger. Aber dennoch – nicht mehr umklammernd.

 Er ist —

mein Zuhause. Keine Fläche, 

die bespielt werden muss.

 

Heute sage ich nein. Heute will ich nicht. 

Ich versuche es zumindest.

Heute bin ich

lieber mit mir selbst. Bin mit meinem Körper, in meinem Körper

zuhause. 

Heute ist mir meins wichtiger als seins.

Rita Schmidl ist Sozialarbeiterin und Inhaberin des Keramiklabels teardrop ceramics. „Ich schreibe immer wieder mal für mich, auch um den Kopf frei zu kriegen. Das ist aber mein erster Text, den ich Fremden (außer meiner Therapeutin) gezeigt habe“, sagt sie. Der Text „Körperbilder“ entstand im Zuge des Open Mic Events „Hast du Lust?“ von improper walls und ZIMT. Es geht darin um „ein Suchen nach Akzeptanz und Nähe, um ein Sich-selber-spüren, ein Sich-verlieren, ein Loslassen und ein Sich-finden“.

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