Eingespart: Das Ende guter Suchtbehandlung?

Weniger Personal, kürzere Entzüge: Wie Wien seine Suchthilfe umbaut – und wer den Preis dafür zahlt.

Text: Jolanda Allram, Jana Reininger da Rosa

Collage: ZIMT Magazin

Datum: 6. Mai 2026
Collage: Rückenansicht einer Person vor einer geschlossenen weißen Tür, umgeben von Münzen auf lila Hintergrund – Symbol für erschwerten Zugang zur Alkoholsucht-Behandlung durch Einsparungen in Wien

Früher bekam Norbert Bauer ganz plötzlich Herzklopfen. Dann zitterte er am ganzen Körper und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Alle Gedanken bündelten sich zu einem einzigen: Alkohol. Jetzt sofort. Unbedingt. So erzählt es der 51-jährige, der eigentlich anders heißt, im Gespräch mit ZIMT bei einem Kaffee. Bauer ist alkoholkrank. Dieser Zustand, den er auch als „irrsinniges Verlangen nach Alkohol“ beschreibt, heißt in der Fachsprache Craving. Wenn der Wahlwiener das heute verspürt, trinkt er ein Glas Wasser, leint seinen Labrador an und geht spazieren. Maximal zehn Minuten dauere so ein Craving, dann gehe es ihm wieder gut. Seit acht Monaten ist Bauer trocken. 

Zu verdanken habe er das, so sagt er, seinem letzten Aufenthalt in der Entzugsklinik des Anton-Proksch-Instituts (API) in Wien. Das API wurde einst nur zur Behandlung von Alkoholabhängigkeiten gegründet, nimmt heute jedoch Menschen mit allerlei Suchterkrankungen auf – Menschen, die abhängig von Glücksspiel sind, werden hier beispielsweise genauso behandelt wie jene, die süchtig nach Medikamenten sind. Als größte Suchtklinik Europas bezeichnet sich das API in seiner Informationsbroschüre selbst. 4.500 Patient:innen werden hier eigenen Angaben zufolge jährlich behandelt.

Nun fehlt das Geld. Mitarbeiter:innen zeigen sich verzweifelt.

Doch nun fehlt das Geld. Mitarbeiter:innen wenden sich an die Presse, zeigen sich verzweifelt. Eine hochwertige Suchtbehandlung sei in vielen Fällen nicht mehr möglich, heißt es. Die Stimmung in der Klinik sei massiv bedrückend, Personal werde abgebaut, Entzugsmaßnahmen verkürzt. In einem offenen Brief wenden sich die Mitarbeiter:innen im März 2026 an Entscheidungs- und Kostenträger:innen: „Die Auswirkungen der aktuellen Entwicklung sind bereits deutlich spürbar. Für Patientinnen und Patienten aus Wien kommt es schon jetzt zu Einschränkungen beim Zugang zur Behandlung.” Die Stadt jedoch hält dagegen: Es handele sich schlichtweg um eine Modernisierung der Behandlung.

Was ist dran an den unterschiedlichen Meinungen? ZIMT hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht. 

Werden Menschen in den Tod geschickt?

„Mit diesen Änderungen schickt man gewisse Leute in den Tod”, sagt Bauer. Vor einem Dreivierteljahr hat der 51-Jährige seinen fünften Entzug beendet. Er hofft, dass es der Letzte war. Auch weil es die Rettung in letzter Sekunde war: „Mein Leben hing an einem seidenen Faden.“

Collage: Medizinische Fachkraft mit verschränkten Armen, umgeben von internationalen Münzen und einem leeren weißen Stuhl – Symbol für Einsparungen im Anton Proksch Institut und fehlende Therapieplätze

Das Anton-Proksch-Institut in Wien kämpft gegen Einsparungen.

Der Kärntner, der seit seiner Studienzeit in Wien lebt, hat eine lange Geschichte des Alkoholmissbrauchs hinter sich. Schon im Alter von 15 Jahren ist Alkohol stets sein treuer Begleiter. Damals laden Trainer, Zuschauer, Sponsoren und Wirtsleute ihn und die anderen Spieler am Fußballplatz nach dem Training auf das ein oder andere Bier ein. Später, in seiner Studienzeit, besucht Bauer gerne Partys und im Berufsleben folgen gediegene Meetings mit politischen Vertreter:innen mit ein, zwei Flaschen Wein schon am Vormittag. Als Geschäftsführer eines erfolgreichen Unternehmens verkehrt er in unterschiedlichen Kreisen. Doch egal ob Politik, Wirtschaft oder Kunst: Überall ist Alkohol dermaßen normalisiert, dass es kaum auffällt, als das Trinken zum Problem wird.

„Überall ist Alkohol dermaßen normalisiert, dass es kaum auffällt, wenn Trinken zum Problem wird.“

Heute sieht Bauer die Anzeichen, die ihm damals selbst entgingen, klar: „Es war kein Kater mehr da. Das ist ein schlechtes Zeichen.” Nach einer Routineoperation im Krankenhaus geht es ihm schlecht, er schläft kaum, ist unruhig. „Zuhause habe ich mir dann einen Spritzer eingeschenkt und gemerkt, wie ich ruhiger werde.” Da werden Bauer die Warnzeichen erstmals bewusst.

Gefährliche Folgen des Alkoholmissbrauchs

Seinen ersten Entzug bricht Bauer nach vier Wochen ab. „Weil ich mich geheilt gefühlt habe”, sagt er. Es folgen mehrere Versuche, trocken zu werden, die erfolglos bleiben – bis ihn seine Ehefrau im August des vergangenen Jahres verwirrt und desorientiert im gemeinsamen Haus findet. Bauer fällt es sogar schwer, zu gehen. Seine Frau verständigt die Rettung. 

Heute weiß Bauer, was damals mit ihm los ist: „Ich übertreibe nicht: ich war in Lebensgefahr.“ Durch den Alkoholkonsum ist seine Leber bereits so geschädigt, dass sie nur noch eingeschränkt arbeitet. Bei einer dermaßen fortgeschrittenen Leberzirrhose, also dem Endstadium einer chronischen Leberschädigung, reichert sich Ammoniak im Blut an, das ins Gehirn gelangen kann. Ammoniak ist ein giftiges Stoffwechselprodukt, das für gewöhnlich von der Leber abgebaut wird. Symptome, wie zum Beispiel Verwirrung und Persönlichkeitsveränderungen, sind die Folge. Bauer erinnert sich, er habe halluziniert. Aber er hatte Glück, denn der Zustand führt laut medizinischen Handbüchern trotz Behandlung häufig zum Tod.

„Ich war in Lebensgefahr.”
Norbert Bauer (Name geändert), 51

Im Krankenhaus stabilisiert sich Bauer rasch, dennoch muss er für knapp drei Wochen bleiben. Gleich im Anschluss tritt er, körperlich noch geschwächt, den stationären Entzug im Anton-Proksch-Institut an. Sieben Wochen dauert dieser. 

Alkoholentzug braucht Zeit

Eine Suchtbehandlung besteht aus zwei Phasen: dem körperlichen Entzug und der psychischen Entwöhnung. Im körperlichen Entzug, der sogenannten Entgiftung, wird der Körper unter medizinischer Aufsicht von der Substanz befreit. Dabei können teils lebensbedrohliche Entzugssymptome auftreten. Gemäß der deutschen medizinischen Leitlinie, an der sich auch in Österreich oft orientiert wird, wird eine stationäre Behandlung häufig empfohlen – etwa wenn das Risiko eines Entzugsanfalls oder Delirs besteht, schwere Begleiterkrankungen vorliegen, soziale Unterstützung fehlt oder ambulante Entzüge zuvor gescheitert sind.

Collage: Zwei weiße Stühle in einem sonnendurchfluteten Wald neben einem Fenster, Münzen im Hintergrund – Symbol für Therapiegespräche in der Suchtbehandlung und deren Finanzierungsunsicherheit

Ob jemand aus Niederösterreich oder Wien kommt, entscheidet über seine Behandlungsdauer.

Das bedeutet, dass Patient:innen auch über Nacht in der Klinik bleiben. Bauer kennt das auch anders. Bei einem seiner vielen Entzugsversuche lernt er auch den ambulanten Entzug kennen. Das bedeutet, dass er nachts nach Hause gehen darf. Das gefährdet seinen Behandlungserfolg: „Ich habe das absolut nicht ernst genommen. Phasenweise bin ich unter Einfluss von Alkohol zu Terminen erschienen.”

Nach dem erfolgreichen körperlichen Entzug folgt für gewöhnlich die psychische Entwöhnung. Dabei geht es darum, die psychosozialen Ursachen der Abhängigkeit zu bearbeiten und neue Verhaltensmuster einzuüben. Dieses Vorgehen, das in der Regel mehrere Monate Einzel- und Gruppentherapie bedeutet – laut Bauer der schlimmste Teil des Entzugs – entspricht den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgegebenen Standards.

Wie viele werden noch ihre Jobs verlieren?

Wenn der Mitarbeiter des API, Robert Schwarz, während seiner Arbeitszeit am Fenster steht, kann er den Wienerwald sehen. Wie auch Bauer möchte er anonym bleiben. Sein Name ist eigentlich ein anderer, auch seine Jobbeschreibung teilt er nicht öffentlich, zu groß ist die Sorge, durch seinen Arbeitgeber erkannt zu werden. Die Landesgrenze nach Niederösterreich ist nur einen Steinwurf entfernt und trotzdem, so erzählt er, entscheidet sie jetzt über die Zukunft seiner Klient:innen.

„Nun entscheidet die Landesgrenze über die Zukunft der Klient:innen.”

„Es ist absurd“, sagt Schwarz: „Wenn ein alkoholkranker Patient aus Niederösterreich kommt, bekommt er acht bis zwölf Wochen stationäre Therapie. Kommt er aus Wien, wird er nach vier Wochen vor die Tür gesetzt.“ Das bestätigt auch der Betriebsrat des API auf Anfrage des ZIMT Magazins. Schwarz ist frustriert. Das hört man nicht nur in seiner Stimme, das sagt er auch. Die jüngsten Einsparungen der Stadt Wien im psychosozialen Bereich erschweren ihre Arbeit zur Zeit immens, erzählt er.

Zahlreiche Mitarbeiter:innen haben bereits ihren Arbeitsplatz verloren, das schreiben die zurückgebliebenen Kolleg:innen auch in ihrem offenen Brief an die Entscheidungsträger:innen. Die letzten Kündigungen erfolgten Ende April 2026, so Schwarz. Ob und wie viele Therapeut:innen, Sozialarbeiter:innen, Pfleger:innen und Pädagog:innen künftig noch gehen müssen, ist unklar. Das, was derzeit passiert, nennt Robert Schwarz eine Katastrophe.

Collage: Silhouette einer Person hinter einer Glasscheibe, daneben jemand mit einem Karton voller persönlicher Gegenstände im Krankenhausflur – Symbol für Kündigungen im Anton Proksch Institut Wien

Zahlreiche Mitarbeiter:innen haben das Anton-Proksch-Institut in Wien bereits verlassen – ob freiwillig oder nicht.

Verantwortliche des API selbst wollen sich auf wiederholte Nachfrage von ZIMT aktuell nicht zu den Vorwürfen äußern. Am 23. März 2026 schreibt die Kommunikationsabteilung des Instituts: „Wir nehmen die Sorgen und Anliegen unserer Mitarbeiter:innen sehr ernst und verstehen, dass die aktuellen Herausforderungen für alle Beteiligten belastend sind. Unsere Priorität ist, die suchtspezifische Versorgung unserer Patient:innen bestmöglich sicherzustellen und die langfristige Stabilität des Anton-Proksch-Instituts zu gewährleisten.”

Alkoholsucht betrifft alle 

„Die Stimmung im Haus ist am Boden“, erzählt Robert Schwarz. Während die Mitarbeiter:innen im vergangenen Winter noch hofften, dass sich die Politik rasch auf Lösungen einigen würde, regiert nun die Angst. „Kolleg:innen haben zu weinen begonnen, als sie von den Kündigungen erfuhren. Die Unsicherheit ist extrem. Jeder fragt sich: Bin ich der Nächste?“ Dabei war das Anton-Proksch-Institut einst ein Arbeitgeber, bei dem man gerne blieb, so Schwarz. „Früher gab es kaum Fluktuation. Die Teams waren konstant, die Bezahlung gut.“ 

„Die Stimmung im Haus ist am Boden” – Robert Schwarz (Name geändert), Mitarbeiter im API

Schwarz selbst hatte nie geplant, im API zu arbeiten. Als er jedoch einst dort anfing, gefiel es ihm. Er blieb aus Überzeugung: „Sucht betrifft jeden.” Das Klischee der obdachlosen Alkoholabhängigen greift hier nicht. „Wir behandeln Ärzt:innen, Politiker:innen, Lehrer:innen, Priester:innen.“ Diese soziale Durchmischung schätzt Schwarz gleichermaßen wie Norbert Bauer. 

Gesundheitsministerium: Patient:innenwohl könnte in Hintergrund geraten

Kündigungen und kürzere Behandlung: Wird die Alkoholsuchtbehandlung in Wien vernachlässigt? „Alkohol. Leben können.“ heißt das Versorgungsprogramm für Wiener:innen mit einer Alkoholabhängigkeit. Die Behandlung erfolgt in den Einrichtungen des Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerks. Dazu zählen neben dem Anton-Proksch-Institut etwa auch der Verein Dialog oder der Verein Grüner Kreis.

Die Kosten dafür tragen die Stadt Wien, die Österreichische Gesundheitskassa, sowie bis Ende 2025 die Pensionsversicherungsanstalt (PVA). Diese ist nun aus der gemeinsamen Finanzierung des Angebotes ausgestiegen. Das kam nicht überraschend: Bereits 2023 hatte die PVA beschlossen, die Kooperation mit Ende 2025 zu beenden. Als Grund nennt diese gegenüber ZIMT die regionalen Einschränkungen des Angebots. Verhandlungen zwischen den Kostenträger:innen wurden bis zuletzt geführt, um die Kooperation weiterzuführen, doch man konnte keine gemeinsame Lösung finden. Das bedeutet das Ende der Rehabilitationsleistungen im Rahmen des Programms.

„Bei umfassend angelegten Beteiligungsmodellen besteht das Risiko, dass [… ] Patient:innenwohl, Versorgungsqualität, Transparenz und Nachhaltigkeit gegenüber kurzfristigen Renditeinteressen in den Hintergrund treten.” – Österreichisches Gesundheitsministerium

Pikant ist in diesem Zusammenhang die Eigentümerstruktur des API. Die Vamed-Reha-Sparte, zu der auch das Anton-Proksch-Institut zählt, wurde Ende 2024 an PAI Partners, einem auf Gesundheitsdienstleister spezialisierten französischen Finanzinvestor, verkauft. Auf Anfrage von ZIMT äußert sich das Bundesgesundheitsministerium dazu vorsichtig kritisch: Bei umfassend angelegten Beteiligungsmodellen besteht das Risiko, dass [… ] Patient:innenwohl, Versorgungsqualität, Transparenz und Nachhaltigkeit gegenüber kurzfristigen Renditeinteressen in den Hintergrund treten.” Darauf weisen auch internationale Studien hin.

Der Drehtüreffekt kostet den Staat

„Wenn die Menschen nach vier Wochen gehen müssen, sind sie zwar körperlich ‚sauber‘, aber die eigentliche Arbeit hat noch gar nicht richtig begonnen”, sagt Robert Schwarz. „Die Patient:innen werden nicht gesünder, sie kommen nur öfter wieder.“ Dieser Drehtüreffekt wird in internationalen Studien nachgewiesen – und mündet nicht nur in persönlichen Herausforderungen, sondern auch in umso höheren Kosten für das Gesundheitssystem.

Collage: Eine Hand hält eine überdimensionale Münze als Schlüsselanhänger, im Hintergrund Einkaufstaschen – Symbol für fehlende Finanzierung der Suchtbehandlung in Wien

Bereits benachteiligte Personen erfahren durch die Kürzungen weitere Nachteile: Schon jetzt wird die Finanzierung des Alltags für viele zum Problem.

„Wenn man aus dem Entzug kommt, braucht man Rückhalt und Unterstützung. Leute, die draußen alleine auf sich selbst gestellt sind, greifen oft wieder zum Glas, und der Prozess beginnt von vorne”, berichtet auch Bauer. „Die Leute brauchen eine Stabilisierungsphase, damit sie ihren Alltag wieder meistern können.” Auch der Betriebsrat des API fordert eine künftige Finanzierung, in der alle Patient:innen den gleichen Anspruch auf stationäre Behandlung haben. 

Geht es jedoch nach der Stadt Wien, habe sich die Behandlung in Wien nicht verschlechtert. Die Stadt habe nicht eingespart, sie finanziere die Versorgung von Menschen mit Alkoholerkrankungen im gleichen Ausmaß wie bisher, so schreiben es die zur Stadt Wien gehörenden Psychosozialen Dienste in ihrem Schreiben an ZIMT. Aber was heißt das?

Wer in Wien mit Suchterkrankung auf eine Behandlung wartet, meldet sich nicht direkt beim Anton-Proksch-Institut – auch wenn er gerne dort hin möchte. Erste Anlaufstelle ist stattdessen das regionale Kompetenzzentrum. In einem Erstgespräch sollen dort Ärzt:innen, klinische Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen gemeinsam mit den Patient:innen feststellen, welche Unterstützungsleistungen individuell gebraucht werden – und in welche Einrichtungen sie folglich weitervermittelt werden. Wer also im API aufgrund von Einsparung keinen Platz bekommt, soll in anderen Einrichtungen fündig werden.

Immer weniger Unterstützung für benachteiligte Menschen

Das Problem: Nicht nur das API klagt über Einsparungen. Jahrzehntelang aufgebaute Strukturen und Fachwissen im Bereich der Suchthilfe und der Arbeitsmarktintegration könnten verloren gehen. Davor warnten bereits im November 2025 unter anderem die Organisationen Individuelle Suchthilfe, gabarage, Suchthilfe Wien und Sucht- und Drogenkoordination Wien in einem offenen Brief an den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, Finanzstadträtin Barbara Novak, Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (alle SPÖ) und den Geschäftsführer der Sucht- und Drogenkoordination Wien, Ewald Lochner.

„Bereits benachteiligte Menschen werden nun weiter benachteiligt” – Thomas Valina, FH Campus Wien

Viele Einrichtungen berichten darüber, dass Förderzusagen bereits gesenkt, weitere Kürzungen für die kommenden Jahre angekündigt wurden und die Angebote daher reduziert werden müssen”, erklärt Thomas Valina auch über andere soziale Bereiche Wiens, die derzeit angeben, mit Einsparungen konfrontiert zu sein. Valina unterrichtet Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Materielle Sicherung an der Hochschule Campus Wien. Er nahm im März 2026 an einer Kundgebung des Berufsverbands der Sozialen Arbeit (OBDS) zum Thema teil. „Wien war anders”, hieß es dort – und das bringt Valina zufolge das Problem auf den Punkt. 

In vielen sozialen Bereichen würden bereits benachteiligte Menschen nun weiter benachteiligt. So erhalten beispielsweise Pensionist:innen nur noch eine jährliche Sonderzahlung, statt wie bisher zwei. Die Möglichkeit, die Wiener Mindestsicherung, eine finanzielle Unterstützung der Stadt Wien für Menschen in Notlagen, zu erhalten, steht nun weniger Menschen zu, und auch Haushalte mit Kindern erhalten weniger finanzielle Unterstützung als bisher. Für betroffene Menschen sei es auch angesichts der anhaltenden Teuerung schwieriger geworden, Ausgaben, die das tägliche Leben sichern, wie etwa für Miete, Energiekosten oder Lebensmittel, zu decken.

In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Wiener Sozialpolitik stark gewandelt. „In Summe verfestigt sich der Eindruck, dass Wien nicht mehr so standfest gegenüber den neoliberalen Entwicklungen aus dem Bund und den rechtskonservativen Strömungen aus anderen Bundesländern ist”, erklärt Thomas Valina gegenüber dem ZIMT Magazin.

Modernisierung oder Abbau?

Die Stadt Wien sieht das anders. Seitens des Mediensprechers des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker heißt es auf Anfrage von ZIMT: „Die Darstellung der schlechteren Suchtbehandlung für Alkoholkranke in Wien basiert stark auf einem mittlerweile überholten Verständnis von Suchtbehandlung. Vor diesem Hintergrund ist der Fokus in Wien auf ambulante Behandlungsangebote nicht Ausdruck einer ‘Benachteiligung’, sondern eine Verschiebung hin zu einem modernen, stärker ambulant orientierten Versorgungssystem.”

„Moderne Suchtmedizin orientiert sich nicht daran, Patient:innen möglichst lange ‘wegzusperren’, sondern daran, wirksame, alltagsnahe und nachhaltige Behandlung zu ermöglichen.” – Psychosoziale Dienste Wien

Geht es nach den PSD, ist die Länge eines stationären Aufenthalts nämlich gar nicht ausschlaggebend darüber, wie hochwertig die Behandlung ist: „Moderne Suchtmedizin orientiert sich nicht daran, Patient:innen möglichst lange ‘wegzusperren’”, heißt es auf Anfrage des ZIMT Magazins, „sondern daran, wirksame, alltagsnahe und nachhaltige Behandlung zu ermöglichen. Vier Wochen können bei entsprechender Intensität und Qualität absolut ausreichend sein, um Stabilisierung, Entzug, Motivation und einen strukturierten Behandlungsplan zu erreichen.”

Collage: Hände halten ein aufgeschlagenes Buch neben einem vollen Wasserglas, rechts fallen Münzen herab – Symbol für Nüchternheit im Alltag und die Kosten des Alkoholentzugs<br />

Nüchternheit im Alltag: Bauer tauscht den Alkohol nun gegen ein gutes Buch. 

Gabriele Fischer ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und leitet die Drogenambulanz der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien. Schon zehn Jahre lang ist sie zudem in der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht tätig. Fragt man sie, wie sinnvoll die Verschiebung der Behandlung hin zum ambulanten Betrieb ist, kann sie keine eindeutige Antwort geben, denn: „Das kommt auf das Erkrankungsbild der Patient:innen an.”

„Isolierte Einrichtungen für alkoholkranke Menschen sind veraltet und stigmatisierend” – Gabriele Fischer, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie

In vielen Fällen mache eine ambulante Versorgung durchaus Sinn, zumal aus ihrer Sicht isolierte Einrichtungen für alkoholkranke Menschen veraltet und stigmatisierend seien. Ähnlich klingt auch die Meinung der PSD: Statt lange Klinikaufenthalte zu fokussieren, sollen suchtkranke Menschen zunehmend dabei unterstützt werden, ihre stabilisierenden Fertigkeiten in ihren Alltag zu integrieren. 

Ist ambulante Suchtbehandlung also doch die richtige Wahl?

Ganz so einfach ist es laut Gabriele Fischer aber dann doch nicht: „Akute Entzugsbehandlungen bei fortgeschrittener Abhängigkeitserkrankung sind gefährlich und bedürfen jedenfalls einer stationären Überwachung.” 

Seit dem Jahreswechsel umfassen die Behandlungsangebote für Menschen mit Alkoholerkrankung in Wien nur noch die Akutversorgung und die Stabilisierung zur Herstellung der Rehabilitationsfähigkeit. Die eigentliche Rehabilitation – jene Phase, in der es um die Überwindung psychischer Abhängigkeiten und die Stabilisierung der Abstinenz geht – ist im aktuellen Wiener Modell nicht mehr abgedeckt. Wer dafür einspringen müsste, ist umstritten. Die Stadt Wien verweist auf die gesetzliche Zuständigkeit der PVA für Rehabilitationsleistungen. Die PVA wiederum schreibt auf Nachfrage von ZIMT: „Die Pensionsversicherung kommt weiterhin ihren Verpflichtungen im Rahmen der medizinischen Rehabilitation nach, sofern bei den Versicherten die Reha-Fähigkeit gegeben ist.“ Zugleich begründete die PVA ihren Ausstieg aus „Alkohol. Leben können.“ mit den regionalen Einschränkungen des Angebots. An einem bundesweiten Gesamtkonzept werde gearbeitet, gemeinsam mit Sozialversicherungsträgern, Bund und Ländern.

„Ich hätte das alleine nicht geschafft”

Es geht aber nicht nur um die Dauer der Behandlung, sondern auch um die Qualität. Wenn Sozialarbeiter:innen, Sozialpädagog:innen und andere Fachkräfte vom einen auf den nächsten Tag nicht mehr da sind, betreffe das auch die Patient:innen, die an sie gewöhnt waren. „Sucht ist eine chronische Krankheit. Die Beziehung zu ihren Therapeut:innen ist oft der wichtigste Anker. Wenn wir Personal abbauen und vertraute Gesichter verschwinden, kappen wir diesen Anker.“ Der ehemalige Patient Bauer sagt außerdem: „Wie kann jemand, der Angst um seinen Job hat, hundertprozentig für seinen Patienten da sein?”

Collage: Labrador hält eine blaue Hundeleine im Maul in einem Wald, links Münzen – Symbol für Craving-Bewältigung bei Alkoholsucht und die Bedeutung von Alltagsroutinen in der Behandlung

Wenn Bauer das Verlangen nach Alkohol verspürt, geht er mit dem Hund aus.

Dass Bauers Entzug so lange gescheitert ist, liege auch am gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol: In unserer Trinkkultur müsse man sich rechtfertigen, wenn man nicht mittrinkt, das habe er oft erlebt. Früher habe er Notlügen erfunden, heute lehne er Angebote zum Mittrinken aller Verwunderung zum Trotz einfach ab. Er sage nun offen, dass er trockener Alkoholiker ist. Für Scham sehe er keinen Grund mehr, denn Alkoholsucht ist eine Krankheit, etwa wie Diabetes.

„Ohne Zittern, ohne Herzrasen. Dieser Unterschied fühlt sich sensationell an, wirklich. Es ist nahezu eine Wiedergeburt.” – Norbert Bauer, 51 Jahre

Bauer habe gelernt, Getränke auch ohne Alkohol zu genießen. Er findet wieder Freude an Hobbys, nennt sich selbst einen Literaturjunkie. Die aktuellen Entwicklungen verärgern Bauer – nicht nur, weil es viele andere mit seinen Problemen gibt, sondern auch, weil er weiß, dass er längst nicht sicher vor einem Rückfall ist: „Man kann als trockener Alkoholiker nie sagen, dass man hundertprozentig genesen ist.“ 

Alle zwei Wochen trifft Bauer seine Therapeutin zu Gesprächen. Vom Verein Grüner Kreis wird er weiterhin psychologisch betreut.

Wenn Bauer nach seiner Tarockrunde mit Freund:innen nüchtern nach Hause geht, denkt er daran, wie schön es ist, morgens ohne Kater aufzuwachen: „Ohne Zittern, ohne Herzrasen. Dieser Unterschied fühlt sich sensationell an, wirklich. Es ist nahezu eine Wiedergeburt. Ich hätte das alleine nicht geschafft.”

Alkoholkrank – Was bedeutet das überhaupt?

Alkoholabhängigkeit ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte chronische Krankheit, die durch Kontrollverlust, starken Trinkzwang und körperliche Entzugssymptome gekennzeichnet ist. Etwa 15 Prozent der Österreicher:innen trinken aktuellen Erhebungen zufolge Alkohol in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß, wobei der Anteil unter Männern knapp doppelt so hoch ist wie unter Frauen. Rund 5 Prozent gelten als alkoholabhängig.

Kontrolliertes Trinken statt völliger Abstinenz

Als moderner Ansatz in der Suchtbehandlung gilt heute oftmals das kontrollierte Trinken: Statt zur Gänze mit dem Trinken aufzuhören, wird gemeinsam mit dem/der Betroffenen ein „Konsumziel” festgelegt. Wie dadurch mehr Kontrolle über den Alkoholkonsum erreicht werden soll – ZIMT hat berichtet

Eine deutsche Übersichtsstudie aus dem Jahr 2020 hat gezeigt, dass das kontrollierte Trinken in Kombination mit Psychotherapie als gleichwertige Option zur Abstinenz gesehen werden kann. Medizinische Richtlinien haben diesen Ansatz bislang nicht als gleichwertige Option übernommen. Die österreichische Suchtmedizin orientiert sich an der S3-Leitlinie Screening, Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. In ihr wird die Abstinenz als primäres Therapieziel genannt. Die Leitlinie befindet sich gerade in Überarbeitung. 

Ob dieses Behandlungsziel sinnvoll ist, hängt laut Gabriele Fischer vom Muster des Konsumverhaltens der Patient:innen und von psychiatrischen Begleiterkrankungen (weiteren psychischen Erkrankungen, die gleichzeitig vorliegen) ab.

Quellen

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