Triggerwarnung
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„Hör mal, ich habe Psychosen“
Wer verliebt ist, befindet sich in einem psychischen Ausnahmezustand. Wie gelingen Beziehungen also für Menschen, die ohnehin schon mit Psychosen leben?
Text: Patricia Kornfeld
Illustration: Nada Ree
Collage: ZIMT Magazin
Es ist 2019, und Artur ist glücklich. Seit einem Jahr ist der Berliner mit seinem Partner Cem* zusammen. Er freut sich auf die gemeinsame Zukunft, denkt sogar an Kinder. Natürlich ist nicht immer alles perfekt, es gibt ein paar Unstimmigkeiten, wie bei jedem Paar. Aber die Gefühle sind groß, überwältigend sogar: Artur begreift Cem als den wichtigsten Menschen in seinem Leben, als seine ewige Liebe. Gleichzeitig startet der gebürtige Sibirier als Synchronsprecher gerade richtig durch. Sein Leben empfindet Artur wie einen Sechser im Lotto. Bis plötzlich alles aus den Fugen gerät.
Auf einmal knallt er Cem alles an den Kopf, was ihn an der Beziehung stört. Dinge, die ihn schon eine Weile beschäftigen, werden plötzlich zu akuten Problemen, die alle gleichzeitig aus ihm herausplatzen. Er macht seinem Freund Druck. Zum Beispiel müsse sich Cem endlich als schwul outen: „Ich sagte zu ihm: Du hast meine komplette Familie kennengelernt und planst dein Leben mit mir. Wie stellst du dir das vor, wenn du nicht geoutet bist?” Außerdem drängt er Cem zum Abnehmen. Cem hat eine genetische Erkrankung, bei der Übergewicht das Gesundheitsrisiko deutlich erhöhen kann. „Also erklärte ich ihm, dass ich keine Lust habe, ihm dabei zuzusehen, wie er sich tot frisst.”
Formulierungen, die er im Nachhinein schnell bereut. „Hätte ich es genauso ausdrücken sollen? Nein”, reflektiert der heute 35-Jährige. „Aber ich dachte in diesem Moment: Ich war sehr lange geduldig und behutsam. Jetzt ziehen wir die Daumenschrauben an.” Doch die Konfrontation beschädigt die Beziehung schwer: Cem distanziert sich, macht schließlich Schluss. Einen möglichen Grund für seinen Kontrollverlust erfährt Artur erst in der psychiatrischen Klinik: 2019 erlebte er seine erste Psychose.
In einer eigenen Welt
Unter Psychosen versteht man Zustände, in denen betroffenen Personen in unterschiedlichem Ausmaß der Kontakt zur Realität entgleitet. Sie hören oder sehen zum Beispiel Dinge, die der Außenwelt verborgen bleiben. Rund ein bis zwei Prozent der Bevölkerung erlebt im Laufe ihres Lebens mindestens eine Psychose. Männer und Frauen sind gleichermaßen davon betroffen, wobei Männer typischerweise früher erkranken.
Psychosen können eigenständig oder als Teil einer psychischen Erkrankung auftreten, am häufigsten bei Schizophrenie. Auch andere Faktoren können das Risiko erhöhen. Dazu zählen etwa Substanzkonsum, frühe Traumatisierungen, anhaltender Stress oder Schlafstörungen. Das Wechselspiel aus erblicher Veranlagung, individueller Sensibilität und Umwelteinflüssen spielt dabei eine große Rolle.
Artur hatte mittlerweile vier Psychosen, die sich alle in ihrer Intensität und Dauer voneinander unterschieden. Beim ersten Mal verbrachte er insgesamt drei Monate in einer psychiatrischen Klinik. Währenddessen war er felsenfest davon überzeugt, magische Kräfte zu besitzen und zaubern zu können. Einmal glaubte er, dass Engel zu ihm sprechen und er eigentlich im Körper einer biblischen Figur stecke. Und auch die Beziehung zu Cem war für ihn symbolisch aufgeladen: „Ich dachte, dass wir nicht bloß irgendein Liebespaar sind, sondern Wiedergeborene oder Avatare, die vom Schicksal füreinander bestimmt wurden.” Ein Symptom zieht sich hartnäckig durch all seine psychotischen Schübe: „Ich neige dann dazu, meine Filter zur Seite zu schieben und den Leuten zu sagen, was ich wirklich denke.” Nicht jede Beziehung hält eine solche Direktheit aus.
Artur und Cem waren überglücklich miteinander. Bis Arturs Psychosen einsetzten.
Romantische Liebe ist ein psychischer Ausnahmezustand, auch für Menschen ohne psychische Vorbelastung. Wie sich Verliebtheit auf das Gehirn auswirken kann, haben australische Wissenschaftler:innen untersucht. In einer Studie aus dem Jahr 2023 befragten sie 1.556 junge Erwachsene und stellten fest: Romantische Liebe verändert die Gehirnaktivität mitunter so stark, dass sich alles um die geliebte Person dreht: Man will ihr nah sein, sieht die Welt durch die rosarote Brille und handelt mitunter wider die Vernunft.
Frisch verliebte Teenager zeigen laut einer Schweizer Studie aus 2007 sogar Züge einer Hypomanie, einer leichten Form der Manie, bei der Menschen enthemmt und antriebsstark sind, weniger schlafen, impulsiver handeln und Köpfe voller Ideen haben. Die Forschenden bezeichneten die frühe Phase intensiver romantischer Liebe bei Jugendlichen als psychopathologisch auffällig. Wie gestalten sich Dating und Beziehungen also für Menschen, die durch Psychose-Erfahrungen ohnehin schon psychisch belastet sind?
Extreme Verunsicherung
Wie die Wiener Psychotherapeutin und klinische Psychologin Martina Appich erklärt, beschäftigen Beziehungen fast alle, die in eine psychotherapeutische Praxis kommen, unabhängig davon, welche psychische Belastung sie mitbringen. „Personen, die psychotische Krisen erlebt haben, sind da keine Ausnahme.”
Appich beschreibt eine akute Psychose als Krise, die einen Menschen im Innersten trifft. Sie erschüttert das Gefühl, eine in sich stimmige Person zu sein: zu wissen, wer man ist, was real ist und wie man die Welt erlebt. „Das ist eine extreme Verunsicherung auf allen Ebenen.” Manchmal, so berichtet die Psychotherapeutin aus ihrer Praxis, gehe der Akutphase eine manische Episode voraus, die mit einem übersteigerten Selbstbild einhergehe. Das könne von Betroffenen durchaus als angenehm empfunden werden. Zerfällt dieses Bild plötzlich durch die einsetzende Psychose, sei das aber eine große Belastung. Auch das Umfeld ist davon betroffen.
Laut Appich verhält sich ein Mensch in einer akuten Psychose außerhalb gegebener Konventionen: „Er halluziniert eventuell und artikuliert Wahnvorstellungen, zeigt oft selbstverletzendes oder aggressives Verhalten.” Das könne Angehörige und Partner:innen überfordern.
Nach Abklingen der Akutphase folge oft eine depressive Episode mit sozialem Rückzug. Eine sogenannte postpsychotische Depression hat auch Artur erlebt. Nach seiner ersten Psychose fällt er in ein tiefes Loch. Er schreibt Cem nach dem Streit aus der Psychiatrie, entschuldigt sich und bittet um eine zweite Chance. „Ich weiß nicht, ob ich diese Depression überlebt hätte, wenn Cem mich nicht dazu angetrieben hätte, aufzustehen und etwas zu unternehmen.”
Psychosen machen Angst
Mindestens ein halbes Jahr ist Artur depressiv, erzählt er. Das habe die ohnehin angeschlagene Beziehung zusätzlich belastet, auch an Sex war nicht zu denken. Kurz nach dem Abklingen der depressiven Symptome schlittert er geradewegs in seine zweite Psychose. Dann ist es endgültig aus: „Cem hat mich geghostet.” Den Grund für das Beziehungsende verrät ihm Cem nie, doch Artur hat eine Vermutung: „Er hat bestimmt gemerkt, dass ich wieder psychotisch werde, und das war ihm zu viel.”
Eine akute Psychose wird als Krise beschrieben, die einen Menschen im Innersten trifft.
Dass sich Nahestehende distanzieren, hat auch Ramona Wenger erlebt. Allerdings in der Familie. Ramona lebte damals mit ihrer Schwester zusammen, bis sie plötzlich aus der gemeinsamen WG ausziehen musste. Als Grund vermutet sie, dass sich ihre Schwester vor ihren impulsiven Wutanfällen fürchtete. Das traf sie hart:
„Dass jemand Angst vor mir hat, der mich mein Leben lang kennt, finde ich erschreckend. Und das nur wegen einer Diagnose, die häufig stigmatisiert und falsch interpretiert wird.”
Vor allem führte ihr dieses Erlebnis vor Augen, dass selbst nahestehende Menschen die Erkrankung missdeuten können und sich dann möglicherweise von ihr abwenden.
Bei Ramona wurde zunächst eine bipolare Störung diagnostiziert, später eine schizoaffektive Störung. Bei letzterer treten psychotische Symptome, wie Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, gleichzeitig mit Stimmungssymptomen auf: also mit tiefen Depressionen oder dem Gegenteil, manischen Phasen voller übersteigerter Energie und Antriebsstärke. Manchmal weiß sie für einen Augenblick ihren Namen nicht mehr oder meint, sieben Finger an einer Hand zu zählen. Depersonalisation, das Gefühl, sich selbst fremd zu sein, nennt man das. Selbst leise, kaum wahrnehmbare Geräusche wie das Summen einer Fliege können in ihrer Wahrnehmung so quälend laut werden, als hätte jemand die Lautstärke einer Stereoanlage auf Maximum gestellt. Gelegentlich sieht sie Schatten, hört selten auch eine Stimme, die sie klein macht und ihr einredet, eine Versagerin zu sein. „Es ist so ein nervendes, dunkles, bösartiges Gefühl, das mir Angst macht.”
Die gelernte Pharmaassistentin ist mittlerweile geübt darin, viele ihrer Sinnestäuschungen als psychotische Symptome zu identifizieren. Zum Glück halten diese Zustände bei der 31-Jährigen nur kurz an, oft bloß wenige Minuten. Wenn sie sich trotzdem unsicher ist, was real ist, fragt sie ihren Freund Tim*, ob er die Dinge auch so wahrnimmt. Die beiden lernten sich online auf der Plattform Facebook Dating kennen. Beim dritten oder vierten Date erzählte sie ihm von ihrer Diagnose. Genau erinnert sie sich an den Moment nicht mehr, nur daran, dass er es gut aufgenommen haben muss: Sie führen inzwischen schon seit vier Jahren eine stabile Beziehung. Anfang 2024 zogen Tim und Ramona in eine gemeinsame Wohnung und leben seither in der Schweizer Region Thun.
Trotz der Herausforderungen können romantische Beziehungen auch mit psychischen Erkrankungen äußerst stabil sein.
Mit ihrem früheren Datingleben verbindet Ramona rückblickend vor allem unangenehme Erinnerungen. Damals stand die Diagnose schizoaffektive Störung noch nicht im Raum. Dates vereinbarte sie besonders dann, wenn sie manisch war und ein vollkommen anderes Selbstbild hatte: „Beim Blick in den Spiegel dachte ich zum Beispiel, dass ich die Hübscheste bin und mir keiner das Wasser reichen kann.” An diese Zeit denkt sie nicht gerne zurück, die Erinnerungen daran plagen sie manchmal: „Mir war alles schnurzpiepegal. Ich hatte viele sexuelle Kontakte mit wildfremden Menschen und es ist vieles geschehen, bei dem ich mir heute denke: Wie konnte ich nur?”
Menschen mit psychotischen Symptomen stehen oft vor Hindernissen, die Beziehungen erschweren. Eine kanadische Studie von 2016 befragte 35 Menschen mit Schizophrenie, schwerer Depression, schizoaffektiver oder bipolarer Störung: Viele waren arbeitslos, finanziell belastet und sozial isoliert – was die Chancen, überhaupt jemanden kennenzulernen, deutlich schmälerte. Hinzu kam Stigmatisierung: Ein Teilnehmer berichtete, dass potenzielle Partner:innen nach der Offenlegung seiner Erkrankung das Weite suchten.
Wie ein schweres inneres Erdbeben
Martina Appich betont noch einen anderen Aspekt: „Man kann sich eine psychotische Krise wie ein schweres inneres Erdbeben vorstellen, das das Fundament der eigenen Persönlichkeit erschüttert. Ganz vieles ist eingestürzt und muss langsam wieder aufgebaut werden.” In diesem Zustand könne es Menschen nach einer psychotischen Krise schwerfallen, sich selbst als gefestigte Person zu spüren und ihrem Gegenüber klar und sicher zu begegnen.
Auch das Stimmenhören wird für manche zum Hemmnis. Appich, die beim Wiener Verein Windhorse die Selbsthilfegruppe Stimmenhören co-moderiert, berichtet, dass manche Teilnehmer:innen die Stimmen als extreme Intimität erleben – eine Verbindung, die sie zu keinem Menschen so aufbauen könnten. Eine Frau beschreibt es in einer polnischen Studie aus dem Jahr 2020 so: „Wenn man die Stimme von jemandem im Kopf hört und diese Stimme ununterbrochen bei einem ist, dann ist es so, als könne niemand einem näher kommen.“
Führen Menschen mit Psychose-Erfahrung eine Beziehung, kann sie allerdings genauso tief und erfüllend sein wie jede andere. Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2025 befragte 35 junge Personen mit früher Psychose und 38 Personen ohne psychiatrische Diagnose zu Intimität, Romantik und Sexualität. Die Personen mit Psychose-Erfahrung berichteten mehr Einsamkeit, erhöhte Bindungsangst und waren häufiger Single. Das entscheidende Ergebnis aber: Bei jenen, die sich in einer Beziehung befanden oder sexuell aktiv waren, verschwanden viele dieser Unterschiede weitgehend.
Auf Partys von Psychosen erzählen
Nach dem Beziehungsaus mit Cem hatte Artur lange keine Lust, neue Leute zu daten. Sein Herz war gebrochen, sagt er. Wenn er heute auf Partys Männern von seinen Psychosen erzählt, erlebt er zum Teil Ablehnung:
„Leute werden generell misstrauisch, sobald Psychosen im Raum stehen. Viele sehen in Betroffenen verrückte Messerstecher.”
Selten spricht das jemand offen aus. Menschen, die sich deshalb distanzieren, tun das aus Arturs Erfahrung meist still: Sie melden sich einfach nicht mehr, reden aber hinter dem Rücken schlecht über einen. Artur hat das nicht nur beim Daten erlebt, sondern auch im Freundeskreis: Nach seiner letzten Psychose gingen ehemalige Freund:innen ohne ihn feiern, posteten Fotos davon in die Instagram-Story – und sagten ihm kein Wort.
Wenn Wut bei Kindern laufend unterdrückt wird, gefährde das ihr Selbstwertgefühl, so der dänische Pädagoge Jesper Juul.
Dass Menschen mit Psychosen gewalttätig sind, ist ein verzerrtes Bild. Tatsächlich sind diese selbst deutlich häufiger Opfer: In einer 2018 publizierten Studie begleiteten Forscher:innen über 10 Jahre lang dänische und norwegische Patient:innen, die erstmals eine Psychose erlebten. Sie fanden heraus, dass 23 Prozent mindestens einmal Opfer von Gewalttaten wurden: ein 3,5-fach erhöhtes Risiko, verglichen mit der Normbevölkerung. Außerdem ist Suizidalität bei Betroffenen weit häufiger als Fremdgefährdung.
Heute pflegt Artur einen offenen Umgang mit seiner Diagnose, teilt sich dazu auch auf Social Media mit. Früher war das anders: Artur wusste nicht, wie oder ob er über seine Psychosen sprechen sollte. Aber sie waren seit 2019 ein wesentlicher Teil seines Lebens. Wie konnte er sich jemandem öffnen, ohne die Psychosen zu erwähnen? „Es ist scheiße, mich die ganze Zeit zu verstecken. Gleichermaßen scheiße ist es aber, jedem potenziellen neuen Lover sagen zu müssen: Hör mal, ich habe Psychosen.” Er fühlte sich gezwungen, Teile seines Lebens wegzulassen, sich selbst zu zensieren. Die Folge? Artur fühlte sich einsam.
„Für ihn war es toll, wenn ich manisch war”
Auch Ramona kannte das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, bevor sie Tim traf. Aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation konnte sie lange keiner langfristigen Arbeit nachgehen: „Ich hatte keine Arbeitskolleg:innen, keine gemeinsamen Unternehmungen nach der Arbeit, die Facette von mir als Arbeitnehmende gab es nicht. Daher hatte ich oft das Gefühl, nicht dazuzugehören.“ Hinzu kommt ein früherer Partner, der sie nur in den „funktionalen“ Phasen wirklich annahm: „Für ihn war es toll, wenn ich manisch war und Energie hatte.“ Erlebte sie psychotische Symptome, spielte er diese herunter. „‚Dort ist doch gar nichts, schau nicht immer da rüber‘, sagte er zum Beispiel.“
Dass Menschen aus dem affektiven und psychotischen Spektrum besonders häufig soziale Bindungen verlieren, belegt eine deutsche Längsschnittstudie aus 2025 mit 1.260 Personen mit und 441 ohne psychiatrische Diagnose. Partnerschaften endeten bei ersteren deutlich häufiger, wobei der Unterschied wesentlich vom Funktionsniveau abhing: je stärker die Erkrankung den Alltag einschränkte, desto fragiler die Beziehungen. Das Risiko, bestehende Partnerschaften zu verlieren, scheint dabei stärker ausgeprägt als die Schwierigkeit, neue aufzubauen. Doch das Forschungsteam betont: Nicht jede Trennung ist ein Scheitern. Wer eine belastende oder missbräuchliche Beziehung verlässt, trifft eine gesunde Entscheidung.
Beziehungen als Schutzfaktor
Die Beziehung zwischen Tim und Ramona musste bereits früh viele Herausforderungen bestehen, wurde dadurch aber immer stärker: Weil sie damals so kurzfristig bei ihrer Schwester ausziehen musste, kam sie vorübergehend in Tims WG unter. Ein paar Monate vor dem Umzug verbrachte Ramona drei Wochen in einer psychiatrischen Klinik. Eine harte Zeit: „Tim hat mir so gefehlt”, erinnert sich die Schweizerin. Dass Ramona Invalidenrente bezieht und ihre finanziellen Mittel daher beschränkt sind, war für ihn kein Problem: „Ich sagte Tim schon vor unserem ersten Date, dass ich nichts unternehmen kann, weil ich pleite bin. Daraufhin organisierte er ein Picknick und holte mich mit seinem alten Sportwagen ab. Das war einfach süß.”
Auch der Alltag bietet immer wieder Stolpersteine: In Diskussionen mit ihrem Partner zieht sie sich zum Beispiel plötzlich zurück und fühlt sich wie blockiert: „Ich nehme mir vieles schnell zu Herzen oder reagiere eingeschnappt. Das ist für meinen Partner nicht immer einfach.” Doch Tim ist Ramona in all den Jahren eine große Stütze gewesen, schwärmt sie: „Er steht hinter mir und fragt mich, was ich brauche. Oft sage ich dann nur, dass er eigentlich nichts tun kann, außer bei mir zu sein.” Das gibt ihr Sicherheit. Bis vor Kurzem lebte auch Hund Loki bei Ramona und Tim. Er half ihr durch schwere Phasen: Wenn es ihr schlecht ging, stupste er sie mit der Schnauze an – ein kleiner Anstoß, der sie zurück in den Moment holte. Ende April wurde Loki eingeschläfert. Tim und sie trauern auf sehr unterschiedliche Arten, erzählt Ramona, aber sie tragen den Verlust gemeinsam.
„Stabile romantische Beziehungen sind ein Lottogewinn. Aber jede Form einer positiv zugewandten, liebevollen, stabilen und strukturgebenden Beziehung ist ein essenzieller Schutzfaktor”, ergänzt Martina Appich. Besonders förderlich sei ein Umfeld, das bereit ist, einfach nur da zu sein und möglichst wenig Druck auszuüben. Denn eine Psychose betrifft meistens nicht bloß eine Person allein. Auch Partner:innen, Freund:innen, Familie, das gesamte soziale Umfeld eines Menschen, werden von der Psychose einer nahestehenden Person mitgerissen und müssen ihrerseits lernen, damit umzugehen. „Das ist ein Prozess für alle.”
Tim und Ramona trauern auf sehr unterschiedliche Arten, aber sie tragen den Verlust ihres Hundes gemeinsam.
Die Partner:innen ihrer Klient:innen kommen gelegentlich mit in die Einzeltherapie, um das Erlebte zu verarbeiten und zu verstehen, was passiert ist. „Es geht in diesen Sitzungen zumeist erst einmal darum, wieder einen Rahmen zu finden, in dem man zusammenleben kann und will”, beschreibt die Therapeutin. Dabei geht es um ganz konkrete Fragen: Wie kann der Alltag aussehen? Und was ist zu tun, wenn sich eine neue Psychose ankündigt, ohne die Person dabei zu bevormunden? Menschen, die ihre Partner:innen zur Therapiestunde begleiten, seien meistens sehr interessiert, berichtet Appich. Manchmal jedoch nähmen sich Partner:innen völlig zurück, weil sie zu erschüttert oder schlicht überfordert sind. „Da gibt es dann Vorbehalte, die die Beziehung belasten. Offen darüber zu sprechen, ist nicht immer möglich.”
Ramona kann nachvollziehen, dass sich ihre Schwester mit der damaligen Wohnsituation nicht mehr wohl fühlte. Sie bedauert aber, dass es nie zu einem klärenden Gespräch kam: „Ich hätte mir gewünscht, dass sie mir sagt, dass sie Angst vor mir hat. Das hätte ich verstanden, auch wenn es weh getan hätte.” Die Geschwister haben weiterhin Kontakt zueinander, eine Aussprache gab es allerdings nie. Den Bruch in der Beziehung merkt die Schweizerin noch heute: „Wir haben irgendwann beschlossen, nicht mehr darüber zu reden, sonst würden wir wieder in einen Konflikt geraten.”
„Ich bin eine gute Partie”
Ramona ist stolz darauf, wie weit sie bereits gekommen ist. „Ich habe viel an mir gearbeitet und pflege zu mir selbst eine bessere Verbindung.” Durch ihre Erkrankung war sie gezwungen, ihre Probleme genauer anzuschauen und in sich hineinzufühlen:
„Ich durfte wieder lernen, wer ich eigentlich bin. Nämlich nicht nur die, die krank ist. Nicht nur eine Tochter oder eine Partnerin, sondern noch so viel mehr.”
Kraft schöpft Ramona in der Spiritualität, im Malen und Schreiben. In ihrem Buch Himmelblau bis gewitterschwarz (Mosaicstones Verlag) verarbeitet sie, wie sie gelernt hat, ihre Erkrankung anzunehmen. Heute arbeitet sie außerdem wieder ein paar Stunden pro Woche in der Apotheke, in der sie vor über zehn Jahren nach ihrer Ausbildung tätig war.
Auch Artur findet, dass er auf einem guten Weg ist: „Man hat natürlich einen Stempel, wenn man sagt, dass man Psychosen hatte oder regelmäßig hat. Das lässt sich auch nicht wegdiskutieren. Aber trotz meiner Psychoseerfahrung kriege ich ziemlich viel gebacken.” Dass aus der Beziehung mit Cem schlussendlich nichts wurde, sieht er heute aus einem anderen Licht: „Wenn ich mir vorstelle, dass ich diesen Mann geheiratet hätte, gegebenenfalls ein Haus mit ihm gekauft und Kinder in die Welt gesetzt hätte, wäre alles vielleicht deutlich ätzender geworden.”
All das hätte Artur womöglich noch tiefer mit einem Menschen verbunden, auf den in harten Zeiten kein Verlass war. Im Dating tritt er gerade kürzer, konzentriert sich mehr auf Freundschaften, Hobbys, seinen Job. Eine unbefristete Stelle gibt ihm Stabilität. „Ich brauche nicht nochmal einen zweiten Typen, der mich in der Klapse sitzen lässt. Ich habe meine Standards und bin eine gute Partie.“
*Name geändert. Die Identität ist der Redaktion bekannt.
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