Wie ein Gummibärchen meine Familie versöhnte

Eine Mutter nimmt aus Versehen LSD. Wie der unbeabsichtigte Trip die ganze Familie einander näherbringt.

Text: Alexandra Leibmann
Collage: ZIMT Magazin

Datum: 13. Juli 2026
 Zwei Hände halten sich gegenseitig, Wald im Hintergrund

Mit der Geburt eines Kindes wird vielen Eltern bewusst, wie verletzlich ein neues Leben ist. Das ganze Überleben dieses kleinen Menschen ist vollständig von der Fürsorge seiner Bezugspersonen abhängig. Wer ein Kind großzieht, investiert im besten Fall einige Jahre Zeit, Kraft und emotionale Energie, oft begleitet von intensiven Gefühlen wie Sorge, Verantwortung und Liebe.

Aus dem Säugling wird ein Kleinkind, ein Schulkind, ein Teenager – bis schließlich ein Mensch vor einem steht, der sein eigenes Leben führen will. Damit die Ablösung aus dem Elternhaus gut gelingt, so beschreibt es die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth in den 1970er-Jahren, müssen die sicheren Bezugspersonen ihre Kinder auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen. Nur dann kann das Kind die Welt erkunden, sich entfernen, zurückkehren und schließlich auch wieder gehen.

Aber nicht nur Kinder lösen sich ab. Auch Eltern müssen ihren Weg nach der Trennung von ihren Kindern neu finden. Und auf überraschende Weise bin ich für meine Eltern dabei die sichere Bezugsperson geworden.

Unerwartetes Vertrauen

Es ist Januar 2015. Das Elternhaus liegt gerade hinter mir, vor mir eine vielversprechende Studienzeit an einer Kunsthochschule in einer neuen Stadt. Vormittags auf dem Weg zur Uni bekomme ich einen Anruf von meiner Mutter.

Sie habe in dem zurückgelassenen Zimmer meines älteren Bruders, der sich gerade auf Reisen befindet, eine Schachtel gefunden. Darin liegen Zettel und Sticker, kleine Päckchen mit Pulver, Marihuana und ein einzelnes großes Gummibärchen, ummantelt von Zuckerkristallen.
Meine Mutter sagt, sie vermisse ihren Sohn und sehne sich nach Verbindung zu ihm. Sein Handy hat er verloren, seit Wochen ist er nicht erreichbar. In diesem Moment projiziert sie in das Gummibärchen einen kleinen Gruß von ihm und schluckt es herunter.

Nun, eine Stunde später, fühle sich alles ganz komisch an, sagt sie am Telefon. Sie beschreibt eine körperliche Unruhe und einen beschleunigten Puls. Dass sie unabsichtlich LSD, kurz für Lysergsäurediethylamid, geschluckt hat, weiß sie in diesem Moment noch nicht. Aber der Effekt der Substanz fängt an, sich in ihr auszubreiten.

Offene Schachtel mit Smartphone, surreale Bildmontage

In einer Schachtel im Zimmer des Bruders findet die Mutter unverhofft ein Gummibärchen.

LSD fällt in Österreich und Deutschland unter das Suchtmittelgesetz. Erwerb, Besitz und Weitergabe sind strafbar. Die Substanz ist hochpotent: Schon kleinste, mit freiem Auge kaum erkennbare Mengen lösen eine intensive Wirkung aus. Diese hält mehrere Stunden an und lässt sich weder steuern noch abbrechen. Weil LSD auf unterschiedlichsten Trägern, wie eben auf Süßigkeiten, präpariert sein kann, kommt es immer wieder zu unbeabsichtigten Einnahmen.

Ich, plötzlich in der Rolle der telefonischen Tripsitterin, rede meiner Mutter sanft zu und mache Vorschläge aus meiner eigenen Erfahrung: Musik anzumachen, die sich gut anfühlt, sich zu bewegen, wie es sich richtig anfühlt, oder sich einfach hinzulegen und die Augen zu schließen, wenn es guttut. Sie solle sich auf einen veränderten Bewusstseinszustand für die nächsten acht Stunden einstellen.

Meine Mutter, der ich früher Kontrolle als zweiten Vornamen gegeben hätte, findet sich an jenem Tag in einer losgelösten Welt wieder, in der vor ihrem inneren Auge nackte Menschen sich im Kaleidoskop spiegeln, Jazzmusik in Farben und Formen gleitet und ihre Haut sich anfühlt wie die Blütenblätter einer Rose. Sie riecht sogar danach.

Ab diesem Moment wird etwas möglich, das uns vorher lange nicht zugänglich war: miteinander zu sprechen. Es ist die Entscheidung meiner Mutter, die uns schließlich einander näherbringt: mich anzurufen, sich mir anzuvertrauen und trotz aller Scham zu erzählen, was ihr geschieht. Denn ja, es war durchaus naiv und leichtsinnig, das Gummibärchen zu essen, wie sie später selbst eingesteht.

Bloße Füße stehen am Rand einer surrealen Berglandschaft

Der LSD-Trip hält mehrere Stunden an und lässt sich weder steuern noch abbrechen. 

„In den nächsten Wochen nach dem Vorfall hat sich meine Beziehung zur Welt verändert“, erzählt meine Mutter später. „Ich hatte ein starkes Feingefühl für Tiere und Pflanzen. Alles hat sich lebendiger und gleichzeitig zerbrechlicher angefühlt. Ich spürte eine Verbindung zwischen mir und allem Lebendigen.“

Das Erlebnis selbst beschreibt sie wie das Erklimmen eines Berges: Wenn man oben steht, erscheinen viele Dinge unwichtig und klein. Man werde demütig und spüre, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Chancen und Risiken eines Trips

Was genau in solchen Rauschzuständen geschieht, beschäftigt Henrik Jungaberle seit Jahrzehnten. Als Gründer der MIND Foundation, einer Organisation, die sich mit der wissenschaftlichen Erforschung und therapeutischen Anwendung psychedelischer Substanzen befasst, untersucht er seit 35 Jahren, wie solche Erfahrungen psychologische Prozesse verändern können.

Vielleicht, so beschreibt es Jungaberle, ist diese Erfahrung kein Ausnahmezustand, sondern evolutionsbiologisch betrachtet die Erinnerung an etwas sehr Ursprüngliches: an eine Zeit, in der wir Menschen naturnäher und instinktbezogener gelebt haben. Ein Bewusstseinszustand, den wir als Kinder häufiger erleben: ungefilterte Neugier, unmittelbare Freude. Auch Erwachsene kennen solche Momente – beim Bergsteigen, in einem kreativen Flow oder in sexueller Ekstase. In solchen Zuständen erfahren wir plötzlich ein Gefühl von Hingabe und purem Dasein. Eine Welt, die nicht nach Ertrag und Produktivität fragt. Im Rahmen therapeutischer Begleitung könne die Substanz jene inneren Strukturen lockern, die unser rigides Denken und Fühlen im Alltag ordnen.

Ohne professionelle Begleitung jedoch kann eine psychedelische Erfahrung in Angst, Panik oder Kontrollverlust umschlagen, wie internationale Studien zeigen. Der Verlauf hängt stark von der psychischen Verfassung und der Umgebung ab. Bei entsprechender Veranlagung kann LSD sogar psychische Erkrankungen wie Psychosen auslösen oder verstärken. Der Konsum unbekannter Substanzen ist nie ohne Risiko – ungeklärte Herkunft und Dosis erhöhen die Gefahr zusätzlich.

Zwei Personen im Gespräch, eine sitzt zurückgezogen auf dem Sofa

Ohne professionelle Begleitung kann eine psychedelische Erfahrung in Angst, Panik oder Kontrollverlust umschlagen.

Inspiriert von der Erfahrung meiner Mutter, beginnt auch mein Vater, sich mit neuen Themen zu beschäftigen. Im Sommer desselben Jahres fährt er gemeinsam mit meinem Bruder und mir zum Fusion Festival, einem mehrtägigen Kunst-, Musik- und Kulturfestival, und erlebt dort eine Lockerung jener inneren Strukturen, ganz ohne die Hilfe von LSD.

Mein Vater, so sagt er später selbst, erlebt dort eine andere Welt: eine, in der der Zeltnachbar selbstverständlich zum Freund wird, in der Rausch nicht nur Flucht, sondern auch echte Bereicherung sein kann, in der Leistung und Arbeit nicht bestimmen, wer du bist, und in der eine verlorene Tasche auf dem Dancefloor nach drei Tagen wieder auftaucht, samt Inhalt, als wäre nichts gewesen. Er sagt, er beginne zu begreifen, dass vieles, was er bis dahin für wahrhaftig und selbstverständlich gehalten hatte, verhandelbar ist, und dass man sich am Leben erfreuen darf, auch ohne Grund.

Berührend – oder beunruhigend?

Für unser rigides Denken, wie Henrik Jungaberle es nennt, ist das sogenannte Default Mode Network (DMN) zuständig. Dieses zentrale Netzwerk im Gehirn übernimmt unzählige Aufgaben automatisch: wie wir sprechen, Türen öffnen, aber auch, wie wir fühlen und urteilen. In diesen Routinen liegen nicht nur praktische Abläufe, sondern auch emotionale und kognitive Muster, die sich über Jahre verfestigt haben. Psychedelische Erfahrungen können solche Muster auflockern und dadurch die Möglichkeit eröffnen, sie neu zu betrachten.

Eine Auswertung durch Forschende der University of Melbourne und des Florey Institute of Neuroscience and Mental Health aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Psychedelika wie Psilocybin oder LSD die Aktivität des DMN vorübergehend verändern. Wird diese Aktivität reduziert, werden die gewohnten Strukturen, mit denen wir unser Erleben ordnen, vorübergehend gelockert. Erinnerungen und Emotionen können dadurch unmittelbarer ins Bewusstsein treten und weniger stark in bisherige Muster eingeordnet werden. Die Erkenntnis, dass das eigene Selbst kein starres Konstrukt, sondern ein wandelbarer Prozess ist, könne berührend und beunruhigend zugleich sein. Jungaberles Klient:innen beschreiben oft, was auch meine Mutter erlebte: ein intensives Gefühl von Verbundenheit, eine Auflösung der gewohnten Grenzen. Ein Zustand, der sich kaum in Worte fassen lässt und deshalb häufig als spirituelles Erlebnis beschrieben wird.

Konservative Eltern neu aufgesetzt

In meiner Jugend hatte ich mit meinen Eltern aufgrund ihres strengen, engen und konservativen Erziehungsstils viele Konflikte. Schulische Leistung und gute Noten hatten oberste Priorität. Wenn das nicht gelang, folgten Konsequenzen wie Hausarrest oder Fernsehverbot. Meine Neugier für Beziehungen und sexuelle Erfahrungen wurde als frühreif abgestempelt, und mein späteres Interesse an Substanzen, nächtlichen Ausflügen in Technoclubs und Freundschaften aus anderen sozialen Milieus schob mich endgültig in die Kategorie eines Problemkinds. Eine offene Kommunikation über meinen Lebensstil war damals nicht möglich. Meine Eltern reagierten mit Angst und Sorge, die sie in Form von physischer und psychischer Kontrolle zu kompensieren versuchten.

Älteres Paar umarmt sich und blickt auf ein Festival mit bunten Lichtern

Der Trip der Eltern schafft eine neue Beziehungsebene zwischen ihnen und den Kindern.

„Der LSD-Trip kam im richtigen Moment in unser Leben“, sagt mein Vater, der ohne diesen Unfall meiner Mutter schließlich auch nicht mit uns auf das Festival gefahren wäre. „Wie ein Ventil, das sich öffnete und die Entwicklungen und Veränderungen bestärkte, die wir ohnehin bereits durchliefen.“
Die zusammenkommenden Erfahrungen erscheinen mir wie ein gemeinsamer Wendepunkt in meiner Familie. Spannungen und Kontrollbedürfnis lösen sich, wir beginnen über persönliche Erfahrungen zu reden, und ich spüre die Bereitschaft meiner Eltern, sich mit Themen zu konfrontieren, die sonst in ihnen Widerstand hervorriefen. Eine neue Form von Nähe und Gesprächskultur etabliert sich innerhalb der Familie.

Tschüss, Kontrolle – hallo, Versöhnung

Einige Jahre nach dem Vorfall mit meiner Mutter und dem Gummibärchen will auch mein Vater LSD ausprobieren. Durch meine eigenen Erfahrungen mit der Substanz traue ich mir zu, ein bewusstes und sicheres Setting für ihn zu gestalten. Für mich ist das Erleben von LSD stark mit der Natur verknüpft, deshalb beschließe ich, auch für meinen Vater das Erlebnis so zu gestalten, wie ich es selbst schätze.

Ich plane eine kleine Wanderung durch den Herbstwald, die wir direkt von zu Hause aus starten können. Ich bleibe dabei nüchtern, um als Begleiterin fungieren zu können. Auf unserer Route begegnen wir schleimigen Pilzen, die wir im Detail betrachten und dabei das Gefühl von Ekel durchleben. Mein Vater erfährt, wie es sich anfühlt, wenn man die eigene Haut atmen fühlt. Eine ganze Weile sitzen wir und beobachten, wie Äpfel vom Baum fallen und wie lange das Geräusch eines am Boden aufprallenden Apfels tatsächlich nachhallt. Mein Vater spricht viel über seine Eindrücke von dem neuen Zustand, je nach aufkommenden Emotionen mal sehr laut, mal viel zu leise. Ich höre zu und lasse mich auf sein Erleben ein.

Pilze im herbstlichen Wald, psychedelisch verfremdet

Bei einem gemeinsamen Spaziergang beobachten Vater und Tochter Pilze im Detail und verspüren Ekel.

Während mein Vater über sein Leben reflektiert, kommen bei ihm plötzlich Gefühle von Reue aus unserer gemeinsamen Vergangenheit hoch. Er weint kurz. Ich umarme ihn. Dann gehen wir weiter, durch den Wald und durch unsere Beziehung.
„Ich dachte früher, du musst so sein, wie ich glaube, dass es richtig ist“, sagt er heute rückblickend über meine Jugend. Sich von mir bei seinem LSD-Trip begleiten zu lassen, sei ein Akt des Loslassens gewesen, das letzte Stück Kontrolle abzugeben, sagt er.

Nicht ohne Risiko

Doch das Erleben eines Trips kann schlichtweg den Boden unter den Füßen wegziehen. Die Substanz kann emotionale Schutzmechanismen lockern und Menschen auch ungefragt in die Tiefe schieben, ohne die Möglichkeit, die Erfahrung vorzeitig zu beenden. Ein LSD-Trip bedeutet, sich über mehrere Stunden auf eine schwer kontrollierbare und intensive Erfahrung einzulassen.
Diese Öffnung ist nicht risikofrei. Für eine substanzbegleitete Therapie eignet sich nicht jeder Mensch, erklärt Jungaberle.

Laut der Psilocybin-Depressionsstudie (EPIsoDE), die 2024 vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim veröffentlicht wurde, gelten klassische Psychedelika unter kontrollierten Bedingungen als vergleichsweise sichere Substanzen. Dennoch bestehe für manche Menschen ein Risiko für Psychosen oder anhaltende Wahrnehmungsstörungen. Deshalb wird jede:r potenzielle Patient:in sorgfältig diagnostisch eingeschätzt: Welche Persönlichkeitsakzentuierungen liegen vor, welche Therapien und Selbstauseinandersetzungen hat die Person bereits durchlaufen? Entscheidend ist nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die Bereitschaft, sich mit Angst, Scham, Schuld und überwältigenden Gefühlen auseinanderzusetzen.

Die Arbeit folgt erst danach

Viel wichtiger als der Trip selbst, so faszinierend er auch sein mag, sei die Frage, was man aus dem Erlebten macht, sagt Jungaberle. Die eigentliche Arbeit, aus der Veränderung entstehen könne, beginne erst danach: bei der Reflexion und Integration des Erlebten.

Nahaufnahme gestikulierender Hände im Gespräch

Viel wichtiger als der Trip selbst, so faszinierend er auch sein mag, ist die Frage, was man aus dem Erlebten macht.

Dass der Umgang mit den Eindrücken eine größere Rolle spielt als das Erlebte selbst, bestätigt auch das Psychedelic Experience Survey, eine internationale Online-Befragung mit rund 1.800 Teilnehmenden aus dem Jahr 2021. Dabei wurde untersucht, welche Faktoren einer psychedelischen Erfahrung mit langfristigen psychologischen Veränderungen zusammenhängen. Entscheidend ist demnach nicht, ob ein Trip angenehm oder unangenehm war, sondern ob die Person sich den auftauchenden Gefühlen geöffnet hat oder versucht hat, sie wegzudrücken oder vor ihnen zu fliehen.

Ein Grundbaustein, der bis heute hält

Unsere Familiengeschichte ist selbst ein Trip, finde ich. Nicht das LSD hat diese Verbindung geschaffen. Aber vielleicht hat es für einen Moment jene inneren Grenzen gelockert, die uns voneinander trennten, und damit ermöglicht, dass eine neue Form von Miteinander überhaupt entstehen konnte.

Alle zwei Jahre fahren wir nun gemeinsam auf das Kunst- und Kulturfestival At.tension. Natürlich sind wir nicht frei von familiären Konflikten, alten Mustern und Triggern. Doch wir sind bereit, miteinander zu sprechen und uns und unsere Dynamik immer wieder neu zu hinterfragen.

Meine Eltern und wir Kinder, wir erkunden die Welt. Und auch wenn ich für sie wohl immer das Baby bleiben werde, bin ich zugleich die Erwachsene – und sie erlauben sich, manchmal auch das Kind zu sein.

Anonyme, kostenlose Information und Beratung – auch für Angehörige – bietet in Wien checkit! der Suchthilfe Wien (checkit.wien, Telefonberatung 01/4000 53655). Beratungsstellen gibt es in allen Bundesländern. In akuten Notfällen: Rettung 144.

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