Triggerwarnung
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Ab wann ist Trauer eine Krankheit?
Ab 2027 kann anhaltende Trauer diagnostiziert werden. Für die einen ist das eine Entlastung. Für die anderen der Versuch, einem Gefühl eine Frist zu setzen.
Text: Saskia Rolf
Collage: ZIMT Magazin
Johanna erinnert sich noch gut an Heimfahrten mit der Bahn. Fensterplatz, Kopfhörer auf. Linkin Park und Green Day auf Dauerschleife. Gedankenversunken lässt sie die verregnete Herbstlandschaft an sich vorbeiziehen. Plötzlich brechen die Tränen aus ihr heraus. Sie sieht die Blicke der anderen Passagiere und würde sich am liebsten in Luft auflösen. Dann wäre auch ihre Trauer weg.
Vor ein paar Jahren hat Johanna ihren engen Freund Nils an Leukämie verloren. Danach, so beschreibt es die 27-jährige Studentin aus Norddeutschland, sei sie in ein tiefes Loch gefallen. Sie macht sich Vorwürfe, in seiner Krankheit nicht genug für ihn da gewesen zu sein. Wenn sie ihren Freund:innen davon erzählt, mal wieder das Grab besucht zu haben, hat sie den Eindruck, sie werde schief angesehen. Als denke sich das Gegenüber: Das war doch nur ein Freund.
Was die Anhaltende Trauerstörung ist
Trauer ist den meisten Menschen bekannt. Fast jede:r erlebt sie irgendwann selbst oder begegnet ihr im Freundeskreis oder in der Familie. Schenkt man der allgemeinen Vorstellung Glauben, lässt Trauer mit der Zeit nach. Manchmal aber legt sie sich nicht mehr einfach von selbst. Dafür steht seit Kurzem ein eigener Eintrag im Krankheitsverzeichnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO): die Anhaltende Trauerstörung. Ab dem Jahr 2027 kann diese als Erkrankung hierzulande diagnostiziert werden, zum Beispiel im Rahmen einer Psychotherapie. In Deutschland sind laut einer Analyse aus dem Jahr 2024 rund drei bis sieben Prozent der hinterbliebenen Erwachsenen betroffen. Zu diesen zählen laut Definition der Studie etwa Ehepartner:innen oder Eltern.
Diese neue Diagnose wirft Fragen auf: Ab wann gilt Trauer nicht mehr als normal? Was macht es mit trauernden Menschen, für ihre Gefühle als krank erklärt zu werden?
Ein unerwarteter Verlust
Mit Anfang 20 lernt Johanna Nils in der Ausbildung zur Chemielaborantin kennen, schnell werden sie gute Freund:innen. Sie teilen viele gemeinsame Erfahrungen, sind beide bei Ausbildungsbeginn schon etwas älter als die anderen. Als es Johanna während der Ausbildung eine Zeit lang psychisch nicht so gut geht, ist Nils für sie da. Nach der Ausbildung wohnen sie zunächst nicht in derselben Stadt, doch nach ein paar Jahren zieht Johanna fürs Studium in Nils’ Heimatstadt. Ihre Freundschaft wird dadurch wieder enger. Die beiden treffen sich häufiger und lachen viel zusammen. Johanna schätzt an Nils besonders seinen Humor und die Offenheit, mit der sie ihm begegnen kann. Als sie ihm erzählt, dass sie nicht gut schwimmen kann, bietet der ehemalige Schwimmtrainer ihr an, sie zu trainieren.
Wenige Monate später, als die beiden gerade rund fünf Jahre befreundet sind, erhält Nils die Diagnose Leukämie und muss ins Krankenhaus. Für Johanna ist das ein Schock. Besuche sind schwierig, auch wegen der Behandlung, die sein Immunsystem schwächt. Nach einer kurzen und schweren Krankheitszeit stirbt Nils. Seine Schwester informiert Johanna darüber per Instagram. Johanna sagt, es sei ein komisches Gefühl gewesen, von Nils’ Tod durch die Nachricht seiner Schwester zu erfahren, einer Frau, die sie bis dahin nicht kannte.
Noch kurz zuvor hatte Johanna eine Karte und ein paar selbstgehäkelte rote Wollknäuel-Blutkörperchen als Aufmunterung für ihn an der Krankenhauspforte abgegeben. „Nur aufgrund dessen, dass ich dort etwas abgegeben habe, hat mich seine Schwester ausfindig machen können.“ Lange haderte sie damit, das Geschenk nicht mehr persönlich abgegeben zu haben.
Auch im Bus muss Johanna plötzlich weinen.
Auch Paul, der eigentlich anders heißt, kennt das Gefühl, lange und intensiv zu trauern, hat jedoch jahrelang keinen Namen dafür. Als er acht Jahre alt ist, stirbt sein Vater durch Suizid. Aufgewachsen ist Paul in einem kleinen Dorf. Sein Vater sei dort gut vernetzt gewesen und habe viele Freunde gehabt: „Jeder kannte ihn, jeder mochte ihn.“ Heute weiß Paul, dass sein Vater Depressionen hatte. Als Kind habe er davon nichts mitbekommen. „Für mich war sein Tod überraschend damals“, sagt Paul. Heute ist er 25, lebt und studiert in Norddeutschland. Innerlich war der Tod seines Vaters für ihn immer ein Thema. „Ich konnte einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken, vor allem während der Schulzeit.“
Trauer ist nicht dasselbe wie Traurigkeit
Zu Verlusterfahrungen, wie Johanna und Paul sie gemacht haben, forschen die Psychotherapeutinnen Laura Melzer und Franziska Lechner-Meichsner an der Bergischen Universität Wuppertal. „Trauer ist grundsätzlich nicht mit Traurigkeit gleichzusetzen“, sagt Melzer. Während sich Traurigkeit etwa durch Niedergestimmtheit ausdrücken könne, setze sich Trauer oft aus unterschiedlichen Gefühlen wie Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Wut oder Hoffnungslosigkeit zusammen. Betroffene würden oft intensiv an das Geschehene denken, es nicht wahrhaben wollen, sich häufig zeitweilig isolieren. „Trauer als psychologische und physiologische Reaktion auf einen Verlust ist wichtig und notwendig, um mit dem Tod einer geliebten Person umzugehen“, sagt Melzer.
Nach dem Verlust seines Vaters, so erinnert sich Paul, habe er sich stark zurückgezogen. „Für ein Grundschulkind recht untypisch, aber es war mir viel zu anstrengend, mich an Wochentagen noch mit Freunden zu treffen. Vorher war das nie ein Problem.“ Sein Freundeskreis schrumpft, im Jugendalter kommen Schlafprobleme, Depressionen und Suizidgedanken dazu. All seine Gefühle erlebt Paul zu der Zeit wie gedämpft und abgestumpft, er habe keine Freude mehr empfinden können. Alles sei auf einer Nulllinie gewesen, sagt er. Bei seinen vereinzelten Freunden habe er kaum Rückhalt gefunden. „Das waren eher so die Männerfreundschaften, wo man nicht so wirklich über Gefühle spricht.“
Wie lange darf Trauer dauern?
„Während die meisten Menschen den Verlust einer nahestehenden Person mit der Zeit gut bewältigen, leidet eine Minderheit über eine lange Zeit unter einschränkenden und allumfassenden Trauerreaktionen“, sagt Laura Melzer. Sie sehne sich dabei intensiv nach dem verlorenen Menschen, empfinde große emotionale Schmerzen.
Die Diagnose der Anhaltenden Trauerstörung kann frühestens sechs Monate nach dem Todesfall der Angehörigen gestellt werden. Dieses Zeitkriterium könne eine Orientierung bieten, ab wann Betroffene Unterstützung in Anspruch nehmen können. „Für Betroffene bedeutet die Diagnose oft eine erleichternde Einordnung ihrer Beschwerden und die Möglichkeit, eine trauerspezifische Psychotherapie in Anspruch nehmen zu können“, sagt Lechner-Meichsner. Das sei insofern wichtig, als unbehandelte Symptome sonst mit geringerer Lebensqualität und einem höheren Suizidrisiko einhergehen können.
Nach Nils’ Tod in der Uni zu sein, ist schwer für Johanna.
Eine Studie von Forschenden der Universitäten Groningen und Utrecht aus dem Jahr 2022 zeigt, dass eine Trauerreaktion, die nach drei bis sechs Monaten noch stark ausgeprägt ist, mit einem erhöhten Risiko einhergeht, im weiteren Verlauf eine Anhaltende Trauerstörung zu entwickeln.
Wie lange Trauerprozesse dauern, ist häufig abhängig von der Art der Beziehung zur verstorbenen Person, von den Todesumständen und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten. „Als pathologisch schätzen wir eine Trauerreaktion erst dann ein, wenn sie sich in ihrer Länge und Intensität deutlich von dem Erwarteten unterscheidet und zu starker Beeinträchtigung im Alltag führt. Besonders belastende Todesumstände, wie ein unerwarteter oder gewaltsamer Verlust, können das Risiko für eine anhaltende Trauerreaktion erhöhen. Auch nach dem Verlust eines Kindes oder Partners kann das Risiko erhöht sein“, so Melzer.
Nach Nils’ Tod in der Uni zu sein, ist schwer für Johanna. Sie hat das Gefühl, zu viel zu trauern, in ihren Gefühlen nicht verstanden zu werden. Auch die Unterstützung von Freund:innen, die ihr zuhören und gut zureden, ändert nichts an ihrem Eindruck, dass ihre Trauer falsch sei. Professionelle Unterstützung sucht sich Johanna damals dennoch nicht: „Ich bin eher ein Mensch, der das mit sich selbst ausmacht. In der Uni habe ich versucht zu funktionieren und mir nicht groß was anmerken zu lassen, einfach auch damit ich inhaltlich nicht zurückfalle, mir Fehlzeiten zu erlauben war nicht drin.“ Zuhause angekommen, rächt sich das Durchhalten: Johanna weint viel, der Alltag fällt ihr schwer.
Paul hingegen beginnt kurz vor seinem 18. Geburtstag seine erste Psychotherapie. „Ich glaube, weil ich gemerkt habe, dass es nicht mehr so weiterging.“ Doch schnell stellt er fest, dass er sich von der Therapeutin nicht gut verstanden fühlt. Nach ein paar Sitzungen bricht er die Therapie ab. Erst fünf Jahre später schafft er einen zweiten Versuch. Diesmal fühlt er sich wohl. Viele Symptome, wie das ständige Grübeln und die Schwierigkeiten, einzuschlafen, spürt er in seinem Alltag mit der Zeit immer weniger. „Eigentlich war mein Gedanke immer nur, dass ich vergessen wollte, was da passiert ist, dass ich das einfach ausradieren wollte.“
Wird Trauer jetzt zu schnell zur Krankheit?
Der Deutsche Hospiz- und Palliativ-Verband (DHPV) engagiert sich nicht nur für die Anliegen schwerstkranker und sterbender Menschen, sondern auch für Menschen, die trauern. In einer Stellungnahme kritisiert der Verband bereits im Jahr 2018, dass Trauer durch die neue Diagnose der Anhaltenden Trauerstörung pathologisiert werden könne. Karin Scheer ist Vorstandsmitglied des DHPV und hat an dessen Stellungnahme mitgewirkt. In ihrem Berufsalltag als Pastorin an der Uniklinik Essen begleitet sie häufig Menschen, die trauern. Sie sagt: „Trauer ist eine natürliche, hoch individuelle Reaktion, kein standardisierbarer Verlauf. Sprache, die Begriffe wie Störung verwendet, lenkt den Blick auf Defizite.“
Durch die Diagnose würde laut Scheer normiert, wie lange normal gewertete Trauer dauern dürfe. Dadurch könnten Menschen, die länger als sechs Monate trauern, unter Druck geraten. Das könne in Folge auch Vielfalt einengen und kultursensible Begleitung erschweren. „Längere oder anders gelebte Trauer und Rituale können fälschlich als gestört betrachtet werden, obwohl sie kulturell angemessen und heilsam sind.“
Die Diagnose kann neue Möglichkeiten der Behandlung eröffnen.
Auch Johanna ist zunächst skeptisch: „Bei Diagnosen denkt man ja auch schnell: okay, kriegst ein Medikament und alles wird gut.“ Doch die 27-Jährige fühlt sich durch das neue Krankheitsbild auch gesehen und entlastet. Vielleicht brauche sie sich selbst keine Vorwürfe zu machen, mit der Herausforderung nicht zurechtzukommen. „Vielleicht ist meine Situation einfach eine Reaktion auf ein Ereignis, die im klinischen Kontext einen Namen hat.“
Paul erscheint vor allem die Möglichkeit zur Unterstützung hilfreich: „Ich glaube, wenn mir diese Diagnose gestellt worden wäre, vielleicht bei der ersten Psychotherapie oder in einer psychotherapeutischen Versorgung nach dem Vorfall, hätte mir das geholfen, früher anzusetzen. Dann hätte man bestimmt auch gezielter daran arbeiten können, dass ich das jetzt nicht bis ins junge Erwachsenenalter mit mir herumtragen muss.“
Warum Trauer auch heilsam ist
In seiner Stellungnahme beschreibt der DHPV den Trauerprozess als durchaus heilsam: Die Trauer könne den durch den Verlust verursachten Stress lösen und abbauen. Trauer selbst könne demnach als regulierende und heilende Kraft begriffen werden. Nicht die Trauer selbst sei nicht normal, sondern die außergewöhnliche Belastung, weshalb der DHPV einen alternativen Diagnosebegriff vorschlägt: die Belastungsstörung nach Verlust, die den Fokus auf die besonderen Umstände legen soll, die zu einer außerordentlichen Belastung und damit zur Störung führen können.
Tod und Trauer sind noch immer gesellschaftliche Tabuthemen. „Umso wichtiger ist ein öffentlicher Diskurs zur Thematik, um das Wissen über Trauer im Allgemeinen sowie über die Anhaltende Trauerstörung zu fördern und Barrieren abzubauen“, so die Psychotherapeutin Franziska Lechner-Meichsner. Bislang wurden Verlusterfahrungen häufig als Anpassungsstörung oder Depression diagnostiziert. Eine Anpassungsstörung meint eine seelische Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis, die stärker ausfällt oder länger anhält, als es zu erwarten wäre. Beide Diagnosen bilden die spezifischen Beschwerden nach einem Verlust oft nicht ausreichend ab. Die neue Diagnose könnte dem verstärkten Diskurs helfen, was wiederum auch mehr akademische Auseinandersetzung und Forschung zu Trauerprozessen ermöglichen könnte. „Eine spezifische Trauerdiagnose erlaubt auch die Entwicklung und Anwendung von wirksamen Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene“, sagt die Psychotherapeutin Laura Melzer.
Für Paul ist die Trauer weiterhin Teil seiner Geschichte, sie bestimmt seinen Alltag jedoch nicht mehr in derselben Weise wie früher. Heute ist er sehr zufrieden mit seinem Studium und sagt, er habe viele Sachen aufgearbeitet und sei an ihnen gewachsen. „Ich wäre vielleicht gar nicht in die Position gekommen, dass ich mich mit mir selbst beschäftigen müsste, wenn ich in einer heilen und gesunden Welt aufgewachsen wäre“, sagt er rückblickend. Seinen Vater behält er als sehr lustigen Menschen in Erinnerung. „Er hat viele Streiche gespielt und war ziemlich witzig, so habe ich ihn immer erlebt. Und er war total begabt, was Handwerkliches anging.“ Anderen Betroffenen möchte Paul mitgeben: „Es wird besser. Und wenn man merkt, dass es noch nicht besser geworden ist, dann sollte man nicht aufgeben, nach Hilfe zu suchen.“
Auch Johanna kommt im Alltag wieder gut zurecht. Wenn sie jetzt auf dem Friedhof vorbeischaut, hat sie nicht mehr das Gefühl, das aus einer Pflicht heraus zu tun. Mit ihrem schlechten Gewissen, das sie lange begleitet hat, habe sie Frieden geschlossen. Nils behält sie als sehr liebenswürdig in Erinnerung. „Er war einfach immer gut drauf, egal was bei ihm los war. Man wusste, wenn man schlechte Laune hat, kommt er mit irgendeiner Idee oder irgendeinem Spruch um die Ecke, um einen aufzumuntern. Ich glaube, deswegen gehe ich immer noch mit ein bisschen mehr Freude durchs Leben.“
Wenn es dir schlecht geht
Über Suizidgedanken zu sprechen, hilft. Die folgenden Stellen sind kostenlos, vertraulich und rund um die Uhr erreichbar:
Österreich
Telefonseelsorge: 142
Rat auf Draht (für Kinder und Jugendliche): 147
Kriseninterventionszentrum Wien: 01 406 95 95 (Mo–Fr 8–17 Uhr)
Deutschland
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche): 116 111
Trauerspezifische Unterstützung vermitteln in Österreich die Hospiz- und Trauerbegleitungsangebote der Länder, in Deutschland die Trauerbegleitungsstellen des DHPV.
Transparenzhinweis
Die Diagnosestellung der Anhaltenden Trauerstörung ist ab 2027 möglich. Paul und Johanna haben sie demnach beide (noch) nicht erhalten.
Mit diesen Quellen haben wir gearbeitet:
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- Buur, C., Zachariae, R., Komischke-Konnerup, K. B., Marello, M. M., Schierff, L. H., & O’Connor, M. (2024). Risk factors for prolonged grief symptoms: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 107, 1–11. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2023.102375
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