Einfach alles vergessen
Immer mehr Jugendliche in Wien erleben eine Drogenüberdosis. Doch an den Unterstützungsprogrammen für sie wird eingespart.
Text: Beatrix Kouba
Collagen: ZIMT Magazin/Jana Reininger da Rosa
An einem Tag vor vier Jahren ist David auf die Kirche am Wiener Westbahnhof geklettert. Wie gefährlich das war, daran habe er damals gar nicht gedacht. Im Rausch habe er sich eingebildet, von dort oben zu Gott beten zu müssen. Heute schüttelt der 19-Jährige darüber den Kopf. David heißt eigentlich anders. Seinen echten Namen möchte er in der Öffentlichkeit nicht lesen – er ist suchtkrank.
Damit ist er nicht alleine. Die Zahl der Drogennotfälle bei unter 18-Jährigen steigt. 2024 erlebten rund 30 Prozent mehr Menschen gefährliche Momente im Rausch als noch im Vorjahr. 2025 gab es mit 372 drogenbezogene Krankenwageneinsätzen in Wien einen weiteren Anstieg, zeigen Daten der Wiener Berufsrettung. Insbesondere der Konsum von Kokain ist laut dem Drogenbericht 2024 gestiegen. Auch Opioide und Benzodiazepine werden vermehrt verzeichnet – etwa in Untersuchungen von Abwasser auf Drogenrückstände, in Bevölkerungsbefragungen beim sogenannten Drug-Checking, wo illegale Substanzen geprüft werden, oder bei Anrufen bei der Vergiftungsinformationszentrale. Landesweit zeichnen Berichte das Bild eines höheren „riskanten Konsummusters“. Damit ist nicht nur das Ausprobieren von Drogen gemeint, sondern ein potenziell schädliches und im schlimmsten Fall tödliches Konsumverhalten. Von den 256 drogenbedingten Todesfällen in Österreich im Jahr 2023 war ein Viertel der Menschen unter 25 Jahre alt, so der EU-Drogenbericht 2025.
Ein Viertel der Menschen, die 2023 in Österreich an Drogenkonsum starben, war unter 25 Jahre alt, so der EU-Drogenbericht 2025.
David, der seinen echten Namen nicht in der Öffentlichkeit lesen möchte, wäre fast einer dieser Todesfälle gewesen. Seine Hände zittern. Er entschuldigt sich. Heute Morgen habe er vergessen, Methadon einzunehmen, ein Heroinersatzmittel, das im Rahmen von Suchttherapien eingesetzt wird. Versäumt man eine Einnahme, zeigen sich Entzugssymptome, wie eben das Zittern der Hände. Das habe er jetzt nachgeholt. Davids Blick ist konzentriert, seine hellbraunen Augen ernst. In einem Wiener Café erzählt er im Gespräch mit ZIMT, wieso er heute täglich Methadon nimmt. Den Cappuccino vor sich rührt der junge Mann die ersten 30 Minuten des Gesprächs nicht an. Er redet schnell und viel über seine vielfältigen Drogenerfahrungen, jagt nahezu durch die Höhen und Tiefen seines Lebens.
Fatale Einsparungen
Seit eineinhalb Jahren ist David clean. Normalerweise denke er nicht über seine Zeit der Sucht nach, doch aktuell steigt in ihm der Suchtdruck, also das Verlangen nach Drogen. Als Grund dafür nennt er psychische Belastungen. Die Einsparungen der Stadt Wien bereiten ihm Sorgen. Die zur Sanierung des Stadthaushalts geplanten Kürzungen im Bereich der Suchthilfe hatten zuletzt zu großem Bangen um Jobs im Sozialbereich geführt, viele Programme zur Unterstützung psychisch erkrankter Menschen wurden gekürzt oder gestrichen. Vor allem die Arbeitsmarktintegration suchtkranker Menschen kann nur noch in geringerem Umfang fortgeführt werden.
„Irgendwann habe ich angefangen zu kiffen und dann war ich der Coolste.“ Soziale Anerkennung ist für viele Jugendliche ein Einstiegsmotiv in den Drogenkonsum.
Der Wiener Upcyclingbetrieb Gabarage, ein Sozialprojekt, in dem aus alten Materialien neue Produkte hergestellt werden und in dem auch David arbeitet, erhält zwar weiterhin Mittel der Stadt, jedoch nicht mehr genug, als dass er und seine Kolleg:innen noch bezahlt werden können. Davids Lebensunterhalt übernimmt seit Ende des Vorjahres das Arbeitsmarktservice (AMS). Das macht ihm Angst. Das Finanzierungsmodell läuft höchstens zwei Jahre. Bricht ihm seine Beschäftigung eines Tages gänzlich weg, fehlt ihm eine geordnete Tagesstruktur und damit steigt das Risiko für einen Rückfall. David ist clean, wird aber sein Leben lang suchtkrank sein.
„In Kombination mit Alkohol vergisst man einfach alles“
Über sein Aufwachsen spricht David positiv. Er erzählt von seinen Brüdern, der Scheidung seiner Eltern, über viel Streit, aber auch großem Bemühen vonseiten seiner Mutter und seines Vaters um ihre Kinder. Trotzdem erscheint ihm sein Alltag schon früh sinnlos, die Zukunftsplanung ebenso. Mit 14 Jahren beginnt David, Gras zu rauchen und das schnell exzessiv. Sein Selbstbewusstsein wächst. „In der Schule war ich Legastheniker und ein bisschen dicker. Im Freundeskreis war ich der, über den man sich immer freundschaftlich lustig gemacht hat. Irgendwann habe ich angefangen zu kiffen und dann war ich der Coolste.“
Es dauert nicht lange, bis ihm Freunde das erste Mal Benzos anbieten. Benzodiazepine, umgangssprachlich als Benzos bekannt, verschreiben Ärzt:innen gegen Schlafstörungen, Angstzustände, Epilepsie oder Muskelverspannungen. Unter Markennamen wie Xanax oder Valium werden die Schlaf- und Beruhigungsmittel vertrieben. Die Tabletten dämpfen die Aktivität des zentralen Nervensystems. Gefühle und äußere Reize werden schwächer wahrgenommen oder gar nicht mehr weitergeleitet – ein Effekt, den viele junge Menschen nun auch abseits medizinischer Behandlung zur Entspannung nutzen. Doch das ist gefährlich.
Sein fünfzehntes und sechzehntes Lebensjahr nennt David rückblickend seine „Überdosis-Zeit“.
„Zuerst hab ich immer nur eine Tablette genommen”, erinnert er sich. Innerhalb kürzester Zeit habe er die Dosis jedoch massiv erhöht. „Als ich dann mal pausiert habe, habe ich mich sofort richtig krank gefühlt.“ Ein Freund besorgt ihm eine weitere Tablette. Die Entzugssymptome verschwinden – das Problem scheint gelöst. „Von da an hab ich es täglich genommen“, sagt David. Benzodiazepine können schon nach kurzer regelmäßiger Einnahme abhängig machen – ein Risiko, das viele Jugendliche unterschätzen.
Süchtig nach wenigen Wochen
Bei einer regelmäßigen Einnahme von Benzodiazepinen entwickelt sich schon nach wenigen Wochen eine körperliche Abhängigkeit. Die Medikamente wirken im Gehirn, indem sie die Aktivität des körpereigenen Botenstoffs GABA (Gamma-Aminobuttersäure) verstärken. Den Nervenzellen wird vermittelt, dass sie vorübergehend weniger oder keine Impulse mehr weiterleiten sollen. Gefühle, Bewegung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis sind betroffen. Bleibt die Einnahme nach kurzer Zeit plötzlich aus, kommt es zu Entzugserscheinungen wie Schlaflosigkeit, Zittern, innerer Unruhe und Schweißausbrüchen. „Auch die zugrundeliegenden Probleme, weswegen man sie ursprünglich eingenommen hat, wie etwa soziale Ängste oder andere Angstgefühle, brechen in einem stärkeren Ausmaß wieder aus”, erklärt Martin Fuchs, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Tirol Kliniken in Hall bei Innsbruck. „Dadurch ist es für Menschen wahnsinnig schwierig, aus dieser Spirale wieder auszusteigen.” Als leitender Oberarzt ist Fuchs für eine therapeutische Jugendstation mit Schwerpunkt Sucht verantwortlich.
Benzodiazepine, Opioide, Kokain: Der Konsum verschreibungspflichtiger und illegaler Substanzen steigt unter Jugendlichen – auch in Wien.
In den letzten Jahren bemerkte Fuchs eine Veränderung im Konsumverhalten seiner Klient:innen: Jugendliche würden unterschiedliche Substanzen gleichzeitig konsumieren. Multiplen Substanzkonsum nennt er das. „Das geht mit einer gestiegenen Verfügbarkeit dieser Substanzen einher“, so Fuchs. Über Chatnachrichten und den Postversand können sich Jugendliche heute unkompliziert Cannabis, Ecstasy, Benzodiazepine und andere illegale Stoffe liefern lassen. „Viele haben auch mit Kokain große Probleme, das immer günstiger und mit einem immer höheren Reinheitsgrad verfügbar ist.“ Eine gestiegene Reinheit ist gefährlich, weil Konsument:innen die Wirkung unterschätzen und schneller eine Überdosis erleiden. Durch die leichtere Verfügbarkeit sei das Einstiegsalter für Drogen definitiv niedriger als vor einigen Jahren, so Fuchs. Das spiegelt sich auch in anderen Bundesländern wider. Das Kepler Universitätsklinikum in Linz berichtet von einer Verschiebung im Substanzkonsum: Zwar stellen Alkoholvergiftungen weiterhin den größten Anteil akuter stationärer Aufnahmen bei Minderjährigen dar, gleichzeitig ist jedoch ein Anstieg des Mischkonsums von Cannabis und Kokain bei 12- bis 18-Jährigen zu beobachten.
Anleitungen zum Drogenkonsum auf TikTok und Co.
David warnt vor Social-Media-Plattformen als gefährliche Lockvögel. „Es ist leicht, sich durch YouTube-Videos zu informieren. Auf TikTok scrollst du durch Videos von Leuten, die Drogen nehmen, oder siehst Anleitungen zum Konsum. Ich habe selbst auch TikToks dazu gemacht. Die Jugendlichen wollen Dinge ausprobieren. Selbst wenn man über die Gefahren aufklärt, hilft das nichts. Das ist ja der Reiz daran.“ Forschende des Tech Transparency Project zeigten, dass der Meta-Konzern Werbung für den Verkauf von Opioiden bis hin zu Stimulanzien wie Kokain zulässt, obwohl das gegen die Community Guidelines verstößt.
Über Chatnachrichten und den Postversand können sich Jugendliche heute unkompliziert Cannabis, Ecstasy, Benzodiazepine und andere illegale Stoffe liefern lassen.
Sie stellten außerdem fest, dass Instagram Teenager:innen die Suche nach Drogen mittels Hashtags ermöglicht und Konten von Drogendealer:innen vorschlägt. Auf die wachsende Kritik reagierend, führte der Mutterkonzern Meta 2025 Teen-Accounts auf Facebook und Instagram ein, um Jugendliche besser zu schützen. Dabei orientiert man sich an den Altersfreigaben der Filmindustrie. Filme, die Drogenkonsum zeigen, sind für Kinder unter 13 Jahren nicht geeignet. In Europa sollen die neuen Jugendschutzrichtlinien vermutlich im ersten Quartal 2026 aktiv werden. Abseits von Social Media werden Benzos aber auch in Songtexten angepriesen, so David. „Es ist cool geworden. Viele Musiker rappen darüber, wie sie sich Xans (Anm.: umgangssprachlich für Xanax) oder Codein reinschmeißen.“
„Ich habe mich einfach ausgeschalten“
David konsumiert monatelang, bis ihn sein Vater eines Tages bei dem Versuch ertappt, sich selbst die Haare zu schneiden. Irritiert stellt er ihn zur Rede. David gesteht seinen Konsum und zeigt ihm die Tabletten. So wird es ihm später jedenfalls erzählt. Erinnern kann er sich daran nämlich nicht. Jeder Versuch seines Vaters, ihn fortan zu einem Entzugsprogramm zu überreden, scheitert. Um Streit zu entgehen, flüchtet der Teenager von zu Hause und lebt einen Monat lang auf der Straße, bevor ihn sein Vater wieder nach Hause holt. Weil sein Bedarf an Benzos steigt, sucht er Dealer in dafür bekannten Straßen auf und beginnt selbst zu dealen. Erfahrene Dealer zeigen ihm Hausärzt:innen, die unkritisch Rezepte für Beruhigungstabletten ausstellen. Daneben besorgt er sich gefälschte Rezepte oder bestellt online Tabletten. Sein Benzokonsum zerstört seine Hemmschwelle für stärkere Drogen, so David. Als ihm ein Bekannter Heroin als Pfand überlässt, nimmt er es. „Heroin macht extrem schnell abhängig.“ Und genau das passiert auch David.
Über Online-Plattformen lassen sich heute Cannabis, Ecstasy und andere Substanzen bestellen. Expert:innen beobachten: Je verfügbarer Drogen sind, desto jünger die Konsument:innen.
Sein fünfzehntes und sechzehntes Lebensjahr nennt er rückblickend seine „Überdosis-Zeit“. Die Erinnerungen daran liegen im Nebel. Sein Antrieb: Selbstzerstörung. „Ich verstehe es jetzt selbst gar nicht mehr. Aber ich habe mich einfach ausgeschalten. Ich habe immer übertrieben, wollte immer mehr. Dann bin ich in Krankenhäusern gelandet. Viermal wurde ich reanimiert.“ Das Jugendamt wird eingeschaltet und vermittelt David in Zusammenarbeit mit seiner Familie in eine Jugend-WG. In den Wohngemeinschaften können junge Menschen betreut bis zur Volljährigkeit bleiben. Sozialarbeiter:innen bewegen David zu einem dreimonatigen Entzug in einer Suchtklinik des Anton-Proksch-Instituts. Der Kontakt zu seiner Freundin wird ihm untersagt. Weil auch sie heroinsüchtig ist, fürchten die Expert:innen, dass das Pärchen sich gegenseitig daran hindern würde, clean zu werden.
Mit Drogen psychische Erkrankungen verdrängen
Jugendliche „machen das nicht, weil es cool ist, sondern weil sie gravierende Probleme haben und möglicherweise von einer psychischen Erkrankung wie Depression, Traumafolgestörung oder ADHS betroffen sind, die man eigentlich behandeln könnte“, ist sich Martin Fuchs sicher – und er betont: Die Gruppe der durch Drogenkonsum gefährlich betroffenen Jugendlichen ist klein. Die meisten Schüler:innen zählen nicht dazu. Ob psychische Belastungen unter jungen Menschen in den letzten Jahren zugenommen haben, wird von Expert:innen aktuell stark diskutiert. Die Corona-Pandemie dürfte bestehende Probleme jedenfalls verschärft haben.
„Ich bin mir sicher, dass die Straßen in den nächsten zwei Jahren wieder voll mit abhängigen Leuten sein werden, die es bislang geschafft haben, clean zu bleiben“ (David, 19 Jahre)
Eine Studie der Donau-Universität Krems zeigte, dass die psychische Belastung der Jugendlichen in diesem Zeitraum hoch war. Unter den Jugendlichen hatten sich depressive Symptome, Angstsymptome und Schlafstörungen zwischen Pandemiebeginn und Jahresende 2021 verfünf- bis verzehnfacht. Rund 1.500 Schüler:innen zwischen 14 und 20 Jahren wurden dafür in Österreich untersucht. 20 Prozent der Schülerinnen und 14 Prozent der Schüler berichteten von suizidalen Gedanken. 62 Prozent der Mädchen und 38 Prozent der Burschen wiesen laut den Ergebnissen eine mittelgradige depressive Symptomatik, also eine mittelschwere Depression auf. „Es gab die große Hoffnung, dass sich die Situation danach entspannt. Aber Studien zeigen, dass es seitdem nicht besser geworden ist. Im Gegenteil: Zukunftsängste, Kriege, Umwelt- und Klimathemen führen dazu, dass ein Teil der Jugendlichen desillusioniert, hoffnungslos und stark belastet ist. Drogenkonsum dient dann dem Zweck, alles erträglicher zu machen“, erklärt Fuchs. Die Substanzen würden nicht nur in sozialen Gruppen oder auf Partys eine Rolle spielen, viele würden sie auch alleine konsumieren. Fuchs spricht von Jugendlichen, die monatelang täglich Benzos oder Gras vor dem Unterricht konsumieren, weil sie das Gefühl hätten, die Schule sonst nicht auszuhalten.
Risikofaktor Schule – oder doch Schutzfaktor?
Die Schule kann sowohl ein hoher Schutz- als auch Risikofaktor für Drogenkonsum sein, meint die Leiterin der Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien, Lisa Brunner. Ein gutes Klassenklima und stabile Bezugspersonen wirken suchtpräventiv. Brunner sieht jedoch Aufholbedarf im österreichischen Bildungssystem, das aktuelle pädagogische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse unbeachtet lasse. „Ein Schulsystem, das die psychische Gesundheit von Jugendlichen stärken würde, würde viele Zusatzmaßnahmen überflüssig machen.“ Die Maßnahmen, von denen Lisa Brunner spricht: einmalige Informationsvorträge zur Suchtprävention, die wenig nachhaltige Wirkung zeigen.
Harm Reduction statt Abstinenz: Viele Jugendliche wollen nicht aufhören, sondern ihren Konsum reduzieren. Moderne Suchtmedizin knüpft an diesen Veränderungswünschen an.
Das Jugendalter ist emotional und kognitiv herausfordernd. Studien zeigen, dass das Belohnungssystem im Gehirn besonders aktiv ist, während die Reifungsprozesse für Kontrolle und Planung noch andauern. Negative Konsequenzen des Verhaltens werden als weniger wahrscheinlich eingeschätzt als in anderen Altersgruppen. „Hier mit Vernunft und Wissen an Jugendliche zu appellieren, wenn es um Verhaltensänderung geht, ist aus wissenschaftlicher Sicht schwierig bis sinnlos“, so Brunner. Wichtig sei es stattdessen, in der Schule und im Elternhaus zu lernen, sich selbst gut wahrzunehmen und Gefühle auszudrücken. Wirksame Prävention setzt deshalb früh an: Die Wiener Suchtprävention bietet Lebenskompetenzprogramme für Pädagog:innen an, die soziale und emotionale Fähigkeiten vermitteln. Diese Programme kommen bereits im Kindergarten zum Einsatz. Kinder lernen dabei, ihren Körper wahrzunehmen und Gefühle zu benennen.
Das sei die effektivste Präventionsmaßnahme, so die Expertin. Denn später, im Jugendalter, könnten Eltern gegen die natürliche Neugierde ihrer Kinder ohnehin nichts ausrichten. Wichtig sei dann vor allem, dass Jugendliche wissen: Ihre Eltern sind immer für sie da, sollten sie Hilfe brauchen oder in Schwierigkeiten geraten.
Schadensbegrenzung statt Abstinenz
Auch Martin Fuchs sieht keine Chance, jugendliche Experimentierfreude zu stoppen. Das will er auch gar nicht. In der Tiroler Kinder- und Jugendpsychiatrie setzt man deshalb auf die Taktik der „Harm Reduction“ (Schadensminimierung). Lange Zeit galt es in der Suchtmedizin als oberstes Ziel, Konsument:innen zur Abstinenz zu bewegen. Bei Fuchs und seinem Team stehen heute die Veränderungswünsche der Jugendlichen im Mittelpunkt. Die meisten seiner Klient:innen wollen nicht abstinent werden, sondern bestimmte Punkte in ihrem Verhalten ändern. „Wenn man zu belehrend ist, verliert man diese Jugendlichen gänzlich. Im schlimmsten Fall wird ein Gespräch mit Eltern und Ärzt:innen das letzte innerhalb einer Behandlung sein.“ Im Fokus stehe Schadensbegrenzung, also ein weniger schädlicher Konsum. Das habe sich bisher bewährt: Die Klient:innen gehen öfter auf Behandlungen ein und brechen Therapien seltener ab. Zudem setzt man auf Aufklärung. Drogenberatungsstellen wie „CheckIt“ in Wien und Innsbruck bieten kostenloses und anonymes Drug Checking an. Konsumierende können dort mitgebrachte Substanzen auf ihre Inhaltsstoffe überprüfen lassen. Erfahrungen zeigen, dass Drug Checking das Risiko von Nebenwirkungen, Überdosierungen und Todesfällen reduziert und einen niedrigschwelligen Zugang zur Suchthilfe bietet.
„Wenn man zu belehrend ist, verliert man diese Jugendlichen gänzlich. Im schlimmsten Fall wird ein Gespräch mit Eltern und Ärzt:innen das letzte innerhalb einer Behandlung sein.” (Martin Fuchs, Psychiater)
David benötigt mehrere Versuche, um clean zu werden. Das Handy- und Kontaktverbot zu seiner Freundin lässt ihn seinen ersten Entzug abbrechen. Als ihm klargemacht wird, dass er ohne Entzugsprogramm nicht für Gabarage arbeiten kann, unternimmt er einen weiteren Anlauf. Diesmal gelingt der Entzug. Beide Male verbringt er die Weihnachtsfeiertage in einer Entzugsklinik. Heuer kann er wieder zu Hause mit seiner Familie feiern.
Momentan sucht David eine Lehrstelle. Mit seiner Freundin hat er nach einer kurzen Beziehungspause nüchtern wieder zusammengefunden. „Ich hab meine eigene Wohnung. Das Jugendamt hat während meiner Zeit in der WG Geld für mich gespart. Methadon ist meine Stütze. Ich kann mir immer etwas zu Essen und zu Trinken kaufen, wenn ich möchte. Das ist ein schönes Gefühl.“ Er betont, wie entscheidend die Unterstützung durch Einrichtungen der Suchthilfe für ihn und die Familie gewesen sei. Ohne diese Hilfe, so ist er überzeugt, wäre er heute nicht clean.
Wegen der Kürzungen in der Suchthilfe blickt David mit Sorge in die Zukunft: „Ich bin mir sicher, dass die Straßen in den nächsten zwei Jahren wieder voll mit abhängigen Leuten sein werden, die es bislang geschafft haben, clean zu bleiben.“
Anderen Betroffenen möchte David künftig selbst helfen. Er weiß, wie sich junge Menschen in seiner Lage fühlen. Vielleicht, so überlegt er, möchte er sogar Soziale Arbeit studieren. Auf jeden Fall wird er zu Gabarage zurückkommen, da ist er sich sicher: „Ob als Klient oder als Sozialarbeiter – das wird man sehen.“
Immer wieder macht David sich selbst Vorwürfe. Warum hat er sich und seinem Umfeld das Leben so schwer gemacht? „Ich kann mich über meine Vergangenheit ärgern, mich für sie schämen, mich dafür hassen – es macht die Sache nicht rückgängig. Das Einzige, was ich jetzt machen kann, ist mein Leben gut hinzubekommen und meine Eltern glücklich machen.“
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Quellen
- Studie zu Jugendlichen und psychischer Belastung (Sage Journals):
https://advance.sagepub.com/doi/full/10.31124/advance.17260130.v1 - Checkit! Wien – Drug Checking und Drogenberatung:
https://checkit.wien/ - Der Standard – Einsparungen in der Wiener Sucht- und Drogenhilfe:
https://www.derstandard.at/story/3000000295816/einsparungen-in-der-wiener-sucht-und-drogenhilfe-fallen-etwas-geringer-aus - Donau-Universität Krems – Psychische Belastung bei Jugendlichen:
https://www.donau-uni.ac.at/de/aktuelles/news/2021/psychische-belastung-bei-jugendlichen-weiterhin-hoch.html - Europäischer Drogenbericht 2025:
https://www.euda.europa.eu/publications/european-drug-report/2025/drug-situation-in-europe-up-to-2025_de - Kepler Universitätsklinikum – Substanzkonsum bei Jugendlichen:
https://www.kepleruniklinikum.at/kliniken-einrichtungen/kinder-und-jugendheilkunde/aktuelles/jugendliche-weniger-alkoholvergiftungen-mehr-cannabis-und-kokain/ - OTS – Grüne Wien zu Budgetkürzungen:
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251216_OTS0021/gruene-wienpuehringer-kraus-schneckenreither-zu-budgetdebatte-kuerzungen-sind-unsozial-und-unverantwortlich - ScienceDirect – Neurowissenschaftliche Studie zum Jugendalter:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1053811910002065 - Bericht zur Drogensituation 2024 (Sozialministerium Österreich):
https://www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Drogen-und-Sucht/Suchtmittel-NPS-Drogenausgangsstoffe/Berichte-und-Statistiken/Berichte-zur-Drogensituation-in-%C3%96sterreich.html - Tech Transparency Project – Meta und Drogenwerbung:
https://www.techtransparencyproject.org/articles/meta-allows-drug-ads-selling-everything-from-opioids-to-cocaine - Tech Transparency Project – Instagram und Drogenhandel:
https://www.techtransparencyproject.org/articles/xanax-ecstasy-and-opioids-instagram-offers-drug-pipeline-kids