Im Rauschen der Blätter pfeift der Kopf leiser

Die Natur kann heilsam sein. Welche Chancen hat der Wald in der Therapie psychischer Erkrankungen?

Text: Miriam Schwienbacher
Foto: Zoe Opratko

Datum: 18. Dezember 2025
Person mit VR-Brille in Pflanzenumgebung

In der Nähe des Sportzentrums Marswiese im 17. Wiener Gemeindebezirk schlängelt sich ein Trampelpfad seinen Weg durch das Gestrüpp. Vorbei an Buchen, Eichen und Birken, die wie Riesen auf den frisch sprießenden Bärlauch hinunterblicken. Angelika spaziert gemächlich voraus. Hinter ihr: Dorota und Eva, die in Wirklichkeit anders heißt. Angelika bleibt stehen. Zwei Baumstämme liegen am Wegrand. Sie steigt auf einen der Stämme und balanciert darüber – langsam, in ihrem Tempo. Eva und Dorota machen es ihr nach.

Sie setzen ihre Füße jeweils an ein Ende des Baumstamms und gehen behutsam aufeinander zu. Schritt für Schritt. Als sie nahe beieinander stehen, halten sie sich an den Händen, um das Gleichgewicht zu finden. Noch ein Schritt – dann umarmen sie sich, obwohl sie sich vorher noch nie begegnet sind. Sie haben sich verbunden gefühlt und ihrem spontanen Bedürfnis
nach Nähe nachgegeben.

Beim Waldbaden geht es darum, sich selbst und den Wald bewusst wahrzunehmen. Die Natur sorgt für Entspannung. In einer Zeit, in der große Teile der Gesellschaft lange Stunden vorm Computer sitzen, von einer Deadline zur nächsten hasten und psychische Belastungen weit verbreitet sind, klingt das vielversprechend.

Die Idee des Waldbadens hat in Japan eine besondere Bedeutung. Für dieses Shinrin Yoku gibt es dort bereits seit den 1980er-Jahren einen eigenen Begriff. Erst seit den 2010er-Jahren ist die deutschsprachige Übersetzung – also das Wort Waldbaden – auch hierzulande populär. In manchen Ländern ist die Natur bereits ins Gesundheitssystem eingebunden: In Kanada können Ärzt:innen ihren Patient:innen Aufenthalte in der Natur verschreiben.

Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten einige Kliniken Waldbaden mittlerweile als organisierte Behandlungsmöglichkeit an. Eingesetzt wird es vor allem bei Depressionen, psychosomatischen Beschwerden und Erschöpfung. Doch wie weit reichen die Chancen des Waldes? Können sie andere Behandlungen sogar ersetzen?

In Wien lehrt Angelika Gierer in ihrem Naturworkshop Interessierten die Praxis des Waldbadens. An einem kühlen Tag spazieren Eva und Dorota hinter ihr durch den Wienerwald – auch ZIMT ist mit dabei. Einige graue Haarsträhnen blitzen unter Angelikas Mütze hervor, und Dorotas voluminöses Haar ist von blonden Strähnchen durchzogen. Wenn die drei
Frauen lachen, zeichnen sich auf ihren Gesichtern sanfte Fältchen ab.

Auf ihrem Weg durch den Wald bleiben sie immer wieder stehen und teilen ihre Beobachtungen: keimende Eicheln, erste Leberblümchen, eine Zitterpalme und eine Buche, deren Stamm sich um einen anderen windet. Jetzt zweigt Angelika vom Trampelpfad ab; das trockene Laub knirscht unter ihren Sohlen. An einer Lichtung, die nur spärlich bewachsen ist, legen die drei ihre Rucksäcke ab und kommen in einem Kreis zusammen.

Auf Evas Kopf sitzt eine violette Mütze, unter der ihre blonden Haare immer wieder hervorblitzen. Der Reißverschluss ihrer mintgrünen Jacke ist ein Stück geöffnet, sodass sich ihr Schal zwischen Hals und Kapuze schmiegt. Unter der Jacke ragt ein hellblauer Rock hervor, der oberhalb ihrer Knie endet. Darunter trägt sie eine schwarze Funktionshose. Ihre
Füße stecken in Trekkingschuhen, rote Schuhbänder ziehen sich durch die Laschen. Eva hat einen langen Weg mit ihrer Depression hinter sich. Nach vielen Jahren in einem ungesunden Arbeitsumfeld findet sie durch die Natur wieder zu sich selbst.

Sie wächst in Wien auf und verbringt in ihrer Kindheit viel Zeit im Grünen: nach der Schule in Parks oder Wäldern, an Wochenenden beim Wandern,
auf Ausflügen, in Tierparks oder bei den Großeltern in der Steiermark. Am letzten Schultag pflegt sie über Jahre hinweg eine Gewohnheit: Sie kommt mit dem Zeugnis in der Hand nach Hause, zieht Schuhe und Socken aus – und läuft den ganzen Sommer über barfuß.

Nach der Schulzeit wandeln sich Evas Gewohnheiten. Ihre beiden Studien, zunächst Tourismus, später Betriebswirtschaft in Graz, fesseln sie an Innenräume: Veranstaltungen, endlose Stunden vor dem Bildschirm. Schließlich kehrt sie nach Wien zurück und nimmt eine Stelle als Betriebswirtin in Niederösterreich an. Jeden Tag pendelt sie: Wien, Niederösterreich, zurück. Die morgendlichen Staus stressen sie, die dicht auffahrenden Autos jagen ihr Angst ein. Oft erreicht sie das Büro abgehetzt und schweißgebadet.

Ein zentraler Aspekt des Waldbadens: die bewusste sensorische Wahrnehmung der Natur – Texturen, Gerüche, Geräusche – als Weg zur psychischen Entlastung.

Ihr Arbeitsplatz liegt direkt an der Autobahn. Wenn sie das Fenster öffnet, dröhnt der Lärm ins Büro. Ein Aufenthaltsraum fehlt. Eva isst am Schreibtisch Mittag, während Kolleg:innen sie auch in der Pause um Rat bei ihren Tätigkeiten bitten. Die Verantwortung lastet schwer auf ihren Schultern, die Aufgaben türmen sich wie Berge auf. Eva gewinnt
neue Kund:innen, doch Anerkennung bleibt aus. Hilfe sucht sie selten, sie arbeitet sich lieber allein durch, bis sich eine Lösung auftut. Oft bleibt sie deshalb länger. Im Team brodeln Intrigen, Kolleg:innen mobben einander. „Auch heute könnte ich dort niemandem vertrauen“, sagt Eva im Gespräch mit ZIMT.

Zurück im Naturworkshop blickt Angelika in die Runde und fragt: „Stellt euch vor, ihr wärt ein Waldtier. Welches wärt ihr?“ Sie gibt den Teilnehmenden Raum: Sie können das Tier unterschiedlich beschreiben – mit Worten, Geräuschen oder Bewegungen. Angelika beginnt. Sie breitet ihre Arme aus, summt und läuft im Slalom zwischen Dorota und Eva hindurch. Dorota und Eva raten: eine Biene? Fast. Eine Hummel. Dann ist Dorota dran. Sie grunzt und krümmt die Arme. Klar: ein Wildschwein. Eva
bewegt sich zu einem nahegelegenen Baum und kauert sich seitlich an den Stamm. Sie rollt sich zusammen wie eine Kaugummirolle und schließt die Augen. Das ist schwer! Vielleicht ein schlafendes Reh? Nein, ein Siebenschläfer.

Angelika und ihr Team binden in ihren Workshops Yoga- und Achtsamkeitsübungen ein. Manchmal liegen die Teilnehmenden dabei auf dem Waldboden und nehmen alles um sich herum wahr. Oder sie ziehen ihre Schuhe aus und machen die Übungen barfuß. Heute ist es zu kühl dafür.

Ein Unfall, der alles verändert

Elf Jahre lang bleibt Eva im selben Unternehmen. Je mehr Zeit vergeht, desto müder und ausgelaugter fühlt sie sich. Irgendwann ist ihr selbst die Musik auf der Fahrt nach Hause zu viel. Sie dreht das Radio ab und fährt in Stille. An einem Herbstmorgen vor fünf Jahren ist Eva auf dem Weg zur Arbeit: Wien, Niederösterreich, zurück. Ein LKW rammt ihr Auto von links. Eva bleibt unverletzt, nur das Firmenfahrzeug trägt einen leichten Schaden davon.

Die Betriebswirtin fährt trotz des Unfalls in die Arbeit. Ein Abfahren von der Autobahn ist unmöglich, sie ist vom fließenden Verkehr umgeben. Sie fühlt sich überfordert und benötigt Hilfe, um sicher ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Sie schafft es nicht, die Nummer ihrer Kollegin zu wählen. Über das Spracherkennungssystem erreicht sie sie schließlich. Die Kollegin spricht beruhigend mit ihr, lotst sie durch den Verkehr und hilft ihr dabei, aufmerksam zu bleiben. 

Im Büro kommt Eva zitternd an. Erst am Wochenende danach bricht der Schock vom Unfall richtig durch. Eva fühlt sich schlecht und geht für
zwei Wochen in den Krankenstand. Kaum ist sie zurück im Büro, bittet ihr Chef sie in sein Zimmer: eine Ermahnung. Der Krankenstand sei übertrieben gewesen, sagt er. Eine junge, gesunde Frau dürfe von
so einem Unfall nicht erschüttert sein, schließlich habe das Auto kaum etwas abbekommen.

Unter der alten Eiche

Ab und zu pfeift der Wind durch die Baumriesen und wirbelt die trockenen Blätter, die auf dem Boden liegen, wie Schmetterlinge über den Waldboden. Die Sonne blitzt hin und wieder zwischen den Wolkenschwaden durch. Die Frauen ertasten nun Bäume mit verbundenen Augen. Danach schnallen sich Angelika, Dorota und Eva ihre Rucksäcke wieder um und wandern zurück zum Trampelpfad. Nach einem kurzen Spaziergang von etwa fünfzehn Minuten lichtet sich der Wald und eine weitläufige Wiese breitet sich aus. Mitten in der Wiese ragt eine alte Eiche hoch hinauf, wie eine Insel mitten im Meer. Langsam gehen sie in ihrem eigenen Tempo hinüber zur Eiche. Hier verweilt Angelika gerne. 

„Der Wald ist eine Tankstelle – eine Energietankstelle“, sagt sie. „Hier verlangt niemand, dass wir etwas leisten.“

Nach Evas Autounfall arbeitet sie noch ein weiteres Jahr für das Unternehmen, bis sie an einem kühlen Oktobertag mit ihrem Rad unterwegs ist. Sie möchte sich etwas Gutes tun, weil sie in den vergangenen Jahren kaum Zeit für Sport gefunden hat. Der Wind bläst ihr entgegen. Sie ist schnell unterwegs und übersieht eine Bordsteinkante. Eva stürzt auf den rauen Asphalt. Ihr schnürt es die Luft ab. Sie fühlt sich eingefroren und kann nicht weinen. Ihre Knie sind blutig, voller Schrammen und schwellen an. Die Betriebswirtin kann wegen der Verletzungen nicht schlafen, geht aber trotzdem zur Arbeit.

Einige Tage nach dem Fahrradunfall plagt sie ein Geräusch im Ohr: ein Tinnitus. Eva will das Geräusch kontrollieren, es leiser machen und ausschalten, aber es gelingt nicht. Sie verzweifelt und hat das Gefühl, die
Kontrolle zu verlieren. Ihr geht es zunehmend schlechter, ihr ist alles zu viel. Sie hat keinen Appetit mehr und nimmt Gewicht ab. Eva rutscht in eine Depression.

„Der Tinnitus ist immer lauter und lauter geworden, ich hingegen depressiver und depressiver“, sagt sie.

Die damals 44-Jährige begibt sich in den Krankenstand und meldet sich für eine psychiatrische Rehabilitation an. Acht Wochen lang ist sie in Salzburg in einem psychiatrischen Rehazentrum. Die Station liegt mitten im Grünen. Obwohl es Winter ist, geht Eva viel in den Wald. Morgens begleiten Physiotherapeut:innen und Ergotherapeut:innen die Gruppe bei einem Spaziergang in der Natur. Eva geht auch allein spazieren. Sie merkt, wie gut ihr die Zeit im Wald tut.

Frau mit geschlossenen Augen lehnt mit einer Hand an einem Baumstamm in einem herbstlichen Wald – Symbolbild für Waldbaden und die heilsame Wirkung der Natur auf die Psyche

Die Wissenschaft spricht von einer wachsenden Beweislage für die positive Wirkung von Waldspaziergängen.

Bis heute ist wenig darüber bekannt, was für die positiven Effekte von Naturaufenthalten sorgt, sagt die Umweltmedizinerin Daniela Haluza. Liegt es am Duft des Waldes, an den Mikroorganismen, die Stoffe abgeben, an den Farben, an den Geräuschen – oder an der Kombination daraus? Seit über fünfzehn Jahren erforscht Haluza an der Medizinischen
Universität Wien, wie sich der Wald auf unsere Gesundheit auswirkt. In der Natur schaltet der Körper in den Entspannungsmodus, das Stresssystem wird gedämpft, erklärt sie.

„Wer in den Wald hineingeht, kommt gesünder wieder raus.“

Ob bei Erschöpfung oder psychosomatischen Beschwerden, bei leichten Depressionen, Angstsymptomen, Schlafstörungen, bei posttraumatischen
Belastungsstörungen oder zur Burnout-Prävention: Aufenthalte im Grünen zeigen stets eine positive Wirkung. Nur Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung müssen laut Haluza aufpassen. Naturtherapien können zwar auch hier unterstützend wirken, indem sie Gefühlsüberflutungen dämpfen, Achtsamkeit fördern und die Selbstwahrnehmung festigen. Gleichzeitig brauchen Betroffene
klare Strukturen. Da sie häufig stark auf äußere Reize und zwischenmenschliche Spannungen reagieren, sollten intensive Waldbesuche in eine Therapie eingebettet sein.

Waldbaden kann Betroffene dabei unterstützen, wieder einen besseren Zugang zu sich selbst und zur Außenwelt zu finden. Es ersetzt jedoch keine professionelle Therapie und keine Behandlung mit Medikamenten. Die Natur kann vor allem helfen, der Reizüberflutung des Alltags zu entkommen – und damit auch chronischem Stress vorzubeugen. Beim
Waldbaden sei es besonders wichtig, sich Zeit zu nehmen und die Natur achtsam zu erleben: langsam zu gehen, die Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Das versucht auch Eva. Bei ihren Waldspaziergängen entdeckt sie manchmal ein Eichhörnchen. Dann verfolgt sie es mit den Augen, so lange, bis es verschwindet. Sie sammelt Blätter, Zapfen und Äste.

„Ich wollte nicht in meiner Krankheit versinken, mich selbst bemitleiden und in der Opferrolle bleiben“, sagt Eva.

Die Natur ist für sie ein Ort, an dem sie nicht traurig sein muss, weil dort so viele andere Dinge vor sich gehen, die sie beobachten kann.

Derzeit fehlen noch Langzeitstudien, die zeigen, wie stabil die Effekte des Waldbadens sind. Doch in den letzten Jahren ist die Studienlage zum Thema deutlich gewachsen. Ein Review, das sich mit bereits vorhandenen Forschungsergebnissen auseinandersetzt, ist The effective benefits of nature exposure aus dem Jahr 2021. Die US-Autor:innen berichten
von einer wachsenden Beweislage dafür, dass Aufenthalte in der Natur positive Effekte haben: Sie können Stress verringern, negative Gefühle lindern und das Wohlbefinden steigern. Eine Frage, die dabei jedoch offen bleibt, so Haluza, ist jene danach, wie Waldtherapie langfristig in das Gesundheitssystem integriert werden kann, sodass möglichst viele Menschen Zugang dazu erhalten.

Auch nach ihrem Krankenhausaufenthalt bleibt Eva der Natur nahe: Sie geht zwei- bis dreimal am Tag im nahegelegenen Wald spazieren. Dort
lauscht sie den Vogelstimmen. Sie achtet darauf, wie viele unterschiedliche Arten sie wahrnimmt, und zählt die Sekunden zwischen dem Gezwitscher des einen und der Antwort eines anderen Vogels. Im
Wald ist sie abgelenkt. Sie konzentriert sich auf andere Geräusche und nimmt ihren Tinnitus weniger wahr. Nach jedem Aufenthalt in der Natur fühlt sie sich besser als zuvor.

Mit der Zeit wird auch das Geräusch in Evas Ohr leiser und verschwindet schließlich. Eva kündigt ihren Job. Sie bildet sich weiter und macht Ausbildungen zur Achtsamkeitstrainerin und später zur Waldbadentrainerin. Heute unterstützt sie selbstständig Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden wie sie damals. Und wenn sich Gespräche, Aufgaben und Termine häufen, legt Eva eine Pause im Wald ein.

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