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Alte Schule, neue Probleme?

Schüler:innen mit Neurodivergenzen passen nicht recht ins Regelschulsystem. Aber passt das Schulsystem zu ihnen?

Text: Karina Grünauer
Illustrationen: Jana Reininger
Fotos: Jelena Ojo, Elodie Grethen

Datum: 28. Juli 2022

Immer wieder wird Anna* in der Schule ermahnt. Sie soll den Lehrer:innen beim Sprechen in die Augen schauen, ihr Pult aufräumen und überhaupt weniger unordentlich sein. Während Schularbeiten kommt sie nicht mit und macht viele Fehler. Annas Schwestern haben diese Probleme nicht. Sie schreiben Einser und bekommen Smileys auf ihre Diktate. Anna kann nicht mithalten.

Die schlechten Mitteilungen von Annas Lehrer:innen sorgen zuhause für Stress und Streit. Anna hat das Gefühl, eine Belastung zu sein. Sie nimmt sich selbst als nervig und anstrengend wahr. Dabei gehören Konflikte und traumatische Erfahrungen, wie sie Anna erlebt, zum schulischen Alltag. Schüler:innen wie Anna ecken immer wieder an den Anforderungen des heutigen Regelschulsystems an.

Anna ist neurodivergent. Ihre neurokognitiven Funktionen, also die Art wie sie Informationen lernt, speichert und abruft, weichen von jenen neurokognitiven Funktionen, die in der Gesellschaft am häufigsten vorkommen, ab. Unter die Bezeichnung Neurodivergenz fallen unter anderem Diagnosen wie ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom), Autismus, Dyskalkulie (Rechenschwäche) und Dyslexie (gestörte Lesefähigkeit). Eines haben Schüler:innen mit diesen Diagnosen alle gemeinsam: Ihr Lerntyp entspricht nicht der Norm.

Eine der wohl bekanntesten Diagnosen, die neurodivergente Kinder und Jugendliche von neurotypischen Schüler:innen unterscheidet, ist ADHS. Gemäß einer Studie der Medizinischen Universität Wien hat etwa jede:r vierte Jugendliche in Österreich diese Diagnose. Rund ein Prozent der Bevölkerung ist von einer Störung aus dem Autismus-Spektrum betroffen. Wie viele Schüler:innen sich jedoch tatsächlich im Spektrum der Neurodivergenz bewegen, ist schwer zu sagen, da die Diagnose bei vielen unentdeckt bleibt oder erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wird. 

Das Schulsystem ist nicht für die Schüler:innen gemacht

Beim Diktat schafft Anna nur einen halben Satz, in dem jedes einzelne Wort falsch geschrieben ist. Sie blickt immer wieder aus dem Fenster. An ihren Blöcken fehlen die Ränder. Anna hat sie abgerissen und aufgegessen. Anna kann dem Tempo der Lehrerin nicht folgen, sie fängt an zu weinen. Die Lehrerin liest den Text weiter vor. Nach der Schularbeit bekommt Anna wieder einen traurigen Smiley.

So wie Anna geht es vielen Schüler:innen. Das Problem sei aber eigentlich nicht bei den Kindern und Jugendlichen zu suchen, so Tobias Buchner. Er ist Leiter des Instituts für Inklusive Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Oberösterreich und forscht und lehrt unter anderem zum Thema Bildung und Raum. Vielmehr müsse die Schuld im vorherrschenden Ideal “ganz normaler” Schüler:innen gesucht werden, denn das schließe viele junge Menschen kategorisch aus. Unser Schulsystem sei auf Gleichheit ausgelegt, so Buchner – und diese Vorstellung sei historisch gewachsen: Schüler:innen derselben Altersgruppe, mit einem ganz ähnlichen Entwicklungsstand werden in einem Fach unterrichtet und sollen so auf einen möglichst einheitlichen Bildungsstand gebracht werden. Doch die Realität sieht anders aus: Nicht jede:r Schüler:in ist gleich. „Die Krux mit unserem Bildungssystem ist, dass die Strukturen und Parameter, insbesondere die der Schule, eigentlich über 200 Jahre alt und in einem ganz anderen Kontext entstanden sind, als er heute gegeben ist. Damals ging es darum, breiten Massen von Kindern und Jugendlichen mit einfachsten Mitteln Zugang zu Bildung zu ermöglichen”, erklärt Buchner.

Unser Schulsystem ist auf Gleichheit ausgelegt. Aber jedes neurokognitive System ist individuell.

Neben der Vermittlung der Grundfertigkeiten Rechnen, Schreiben und Lesen standen im Mittelpunkt des damaligen Schulsystems vor allem Disziplin und Gehorsam, die den Kindern beigebracht werden sollten. Als das Pflichtschulsystem 1918 erweitert und dahingehend reformiert wurde, dass alle Kinder ohne Unterschied des Geschlechts oder des sozialen Status unterrichtet werden durften, blieb Gehorsamkeit als zentrales Element der Schule bestehen – bis heute. Diese Schulform sei, so Buchner, jedoch einzig auf die Interessen der lehrenden Person ausgelegt und nehme keinerlei Rücksicht auf Lernbedürfnisse und Prozesse der Kinder. Es werde davon ausgegangen, dass alle Kinder Lernansprüche gleichermaßen bewältigen und sich stundenlang in Gruppen gemeinsam konzentrieren können. Doch nicht alle Schüler:innen können Blicke und Interaktionen auf die erforderliche Dauer bewältigen, erklärt der Forscher. Denn Gehirne funktionieren unterschiedlich.

Neurodivergente Kinder lernen anders

Dass es gerade neurodivergenten Kindern im Klassenraum oftmals zu laut und chaotisch wird, kennt Liz Hutap aus ihrer 35-jährigen Erfahrung als Lehrerin. Hutap leitet seit knapp 20 Jahren eine Montessori-orientierte Klasse an einer Mittelschule in Eisenstadt und arbeitet seit neun Jahren mit neurodivergenten Kindern aus dem Autismus-Spektrum. „Manche Kinder können nicht gleichzeitig zuhören und schreiben.”, weiß Hutap aus ihrer Erfahrung. “Wenn die Reize sie überfordern, ist es extrem wichtig, den Kindern beizubringen, sich eine Auszeit zu nehmen. Sie müssen lernen, den Punkt der Überforderung zu erkennen und abzustoppen.” Wenn das nicht gelingt, reagieren autistische Schüler:innen oft mit Schreien, Aggression.

Annas Überforderung äußert sich nicht laut, sondern leise. Die Überforderung in der Schule und Gewalterfahrungen, die sie außerhalb der Schule macht, führen für sie zu dissoziativen Symptomen. Anna kann kaum noch schlafen. Weil ihr die Welt zu laut ist, trägt sie Kopfhörer bei sich, um alles andere stumm zu schalten, wenn alles zu viel wird.

Doch nicht nur unterschiedliche geistige Fähigkeiten und Neurodivergenzen sind ausschlaggebend dafür, ob das Schulsystem zu einem Kind passt. Auch der familiäre Hintergrund eines Kindes spielt eine Rolle, so Alexia Weiss, die Journalistin und Autorin des Buches „Zerschlagt das Schulsystem” ist. Weil die Schule, so wie sie jetzt ist, darauf aufgebaut ist, dass Kinder auch zuhause üben, lernen und sich für den nächsten Schultag erholen, werde sie nur jenen Schüler:innen gerecht, die zuhause ausreichend Unterstützung von ihren Eltern bekommen. Schüler:innen, die diese Unterstützung nicht erfahren, haben von Anfang an eine benachteiligte Position in unserem Leistungssystem. 

Diskriminierung in der Schule belastet die Psyche

Im Schulsystem benachteiligt zu sein und immer wieder auf Hürden zu stoßen, sorge bei vielen Schüler:innen für Frust und Versagensängste, so Alexia Weiss. Kinder, die nicht mithalten können, erleben häufig auch Diskriminierung im Schulalltag. Sie werden von Lehrer:innen abgelehnt, zuhause geschimpft oder gestraft, weil sie an Hausübungen scheitern, auch wenn sie sich bemühen. Damit steigt der Druck und Kinder lernen, dass Einsatz und Fleiß nicht immer genug sind.

Früher ging es darum, breiten Massen von Kindern und Jugendlichen mit einfachsten Mitteln Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Das ist heute anders.

So entstehen nicht selten psychische Folgen, wie Erschöpfung, ein geringerer Selbstwert und Stress. Wenn Anna heute an ihre Schulzeit zurückdenkt, erinnert sie sich, Depressionen mit suizidalen Gedanken gehabt zu haben. Der Leistungsdruck in der Schule, immer wieder im Mittelpunkt von Streitereien in der Familie zu sein, setzte Anna stark zu. Eine aktuelle Studie aus Schweden zeigt auf, dass Suizide unter jungen Menschen mit ADHS-Diagnose beispielsweise neun mal häufiger auftreten als bei Gleichaltrigen. 

Ab auf die Sonderschule?

Als bei Anna ADHS diagnostiziert wird, erfährt sie Akzeptanz von ihrer Familie. Anna geht zu einer Psychotherapeutin, die auf Legasthenie und Dyskalkulie spezialisiert ist. Mit ihr übt Anna immer wieder Wörter lesen und schreiben. Anna erhält Nachhilfe in Deutsch und Mathe, sie geht zur Ergotherapie und zur Verhaltenstherapie. So schafft sie es trotz aller Hürden auf das Gymnasium. Dort meint die Deutschlehrerin, die gleichzeitig Annas Klassenvorstand ist, dass Anna in einer Sonderschule besser aufgehoben wäre. Für Annas Mutter kommt eine Sonderschule nicht in Frage.

Aber auch das Konzept der Sonderschule ist umstritten. Buchner kritisiert vor allem die Kategorisierung der Schüler:innen nach ihrem vermeintlichen Leistungsspektrum und ihre Einsortierung in Sonderschulsparten: „Das, was Sonderschulen eigentlich leisten sollen, ist, die Schüler:innen individuell zu fördern.“ Dass stattdessen Schüler:innen nach Beeinträchtigungen getrennt werden, ist für Buchner nicht nachvollziehbar, denn damit bekämen Kinder und Jugendliche unterschiedliche Bildungschancen, die sich durch das ganze spätere Leben ziehen. Das Label ‚Sonderschüler:in‘ habe eine extrem stigmatisierende Wirkung. Nicht selten erhalten Schüler:innen aus Sonderschulen keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt. Je nach Beeinträchtigungsstatus kommen sie oft nur in Behindertenwerkstätten unter, in denen sie weiterhin von dem als gesund geltenden Teil der Gesellschaft getrennt werden. Natürlich, so ist sich Buchner sicher, könne die spezifische Unterstützung, die Schüler:innen für ein optimales Lernen brauchen, im aktuellen Regelschulsystem mit seinem hierarchischen Leistungsanspruch auch nicht gegeben werden. Denn dafür bräuchte es eine andere Architektur der Schulgebäude, mehr Personal und mehr Geld. Doch auch in Sonderschulen funktioniere das nicht besser. Die Sonderschule kranke, laut Buchner, vor allem daran, dass sie wie eine Blackbox sei. Es mangele an Transparenz über die Lehrinhalte und oftmals käme der Unterricht eher einer Betreuung gleich. Die Bildung der Kinder und Jugendlichen bleibe dann auf der Strecke.

Die Vielfalt der Menschen schätzen lernen

Auch neurotypische Schüler:innen würden von einer Änderung des Bildungssystems und einer gemeinsamen Schule profitieren, ist sich Buchner sicher. Denn auch sie leiden am steigenden Leistungsdruck. Bereits vom Grundschulalter an würde immer mehr Nachhilfe in Anspruch genommen. Die Schüler:innen würden doch eigentlich, so Liz Hutap, von der Vielfalt der Menschen in einer gemeinsamen Schule profitieren. Das erfährt die Lehrerin immer wieder im Alltag, wenn Kinder den Umgang mit Andersartigkeiten lernen. Das führe zwar manchmal zu Konflikten, aber insgesamt seien Kinder demgegenüber sehr offen, wenn man ihnen nur Zeit dazu gebe. Vielfältige Freundschaften entstehen, die Kinder lernen viel voneinander: Autistische Kinder bauen ihre Sozialkompetenzen aus, neurotypische Kinder lernen von der hohen Konzentrations- und Begeisterungsfähigkeit autistischer Mitschüler:innen.

Annas Mutter schickt ihr Kind zu einer weiteren Diagnostik, die eine Legasthenie feststellt. Von nun an besucht Anna diverse Lernförderungen, Therapien und erhält in der Schule einen Nachteilsausgleich. Ihre Rechtschreibfehler werden nicht mehr gewertet. Die Unterstützung und Akzeptanz von Seiten der Lehrer:innen steigern ihren Selbstwert. Ihr Gemütszustand bessert sich. Doch diese private Unterstützung mittels Förderungen und Therapien kostet Familien in der Regel viel Geld – Geld, das nicht alle Familien aufwenden können.

Tobias Buchner (links) und Alexia Weiss (rechts) suchen nach Lösungen für ein gerechteres Bildungssystem.

Alexia Weiss sieht ein Problem darin, die Förderung von Schüler:innen ins Private, auf Familien auszulagern. Vielmehr solle Unterstützung innerhalb der Schule angeboten werden: durch andere Expert:innen, Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen und Trainer:innen. “All das sollte es an der Schule geben, so dass die Lehrer:innen sich wirklich auf das konzentrieren können, wozu sie ausgebildet wurden: das Unterrichten.” Und überhaupt sollten Lehrer:innen Kinder mehr in ihren Lernprozessen und Bedürfnissen begleiten, als nur über Noten zu beurteilen. Das käme unserem gesellschaftlichen Anspruch auf Bildungs- und Chancengleichheit, die auch laut Schulgesetz bestehen sollte, mehr entgegen.

Schule neu gestalten

‚Eine inklusive Schule ist dann eine erfolgreiche Schule, wenn möglichst viele Lernende die für sie möglichst besten Schulabschlüsse erreichen. Inklusive Didaktik und individualisiertes Lernen sind in einer förderlichen Schule nicht zu Trennen‘, schreiben Jeanne Lengersdorf und Anna Hagemann in ihrem Buch Raum für Inklusion: Schule als Lernort für Alle gestalten und nutzen. Das heutige Schulsystem solle entsprechend ein anderes Lernen ermöglichen, das den individuellen Bedürfnissen aller Schüler:innen entspricht. Das bedeutet, Schule sowohl inhaltlich als auch räumlich neu zu denken und zu gestalten: weg vom großen Klassenzimmer mit Frontalunterricht hinein in individuelle Entwicklungsmöglichkeiten.

Wieso Inklusion an Regelschulen eher selten gelingt, glaubt Tobias Buchner zu wissen. Es sei neben den veralteten Strukturen auch ein Problem des fehlenden Personals sowie ein finanzielles Problem: „Die Bildungspolitik fokussiert sich auf eine falsche Optimierung des Bildungssystems: Immer weiter leistungsbereite Schüler:innen, die immer schneller und immer mehr lernen und immer besser überprüft werden können. Darin wird investiert, aber wenn es um Bildungsgerechtigkeit und Inklusion geht, dann bitte nur zum Nulltarif.“

Anna hat es trotz der Hürden geschafft: Sie macht ihren Master in Entwicklungspsychologie und setzt sich als Referentin für mehr Barrierefreiheit an der Universität Wien ein. Sie berät mit ihrem Team chronisch und psychisch kranke Studierende, Studierende mit Behinderung, ältere Menschen, die studieren, und Studierende, die in irgendeiner Form Barrieren im Studium erfahren. Ihr ist es ein Anliegen, Barrieren in der Lehre abzubauen, Studierenden beispielsweise Aufzeichnungen von Vorlesungen anzubieten, die nicht mitschreiben können, zusätzliche Räume oder Assistenzen zu organisieren. Anna schätzt sich glücklich, dass sie in ihrer Kindheit die Unterstützung erhalten hat, die sie gebraucht hat. „Ich sehe aber, dass da viele Kinder sind, die Potenzial haben, die super klug sind, und keine Unterstützung bekommen. Deshalb ist es so wichtig, dass das Schulsystem auch für sie inklusiv wird. Für ihre spätere Laufbahn, für ihr Selbstwertgefühl, damit sie wissen: Ich bin nicht dumm, ich brauche nur die richtigen Strategien, die auch für mich funktionieren.”

*Name von Redaktion geändert

Alexia Weiss‘ Buch „Zerschlagt das Schulsystem…und baut es neu!“ erscheint am 22. August 2022 im Verlag Kremayr & Scheriau.

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