Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit dem Thema Depressionen. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Umstrittene Pillen

Der Konsum von Antidepressiva ist kontrovers. Die Einen schwören auf sie, die Anderen haben Angst vor ihnen – wer hat Recht? Was hat es mit den Tabletten auf sich?
Text und Fotos: Jana Reininger
Illustrationen: Sabrina Haas
Datum: 31. Januar 2022
„Es ist doch brutal, was hier gerade abgeht“, flüstert Ness. Sie steht im Badezimmer und sieht ihrem Spiegelbild ins Gesicht. Die Erschöpfung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Unter ihren Augen zeichnen sich dunkle Schatten ab, ihr Körper juckt. An den Armen hat sie aufgekratzte Stellen. Ness schaudert. Vor wenigen Tagen hat sie aufgehört, Antidepressiva zu nehmen. Jahrelang war ihr Körper an die Medikamente gewöhnt. Auf die Umstellung reagiert er heftig.

Eine Weile geht es Ryan komisch. Nicht gut, nicht schlecht, einfach komisch. Er existiert einfach vor sich hin, ohne viel Gefühl. Wie ein Wattebäuschchen, sagt er. Zwei Monate ist es her, dass Ryan zum ersten Mal seine Antidepressiva geschluckt hat. Jetzt fängt es an, ihm besser zu gehen. Er wird aufgeweckter, verspürt das erste Mal seit einem Dreivierteljahr Lust, sein Zimmer zu verlassen, nach draußen zu gehen, Freund:innen zu sehen, mal wieder Sport zu machen.

Vanessa, die meistens einfach nur Ness genannt wird, und Ryan kennen sich nicht. Sie ist Sprachlehrerin und heute 30 Jahre alt. Er ist ein Jahr jünger und entwirft Content, den verschiedene Unternehmen bei ihm beauftragen: manchmal Videos, manchmal Fotos, manchmal Texte. Manchmal auch alles zusammen. Beide wohnen in Wien, beide sind hier aufgewachsen, beide teilen eine Diagnose: Depressionen, die schon in Teenagerjahren begonnen haben. Beiden werden Antidepressiva verschrieben.

 

Antidepressiva werden immer häufiger verschrieben

Diese Gemeinsamkeit ist keine Seltenheit. Etwa 280 Millionen Menschen sind laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Depressionen betroffen. Alleine in Österreich haben laut Gesundheitsministerium 7,5 % der Frauen und 3,9 % der Männer die Diagnose Depression erhalten. Weil sie sich niedergeschlagen oder hoffnungslos fühlten, ihre Freuden oder Interessen verloren haben, müde geworden sind oder das Gefühl entwickelt haben, nichts wert zu sein. Weil sie den Kontakt zu Freund:innen oder Verwandten abgeschnitten, vielleicht auch an Suizid gedacht haben. Depressionen sind gefährlich: Suizid ist die zweithäufigste Todesursache junger Menschen.

Deshalb nimmt auch die medikamentöse Behandlung von Depressionen zu: Immer häufiger verschreiben Ärzt:innen ihren Patient:innen Antidepressiva. In Österreich öfter, als anderswo: Die letzten Aufzeichnungen aus dem Jahr 2019 besagen, dass pro 1.000 Einwohner:innen 61 Menschen Antidepressiva nehmen. Wahrscheinlich haben sich diese Zahlen seit der Pandemie noch erhöht. Aber die Medikamente sind umstritten. Wer Antidepressiva verordnet bekommt, fürchtet sich oft erstmal vor der Einnahme. Was hat es damit auf sich?

Friedrich Riffer ist Psychiater und Direktor der psychosomatischen Klinik Eggenburg, Niederösterreich, wo er tagtäglich mit psychisch erkrankten Menschen und Medikamenten, die auf die Psyche einwirken, Psychopharmaka also, zu tun hat. Schon als Kind hatte er täglichen Kontakt zu Erkrankungen der Seele: Auch seine Mutter war krank. Deshalb ist ihm die Arbeit heute umso wichtiger: „Ich bin jetzt im 61. Lebensjahr und sage: Ich habe den schönsten Beruf der Welt“, lächelt er. „Psychopharmaka sind nicht böse und nicht gut“, sagt Riffer und fügt noch hinzu: „Wir verlieren so viele Patient:innen, weil sie schlecht aufgeklärt sind.“

Wohlfühlort: Ryan im Skatepark

Depressionen werden oft übersehen

Als Ryan 15 Jahre alt ist, beginnen ihm dunkle Gedanken durch den Kopf zu rasen. Immer wieder denkt er an Suizid, an verschiedene Arten zu sterben. Ernst nimmt er die Bilder in seinem Kopf lange nicht. „Hirngespinste halt“, denkt er und lenkt sich einige Jahre lang ab. Seine Gefühle werden schwerer, der Alltag auch. Als er 25 Jahre alt ist, sind die Arbeitsanforderungen an ihn hoch. Ryan überarbeitet sich, erkrankt an einem Burnout, bunkert sich zuhause ein. Aufzustehen fällt ihm schwer. Deshalb tut er es nicht mehr. Er liegt im Bett und schaut Serien, sagt Treffen mit Freund:innen ab. Vor dem Fenster ziehen die Monate vorbei. Als es Hochsommer wird, wundert er sich: Früher war er doch so gerne draußen, wenn die Sonne geschienen hat und die Stadt leer war.

Als seine Psychotherapeutin ihm Medikamente empfiehlt, zögert Ryan. Zu viel Negatives hat er über Antidepressiva gehört: Dass sie lustlos machen und abhängig, dass sie toxisch sind und deinen Charakter verändern, erzählt er. Eine Weile lehnt er die Behandlung ab. Dann überlegt er es sich anders. Denn, dass sein Leben bleibt, wie es jetzt gerade ist, sich ohnehin schon hoffnungslos und sinnlos anfühlt, ist schließlich auch keine Lösung.

Ryan beginnt, täglich eine Tablette zu schlucken. Erst geht es ihm komisch, wie in Watte gepackt. Dann werden seine negativen Gefühle abgedämpft. Ryan geht es besser. Er verlässt wieder das Haus, trifft sich wieder mit Freund:innen, fängt an, täglich Sport zu machen. Das ist auch der Sinn der Medikamente. Wenn Menschen soweit sind, dass sie es nicht mehr aus dem Bett schaffen oder Suizidgedanken haben, müssen Medikamente her, sagt Friedrich Riffer.

Illustration: Medikamentenpackung mit Aufschrift „Bewältigungstablette“

Gemeinsam mit Psychotherapie können Medikamente aus psychischen Erkrankungen helfen

Mit persönlichen Erfahrungen wie Trennungen, Problemen im Beruf, wie dem Auszug aus dem Elternhaus, Migration und Flucht oder wie Katastrophen, Lockdowns, Homeschooling und Quarantäne, sind wir manchmal extremen äußeren Belastungen ausgeliefert, erklärt Ulrike Kadi. Kadi ist Psychiaterin und Psychotherapeutin. An der Medizinischen Universität Wien arbeitet sie als Psychoanalytikerin, in der Form der Psychotherapie, die Sigmund Freud vor mehr als 120 Jahrenbegründet hat. Wie damals bei Freud, liegen auch bei Kadi heute einige Patient:innen auf der Couch. Andere sitzen einfach in Fauteuils, während sie von ihren Sorgen erzählen. „Eine Depression ist ein Anzeichen dafür, dass es die Persönlichkeit eines Menschen überfordert, mit einer Belastung umzugehen“, sagt die Analytikerin. Wenn dabei ein Schweregrad erreicht wird, bei dem es der erkrankten Person nicht mehr gelingt zu schlafen, wenn ihre Stimmung dauerhaft gedrückt ist und der Antrieb, etwas zu unternehmen, gänzlich fehlt, müssen Medikamente her, sagt auch Ulrike Kadi.

Antidepressiva wirken auf das Gehirn ein. Die Wissenschaft geht davon aus, dass das Gehirn bei einer Depression zu wenig Sertralin und Noradrenalin produziert. Das sind Botenstoffe, die Informationen zwischen den Nervenzellen im Gehirn und dem restlichen Körper verteilen. Deshalb erhöhen Antidepressiva ganz gezielt diese Stoffe.

Selfie der Psychanalytikerin Ulrike Kadi // Illustration: Blaue Gestalt die einen Rucksack auf dem Rücken trägt, der gefüllt ist mit kleineren, bunten Gestalten.
Bis Antidepressiva beginnen, Wirkung zu zeigen, dauert es üblicherweise zwei bis sechs Wochen. Deshalb soll man mit einer möglichst geringen Dosis beginnen, erklärt Riffer. Mit einer geringen Dosis könne man dann sehen, wie gut die ausgewählten Medikamente helfen. Helfen sie zu wenig, können sie immer noch erhöht werden. Ness macht andere Erfahrungen. Sie bekommt keine Medikamente in geringer Dosis verschrieben, sondern in hoher – und zwar viele davon.

Ness ist 15 Jahre alt, als ihre Oma stirbt und sie merkt, dass es ihr damit schlecht geht. Sie kann nicht aufhören zu weinen, fühlt sich hoffnungslos und verletzt sich selbst. Ein paar Jahre lang geht das so dahin. Die schweren Gedanken, die den Alltag so unbewältigbar erscheinen lassen, kommen und gehen. Aber die Pubertät ist schwierig, heißt es stets, und so scheint niemand, und auch Ness selbst nicht, ihren Zustand ernst zu nehmen.

Als Ness 20 Jahre alt ist, versucht sie einen Suizid, doch er gelingt ihr nicht. Als es vorbei ist, erschrickt Ness, wozu sie imstande ist. Sie fährt selbst ins Otto-Wagner-Spital, ein großes Wiener Krankenhaus für die Psyche. Dort bleibt sie für eine Woche. Die Medikamente, die sie dort verschrieben bekommt, schluckt sie ohne Bedenken. Schließlich sind die Ärzt:innen vom Fach und Ness sieht keinen Grund, ihnen zu misstrauen.

Ness auf ihrem Balkon

Gedämpfte Gefühle – nur eine Nebenwirkung?

Die Antidepressiva zeigen Wirkung. „Die emotionalen Ausbrüche waren nicht mehr so stark, die Trauer ein bisschen aufgehalten“, fasst Ness zusammen. Auch nachdem sie das Krankenhaus verlässt, nimmt Ness noch weiterhin Tabletten. In Absprache mit verschiedenen Ärzt:innen wechselt Ness die Art der Antidepressiva immer wieder aus, weil sie immer wieder Nebenwirkungen spürt, die ihr unangenehm sind. „Nach fünf Jahren Antidepressiva habe ich dann gemerkt, dass ich damit nicht mehr ok war. Wirklich glücklich und herzhaft lachen ist ziemlich flach gefallen. Das gab es nicht oft in dieser Zeit.“ Ness fehlen ihre Emotionen, sie fragt sich, wer sie eigentlich ist, wie sie ohne Abdämpfung eigentlich fühlen würde. Sie hat keine Lust mehr auf Sex und vereinzelt tauchen auch wieder suizidale Gedanken auf.

Doch Antidepressiva ohne Nebenwirkungen bekommt sie nicht. Von allen Arten spürt sie irgendetwas. Letztendlich reicht es Ness. Sie setzt die Medikamente ab. Ihr Körper juckt, sie ist erschöpft. Sie fühlt sich elendsschlecht. Ness sieht in den Spiegel und erkennt sich selbst nicht. „Was haben die mit mir gemacht?“, fragt sich Ness und Zweifel machen sich breit. Haben die Ärzt:innen sie überhaupt zureichend untersucht, bevor sie sich für die Medikamente entschieden haben? „Diese ganzen körperlichen Kontrollen hätten doch gemacht werden müssen, bevor einfach alles an Medikamenten rausgehaut wird, in so einer Stärke, dass du eigentlich nicht mehr weißt, wer du selber bist.“

 

Antidepressiva als “Quick Fix”

„Viele Patienten denken Antidepressiva seien ein Quick Fix“, sagt Michael P Hengartner, der seit 12 Jahren an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zu Antidepressiva forscht und auf Twitter laufend kritische Fragen und neueste Forschungsergebnisse zu den Medikamenten teilt. Zum Einen wollen die Menschen etwas, das schnell ihre Probleme löst, erklärt der Schweizer Wissenschaftler. Zum Anderen verschreiben auch die Ärzt:innen selbst immer rascher Antidepressiva – auch dann, wenn sie eigentlich überhaupt nicht notwendig sind.

Das sieht auch Friedrich Riffer in Österreich so, wo die Krankenkasse nicht genug Zeit für Ärzt:innenbesuche zahle. Dabei wäre es wichtig, dass sich Ärzt:innen genug Zeit für Erstgespräche nehmen. Um Lebensrealitäten und Hintergründe, um Symptome und Beschwerden ihrer Patient:innen auch richtig und ganzheitlich zu kennen und zu verstehen. Und auch, um ihren Patient:innen alle nötigen Informationen zu geben, um Entscheidungen selbst abzuwägen. „Nach dem ersten Gespräch muss ich als Patient:in wissen: Wie reagiert mein:e Ärzt:in auf mich? Nimmt er:sie mich ernst? Stimmt die Chemie? Hab ich Vertrauen zu ihr:ihm oder nicht?“, erklärt Friedrich Riffer. Komme das Gefühl auf, die:der Ärzt:in hört eigentlich nicht richtig zu, sei es das einzig richtige, schleunigst Ärzt:in zu wechseln.

Besonders Hausärzt:innen diagnostizieren rasch Depressionen, wo eigentlich gar keine sind, sagt Hengartner. Weil die Gespräche zwischen Ärzt:innen und Patient:innen nicht tiefgründig genug sind, weil nicht genug Zeit besteht und auch, weil gerade Allgemeinärzt:innen aufgrund der steigenden Erwartungen oft dazu gedrängt werden, Depressionen auch wirklich zu erkennen und auch rechtzeitig zu behandeln, obwohl ihnen dafür die Zeit fehlt, wie Riffer sagt. „Eigentlich dürfte man in diesem krassen Gesundheitssystem kaum arbeiten“, sagt der Psychiater.

Illustration: Ärzt:in schaut auf die Uhr mit der Aufschrift „Zeit mit Patient:in 3 Min.“

Falsch verschriebene Medikamente haben Folgen

Und das Problem an fälschlich verschriebenen Medikamenten? Einerseits bringe eine falsche Behandlung schlichtweg keine Wirkung, die falsch behandelte Krankheit könne sich in der Zwischenzeit noch verschlechtern, sagt Hengartner. Andererseits bringen Antidepressiva aber auch Nebenwirkungen mit sich, die sich viele Patient:innen eigentlich sparen könnten. Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen oder Durchfall, stehen beispielsweise auf dem Beipackzettel des zu den am häufigsten verschriebenen Antidepressiva gehörenden Medikaments Sertralin. Innere Unruhe und Nervosität, fügt Michael P Hengartner hinzu und Riffer ergänzt: sexuelle Nebenwirkungen, die jede:r zweite:r Antidepressivapatient:in kenne: Orgasmusverzögerung, -unfähigkeit und schlichtweg kein Verlangen nach Sex, was sich auch auf Partner:innenschaften negativ auswirken könne. Auch suizidale Gedanken können Folgen von Antidepressiva sein, bei denen Vorsicht geboten ist.

Wer unangenehme Nebenwirkungen spürt, müsse von seiner:m Ärzt:in vollstens dabei unterstützt werden, das Medikament zu wechseln, sagt Riffer. Hengartner sieht die Sache dramatischer. Ohnehin belasteten Menschen weiterhin Tabletten zu verschreiben, wenn nicht klar ist, ob überhaupt mehr als eine leichte oder gar keine klinischen Depressionen vorliegen, halte er für problematisch. Dann würden die Patient:innen nämlich durch umso mehr Probleme belastet werden, in der Hoffnung, die Medikamente würden doch noch etwas bringen – und noch eine Komponente fügt der Forscher hinzu: Entzugssymptome beim Absetzen der Tabletten.

Das Gehirn gewöhne sich an die erhöhte Konzentration der Botenstoffe, die Antidepressiva im Gehirn auslösen, erklärt Hengartner. Schluckt die:der Patient:in dann plötzlich keine Medikamente mehr, reagiere der Körper. „Gerade für Personen, die über Jahre Medikamente eingenommen haben, können die Entzugssymptome sehr belastend sein“, erklärt der Forscher. Dann komme es beispielsweise zu Schlafstörungen, zu elektroschockartigen Empfindungen (‘Brain Zaps’) im Gehirn oder zu Stimmungsschwankungen und Appetitverlust. Das kennt auch Ness, die sich am Ende ihrer Medikamentengeschichte im Spiegel nicht mehr selbst erkennt. Wie lange diese Probleme anhalten, sei nicht nachgewiesen, sagt Hengartner. Bei Ness hören sie nach einigen Tagen wieder auf.

Riffer sieht die Sache anders. „Was in der Alltagssprache Entzug genannt wird, ist medizinisch gesehen keiner“, sagt er und diese Differenzierung ist ihm wichtig. Echte Antidepressiva würden niemals abhängig machen. „Wenn ich jeden Tag eine halbe Tafel Schokolade esse, gewöhne ich mich auch daran“, sagt der Arzt. „Wenn ich sie plötzlich weglasse, habe ich Absetzphänomene. Das heißt, ich soll die Schokolade langsam absetzen – und das gilt auch für die Medikamente.“ Würde die gewöhnte Dosis der Antidepressiva Schritt für Schritt ausgeschlichen, würde auch der Körper nicht überfordert damit.

 

Sind Depressionen noch ein persönliches Problem oder schon ein gesellschaftliches?

Offen bleibt die Frage, warum sich so viele Menschen in Situationen wiederfinden, in denen es ihnen derart schlecht geht, dass ihnen Antidepressiva nahegelegt werden. „Antidepressiva und andere Psychopharmaka sind Symptombehandlung“, sagt Hengartner. Manche äußeren Extrembedingungen, wie Ulrike Kadi sie nennt, könnten nämlich selbst geändert – und somit die Ursache an den Wurzeln gepackt werden: Ungleichheiten, bedrückende Zukunftsperspektiven, Armut oder katastrophale Arbeitsbedingungen beispielsweise, betont Hengartner. „Wenn jemand in einem miserablen Job ausgebeutet wird, stets bis spät in die Nacht arbeiten muss und jeden Morgen unglücklich ist, dann löst es nicht wirklich das Problem, dieser Person ein Medikament zu verschreiben, das sie ein bisschen sediert und negative Gefühle dämpft. Hilft man der Person dann wirklich damit? Oder hält man vielleicht das Problem aufrecht, weil die Person dann vielleicht keinen Ausweg aus der Arbeitssituation sucht, sondern die Arbeit mit Antidepressiva einfach erträgt?“, spricht Hengartner.

„Man sagt den Patient:innen: Du hast eine psychische Störung, du bist krank, du brauchst eine Behandlung. Aber vielleicht sind auch einfach deine Lebensumstände krank und du bist einfach ein Mensch, der normal auf widrige Arbeits- oder andere Umstände reagiert. Vielleicht braucht dein Umfeld eine Behandlung, nicht du als Person.“ Die Verantwortung für die Folgen gesellschaftlicher Probleme einzelnen Menschen zuzuschreiben, sieht Hengartner kritisch. „Depressionen und Angststörungen haben seit 30 Jahren nicht abgenommen, obwohl immer mehr Antidepressiva verschrieben werden. Offensichtlich ist das einfach keine nachhaltige Lösung, oder?“

Doch so lange das erkrankte Umfeld nicht auskuriert ist, müssen Lösungen her. Viele Menschen geraten an passende Ärzt:innen, vielen helfen Antidepressiva wirklich – vor allem in Kombination mit Psychotherapie lernen Patient:innen auch ihr Umfeld zu verändern und ihre Umstände nicht einfach durch Tabletten zu ertragen. „Es ist wichtig, dass in der Therapie das emotionale Erleben möglich gemacht wird, dass da echte Tränen geweint werden und wirklich gelacht wird. Dass frau:man reden und sich aufregen kann und als ganze Person für das eintreten kann, wofür frau:man selbst steht“, erklärt die Psychoanalytikerin Ulrike Kadi. Das Sprechen über Probleme und das Ausleben von Emotionen ist heilsam, da ist sich die Wissenschaft sicher.

Auch sonst lassen sich oft Lösungen finden: „Schlaf ist zum Beispiel etwas, das man sich anschauen kann“, sagt Kadi. „Wenn jemand jeden Abend spät fernsieht oder im Internet surft, bis sie:er schlafen will und sich dann wundert, dass sie:er nicht einschlafen kann, muss man da ansetzen.“ Auch Riffer fallen noch weitere Maßnahmen zur Behandlung ein: Gesunde Ernährung und Omega 3-Kapseln seien beispielsweise wissenschaftlich belegt. Oder auch Bewegung – aber richtig gemacht: „In der Depression ist es wichtig, jeden Tag eine halbe Stunde Bewegung zu machen. Wenn man dabei nur für eine halbe Stunde auch Tageslicht hat, wirkt sich das unglaublich positiv auf die Gesundheit aus.“

Seit die Absetzreaktionen, die Ness erlebt hat, nach ein paar Tagen verschwunden sind, sind sie auch nicht wieder zurückgekehrt. Sie ist sich sicher, dass die Medikamente für sie zumindest vorübergehend notwendig waren, um aus dem Sumpf der dunklen Gedanken hinaus zu finden. In Phasen, in denen es ihr schlecht geht, denkt sie auch heute noch ab und zu daran, wieder mit Tabletten zu beginnen. Eigentlich möchte sie das zukünftig aber nicht mehr tun. Stattdessen versucht sie, Rhythmus in ihr Leben zu bringen. Nach der Arbeit geht Ness mit ihrem Hund spazieren, bleibt manchmal auch einfach eine halbe Stunde in der Sonne sitzen. Auch Ryan geht seit Beginn der Pandemie täglich entweder skaten oder Basketball spielen – und regelmäßig auch zur Psychotherapie, genau wie Ness. Ohne Medikamente hätte Ryan dazu die Kraft nicht gefunden. „Antidepressiva haben mir das Leben gerettet“, ist er sich sicher – und er nimmt sie auch heute noch. Zehn Jahre lang hat er gebraucht, um für sich den richtigen Weg zu finden, mit seiner Erkrankung umzugehen. „Das Stigma, dass sich Leute durch Medikamente komplett verändern, hat mich extrem lange begleitet. Aber ich denk mir dann: Ist es jetzt was Schlechtes, wenn man sich verändert? Ist es was Schlechtes, dass es einem nicht mehr schlecht geht?“