Gestern Kurven, heute dünn

Wie Schönheitstrends auf Social Media unser Körperbild beeinflussen.

Text: Celina Dinhopl
Illustration: Jana Reininger

Datum: 19. April 2023
Handy mit Blüten (c) Jana Reininger

In den Sozialen Medien kreisen immer wieder Trends umher, die einen gewissen Körpertypus regelrecht zum Wettbewerb ausrufen: Wer hat die am weitesten herausstehenden Hüftknochen in der Bikinihose (Bikini Bridge), wer legt die meisten Münzen aufs Schlüsselbein (Collarbone Challenge) und wer kann die Taille hinter einem DIN-A4-Blatt verstecken (Paper Waist Challenge)?

Dieser Text ist im Rahmen der ZIMT-Werkstatt entstanden.

Dabei werden Trends regelmäßig durch andere ersetzt und manchmal nach einigen Jahren recycelt – das zeigen auch die jüngsten Entwicklungen. Während in den vergangenen Jahren Kurven gefragt waren, kommt aktuell der Mode- und Körpertrend der 90er-Jahre, der sogenannte „Heroin Chic“, zurück. Vertreterinnen waren unter anderem Kate Moss, es ging um einen möglichst dünnen Körper sowie ein kränkliches Erscheinungsbild – ähnlich wie beim Konsum von Heroin. Auf Kanälen wie TikTok oder Instagram findet man wieder vermehrt Content von sehr dünnen Models, wie Bella Hadid, deren Körper idealisiert werden.

ZIMT hat Medienwissenschafterin Katrin Döveling und Psychologin Silvia Maria Berghuber gefragt, welchen Einfluss Schönheitstrends in den Sozialen Medien auf unser Körperbild haben und was wir tun können, um uns gegen diese Trends zu wehren.

Trends wie diese sind nichts Neues, erklärt Katrin Döveling, die seit vielen Jahren Effekte von Social Media auf Menschen erforscht. Was gerade als schön gilt, variiert je nach Kultur und Zeit, sogar die Verfügbarkeit von Essen kann ein Faktor sein. Als etwa nach dem zweiten Weltkrieg wenig Essen vorhanden war, galt ein wohlgenährter Körper wie der von Marilyn Monroe als ideal. Heutzutage gibt es im Westen für die Meisten genug Nahrung, folglich scheinen schlankere Körper gewünscht zu sein.

Obwohl Schönheitstrends keine neue Angelegenheit sind, wurden sie durch den Aufschwung der Sozialen Medien gefährlicher – weil sie plötzlich allgegenwärtig sind. Viele Menschen schauen morgens im Bett, noch bevor sie aufgestanden sind, die neuesten Updates auf Instagram an. Und auch den Rest des Tages checken wir regelmäßig Plattformen auf dem Handy – eine ständige Auseinandersetzung mit unseren Körpern, meint Döveling.

Immer häufiger werden vermeintlich perfekte, aber unrealistische und meistens unechte Körper auf Instagram und Co. gezeigt – Filtern und Eingriffen sei Dank. „Wir wollen alle dazugehören. Wenn wir uns von morgens bis abends mit scheinbar perfekten Körpern auseinandersetzen, weckt das in uns aber das Gefühl, nicht genug zu sein”, erklärt Döveling. Folgen können ein verminderter Selbstwert, aber auch Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie sein.

Social Media (c) Jana Reininger

Auf Social Media werden unrealistische Ideale geformt.

Doch Social Media die alleinige Schuld an Essstörungen zu geben, wäre zu kurz gegriffen. Die Psychologin Silvia Maria Berghuber setzt auf das biopsychosoziale Modell von Gesundheit und Krankheit. Darin wird veranschaulicht, dass Krankheiten nicht nur durch körperliche Ursachen, sondern auch bei Störungen des Zusammenspiels zwischen biologischen, psychischen oder sozialen Faktoren entstehen können. In die letzte Kategorie fallen dabei auch Schönheitstrends in den Sozialen Medien. Welchen Einfluss diese auf die Bildung einer Essstörung haben können, hat Alissa anhand ihrer Geschichte erzählt.

Von Trends beeinflussbar sind Dövelings Forschungen zufolge besonders junge Frauen* mit geringerem Selbstbewusstsein, die wenig sozialen Anschluss haben. Ein ähnliches Bild beschreibt auch die Psychologin Berghuber. Sie betont, dass Trends dann stark auf uns wirken, wenn wir „nicht in unserer Mitte sind“ und uns ständig mit anderen vergleichen oder einem gewissen Schönheitsideal nacheifern. Hinter Essstörungen können bestimmte Wünsche stecken. So könnte das Streben nach Zugehörigkeit oder Attraktivität ein Wunsch sein, dem Körperideal von „Heroin Chic“ nachzugehen – ein dramatischer Trend, wie Berghuber meint.

Doch nicht nur Trends, die auf einen möglichst schlanken Körper abzielen, können gefährlich sein. Auch Kurven, ein großer Hintern trotz schmaler Taille, und volle Lippen, trendeten in den vergangenen Jahren auf Social Media. Um diesen körperlichen Idealen zu entsprechen, legten sich viele Frauen* unters Messer. Und das obwohl jede Schönheitsoperation Risiken mit sich bringt. Bei dem in den vergangenen Jahren besonders beliebten „Brazilian butt lift“ (Fett wird in den Po gespritzt oder Implantate eingesetzt, um diesen zu vergrößern) handelt es sich um die gefährlichste Schönheitsoperation überhaupt. Die Sterblichkeitsrate liegt bei etwa 1:3400, da Fettgewebe leicht in die Blutbahnen geraten und so eine Fettembolie auslösen kann. Deswegen erachtet es Berghuber als wichtig, dass vor Schönheitsoperationen psychologische Gutachten stattfinden, „um die Beweggründe der Personen in einem ausführlichen Anamnesegespräch und einer psychologischen Diagnostik zu beleuchten.“

Schönheitstrends sind niemals inklusiv. Meistens werden jene Menschen ausgeklammert, die „zu dick“ oder „zu dünn“ sind, je nachdem, was gerade in ist. Nur wenige Menschen können den Trends „gerecht“ werden – alle anderen bekommen das Gefühl vermittelt, nicht schön genug zu sein. Döveling appelliert daher an das Konzept von „Body Neutrality“ – also den Fokus ganz weit weg vom eigenen Körper zu schieben. „Es gibt mehr als das Aussehen – ob gute Charaktereigenschaften wie Empathie oder Hobbys”, so die Medienwissenschafterin. Ziel sollte es nämlich nicht sein, sich dem Schönheitsideal körperlich anzupassen, sondern am eigenen Selbstbild zu arbeiten und sich im eigenen, natürlichen Körper wohlzufühlen. Darauf weisen sowohl Berghuber als auch die Kommunikationswissenschafterin Döveling hin.

So erachtet Silvia Maria Berghuber als wichtig, schon ab dem Kleinkindalter den Selbstwert zu stärken. Döveling fordert, dass Schüler:innen lernen sollten, verantwortungsbewusst mit Medien umzugehen. Der Medienkonsum solle verringert und Offline-Zeiten eingelegt werden, um sich nicht permanent mit Körperbildern zu beschäftigen. Zu guter Letzt sollte man sich bei psychischen Problemen, einem geringen Selbstbild oder einer Essstörung professionelle Hilfe suchen.

Fragen darüber, warum Schönheitsideale überhaupt existieren und warum sich diese ständig ändern, lassen sich nicht einfach zusammenfassen. Klar ist jedoch, dass sie Schaden an Menschen anrichten können. Doch wir sind mehr als bloß die Nachahmung von aktuellen Schönheitstrends und wir haben alle das Recht, uns im eigenen Körper wohlzufühlen, unabhängig davon, was gerade Trend ist.

Was machen für einen gesunden Umgang mit Medien? Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Katrin Döveling empfiehlt folgendes:

Aktivitäten mit Freund:innen im realen Umfeld unternehmen, statt online. Damit sorgst du dafür, dass du nicht in die digitale Welt abdriftest und mehr Kontrolle über dein IRL-Leben beibehältst. Das Smartphone lieber mal weglegen und den Tag mit Freund:innen, Familie – oder allein mit deinen Hobbies verbringen. Dann findest du auch eher zu deinen eigenen Idealen und Werten zurück, als denn zu jenen, die auf TikTok und Co. gerade im Trend sind.

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