Im eigenen Körper ganz bei sich selbst sein: Dorothea

Diskriminierung kennt Dorothea als Frau mit Behinderung gut. Doch davon lässt sie sich nicht unterkriegen. Therapie hilft ihr, sich in ihrem Körper wohlzufühlen.

Text: Jana Reininger
Fotos: Barbara Nidetzky, Guilherme da Rosa

Datum: 7. März 2022

Dorothea möchte keine Kinder. Sie ist 30 Jahre alt, als sie diesen Entschluss ausspricht. Gemeinsam mit ihrem Partner entscheidet sie sich für eine Sterilisation. Sie steht mit diesem Anliegen vor der Chefärztin der Krankenkasse, aber ihr Wunsch wird abgelehnt. „Wo ist denn das Schreiben vom Arzt?“, fragt die Medizinerin. „Natürlich“, murmelt Dorothea leise. „Wo kämen wir denn hin, wenn ich selbst über meinen Körper entscheiden dürfte.“

Heute ist Dorothea 55 Jahre alt. Sie sitzt am Esstisch in ihrem Wohnzimmer, die Augen schwarz umrandet, die Lippen rot angemalt. Seit ihrer Geburt hat Dorothea eine Behinderung. Als Kind war sie in einem Heim untergebracht, als Erwachsene kämpft sie unermüdlich für Gleichberechtigung. „Die Gesellschaft ist ja eh immer der Meinung, dass Frauen mit Behinderung besser keine Kinder haben sollten“, sagt Dorothea mit fester Stimme. Der Ärger legt sich in Falten auf ihrer Stirn ab. „In der Vergangenheit sind Frauen mit Behinderung sogar gegen ihren Willen sterilisiert worden. Also dachte ich, meine Sterilisation würde überhaupt kein Problem sein. Aber es war eine Odyssee.“

Ein paar Tage nach ihrem ersten Besuch in der Krankenkasse ist Dorothea abermals dort. Diesmal mit einem ärztlichen Schreiben, das sie der Chefärztin in die Hand drückt. „Nein, das geht nicht“, schüttelt diese den Kopf. „Wir zahlen nur medizinische Behandlungen. Eine Sterilisation ist keine medizinische Behandlung.“ Dorothea ist wütend. „Haben die vielen Frauen mit Behinderung, die gegen ihren Willen sterilisiert wurden, auch aus eigener Tasche gezahlt?“, fragt sie verärgert. Dann verlässt sie die Krankenkasse. Sterilisiert ist Dorothea bis heute nicht. Wegen dem Geld einerseits, wegen der Angst vor dem Spital andererseits. „Ich hab schon so viele Freund:innen im Krankenhaus verloren“, sagt Dorothea. Spezielle Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung werden dort einfach nicht mitgedacht. Mal kommt es zu Eingriffen, die bei Körpern, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen, nicht funktionieren. Mal ist die Glocke für den Notruf zu weit oben angebracht, sodass Menschen sie aus dem Rollstuhl nicht erreichen können.

Dorothea mit ihrer persönlichen Assistentin Anna, Foto: Guilherme da Rosa

Die Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit Behinderung sind vielfältig

Diskriminierung kennt Dorothea. Mit 19 ist Dorothea mit einer Freundin ohne Behinderung auf Urlaub. Die beiden Frauen sitzen abends mit einem jungen Mann ohne Behinderung zusammen. Er erzählt einen sexistischen Witz und sieht Dorothea an: „Dir macht das ja eh nichts aus, gell?“ Dorothea spürt, dass sie nicht als Frau anerkannt wird. „Das war wie ein Messer in den Bauch. Das war total vernichtend.“

Wenn Dorothea als Expertin zu Diskussionsrunden eingeladen wird, wird sie dennoch vom Sexismus der anderen beeinträchtigt. Dann merkt sie, wie ihre Aussagen weniger ernst genommen werden, wie sie weniger Redezeit erhält als männliche Kollegen, und wie das Raunen im Publikum, das auf Aussagen der Kollegen folgt, nach ihren Worten ausbleibt.

Um ihre Diskriminierungserfahrungen zu verarbeiten, ging Dorothea in Therapie. Viele Jahre lang erzählte sie ihrem Therapeuten von ihren Gedanken und war froh, dabei nicht ihren Lebensalltag erklären zu müssen, denn: Auch ihr Therapeut hatte eine Behinderung. „Ich wollte keine Zeit damit verlieren, meinen Lebenskontext zu erklären und Aufklärungsarbeit zu leisten.“ Dafür hatte Dorothea lange gesucht – und dann gefunden. „Das war gut. Das war eine der besten Entscheidungen, dass ich das gemacht hab.“

 

Vollkommen bei sich sein durch persönliche Assistenz

Heute sind für Dorothea die negativen Gefühle weitgehend Vergangenheit. Sie fühlt sich wohl in ihrem Körper und verortet dort mit ganzer Zufriedenheit ihre Weiblichkeit. „Ich fühle mich ganz besonders als Frau, wenn ich Tiefe spüre, wenn ich in meiner Ganzheit in Resonanz mit mir selbst und mit einem anderen Menschen gehen kann“, sagt sie. Das passiert etwa, wenn Dorothea ein Bad nimmt, wenn sie sich gut eincremt oder sich eine Massage gönnt. Dafür benötigt Dorothea Unterstützung. „Ich habe eine massive körperliche Behinderung und brauche für diese Tätigkeiten eine andere Person. Damit ich mich nicht vernachlässige, brauche ich viel Bewusstheit, Klarheit und die Unterstützung der Gesellschaft, also persönliche Assistenz.“

Dorothea fühlt sich vollkommen als Frau. Dabei ist ihr besonders der Aspekt der Sexualität wichtig. „Auf der Ebene der Körperlichkeit gesehen zu werden, sich aufzulösen und zu empfangen. Das ist das pure Frausein für mich. Das gibt eine ungeheure Kraft, eine Erdung und eben auch eine Vertiefung, in der man spürt, bei sich zu sein. Und das heißt, in mir Frau zu sein.“

Dorothea setzt sich für Inklusion ein. Ihr Verein IMA geht bald online: www.ima-Inklusionmachen.jetzt

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