Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit Depressionen. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Das größte Glück? Melanie

Melanie ist Anfang 30, als sie schwanger wird. Alles läuft nach Plan, bis der Baby Blues sie einholt.

Text: Karina Grünauer
Foto: Pixabay

Datum: 12. April 2023
Melanie blickt auf einen See

Eigentlich müsste Melanie übersprühen vor Glück. Endlich ist das Baby da. Doch die schönen Gefühle, alles, worauf sie sich über viele Monate gefreut hat, stellen sich nicht ein. Melanie wundert sich. Das Babyglück sei doch das schönste Gefühl der Welt, sagen schließlich alle. “Stimmt was nicht mit mir?”, fragt sie sich immer wieder.

In ihrem Umfeld haben viele Kinder. Es ist das Alter, in dem man häuslich wird, Kinder bekommt und das Familienglück feiert. Auch Melanie und ihr Partner haben sich ihr Kind sehr gewünscht. Nach kurzer Zeit wird Melanie schwanger und kauft voller Vorfreude Babygewand – vor allem in rosa, denn es soll ein Mädchen werden, wie Melanie erzählt. Alles scheint perfekt, auch die Geburt verläuft problemlos. Melanie heißt eigentlich anders. Das Tabu ist groß, sie möchte anonym bleiben.​

Die Angst, eine schlechte Mutter zu sein, ist groß

Melanie hat Schwierigkeiten, ihre Tochter zu stillen. Von Anfang an begleiten sie negative Gefühle dabei. Über Tage hinweg versucht sie, das Baby immer wieder an die Brust zu legen und trinken zu lassen. Aber die Abneigung dagegen bleibt. Melanie hat Angst zuzugeben, dass sie ihrer Tochter lieber die Flasche geben möchte, als ihre Brust. „Ich habe immer wieder Weinkrämpfe bekommen. Ich hab gedacht, ich bin eine schlechte Mutter. Ich will nicht stillen und ich kann nicht stillen. Und: Gott, was werden die anderen sagen? Das war eigentlich das Schlimmste: Was denken die anderen? Und was mich am meisten irritiert hat, war, dass ich diese tiefe, endlose Liebe, diese Mutterliebe, dass ich die nach der Geburt nicht hatte.“ Melanie ist verunsichert. Nach der Geburt ist da plötzlich dieser kleine Mensch, den sie umsorgen muss. Die ausbleibende überbordende Freude, wieder gerne für sich sein zu wollen, ohne ständige Begleitung, die ständige Angst, etwas falsch zu machen – all das verstärkt ihr schlechtes Gewissen. „Dann sind da die Medien, diese Bilder, alle um dich herum, die dir ständig sagen: Du kriegst ein Kind und dann ist alles super.” Melanie ist verzweifelt.

Der Druck zu stillen muss weg

Es ist ihr Partner, der Hilfe sucht. Er geht noch im Krankenhaus zu einer Stillberaterin, mit der Melanie reden soll. Danach ist Melanie erleichtert: „Das war die Erste, die sagte: ‚Schauen Sie, wenn Sie unglücklich sind, dann zwingen Sie sich nicht, das überträgt sich auch aufs Kind. Sie sollten schauen, dass Sie zufrieden und glücklich sind.‘ Das war für mich ein Wendepunkt im Baby Blues.“

Melanie fängt an, Milch abzupumpen und ihre Tochter an die Flasche zu gewöhnen. Zusätzlich gibt sie ihr Säuglingsnahrung. Ein weiterer Vorteil für Melanie: Die Flasche kann ihr Partner auch geben. Das nimmt ihr etwas von dem Druck, für alles alleine verantwortlich zu sein. Aber es nimmt ihr nicht die Sorgen darum, was die anderen sagen. Melanie zweifelt immer noch daran, eine gute Mutter zu sein: „Das miese Gefühl hat mich auch noch lange, lange begleitet und ich habe dann irgendwie eine Ausrede vorgeschoben, warum ich nicht stille: Die Kleine will nicht an der Brust trinken, so habe ich es dann verkauft, quasi.“

Im Alltag fühlt sich Melanie so unsicher, dass sie beschließt mit dem Baby und ihrem Partner zur Schwiegerfamilie zu ziehen.  Mehr Unterstützung zu bekommen, gibt ihr ein Gefühl der Sicherheit. Aber die Gedanken hören nicht auf zu kreisen: Schaffe ich es, eine gute Mutter zu sein? Schaffe ich es psychisch?

Selbstzweifel sind schon im Elternhaus ein Thema

Immer wieder denkt Melanie in jener Zeit an früher. Die Selbstzweifel, die an ihr als Mutter nagen, kennt sie bereits von klein an. Melanie geht mit Ende 20 zum ersten Mal zur Psychologin. Ursprünglich geht sie wegen einer Mobbingerfahrung hin, doch ihr eigentliches Problem sitzt tiefer. Melanie war ein stilles, eher introvertiertes Kind, wie sie zurückblickend feststellt. Ihre Eltern verstehen sie nicht, wenn sie mal nicht rausgehen mag, wenn sie Schwierigkeiten hat, neue Freundschaften zu knüpfen oder alte Freund:innen nicht treffen will. “Wieso bist du nicht wie anderen?”, ist ein Satz, der öfter fällt.

Als Melanie im Teenageralter mitbekommt, wie ihre Eltern eine Beziehungskrise durchleben und die Mutter eine Essstörung entwickelt, heißt es: „Red ja nicht drüber!“ Melanie rät ihrer Mutter, sich Hilfe zu suchen, doch diese blockt ab. Die Angst, was andere denken, ist zu groß. Die Mutter zieht sich zurück mit ihren Problemen, ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. Melanie bleibt mit ihren eigenen Unsicherheiten zurück. Eine Person, der sie sich anvertrauen kann, gibt es lange nicht. Erst durch ihren Partner lernt sie ein anderes, ein offeneres Familienleben kennen.

Sich jemandem zu öffnen kostet Überwindung

Das Zusammenleben mit der Schwiegerfamilie ist zunächst ungewohnt. Es kostet Melanie Überwindung, sich zu öffnen, aber mit der Zeit schafft sie es immer mehr. Sie nimmt die ihr angebotene Hilfe an. Die Angst, mit dem Baby allein zu sein und etwas falsch zu machen, wird immer weniger. In Situationen der Unsicherheit fragt Melanie um Rat. Wenn sie sich überfordert fühlt, nehmen die Großeltern ihr für eine Weile die Tochter ab. Muttersein bedeutet für sie mittlerweile, sich mit anderen auszutauschen, Ratschläge einzuholen und sich eigene Schwächen eingestehen zu können.

„Ich habe eine Riesenangst davor, wie meine Mutter zu werden. Obwohl ich versuche, für meine Tochter da zu sein. Es klappt nicht immer. Manchmal werde ich wütend. Dann schreie ich sie manchmal an und im selben Moment tut es mir leid. Das ist einfach so. Aber ich gebe mir größte Mühe, es anders zu machen. Ich schau mir die Probleme an, ich reflektiere, ich habe das gelernt. Ich musste es lernen. Und mittlerweile glaube ich, dass ich eine bessere Mutter bin.“

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