Triggerwarnung

Der Artikel enthält explizite Beschreibungen von Drogenmissbrauch und Gewalt. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Die Stimmen, die ich hörte

Nach intensivem Drogenkonsum erkrankt Johann an Schizophrenie. Dann findet er zur Klarheit zurück.

Text: Jolanda Allram
Collage: Jana Reininger da Rosa/ZIMT Magazin

Datum: 28. Januar 2026
Person mit VR-Brille in Pflanzenumgebung

„Ich werde der mit der Maske sein,“ kündigt Johann sein Erkennungsmerkmal für das Treffen mit ZIMT an. Bei der Begrüßung trägt er sie auf der Stirn. Kurz setzt er die Maske auf sein Gesicht. Sie verdeckt es vollständig, schimmert metallisch und bunt, ist übersät mit Details. Dann legt er sie behutsam neben sich auf den Tisch.

Johann ist an paranoider Schizophrenie erkrankt. Ohne entsprechende psychiatrische Behandlung fällt er deshalb in sogenannte Psychosen. Er verliert dann den Bezug zur Realität, hat Wahnvorstellungen und hört Stimmen im Kopf. Alles scheint sich dann gegen ihn zu richten. 

Schizophrenie zählt zu den schwerwiegendsten und komplexesten psychiatrischen Diagnosen. Sie zu verstehen ist schwierig, weil sie sehr vielschichtig ist und individuell verläuft. Fast immer beeinträchtigt sie das soziale und berufliche Leben. Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung erkrankt an Schizophrenie.

In seinen Psychosen, erzählt Johann, fühlte er sich über Jahre hinweg wie getrieben dazu, Masken zu kreieren. So, als hätte er keine Kontrolle darüber. „Heiliges Wunderkind Gottes“ steht auf einer der über hundert Masken, die der heute 46-Jährige in seinen Psychosen angefertigt hat. Viele verschiedene Symbole sind neben der Schrift zu sehen. Es sind Schutzsymbole, die er selbst entworfen hat. Einst war er überzeugt davon, berufen zu sein, Frieden in die Welt zu bringen. Denn die Welt, die war für Johann während seiner Psychosen ein dunkler, böser Ort. Das war nicht immer so.

Johann ist 20 Jahre alt und ein erfolgreicher Tischtennisspieler in der österreichischen Bundesliga, als seine Mutter an Schizophrenie erkrankt.

Johann ist 20 Jahre alt und ein erfolgreicher Tischtennisspieler in der österreichischen Nationalmannschaft, als seine Mutter an Schizophrenie erkrankt.

Mit 20 Jahren ist Johann erfolgreicher Tischtennisspieler in der österreichischen Bundesliga. Dann erkrankt seine Mutter an Schizophrenie, sie fällt in eine Psychose. „Ich habe meine Mutter als Mensch verloren, weil sie nicht mehr sie selbst war“, sagt der 46-Jährige. Auch wenn seine Mutter heute ein gutes Leben führen kann: Damals leidet Johann sehr unter diesem Verlust. Zunächst findet er noch Halt im Sport. Seinen Selbstwert definiert er über seine Erfolge. Misserfolge hingegen erträgt er kaum. Irgendwann greift er zu Drogen: „Durch Ecstasy fühlte ich mich sofort geborgen und geliebt“ Gefühle, die ihm durch den Verlust der Mutter fehlen. „Ich war sofort abhängig“, sagt er. Sein Vater, von der Situation überfordert, flüchtet sich in die Erwerbsarbeit. 

Weil Schizophrenie vererbbar ist, ist Johann genetisch vorbelastet. Substanzmissbrauch kann bei ihm, noch mehr als bei anderen, Psychosen auslösen. Studien zeigen, dass etwa der Konsum von Cannabis das Risiko für einen Ausbruch von Schizophrenie erhöht bzw. beschleunigt. Vor allem Stoffe wie Ecstasy können unabhängig davon langanhaltende, sogenannte substanzinduzierte Psychosen auslösen. Rund 25 Prozent dieser Psychosen entwickeln sich später zu einer Schizophrenie. Das zeigt eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019, die 50 internationale Studien ausgewertet hat.

Mit dem kurzfristigen Glücksgefühl im Drogenrausch erlebt Johann das erste Mal „komische Gedanken“. So nennt er das vermehrte Misstrauen, das er in Beziehungen empfindet:  Eifersucht, die ungesunde Ausmaße annimmt. Ereignisse, die nichts miteinander zu tun haben, stehen für ihn plötzlich verknüpft:

„Ich dachte, wenn ich jetzt eine Zigarette rauche, wird meine Mutter entführt.”

Dieses „magische Denken“, bei dem Betroffene glauben, mit ihren Gedanken oder Handlungen Ereignisse auslösen zu können, gilt in der Fachliteratur als ein Früherkennungsmerkmal für Schizophrenie. 

Die Stimmen in Johanns Kopf befehlen ihm zu Gott zu beten. - ZIMT Magazin

Die Stimmen in Johanns Kopf befehlen ihm, zu Gott zu beten. Johann nimmt sogar an Wallfahrten teil. Mit der Zeit werden die Stimmen jedoch immer feindseliger. 

Bei Johann beginnt es mit Stimmen in seinem Kopf. Zunächst befehlen sie ihm harmlose Dinge, wie beispielsweise zu beten, weil Gott es so wolle. Im „religiösen Wahn“, so bezeichnet Johann es heute, nimmt er an Wallfahrten, also religiös motivierten Reisen teil. Alle zehn Meter fällt er dabei auf die Knie und betet. Dann werden die Stimmen immer feindseliger und Johanns Lebensrealität unerträglich: Er fühlt sich verfolgt, ist überzeugt davon, dass ihm Böses widerfahren wird, dass Gott ihn bestrafen will, dass der Teufel existiert. „Es ist eine permanente Angst, die dich durchdringt, wie eine Energie.“ Jede Gestik, jede Kontaktaufnahme erscheint ihm bedrohlich. „Alles schien gegen mich gerichtet.“ 

Die Psychosen beschreibt Johann als eine ständige Panikattacke, von morgens bis abends.

„Es ist eine permanente Angst, dass dir gleich etwas zustößt. Eine eigentlich unrealistische Angst, die aber realer ist als alles andere.“

Wie man mit dieser Angst lebt? „Wenn ich aufgestanden bin und die Angst kam, habe ich einen Viertelliter Wodka getrunken, um wieder einschlafen zu können.“ Johann bestreitet sein Leben, als würde er eine eiserne Rüstung tragen. Jede Bewegung wird zum Kraftakt. Sport macht Johann schon lange nicht mehr. Um seine Drogensucht zu finanzieren, prostituiert er sich. Dabei wird er misshandelt und mit HIV infiziert. Seine HIV-Erkrankung ist heute unter erfolgreicher Therapie nicht mehr ansteckend.

Johann verliert jeglichen Halt. Obdachlos streift er durch die Straßen und schreit lauthals seine Wahnvorstellungen in die Welt. Mitgefühl erfährt er nicht. Menschen reagieren ängstlich oder aggressiv. Auf offener Straße wird er von einer Gruppe Männer zusammengeschlagen. 

Weil er einen Polizisten öffentlich bedroht, muss Johann vor Gericht. - ZIMT Magazin

Weil er einen Polizisten in der Öffentlichkeit bedroht, muss sich Johann vor Gericht verantworten. Ein psychologisches Gutachten bescheinigt ihm eine Psychose. Die Einsicht folgt noch lange nicht.

Dass Johann Hilfe braucht, erkennt er damals nicht. Wenn sein Umfeld ihn darauf hinweist, bestätigt sich seine Weltanschauung nur: Alle, die ihm sagen, etwas stimme nicht mit ihm, wollen ihm Böses, ist er überzeugt. „Wie ein Geisterfahrer, der glaubt, er fährt richtig und alle anderen falsch.“ Genau das macht Schizophrenie so schwer behandelbar: Viele Betroffene erkennen ihre Krankheit nicht. Studien schätzen, dass 50 bis 80 Prozent der Erkrankten keine Krankheitseinsicht haben.

Auch Johann fehlt diese Einsicht lange. Dafür habe er Druck von außen gebraucht: „Vor drei Jahren, während seiner letzten Psychose, bedroht er öffentlich einen Polizisten und muss vor Gericht. Ein psychologisches Gutachten bringt die Diagnose. Ernst nimmt er sie damals noch nicht. Fünf Monate verbringt er im Gefängnis, das Gericht verpflichtet ihn zur stationären Therapie und Medikation. Langsam lichtet sich der Nebel in Johanns Kopf: „Die ganze Welt hat sich gedreht“, sagt er: „Was richtig war, war plötzlich falsch.“ 

Diese Einsicht kommt nicht über Nacht. Während seiner Genesung erlebt Johann Rückfälle – einmal durch Alkohol, dann durch Drogen. Sein unterstützendes Umfeld hilft ihm, die Situation zu erkennen. Mit der richtigen Dosierung seiner Medikamente und Psychotherapie fühlt sich Johann wie „neu geboren”, sagt er. Sich einzugestehen, dass man eine Psychose hatte und sich in vielen Dingen geirrt hat, brauche Zeit, sagt Johann. Die Einsicht ginge häufig auch mit Scham und Schuldgefühlen einher. In der Therapie lernt er, mit diesen Gefühlen umzugehen.

Heute spielt Johann wieder Tischtennis. „Ich knüpfe dort an, wo ich als Jugendlicher aufgehört habe.” Seit etwa einem Jahr lebt Johann im „Haus der Künstler“ in Gugging, einer betreuten Wohneinrichtung für Kunstschaffende mit psychischen Erkrankungen. Seine Masken entstehen nicht mehr aus Angst, sondern aus Freude. Er gibt sich selbst den Künstlernamen „JoHanSi Baumi Kösi“, das zu erwähnen ist ihm wichtig. Mit Stolz erzählt er, dass seine Werke bald ausgestellt werden. Nebenbei komponiert er unter dem Künstlernamen Flashpure elektronische Musik. Ein Benefizkonzert für Kinder in Krisensituationen ist in Planung. 

„Diese Krankheit ist schlimm“, sagt Johann. „Aber man kann daraus etwas schaffen und anderen helfen.” Was Johann seinem 20-jährigen Ich heute sagen würde? „Lass dich von niemandem klein machen oder dir sagen, wie du zu sein hast. Und: Finger weg von den Drogen!“

Quellen

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