Erika verabschiedet ihr zweites Wohnzimmer
In Wiens spezialisierter Einrichtung für Menschen mit Schizophrenie kann Erika endlich ankommen. Dann schließt das Haus.
Text: Jana Reininger da Rosa
Foto/Collage: Jana Reininger da Rosa / ZIMT Magazin
Erika trägt eine Sonnenbrille, als sie an diesem verschneiten Tag die Tür öffnet. „Kommen Sie rein”, sagt sie forsch und winkt durch den niedrigen, weißen Türrahmen in ihre Gemeindebauwohnung hinein. In ihrem Wohn- und Schlafzimmer stehen bereits zwei Stühle so, dass man einander gegenüber Platz nehmen kann. Hier wird gleich das Gespräch mit ZIMT stattfinden. Sie habe Orientierungsschwierigkeiten, deshalb sei es ihr lieber, nicht an einen unbekannten Ort fahren zu müssen, hatte sie einige Tage zuvor am Telefon erklärt.
Erikas schlüsselbeinlangen Haare sind leicht aufgehellt. Sie trägt ein buntes Blusenkleid und eine rosa Hose. Erika hat Schizophrenie, vielleicht aber auch eine bipolare Störung. Mit den Diagnosen ist das so eine Sache, sagt sie. Bis man weiß, welche die richtige ist, kann viel Zeit vergehen. Manchmal passen sie auch alle nicht so richtig. So ist auch bei Erika die Zeit verlaufen.
Erst vor ein paar Monaten hatte die 56-Jährige in das Sozialpsychiatrische Zentrum (SPZ) der Caritas Wien gefunden – die einzige Einrichtung Wiens, die sich explizit an den Bedürfnissen von Menschen mit Schizophrenie und anderen Psychoseerkrankungen orientierte.
„Davor hat man mich ins Seniorenzentrum gesteckt. Ich mein’, das ist ja idiotisch, da war ich mit Abstand die Jüngste.”
Die Zahlen an der Wand hat Erika in einer Maniephase gekritzelt. Auf dem Piano spielt sie täglich.
Aufgrund fehlender Finanzierung wurde das SPZ mit Ende Jänner für immer geschlossen. Also steht Erika hier und sperrt ihre Wohnungstür von innen zu – eine Sicherheitsmaßnahme, um ihren Schlüssel nicht zu verlieren, wie sie später erklären wird. Dann tauscht sie ihre dunklen Brillengläser gegen helle aus. Ihre Stimme wird weicher.
„Ich bin nicht meine Krankheit”
„Ich möchte, dass man meinen Namen und mein Gesicht sieht, wenn dieser Text veröffentlicht wird”, sagt sie, als sie auf einem der beiden Stühle Platz nimmt. „Die Leute sollen wissen, wie es in meiner Wohnung aussieht. Sie sollen wissen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht automatisch Kriminelle sind.”
Kurz herrscht Stille, ehe Erika sagt: „Ich bin nicht meine Krankheit. Ich bin ein Mensch.” Sie atmet scharf ein, ihre Lippen zittern. „Ich muss mich jetzt wieder ein bisschen beruhigen”, sagt sie und nimmt ihre Brille ab. Sie wischt sich mit den Fingern über die Augen. Wir schweigen.
Selbstgemachtes ziert die Wände hinter Erika: eine Uhr, die den Tag in zwanzig gleiche Teile teilt, weil ja auch der Mensch zwanzig Finger und Zehen hat, wie die Frau mit dem Seidenschal erklärt; Zahlen, die Erika einmal in ihrer Manie auf die Kastentür gekritzelt hat; eine Zeichnung, die ihr einst ein Kind geschenkt hat; eine Schnecke aus Ton, auf der Zeichen fremder Sprachen stehen. „Always look on the bright side of life”, hat eine Freundin von Erika nach ein paar Gläsern Wein mit Bleistift darunter geschrieben. Vor einem der beiden Fenster steht ein elektronisches Piano, auf dem Erika gerne spielt.
Das Aquarium im SPZ war für Erika der erste Moment des Ankommens. Die Sonnenbrille trägt sie zum Schutz.
„Mein Leben zeichnet sich durch Wellen aus. Es verläuft, wie eine Sinuskurve”, sagt Erika. Auf die Phasen der Krankheit folgen stets Phasen der Genesung, mal muss Erika wenig Medikamente nehmen, mal viele. Schon mit 14 Jahren bekam sie im Krankenhaus starke Tabletten verabreicht, mit denen Stimmungsschwankungen und Suizidgefährdung reduziert werden sollen.
„Ein verpatzter Bub”
„Meine Großmutter hat mich einen verpatzten Bub genannt”, sagt Erika. Schon als kleines Kind habe Erika ein Problem mit traditionellen Geschlechterrollen gehabt. „Ich war wild, ich bin Rad gefahren. Ich habe mit einem Platzpatronengewehr geschossen. Und als dann die Pubertät kam, sind mir Brüste gewachsen und ich war plötzlich eine Frau.” Komisch nennt Erika heute das Gefühl, das sie damals überkam. Mit 14 hatte sie zum ersten Mal Liebeskummer. Ihre beste Freundin hatte sich in einen Mann verliebt, dabei war doch Erika selbst in Sandra verliebt. Nur wusste das Sandra nicht und auch sonst niemand – vielleicht aus Scham? Vielleicht aus Furcht vor Erikas cholerischem und überstrengen Ziehvater?
Mit 14 verliebte sich Erika in ihre beste Freundin Sandra – und erlebte zum ersten Mal Liebeskummer.
Jedenfalls erwischte sich Erika bald darauf dabei, wie sie im Bett lag und mit ihrem Schatten sprach. „Und irgendwie, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, habe ich dann in meinem Inneren mich selbst und die Sandra gehabt und habe mit ihr gesprochen.” Als Erika das erzählt, legt sie ihre Handfläche auf ihre Brust. Kurz nach diesem seltsamen Vorfall, zu Weihnachten vor vielen Jahren, sprach Erika plötzlich in einer anderen Stimmlage, bat ihre Mutter darum, mit Sandras Mutter zu telepathieren.
„Schizophrenie”, lautete die Diagnose des Psychiaters, doch die Mutter widersprach, legte dem Arzt seine eigenen Nachschlagewerke auf den Tisch und pochte darauf, dass die Symptome ihrer Tochter auch auf eine bipolaren Störung hinweisen könnten. Der Arzt gab nach, und auch Erika glaubte lange – vielleicht auch heute noch, das weiß sie nicht so genau – daran.
„Mir war es natürlich lieber, bipolar zu sein, als schizophren, sage ich ganz ehrlich.”
MINT-Talent, arbeitslos und einsam
All den Herausforderungen zum Trotz absolvierte Erika die Matura und spezialisierte sich auf naturwissenschaftliche Fächer. Ihre Lehre bei Siemens beendete sie mit Auszeichnung. Sie hat Talent, doch bei späteren Arbeitgeber:innen wurde sie immer wieder gekündigt: mal, weil sie sich sexuelle Belästigungen nicht gefallen ließ, mal weil sie während schwererer Phasen ihrer Erkrankung Vorgesetzte beleidigte: „Du bist dann in dieser anderen Realität und dein Verhalten ist nicht konform mit dieser Realität, in der alle anderen drinnen sind. Die schütteln dann natürlich den Kopf. Wenn man so seltsam ist, dann ist man nicht mehr tragbar für die Firma, weil man den Job auch nicht mehr so erledigt, wie es sein sollte.”
Erikas Wohnung ist voller Selbstgemachtem – Tonfiguren, Zeichnungen, ein Piano. All das blieb, als das SPZ schloss.
Mit 35 Jahren wurde Erika für berufsunfähig erklärt, bis heute bezieht sie deshalb Pension. Doch mit dem Wegfall der Arbeit verabschieden sich oft auch große Teile des sozialen Umfeldes. Stundenlang ist Erika jeden Tag allein zuhause. „Das ist der Wahnsinn. Die Zeit vergeht nicht.”
Endlich angekommen
Ein Jahr lang besuchte Erika ein Tageszentrum, in dem sie psychiatrische und psychologische Behandlungen bekam. „Aber irgendwann muss man das auch abschließen”, sagt sie. Erst mit einem neueren Befund, in dem ein Arzt bei Erika eine schizoaffektive Störung diagnostizierte, fand die Wienerin ins SPZ.
„Da kann man länger bleiben, hat es geheißen” – und Erika gefiel es dort. „Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Mal dort war, habe ich zuerst dieses riesige Aquarium gesehen. Ich musste noch auf meinen Termin mit der Sozialarbeiterin zum Erstgespräch warten und habe mich gleich wohlgefühlt: Wow, da kann ich Fische beobachten, dachte ich. Das ist wunderschön.”
Jeden Tag gab es verschiedene Gruppen, in denen Menschen mit Psychosen aktiv werden konnten: Musiktherapie, Bewegungstherapie, eine Büchergruppe, eine Textilgruppe, eine Zeitungsgruppe…
„Und was mir besonders gefallen hat beim SPZ war, dass es wie ein offenes Wohnzimmer war. Du konntest kommen und gehen, wann du willst. Du hast um drei Euro Essen bekommen. Ich bin eh so knapp mit dem Geld. Da war eigentlich alles perfekt.”
Zeitungsgruppe, Textilgruppe, Büchergruppe: Das SPZ bot strukturierten Alltag für Menschen mit Psychoseerkrankungen – Angebote, die es so anderswo nicht gibt.
Drei, vielleicht vier Mal pro Woche ging Erika ins Zentrum, blieb jeweils für mehrere Stunden in Gemeinschaft. Doch im Winter 2025 zog eine Meldung in das schlichte Zwischenkriegshaus ein: Das SPZ müsse bald schließen.
„Das hat einen derartigen Einschnitt in mein Leben verursacht, dass ich bei der Kunsttherapie bitterlich zu heulen begonnen habe.”
Neue Pläne
Erika faltet ihre Hände im Schoß. Seit wenigen Wochen ist die Einrichtung geschlossen. Sie habe noch versucht, Politiker:innen zu erreichen, um sie auf die Bedeutung der Sparmaßnahmen aufmerksam zu machen, erzählt sie. Erfolglos. Sie habe auch eine Whatsapp-Gruppe gegründet, um die ehemaligen Klient:innen des SPZ zusammenzuhalten – mittlerweile gibt es zwei. Aber die sozialen Bindungen halte das trotzdem nicht aufrecht.
Für einzelne Therapieangebote besucht Erika heute andere Einrichtungen – solche, die sich nicht explizit an Menschen mit Psychoseerkrankungen richten. Dort kann man nicht kommen und gehen, wann man will, man kocht und isst nicht gemeinsam und auch das Aquarium fehlt dort. Aber Erika hat dort einen Psychiater, eine Psychologin und eine Sozialarbeiterin. Bald wird sie auch eine Ergotherapeutin haben. Das ist gut, sagt Erika. „Ich habe neue Pläne.”
Am Ende des Gesprächs steht Erika auf. Sie setzt sich ans Piano und spielt. Mit flinken Fingern hüllt sie ihre kleine Gemeindewohnung in warme Töne. Erst eine, dann zwei Minuten lang wirkt es, als würde hier gleich alles gut werden. Dann nimmt Erika ihre Hände von den Tasten und lehnt sich zurück. „Das habe ich gerade improvisiert“, sagt sie ernst.
Zum Hintergrund:
Das Sozialpsychiatrische Zentrum (SPZ) richtete sich über mehr als 40 Jahre hinweg an Menschen mit chronischen Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, die von anderen Angeboten nicht adressiert wurden.
Bis Ende 2024 wurde das SPZ gemeinsam von der Caritas, dem Fonds Soziales Wien (FSW) der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) finanziert. Ab 2025 übernahm der Psychosoziale Dienst (PSD) die Förderung; die ÖGK förderte nicht weiter, die von ihr geförderten fachärztlichen Angebote wurden ausgelagert bzw. die Klient:innen für fachärztliche Anliegen an den PSD oder andere ärztliche Angebote vermittelt. Laut Aussagen der Presseabteilung habe sich die Caritas erfolglos um eine weitere Teilfinanzierung bemüht; sie selbst sei bereit gewesen, auch weiterhin die Hälfte der Kosten des SPZ zu tragen.
Mit Ende Jänner 2025 schloss das SPZ.
Zum Zeitpunkt, zu dem die Schließung beschlossen wurde, wurden rund 100 Klient:innen beim SPZ betreut, rund 40 weitere Personen standen auf der Warteliste. Es waren noch sechs hauptamtliche Mitarbeiter:innen im SPZ tätig.
Dem PSD zufolge wird seit 2024 ein Großteil der Patient:innen des SPZ im PSD Wien psychiatrisch behandelt. 2025 wurden zusätzlich die verbliebenen rund 40 Patient:innen in die Behandlung aufgenommen – entweder in Form von psychiatrischer Versorgung, in therapeutische Tageszentren oder in die Angebote des sozialpsychiatrischen Ambulatoriums 12. Es heißt, alle Klient:innen, die das Angebot wahrnehmen wollten, haben einen Platz bekommen.