Still am Limit: Mara
Mara lebt mit einer Angststörung. Erst als alles zusammenbricht, hält sie inne – und hört zum ersten Mal auf sich selbst.
Text: Karina Grünauer
Kurz nach sechs Uhr morgens, schriller Alarm. Mara steht im Pyjama im Stiegenhaus ihrer Wiener Mietwohnung, barfuß, zitternd. Eben noch wollte sie im Halbschlaf ein Kleidungsstück holen, berührte dabei mit einem Kleiderbügel den Rauchmelder – jetzt schreit das Gerät. Herzrasen, weiche Knie, ein Gefühl wie Nebel im Kopf. „Ich war völlig überfordert. Ich wusste nicht, was ich tun soll.“
Später sagt sie: Es war nicht das erste Mal, dass ihr Körper so reagierte. Aber das erste Mal, dass sie es nicht mehr ignorierte. Kein Wird schon wieder, kein Augen zu und durch. Drei Tage nach dem Vorfall sucht sie eine Psychiaterin auf. Noch immer unter Strom, schlaflos, unfähig, klar zu denken. Und zum ersten Mal spricht sie laut aus, was sie sich bisher nicht eingestehen konnte: Ich schaffe das nicht mehr.
Mara ist heute Mitte dreißig, heißt eigentlich anders, lebt mittlerweile wieder in Oberösterreich und arbeitete viele Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe – einem Bereich, in dem andere von ihr erwarten, mit Emotionen umgehen zu können. Dieser Erwartung wurde sie gerecht. „Ich habe sehr lange sehr gut kompensiert“, sagt sie. Sie war überzeugt: Wenn sie sich nur intensiv genug mit sich selbst beschäftigte, würde sie die Kontrolle zurückgewinnen – über Körper, Gedanken, Reaktionen. Dann, so hoffte sie, ließen sich die Attacken in Schach halten.
Mara fällt es zunehmend schwer, im Arbeitsalltag zu filtern: Lärm und Dauerbelastung türmen sich auf, bis sie es nicht mehr aushält.
Doch die Gedanken halten dem Alltag nicht stand. Nicht in einem Job, in dem Kinder Trost brauchen, Kolleginnen Antworten, das Telefon nie stillsteht. Mara reagiert, bleibt freundlich, hört zu. Bis der Moment kommt, in dem alles zu viel wird. Die Geräusche dringen durch jede Schutzschicht, jede Geste fühlt sich an wie ein Übergriff. „Ich habe das nicht mehr gefiltert“, sagt sie. Dann ist da nur noch Überforderung. Und ein Körper, der Alarm schlägt: Herzrasen, Druck auf der Brust, das Gefühl, aus dem eigenen Körper zu kippen. Panik ist kein großer Knall. Sie ist das Ergebnis von zu vielen Tagen, in denen niemand merkt, dass es zu viel ist. Sie selbst am wenigsten.
Der Zusammenbruch kam nicht plötzlich. Er hatte Vorlauf: Schlaflosigkeit, ständige Anspannung, Reizoffenheit. „Ich war empfindlich auf alles: Licht, Geräusche, Gespräche.“ Trotzdem weiterzumachen, war Teil ihres Selbstbilds. „Ich konnte es mir nicht erlauben, krank zu sein. Das hat niemand von mir verlangt. Aber ich selbst konnte es nicht zulassen.“
Als gar nichts mehr geht, fährt sie zu ihrer Mutter. Keine große Entscheidung, eher ein Reflex. „Ich habe gedacht: Vielleicht ist das mein letzter Abend. Ich wusste nicht mehr weiter.“ Dort ist sie einfach nur da. Redet wenig, trinkt Tee, liegt. Und schläft – zum ersten Mal seit Wochen. Dieses Nichtstun, dieses Nichtgefragtwerden: Genau das hilft.
„Ich war da wie eine Hülle“, sagt sie. „Aber ich durfte Hülle sein.“ Kein Druck, kein Müssen. Nur Dasein. Nicht mehr, nicht weniger. Kein Neuanfang. Keine Heilung. Aber vielleicht: ein Innehalten.
Der Rückzug aus dem belastenden Arbeitsumfeld hilft Mara, ihre Panikattacken in den Griff zu bekommen.
Dann hat die Oberösterreicherin realisiert: Sie muss den Stress vermeiden, sich in Sicherheit begeben, weil sie nun weiß: Heilung ist kein Zielzustand. „Ich bin nicht geheilt, aber ich bin noch da“, sagt sie. „Und ich darf mich auch in der Angst zeigen. Das ist nicht das Ende der Welt.“ Sie zieht sich aus dem belastenden Berufsumfeld zurück, arbeitet nun in einem kleinen Familienzentrum – mit weniger Reizüberflutung, weniger akuten Krisen. Sie achtet stärker auf die Grenzen ihres Körpers, auf die Reize, die sie überfordern, auf die Signale, die ihr Nervensystem sendet.
Die Angst ist nicht verschwunden, aber Mara hat aufgehört, sie zu bekämpfen. Früher wollte sie sie loswerden, wegtherapieren, kontrollieren. Heute versteht sie sie als etwas, das dazugehört. „Mein Nervensystem ist wie ein feiner Sensor“, sagt sie. „Ich habe ihn zu lesen gelernt.“