Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit PTBS, Ängsten und Depressionen. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Wände aus Beton: Olivier

Olivier David ist in Armut aufgewachsen. Heute schreibt er über die Folgen dieser Erfahrung für seine psychische Gesundheit.

Text: Isabella Wagner
Fotos: Jan Lops

Datum: 3. Februar 2023

Olivier ist mit seiner Freundin verabredet. Pünktlich zur vereinbarten Zeit klingelt er an der Haustür, doch in der Wohnung bleibt es still. Olivier klingelt ein zweites und ein drittes Mal, doch keine Reaktion. Er beschließt, seine Freundin auf ihrem Handy anzurufen, doch auch hier erhält er keine Antwort. Er rennt in den Innenhof, um von dort einen Blick ins Küchenfenster zu bekommen, doch das Fenster liegt zu hoch, er kann nichts sehen. Olivier überfällt die Panik. Sein Atmen wird flach, er ist fest davon überzeugt, dass Lucie etwas passiert sein muss. In seiner Vorstellung liegt sie ohnmächtig in der Wohnung oder wurde entführt.

Zwölf Minuten sind seit dem Zeitpunkt ihrer Verabredung vergangen. Olivier versucht gerade die Fassade zum Küchenfenster hochzuklettern, da läutet sein Handy. Es ist Lucie. Sie habe noch Baklava für ihren bevorstehenden Ausflug gekauft und wolle Olivier bei der Bushaltestelle abholen. Alles ist gut, doch nicht für Olivier. Er ist fix und fertig. Von der Panik hat er bereits begonnen zu hyperventilieren, seine Arme sind schwer, seine Finger taub und kribbelig zugleich. Auch als Lucie bereits vor ihm steht, fällt es ihm noch schwer, sich von dem Gefühl der Panik und des Kontrollverlustes zu erholen.

Armut als Posttraumatische Belastungsstörung

Situationen wie diese sind für Olivier nichts Neues. Er kenne das Gefühl von Panik, das ihn in belastenden Situationen überfallen kann, erzählt er im Gespräch mit ZIMT. In einer seiner ersten Therapiestunden erklärt ihm seine Therapeutin, dass bei ihm der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung vorliegt. Der permanente Stress, sowie die Gewalt und Unsicherheit, denen er als Kind ausgesetzt war, haben dazu geführt, dass Oliviers Nervenkostüm gebeutelt ist und er in manchen Situationen, die für andere Menschen ganz alltäglich sind, mit ausgeprägter Angst und Panik reagiert.

Olivier ist wie 2,8 Mio. Kinder in Deutschland im Jahr 2022 in Armut aufgewachsen. Schon bevor Olivier geboren wird, haben seine Eltern mit Geldsorgen zu kämpfen. Die Belastungen, die sie dadurch erleben, führen zu hohem Stress, der es ihnen schwer macht, Olivier und seiner Schwester ein stabiles und sicheres Zuhause zu geben. Oliviers Mutter ist in ihrer Kindheit und Jugend Gewalt ausgesetzt und haut mit 17 von zu Hause ab. Oliviers Vater fühlt sich von der Enge seines Elternhauses bedrängt und tut in Folge alles, um seinen Vater zu provozieren, was ihn auch des Öfteren in Konflikt mit dem Gesetz bringt. Als Olivier und seine Schwester auf die Welt kommen, versucht sein Vater eine Existenz mit einem Bioladen aufzubauen, aber die Pläne scheitern. Zurück bleibt ein Berg an Schulden. Als sich Oliviers Eltern trennen, ist er acht Jahre alt. Seine Mutter bleibt mit den Kindern und den Schulden allein.

Nach und nach, mit jeder Therapiestunde ein bisschen mehr, beginnen die Dinge für Olivier Sinn zu machen. Wieso er so schnell überlastet ist, wenn er mit bestimmten Anforderungen konfrontiert ist, woher seine ausgeprägte Geräuschempfindlichkeit kommt, und wieso er binnen Sekunden eine Wahnsinnswut verspürt, wenn er mitbekommt, dass sich Leute auf der Straße anpöbeln. Das alles lässt sich nach und nach in ein Bild setzen, das vor allem von diesem geprägt ist: seinem Aufwachsen in Armut, fehlender emotionaler Unterstützung, Gewalt und Kriminalität im Umfeld und psychische Erkrankungen seiner Eltern.

Seine Depressionen hat Olivier heute überwunden.

Immer wieder stürzen ihn die in der Therapie zu Tage tretenden Erkenntnisse in tiefe Krisen, in denen er mit stundenlangen Weinkrämpfen zu kämpfen hat und tagelang komplett entkräftet ist. Dennoch ist Olivier erleichtert, dass er nun langsam Ordnung in das Chaos bringen kann, das ihn sein ganzes Leben schon begleitet.

Die Mutter vor Sorgen schützen

Die psychischen Belastungen seiner Mutter, die sich nach der Trennung vom Vater und dem Auszug der Schwester vor allem auf Olivier entladen, erschweren die Situation. „Unserer Mutter hat es an Möglichkeiten gefehlt, die Hürden, die ihr das Leben vor die Füße geknallt hat, zu überwinden, uns ein liebevolles und sicheres zu Hause zu geben war ihr in dieser Situation schlicht nicht möglich”, beschreibt Olivier die Situation in seinem Buch.

Die Depressionen der Mutter führen dazu, dass Olivier ständig auf der Hut ist und versucht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Als er eines Tages mit einer Gehirnerschütterung vom Skateboarden nach Hause kommt, legt er sich still ins Bett und wartet, bis der Kopf aufhört zu brummen. Zu groß ist die Angst, seine Mutter mit einer weiteren Sorge zu belasten. Die Probleme, die er zu Hause hat, nimmt er mit in die Schule. Im Unterricht tut er sich schwer, sich zu konzentrieren, zu viel Energie und Aggressionen stecken in ihm, als dass er über längere Strecken stillsitzen und aufmerksam sein könnte.

PTBS, Depression, ADHS

Erst als Erwachsener, als Olivier bereits seinen Zivildienst, eine Schauspielschule und erste Erfahrungen bei einer Tageszeitung hinter sich hat, erhält er weitere Erklärungen dafür. Wegen seiner fehlenden Kraft rät Oliviers Therapeut ihm zu einer Auszeit, zur Verdachtsdiagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung kommt nun jene einer agitierten Depression hinzu. Seine andauernde Nervosität und die Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, stellen zusätzlich den Verdacht auf ADHS in den Raum.

Im Rückblick betrachtet ist für Olivier vor allem der Mangel an Möglichkeiten und die Isolation, die die Familie durch die Armut erfährt, am belastendsten. Er muss nicht hungern und nicht frieren, aber die Armut bedeutet für ihn vor allem ein Anders-Sein und ein Abgeschnitten-Sein von dem Leben, dass die anderen Kinder auf der Waldorfschule, in die er gehen kann, weil sie über ein paar Plätze für Kinder aus einkommensschwachen Familien verfügt, führen. „Die anderen Kinder haben coole Klamotten, du nicht, sie dürfen lange aufbleiben, du nicht, sie haben eine Playstation und einen Fernseher zu Hause, du nicht, da ist man halt schnell der andere”, beschreibt er seine Erfahrungen im Gespräch mit ZIMT.

Die Wohnung, in der Olivier mit seiner Familie lebt, sieht nicht aus wie die der anderen Kinder. Die meisten von ihnen wohnen in einem Haus, zwei sogar in einer Villa. Wenn Olivier auf Klassenfahrt geht, sind die 15 Euro, die sich seine Mutter mühsam zusammengespart hat, schnell weg und er muss die folgenden Tage dabei zusehen, wie die anderen Kinder weiterhin ausgelassen Leckereien wie Cola, Fanta und Süßigkeiten kaufen. „Ich habe damals nicht verstanden, dass ich arm bin, aber ich habe immer gefühlt, dass ich anders bin”, beschreibt er die Situation heute.

Olivier David arbeitet heute als Journalist und freier Autor. Depressionen hat er heute nicht mehr, wie er erzählt. Im Schreiben über Armut habe er seinen Sinn gefunden. Gleichzeitig wisse er, dass ihn die Gefühle und Erfahrungen aus seiner Kindheit nicht verlassen werden und er nach wie vor nicht so belastbar ist, wie andere Menschen, die nicht erlebt haben, was er erlebt hat.

In seinem 2022 im Eden Books Verlag erschienenen Buch „Keine Aufstiegsgeschichte. Warum Armut psychisch krank macht“ gibt Olivier David eindrückliche Einblicke in das Aufwachsen in Armut und wie es sich auf sein Leben und seine Psyche auswirkt. Mit seinem Schreiben möchte er die Erfahrungen von armutsbetroffenen Menschen sichtbar machen und zu einer Diskussion über die Auswirkungen von Armut auf die Psyche anregen.

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