Hilfe auf vier Beinen

Speziell ausgebildete Assistenzhunde helfen Menschen mit Autismus, den Alltag zu meistern. Betroffene müssen dafür jedoch viel Zeit und Geld investieren, denn das Konzept ist im deutschsprachigen Raum noch Neuland.

Text: Edina Rainer
Collagen: Jana Reininger da Rosa / ZIMT Magazin

Datum: 23. Februar 2026
Ausgebildeter Autismus-Assistenzhund Hunde Österreich

Nicole und Spike können sich gut riechen. Die beiden kennen sich seit etwa einem Jahr und haben sowohl gute als auch schlechte Zeiten miteinander durchlebt. „Wenn sich eine Überlastung anbahnt, bemerkt Spike es vor mir, selbst wenn er am anderen Ende des Raumes sitzt. Dann kommt er und legt seinen Kopf in meinen Schoß. Das hilft mir, mich zu beruhigen”, sagt die 26-jährige Nicole.

Die gebürtige Deutsche hat die Diagnose Autismus, auch Autismus-Spektrum-Störung (ASS) genannt, eine Entwicklungsstörung, die meist bereits im frühen Kindesalter beginnt. Spike und sie leben gemeinsam in einer Student:innen-WG, gehen zusammen auf die Arbeit und besuchen dieselbe Universität. Dabei ist er weder ihr Partner noch ein enger Freund, sondern ein ausgebildeter Autismus-Assistenzhund. 

Assistenzhunde zählen zu den bewährten Hilfestellungen für Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie sind bei Krankheiten wie Epilepsie, Diabetes oder bei Geh- und Hörbehinderungen im Einsatz. Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen, dass die Vierbeiner jedoch auch Menschen mit psychischen Erkrankungen unterstützen können. Die Effekte sind umfassend und reichen vom gesenkten Stresslevel, bis hin zu vorgebeugten Panikattacken und reduzierten Krankenhausaufenthalten. Doch während der Einsatz der Tiere in anderen Ländern bereits gang und gäbe ist, ist es im deutschsprachigen Raum mit großen Hürden und Kosten verbunden, einen solchen Assistenzhund zu bekommen. 

Suche nach dem Selbst

Wenn Nicole über ihren Autismus spricht, sorgt dies bei vielen erstmal für Überraschung. „Man sieht mir meine Diagnose nicht an, außerdem bin ich ziemlich gut darin, mich an die Norm anzupassen”, sagt sie. Was die Studentin beschreibt, ist ein typischer Fall von Masking (dt.: Maskieren), ein angepasstes und verhaltensunterdrückendes Auftreten, das vor allem autistische Frauen anwenden, um bei Anderen nicht aufzufallen.

Die Folgen für Personen, die viel maskieren, sind weitreichend: Studien weisen auf vermehrte Selbstwertprobleme, bis zu höheren Risiken für Suizidgedanken und Angststörungen hin. „Ich habe über so viele Jahre maskiert, dass ich dachte, all diese Anstrengung und Erschöpfung seien ganz normal und ich bin einfach schlecht darin, damit umzugehen”, sagt Nicole.

Assistenzhunde werden zu Familienmitgliedern

Die Ausbildung zum Autismus-Assistenzhund dauert etwa eineinhalb Jahre und endet mit einem internationalen Prüfungsverfahren nach ADI-Standard.

Die 26-Jährige reagiert sensibel auf äußere Reize, helles Licht oder laute Geräusche können sie überfordern. Die Außenwelt merkt davon meist nichts, denn bereits im Kindergartenalter lernte sie, andere nachzuahmen. Von ihrer Mutter weiß sie, dass sie schon als Kind akribisch beobachtete, was andere taten, bevor sie sich einer Gruppe annäherte. 

Die Schulzeit war für Nicole hart. Sie wurde gemobbt und musste die Schule wechseln. Zudem erhielt sie die Diagnose ADHS. Obwohl sie bis zu ihrem 13. Lebensjahr ein entsprechendes Medikament einnahm, wurde ihr mentaler Zustand zunehmend schlechter. Die Überlastung und der Druck im Klassenzimmer ließen nie nach: „Sobald die Wirkung des Medikaments abgeklungen ist, war alles wieder beim Alten. Ich bekam Panikattacken, hatte Wutausbrüche und Meltdowns.” Wer einen Meltdown erlebt, hat mit akuter Reizüberflutung zu kämpfen, wird oft wütend, laut oder weinerlich. Sich selbst zu regulieren wird quasi unmöglich, weswegen viele Betroffene sich auch selbst verletzen.

„Dieses Schulsetting, das Mobbing und mein Masking haben letztlich zu einer Depression mit einem autistischen Burnout geführt.”

Durch Glück und Zufall fand Nicole schließlich eine Psychotherapeutin, die erstmals die Vermutung äußerte, dass die 26-Jährige im Autismus-Spektrum sein könnte.

Autismus: Diagnose mit Klischees

Die Symptome von Autismus sind vielfältig. Im Allgemeinen weisen Betroffene Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen, sowie Kommunikation oder flexiblen Verhaltensmustern auf. Viele Menschen im Spektrum haben ebenso eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und sind einem höheren Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen ausgesetzt. Der Dachverband Österreichische Autistenhilfe spricht von etwa 48.500 Betroffenen im Kindesalter österreichweit. Die Zahlen stammen aus 2015, mittlerweile geht man von einem Anstieg aus. Je nach Alter, Region und Diagnosekriterien kann die Anzahl der Betroffenen stark variieren. Offensichtlich ist jedoch, dass Jungen etwa drei- bis viermal häufiger von ASS betroffen sind. Viele werden fälschlich diagnostiziert, vor allem bei Frauen bleibt Autismus häufig unerkannt. Entsprechende Forschung zeigt, dass dies an einem stärkeren Masking bei weiblichen Betroffenen sowie Einflüssen von Stereotypen und Klischees in der Diagnostik liegen kann. Fachverbände und Expert:innen machen immer wieder auf das Problem der Fehldiagnosen aufmerksam. 

Spätdiagnose Autismus: Wie Nicole ihre Diagnose erhielt

Auch Nicole erhielt ihre Diagnose erst in ihrer Jugend, Auslöser dafür war ihr Umzug von Bayern nach Kärnten. Sie begann ein Psychologiestudium, zog inmitten der Corona-Pandemie allein in ein fremdes Land. Während viele Menschen mit Lockdowns und sozialer Isolation zu kämpfen hatten, lernte Nicole sich von einer neuen Seite kennen. „Für viele wäre das sicher eine schwierige Zeit, aber ich habe dadurch endlich gemerkt, wie es ist, nicht permanent überlastet zu sein”, beschreibt sie. Mit dieser Erkenntnis meldet sich Nicole erneut bei ihrer Psychotherapeutin in Deutschland. Sie erzählt von ihren Symptomen, etwa der Reizüberflutung oder den Meltdowns. Nach ausführlichen Gesprächen erweist sich die Vermutung der Therapeutin, Nicole könne auf dem Spektrum sein, als wahr. Sie erhält offiziell die Diagnose ASS.

Berührungen fühlen sich wie Nadeln an

Labrador-Mischlinge gelten als besonders geeignet für die Ausbildung zum Assistenzhund – ruhig, lernfreudig und zuverlässig im Alltag.

Als Nicole im Internet über Neurodivergenz recherchiert, wird sie das erste Mal auf Autismus-Assistenzhunde aufmerksam. Ihr Alltag war zu diesem Zeitpunkt noch immer von einigen Schwierigkeiten geprägt.

„Es gab ein paar Momente, bei denen ich so stark überlastet war, dass ich nicht mehr sprechen konnte.”

Etwa beim Zugfahren werden Nicole die Reize zu viel, Panik tritt ein, sie fühlt sich wie erstarrt. „Ich war auf die Hilfe anderer angewiesen, da ich selbst mich nicht mehr gezielt von der Situation wegbewegen konnte. Schließlich wurden andere Menschen auf mich aufmerksam, und halfen mir, mich von der Stelle zu bewegen. Das war wirklich gruselig”. Im Jahr 2023 fasst sie den Entschluss, ihr Leben fortan mit einem Autismus-Assistenzhund an ihrer Seite zu führen. Eine Maßnahme, die bisher im deutschsprachigen Raum noch wenig Bekanntheit hat. 

Geschichte der Assistenzhunde: Von Kriegsveteranen zu Autismus-Therapie

Assistenzhunde für Menschen mit psychischen Erkrankungen sind in Österreich noch Neuland. Die therapeutische Arbeit mit den Hunden selbst hat jedoch eine lange Geschichte. Bereits im Ersten Weltkrieg trainierte man die Tiere, um Nachrichten zu überbringen und verwundete Soldaten zu unterstützen. Das Konzept schlug Erfolg, weshalb Ende des Zweiten Weltkrieges erste Trainingsprogramme für Blindenführhunde, vor allem für Kriegsveteranen, entstanden.

In den 1980er-Jahren nahm die klinische Diagnostik die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) in ihre Klassifikationssysteme auf – auch daran war die Kriegsforschung maßgeblich beteiligt. US-amerikanische Soldaten aus Kriegen im Irak und Afghanistan litten nach ihrer Rückkehr unter schweren Traumata. Neben der PTBS-Diagnose entstanden so auch erste Studien zu sogenannten Psychiatric Service Dogs. In Folge daraus gründeten sich Programme und Vereine, die Assistenzhunden in ihre Therapie- und Unterstützungsmaßnahmen mit einbanden. Mit der Jahrhundertwende nahm die Forschung zu Assistenzhunden bei Menschen mit psychisch Erkrankten deutlich an Fahrt auf. In den 2010er-Jahren etablierten sich schließlich erste Konzepte für Autismus-Assistenzhunde.

Was kann ein Autismus-Assistenzhund? Aufgaben und Wirkung

Hunde, die für Menschen im Spektrum ausgebildet werden, lernen eine Bandbreite an Aufgaben. „Der Hund kann zum Lernen motivieren, soziale Interaktionen verbessern, ihnen helfen, sich zu entspannen und vieles Weitere“, erklärt Elisabeth Färbinger. Die 60-Jährige ist Hundetrainierin und Gründerin von Partner Hunde Österreich. Seit 2016 bilden sie und ihr 14-köpfiges Trainingsteam Assistenzhunde für Menschen mit Autismus aus. Laut eigenen Angaben haben etwa 25 Menschen bereits einen solchen in ihrem Zuhause. Der Großteil von ihnen sind Labrador-Mischlinge, eine der klügsten und umgänglichsten Hunderassen.

Illustration: weiblich gelesene Figur hält Kuchen an der offenen Backofentür, Sprachblase mit Herz, im Hintergrund männlich gelesene Figur hält mit einer Hand eine Schüssel, im Vordergrund Radio mit Lautstärkezeichen

Nicht jeder Hund eignet sich als Autismus-Assistenzhund. Persönlichkeit, Trainierbarkeit und Temperament entscheiden darüber, welcher Vierbeiner zu welchem Menschen passt.

„Die Hunde können mit ihrer Schnauze Schaumstoffwürfel werfen und dem Kind helfen, sich für das Kopfrechnen zu motivieren. Morgens können sie beim Anziehen helfen, indem sie jedes Kleidungsstück für ein Leckerli vorbeibringen. Wenn es zu einem Wutanfall kommt, kann sich der Hund auf das Kind legen und als mobile Gewichtsdecke fungieren”, erklärt sie. Forschungsberichte zeigen, dass die Hunde sogar die Hormonausschüttung der Kinder beeinflussen und Cortisolspiegel senken können. Darüber hinaus verbessern sie durch die Interaktion mit dem Kind dessen Kommunikationsfähigkeit deutlich.

Solche und viele weitere positiven Effekte von Assistenzhunden werden weitgehend bei Kindern untersucht. Doch nicht nur bei ihnen, sondern auch bei Menschen im engen Umfeld kann der ASS-Hund positiv auf die mentale Gesundheit wirken.

„Das Tier ist ein Fels in der Brandung für das Kind und gibt ihm Sicherheit. Das kann die Eltern beruhigen, sie unterstützen und Stress sowie Überlastung verhindern”, sagt Elisabeth Färbinger, Hundetrainerin und Gründerin von Partner Hunde Österreich.

Eine niederländische Studie aus 2019 zeigt, dass Eltern eines Kindes im Spektrum sowohl ein stärkeres Gefühl der Unabhängigkeit als auch eine bessere Schlafqualität aufweisen, wenn ein Assistenzhund zuhause im Einsatz ist. Dieser könne nämlich nicht nur Symptome lindern, sondern auch vor Gefahren schützen, etwa beim gemeinsamen Straßenüberqueren. 

Auch Menschen mit Autismus im Erwachsenenalter können von den Vierbeinern stark profitieren. Das Haustier kann die Betroffenen etwa bei anstrengenden Tätigkeiten im Alltag unterstützen. „Der Hund kann zum Beispiel beim Einkaufen als Abstandshalter von anderen dienen, indem er sich eng an seinen Halter stellt”, erklärt Färbinger. Auch Nicole nimmt Spike zum Einkaufen mit. Wenn es ihr nicht gut geht, stellt er sich zwischen ihre Beine, zeigt ihr, dass er für sie da ist. Bei Vorlesungen und Arbeitstagen begleitet er sie ebenso, liegt die meiste Zeit entspannt in ihrer unmittelbaren Nähe.

„Er riecht es, wenn sich meine Gefühlslage verändert, und signalisiert es mir rechtzeitig mit einem Blick oder Gewinsel. Das hilft mir, mich auf mein Befinden zu konzentrieren, im schlimmsten Fall kann ich mich rechtzeitig vor einer Überreizung zurückziehen. Die meiste Zeit jedoch entspannt er sich und schläft tief und fest”, sagt sie. Sobald der stressige Alltag vorüber ist, darf auch Spike seine Arbeit beenden. Zuhause fühlt sich Nicole wieder wohl und wird von ihrem Freund und ihrer besten Freundin bei Herausforderungen unterstützt. Spike hingegen erwarten zahlreiche Kuschel- und Spieleinheiten, auch von ihren Mitbewohner:innen. „Mein Partner und meine beste Freundin wohnen mit mir in einer WG. Sie unterstützen mich sehr, indem sie auch mit ihm spazieren gehen oder mit ihm spielen. Spike ist wie ein Familienmitglied für uns”, sagt Nicole. 

Wartezeit und Unklarheit

Nachdem Nicole sich 2023 bei Partner Hunde Österreich meldete, musste sie sich lange gedulden. „Man muss natürlich schauen, dass der Hund zu einem passt. Deshalb habe ich dort einige Gespräche geführt und Persönlichkeitsfragebögen ausgefüllt. Danach kam erstmal eine lange Wartezeit”, sagt sie. Insgesamt zwei Jahre dauerte es, bis Spike in ihre WG einzog. Färbinger weiß, dass Wartezeiten in ihrem Verein nichts unübliches sind: „Aktuell haben wir mindestens zehn Kinder und etwa vier Erwachsene im Spektrum auf unserer Warteliste. Bei jedem einzelnen müssen wir überprüfen, ob die Lebensbedingungen und Anforderungen zu einem unserer Hunde passen und dann die Tiere entsprechend trainieren.” Der Trainerin zufolge sind Alltag, Beruf und der eigene Charakter entscheidend. Für eine perfekte Ausbildung werden die Hunde etwa eineinhalb Jahre lang geschult. Zum Abschluss folgt ein Prüfungsverfahren gemeinsam mit dem/der Klient:in, das dem internationalen Dachverband Assistance Dog International (ADI) entspricht.

Illustration: weiblich gelesene Figur hält Kuchen an der offenen Backofentür, Sprachblase mit Herz, im Hintergrund männlich gelesene Figur hält mit einer Hand eine Schüssel, im Vordergrund Radio mit Lautstärkezeichen

Assistenzhunde brauchen neben ihrer Arbeit auch ausreichend Ausgleich und Erholung – ihr Wohlbefinden ist Voraussetzung für eine verlässliche Unterstützung.

Betroffene müssen für die vierbeinige Hilfe nicht nur lange warten, sondern auch viel bezahlen, genauer gesagt 26.000 Euro. Um die Kosten klein zu halten, bietet Färbinger ihren Klient:innen die Möglichkeit an, Sponsor:innen aufzutreiben. „Jede:r, der sich bewirbt, muss eine Eigenleistung von 2.500 Euro aufbringen, den Rest können Sponsor:innen übernehmen. Wir vermitteln Kontakte und Anlaufstellen, aber man muss sich schon auch selbst bemühen. Wenn jemand nicht bereit ist, einen bestimmten Beitrag zu leisten, dann wird es der- oder demjenigen nur schwer möglich sein, dem Hund später ein gutes Leben zu ermöglichen”, sagt sie. Während ihrer Wartezeit versuchte Nicole sehr lange, finanzielle Unterstützung aufzutreiben. Weil sich so schnell niemand finden ließ, veranstalteten Freunde und Familie für sie ein eigenes Benefizkonzert, bei dem man freiwillig spenden konnte. Nicole erklärt, dass etwa 3.000 Euro durch das Konzert zustande kamen, den Rest übernahmen nach langem Bemühen letztlich Bekannte, sowie Freunde und Familie. 

Wer sich einen Assistenzhund holt, kann in Österreich zwar keine Teilfinanzierung über die Krankenkasse beantragen, jedoch eine staatliche Förderung über die Landesstellen des Sozialministeriumservices. Die einzige Bedingung: ein Eintrag in den Behindertenpass. Nur wer diesen vorweisen kann, hat offiziell Anspruch auf einen Assistenzhund. Damit verbunden sind ein Behinderungsgrad mit einer Ausprägung von mindestens 50 Prozent sowie ein zertifiziertes Hunde-Prüfverfahren. Die zugesprochenen Geldsummen variieren je nach Bundesland und Fördertopf, Nicht-Erwerbstätige erhalten etwa durch den Unterstützungsfonds für Menschen mit Behinderungen etwa eine einmalige Summe von maximal 6.000 Euro, sobald sie sich einen Assistenzhund anschaffen.

Zum Prüfungsverfahren zugelassen sind Blindenführhunde, Servicehunde und Signalhunde, wobei Autismus-Assistenzhunde laut Hundetrainerin Färbinger in die letzte Kategorie fallen. Die Zertifizierung unterliegt dem staatlichen Messerli-Institut, es arbeitet in Kooperation mit der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Wer die Prüfung positiv absolviert, darf seinen oder ihren Hund in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Einkaufsmärkten mitführen. 

Viele europäische Organisationen sowie Färbinger selbst prüfen ihre Hunde gemäß der Assistance Dog International (ADI) Kriterien. Ihre Zertifizierung wird in Österreich nicht in den Behindertenpass eingetragen, wodurch sämtliche Institutionen selbst entscheiden können, ob sie den ADI-Hunden Zutritt gewähren.

„Ich verstehe nicht, wieso es in Österreich ein eigenes Verfahren geben muss. Das macht das Ganze ziemlich mühsam, weil es dadurch nicht selbstverständlich ist, dass die Vierbeiner aus Österreich im Flugverkehr oder in anderen Ländern als Assistenzhunde anerkannt werden”, sagt Färbinger.

In einer Anfrage lässt das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz diesbezüglich wissen: „Sonderrechte für Assistenzhunde sind durch eine entsprechende Ausbildung begründet. (…) Es empfiehlt sich ein entsprechender Vorgang (Anm. eine Eintragung im Behindertenpass bzw. ein anerkannter Assistenzhundeausweis), wenngleich es den Zutritt regelnden Institutionen obliegt, auch andere Nachweise zu akzeptieren.” Der Grund für eine eigene Prüfungsstelle in Österreich liege zudem im Interessenkonflikt der beteiligten Organisationen: „ADI ist eine private Trainer:innenorganisation und vertritt die Interessen von Assistenzhundetrainer:innen bzw. Trainingsorganisationen, somit wäre eine unabhängige Assistenzhundeprüfung durch ADI nicht gegeben. (..) Das österreichische Akkreditierungsverfahren stellt in Europa den höchsten Standard dar, was zahlreiche Anfragen von offiziellen Organisationen aus den verschiedensten europäischen Ländern auch beweist”, heißt es aus dem Sozialressort. 

Diagnose von Autismus bereitet Probleme

Für viele Menschen mit Autismus sind Assistenzhunde mehr als Unterstützung im Alltag – sie werden zu echten Bezugspersonen und geben Sicherheit.

Assistenzhund Kostenübernahme: Was zahlt die Krankenkasse?

Auch Nicole musste eine Messerli-Prüfung durchlaufen, sie empfand diese als hilfreich. „Man musste sich einen Vortrag online anschauen, den fand ich ziemlich interessant. Man hat auch praktische Tipps für die Beantragung der Förderung und andere Regulierungen erhalten. Die Prüfung an sich war nicht schwer, da wir das alles ja schon mal gelernt haben”, sagt sie. Sobald die Begutachtung vorbei war, versuchte sich die Studentin an einer Förderung, jedoch ohne Erfolg. Zuerst erzählte man ihr, dass sie als Deutsche keinen Anspruch auf die Förderung habe, wenig später hat man dies jedoch zurückgerufen. Nicole ist berufsfähig, um Menschen wie sie bei ihrer Erwerbstätigkeit zu unterstützen und ihre Mobilität durch Spike zu fördern, gibt es in Österreich die Individualförderung des sogenannten Ausgleichstaxfonds. Letzten Endes erhielt Nicole jedoch keinen Förderanspruch darauf, Grund soll laut ihr ein zu geringes Nebeneinkommen gewesen sein. 

In Deutschland werden Maßnahmen und Regelungen für Assistenzhunde mehrfach diskutiert, Krankenkassen übernehmen aktuell nur Kosten für Blindenführhunde. Im Einzelfall – etwa bei Opfern schweren sexuellen Missbrauchs – gewähren Behörden wie das Sozialamt jedoch sehr wohl eine finanzielle Unterstützung für die Assistenzhunde. In einem Forschungsbericht des Deutschen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aus dem Jahr 2023 berichten Expert:innen von einem steigenden Bedarf an Assistenzhunden, ebenso sprechen sie von einer Entlastung des Gesundheitssektors durch den Hundeeinsatz, da „Leistungsbeziehungen wie menschliche Assistenz, Krankenhausaufenthalte oder Notwageneinsätze” dadurch abnehmen könnten. 

„Wenn sich die Person durch den Hund immer selbstbewusster verhält und sich in der Gesellschaft frei bewegen kann, fördert das die Gesundheit. Dann muss sie beispielsweise vielleicht nur zweimal statt viermal im Monat zur Psychotherapie”, sagt die Hundetrainerin Färbinger. Auch sie hofft auf klarere Maßnahmen und entsprechende Förderungen in Zukunft und betont den Bedarf zahlreicher Klient:innen.  

Autismus Diagnose Probleme

Assistenzhunde begleiten Menschen mit Autismus nicht nur zuhause, sondern auch unterwegs – ob beim Spaziergang, in der Universität oder beim Einkaufen.

Leben mit Autismus-Assistenzhund

Sobald Nicole mit Spike das Haus verlässt, zieht sie ihm eine blaue Weste an. Offiziell gibt es keine Verpflichtung dazu. Die Kennzeichnung will die Studentin dennoch nutzen – um ihre Mitmenschen aufmerksam zu machen. „Meinen Autismus sieht man mir von außen nicht an. Wenn ich als junge Frau am Boden sitze und weine, denken die meisten wahrscheinlich, dass ich Liebeskummer habe”, sagt sie. Immer wieder muss sie erfahren, wie Menschen sich ihr gegenüber verständnislos zeigen, so auch in Gesundheitseinrichtungen.

„Medizinisches Fachpersonal verlangt so gut wie immer, dass der Hund nicht in das Behandlungszimmer darf, egal wie oft ich die Rechtslage erkläre. Es ist ein Scheißgefühl, aber am Ende des Tages muss ich nachgeben. Was soll ich denn sonst tun, jedes Mal zur Ärztekammer gehen? Das wäre ein unfassbarer Aufwand.”

Harsche Kommentare und übergriffige Streichelaktionen sind für Nicole mittlerweile zum Alltag geworden. Sie beschreibt eine Situation, bei der ein älterer Mann im Supermarkt auf Spike zugekommen ist. Mit einem Joghurtglas soll er versucht haben, den Hund von ihr wegzulocken. Momente wie diese sind leider kein Einzelfall. Auch Färbinger weiß, dass die Hunde gegen Vorurteile nur bedingt weiterhelfen können. „Der Hund gibt ein Geheimnis preis, das von außen eigentlich nicht sichtbar ist. Das kann natürlich dazu führen, dass Leute die Betroffenen dumm fragen, was denn eigentlich das Problem ist.” 

Um Vorurteile gegen Autismus vermindern zu können, wünscht sich Nicole mehr Aufmerksamkeit für Menschen wie sie. Ihr Hund hilft ihr dabei und sorgt bei anderen Menschen für Interesse. „Man muss damit rechnen, oft angesprochen zu werden, sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Spike ist wahnsinnig hilfreich, um soziale Kontakte zu knüpfen und mit anderen ins Gespräch zu kommen, erklärt sie. „Hunde mag schließlich jeder.”

Auch wenn Nicole viel Geduld zeigen musste, weiß sie heute, dass sich das Warten gelohnt hat. „Mein Leben läuft besser denn je. Ich bin viel selbstständiger und weniger von anderen Personen abhängig. Spike ist der perfekte Hund für mich. Ich dachte nie, dass Arbeiten und Studieren in diesem Ausmaß für mich möglich sein würde”, sagt sie. In ihrer Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum nimmt sie Spike regelmäßig mit. In Übungseinheiten versucht sie, Hilfestellungen für Betroffene im Spektrum zu bieten.

„Die Wutausbrüche der Betroffenen sind viel weniger ausgeprägt, wenn sie sehen, dass sie ein Hund in der anderen Ecke beobachtet. Seine Anwesenheit beruhigt nicht nur mich, sondern auch die Menschen um mich herum”, erklärt sie. Auch wenn Spikes Alltag voller Eindrücke und Tätigkeiten war, lässt er sich Abends von seiner Lieblingstätigkeit nicht abhalten. „Spike liebt es, mit mir die Wäsche zu machen. Er bringt mir jedes Kleidungsstück extra zur Waschtrommel, und ist dabei – anders als ich – glücklicher denn je.”

*Namen von der Redaktion geändert

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