Wie junge Belgier:innen dem Rechtsruck standhalten

Belgiens Politik rückt nach rechts – und mit ihr die Stimmung im Land. Junge Menschen spüren die Folgen unmittelbar: in Schulen, Familien und auf der Straße.

Text: Patricia Kornfeld

Datum: 12. November 2025
Illustration: Männlich gelesene Figur umarmt weiblich gelesene Figur, sie drückt ihn mit der Hand weg

Techno-Musik? Am Flughafen? Um 13 Uhr?! Als ich Ende Juli nach Brüssel fliege und kurz nach meiner Landung in eine fröhlich tanzende Menge stolpere, bekomme ich Schnappatmung. So viel gute Laune am helllichten Tag – für mich als Wienerin quasi ein Ding der Unmöglichkeit. 

Nur allzu gern lasse ich mich auf diese ungewohnte Leichtigkeit ein. Ich stelle meinen schweren Rucksack vor mir ab und wippe ein bisschen mit, bevor ich weiter zum Gepäckband schlendere. Von einem gänzlich in Graffiti getauchten Zug lasse ich mich ins Stadtzentrum bringen, wo sich auch mein Hotel für diese Woche befindet. Sofort weht mir ein zarter Waffelduft um die Nase. Ich sehe Pralinen und die traditionelle Handwerkskunst der Brüsseler Spitze in jeder dritten Auslage. Goldgelbe Pommes aus kleinen Restaurants stellen sich mir als mein zukünftiges Abendessen vor. So ungefähr habe ich mir Brüssel ausgemalt.

Ein Nationalist als Regierungschef

Die kulinarische Vielfalt ist jedoch nicht der Grund meiner Reise. Ich will verstehen, wie sich politische Entwicklungen auf junge Menschen im Land auswirken – besonders auf jene, die ohnehin ein höheres Risiko für psychische Belastungen tragen: queere Menschen und Personen mit Migrationsgeschichte. In dieser Hinsicht bietet Belgien besondere Einblicke. Anfang 2025 wurde Bart De Wever, ein Nationalist aus der niederländischsprachigen Region Flandern, zum Premierminister ernannt. Er ist Vorsitzender der nationalistisch-rechtskonservativen Partei Neu-Flämische Allianz (N-VA), die zum ersten Mal in der Geschichte des Landes die Bundesregierung anführt. Gleichzeitig plant die N-VA die strengste Migrationspolitik aller Zeiten nach Belgien zu bringen.

Illustration: weiblich gelesene Figur hält Kuchen an der offenen Backofentür, Sprachblase mit Herz, im Hintergrund männlich gelesene Figur hält mit einer Hand eine Schüssel, im Vordergrund Radio mit Lautstärkezeichen

Der Grand-Place in Brüssel – Symbol glanzvoller Geschichte und gegenwärtiger Spannungen: Während die Fassaden im Abendlicht erstrahlen, ringen viele junge Belgier:innen mit den Schatten eines politischen Rechtsrucks.

Rund 11,8 Millionen Einwohner:innen leben in den drei Regionen Brüssel-Hauptstadt, Wallonien und Flandern. Knapp 36 Prozent davon haben Migrationsgeschichte (Stand: 2024). Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigt, dass insbesondere Belgier:innen mit marokkanischem oder türkischem Hintergrund ein höheres Risiko für psychische Probleme haben als die Mehrheitsbevölkerung. Queere Menschen kämpfen einer weiteren belgischen Studie aus 2022 zufolge häufiger mit schlechterer psychischer Gesundheit als heterosexuelle Personen. 

Wie stark sich Politik auf die mentale Gesundheit Jugendlicher auswirken kann, zeigt eine US-amerikanische Untersuchung aus demselben Jahr. Sie belegt, dass depressive Symptome, Selbstwertprobleme sowie Einsamkeit zwischen 2005 und 2018 also in einer Zeit, in der das politische Klima in den USA zunehmend konservativer wurde je nach politischer Selbstidentifikation zunahmen. Besonders stark stiegen die Werte bei liberalen Mädchen, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben; bei konservativen Buben am wenigsten.

Außerdem nehmen Gewalt und Diskriminierung gegen LGBTQI+-Personen zu, wie die belgische Gleichstellungsbehörde Unia im Jahr 2024 erhoben hat. Sie zählte insgesamt 136 verbale und körperliche Angriffe auf Menschen mit anderer sexueller Orientierung. Während die gesellschaftliche Polarisierung zunimmt, liegt die politische Beteiligung junger Menschen über dem europäischen Durchschnitt. Im Global Youth Participation Index 2025 belegt das Land Platz 24 von 141 Staaten. 

Was löst Belgiens Rechtsruck in jungen Migrant:innen und queeren Menschen aus? Wie schaffen sie es, sich inmitten dieser Verschärfung nicht zu verlieren? Und wie sieht ihr Widerstand aus? Das möchte ich während meiner Reise herausfinden.

 

„Wir mögen Leute wie sie nicht”

Dafür spreche ich mit Ange Nsanzineza. Die 28-jährige Belgierin mit der großen Brille und dem Nasenpiercing zog vor über fünf Jahren aus dem flämischen Antwerpen ins rund 40 Kilometer entfernte Brüssel. Politisch aktiv ist sie schon lange: Früher schrieb sie Artikel über gesellschaftliche Missstände für Jugendliche, beteiligte sich anschließend an einem Projekt zu Geschlechtergerechtigkeit und absolvierte danach ein Praktikum in einer Organisation, die sich für die Wahrung der Menschenrechte von Migrant:innen einsetzt. 

Aktuell sorgt sie als Partizipationsbeauftragte beim Kompetenzzentrum für Jugendpolitik, -information und -arbeit De Ambrassade dafür, dass Heranwachsende in Flandern und Brüssel über die Pläne der Regierung Bescheid wissen. Sie sollen den nötigen Raum bekommen, um sich an politischen Prozessen zu beteiligen – und dabei motiviert werden, ihre Stimme zu nutzen.

Aufklärung betreibt Ange auch auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen. Dort macht sie etwa auf Spendenaktionen oder Demonstrationen aufmerksam. „Mein Aktivismus besteht darin, so viele nützliche Informationen wie möglich weiterzugeben. Wenn sich zum Beispiel die Migrationspolitik ändert, würde ich posten, was die Regierung plant und welche Schritte betroffene Menschen konkret setzen können.“

Ein Bewusstsein für strukturelle Ungleichheit besitzt Ange schon lange – gezwungenermaßen. Als Person of Color (POC) und Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die aus Ruanda geflohen ist, erlebte sie bereits in jungen Jahren Rassismus. „Es waren zum Beispiel die Eltern eines Mitschülers, die sagten: ‚Oh, du kannst Ange nicht zur Geburtstagsparty einladen. Wir mögen Leute wie sie nicht.‘“ Lehrer:innen an ihrer Schule in Antwerpen spielten rassistische Vorfälle herunter und stellten sie als nicht so schlimm dar.

Berührungen fühlen sich wie Nadeln an

Ange, Tochter einer ruandischen Geflüchteten, erlebt Rassismus in Belgien seit ihrer Kindheit. Heute engagiert sie sich für mehr Bewusstsein und Solidarität.

Dass die Schwarze Bevölkerung in Belgien regelmäßig Rassismus erfährt, zeigte auch die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) in einem 2023 veröffentlichten Bericht. 58 Prozent der 459 Teilnehmer:innen gaben an, in den fünf Jahren vor der Umfrage diskriminiert worden zu sein – also unter anderem aufgrund ihrer Hautfarbe (52 Prozent) oder Herkunft (32 Prozent). 44 Prozent berichteten, beim Versuch, eine Wohnung zu mieten oder zu kaufen, Benachteiligung erlebt zu haben. 25 Prozent wurden im Bildungsbereich rassistisch beleidigt oder bedroht.*

Seit ihrem Umzug nach Brüssel habe sie Rassismus weniger gespürt, sagt Ange. Die Menschen hier seien viel offener. Dennoch empfinde sie die politische Stimmung in ganz Belgien als stark angespannt: „Alle gesellschaftlichen Probleme werden auf Migrant:innen geschoben, anstatt sich mit den wahren Ursachen zu beschäftigen.” 

Es beunruhigt sie, dass sozialistische Parteien immer häufiger extremen politischen Richtlinien zustimmen, während rechtsideologische Parteien wie die N-VA zunehmend normalisiert und als politische Mitte wahrgenommen werden. Obwohl die aktuelle Arizona-Koalition neben der N-VA noch vier weitere Parteien umfasst – unter anderem die sozialdemokratische Partei Vooruit, kündigte das Regierungsprogramm Einschnitte in der Arbeitslosenversicherung sowie Änderungen im Pensionssystem an. 

Außerdem verschärft sich die Asylpolitik: Geflüchtete sollen etwa während ihrer ersten fünf Jahre im Land nur eingeschränkten Zugang zu Sozialleistungen erhalten. Zudem soll der Familiennachzug begrenzt werden. „Man kann sich auf sozialistische Parteien nicht mehr verlassen”, meint Ange.

Ein ständiges Auf und Ab

Von der Regierung im Stich gelassen fühlen sich auch viele der Klient:innen, die Matin Seuha in ihrer Praxis aufsuchen. Ich treffe die klinische Psychologin in einem gemütlichen Café in Matongé, dem lebhaften afrikanischen Viertel nahe der Brüsseler Innenstadt. Sie begrüßt mich in einem strahlend roten Top, umgeben von vielen Pflanzen und wild zusammengewürfelten Möbeln. 

Illustration: weiblich gelesene Figur hält Kuchen an der offenen Backofentür, Sprachblase mit Herz, im Hintergrund männlich gelesene Figur hält mit einer Hand eine Schüssel, im Vordergrund Radio mit Lautstärkezeichen

Seuha begleitet Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationserfahrung, die sich in einer angespannten politischen Stimmung nach Orientierung und Halt sehnen.

Während wir Cappuccino und Matcha Latte trinken, erzählt mir Seuha, dass sie sich unter anderem auf die Behandlung von Angststörungen spezialisiert hat. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationserfahrung zählen zu ihren Klient:innen. Häufig sprechen sie mit Seuha darüber, wie schwer es ihnen fällt, ihre beiden kulturellen Hintergründe miteinander zu vereinen – oder über das politische Klima. 

Zahlreiche ihrer 18- bis 25-jährigen Klient:innen belaste die aktuelle Politik, beschreibt sie. „Viele Menschen empfinden das, was passiert, als ungerecht und wissen nicht, wie sich die Situation entwickeln wird.” Etwa fragen sie sich, wie sie sich ihr Studium weiterhin leisten können, wenn staatliche Unterstützungsleistungen wegfallen. Oder sie sind empört, dass die belgische Regierung und die EU nicht deutlich genug zum Gaza-Konflikt Stellung beziehen. Ein großer Teil ihrer Klient:innen ist politisch aktiv und nimmt an Demonstrationen teil – fühlt sich dabei aber oft allein und machtlos, so Seuha. 

„Es ist für sie sehr schwer, psychisch stabil zu bleiben. Manchmal geht es ihnen besser, doch dann passiert wieder etwas – etwa, dass angekündigt wird, bestimmte soziale Unterstützungen abzuschaffen – und sie fallen zurück in ein Tief. Es ist ein ständiges Auf und Ab.“ Diese Gefühle der Hilflosigkeit und Unsicherheit können laut der klinischen Psychologin zu Angst führen – aber auch zu Frustration oder Wut.

Ins Leere brüllen

Solche Emotionen sind in Anges Leben tägliche Begleiter. Im Rahmen ihrer Arbeit bei der Unterstützungseinrichtung De Ambrassade trägt ihr Team dazu bei, dass die Bedürfnisse und Anliegen von Heranwachsenden systematisch gesammelt werden und in die jugendpolitischen Entscheidungsprozesse der flämischen Regierung einfließen. Dafür ist es wichtig, dass Ange täglich die Nachrichten verfolgt, um über politische Entscheidungen und ihre Konsequenzen informiert zu bleiben. „Es ist frustrierend, jeden Tag aufzuwachen und sich zu fragen, welchen großen Fehler die Regierung wohl heute wieder machen wird – oder ob sie die Anliegen der Jugend überhaupt ernst nimmt.“

Illustration: weiblich gelesene Figur hält Kuchen an der offenen Backofentür, Sprachblase mit Herz, im Hintergrund männlich gelesene Figur hält mit einer Hand eine Schüssel, im Vordergrund Radio mit Lautstärkezeichen

Blick über Brüssel: Viele junge Belgier:innen erleben das politische Klima als belastend und fragen sich, ob ihr Engagement überhaupt etwas verändern kann.

Ob Ange mit ihrem Engagement wirklich etwas bewegen kann, weiß sie nicht. Bei der Arbeit ist sie daher oft niedergeschlagen: „Nicht abschätzen zu können, ob sich meine Energie bezahlt macht, fühlt sich an, als würde ich ins Leere brüllen.” Der Missmut schwappt auch in ihr Privatleben über. Die Belgierin hat nicht den Eindruck, dass ihre Stimme bei den letzten beiden Wahlen Gewicht hatte. Hinzu kommt der Blick in eine ungewisse Zukunft: Es macht mir Angst, dass Richtlinien umgesetzt werden könnten, die es mir vielleicht selbst einmal unmöglich machen, mein Leben nach meinen eigenen Wünschen zu gestalten.” 

Verzweiflung als Motor 

Eine tiefgreifende Verzweiflung spürt auch Madonna, eine nonbinäre und trans* Theaterkünstler:in sowie Schauspieler:in aus der flämischen Stadt Gent, westlich von Brüssel. Dort arbeitet dey unter anderem in der Forschung an einem Kunstinstitut und koordiniert zusätzlich das Bachelorprogramm eines Theaterstudiengangs.

Privat spricht dey viel über Politik oder geht auf Proteste. Gemeinsam mit einer Freund:in hostet dey außerdem den queeren Podcast Flikker Op (Niederländisch für „Hau ab“) und engagiert sich ehrenamtlich für intersektionalen Feminismus sowie gegen Rassismus.

Madonnas Antrieb ist der Wunsch, mit ihren Tätigkeiten zumindest etwas Positives zu bewirken. Dass sich die Politik zum Negativen entwickeln würde, sah dey schon vor langer Zeit voraus: Ich sagte den Menschen in meiner Umgebung bereits vor sieben Jahren, dass es nicht gut aussieht und wir handeln müssen, bevor es zu spät ist. An meiner Kunstschule schrieb ich sogar Hausarbeiten über das Thema. Aber niemand hat mir geglaubt.” 

In der Schule wurde Madonna als Panikmacher:in bezeichnet und dazu aufgefordert, zu schweigen. Noch heute wird dey beim Gedanken daran zornig. Sie unterstellten mir, dass es nur um mein Ego ginge und ich bloß Aufmerksamkeit wollte.” 

Dass Personen aus Madonnas Umfeld nun über die aktuelle Politik verwundert sind und sich fragen, wie es so weit kommen konnte, frustriert dey. Madonna kennt es, in der Arbeit in der Kunstbranche als Männerhasser:in und online als woke bitch beschimpft zu werden. Diese Angriffe sieht dey als Teil einer Hetzkampagne gegen trans Menschen, mit dem Ziel, progressive Stimmen mundtot zu machen.  

Illustration: weiblich gelesene Figur hält Kuchen an der offenen Backofentür, Sprachblase mit Herz, im Hintergrund männlich gelesene Figur hält mit einer Hand eine Schüssel, im Vordergrund Radio mit Lautstärkezeichen

Madonna engagiert sich künstlerisch und politisch gegen Diskriminierung und Hass. Kritik und Anfeindungen gehören für dey zum Alltag.

Ständig gegen diese Feindseligkeit ankämpfen zu müssen, macht Madonna traurig und ängstlich. Diese Angst kann wirklich lähmend sein. Ich muss alles in meiner Macht Stehende tun, um aktiv zu bleiben, weiterzuarbeiten und die Dinge in Bewegung zu halten.” Doch die Grenze zwischen Bewältigung und Selbstschädigung ist schmal: Manchmal verbringt dey den ganzen Tag im Bett, weil Aufstehen unmöglich erscheint. An anderen Tagen stürzt dey sich in Partys weniger aus Genuss, sondern aus dem Bedürfnis, der Realität für eine Weile zu entkommen. Den Kater danach empfindet dey fast als Erleichterung, weil er eine Pause vom Funktionieren bedeutet. 

Madonna beschreibt diesen Zustand als verschwommen und schleierhaft– eine Art Moment, in dem die Welt kurz erträglicher wird. Ich erlaube mir dann, einfach mal den ganzen Tag nichts zu tun.” Dey weiß allerdings, dass diese Strategien zur Gefahr werden könnten. Wenn Menschen unter hoher psychischer Belastung zu Alkohol greifen, um gezielt negative Emotionen, Stress oder Probleme zu verringern, wird das in der Fachliteratur als drinking to cope bezeichnet. Dieses Phänomen wird seit den späten 1980er-Jahren untersucht. Eine Studie aus dem Jahr 2024 belegte zudem, dass Personen, die Alkohol zur Stressbewältigung konsumieren, ein höheres Risiko für eine beeinträchtigte psychische Gesundheit aufweisen als Menschen, die zwar in belastenden Phasen trinken, jedoch nicht mit der Absicht, Stress damit zu reduzieren.

Freund oder Feind

Dass Migrant:innen oder trans Menschen als Bedrohung inszeniert werden, folgt aus Madonnas Sicht ähnlichen Mustern wie rechtsextreme Verschwörungstheorien – etwa der Erzählung vom sogenannten „Großen Austausch“. Dabei behaupten weiße Mehrheiten, sie würden verdrängt oder ersetzt werden. Der US-amerikanisch Philosoph Jason Stanley, Autor von Wie Faschismus funktioniert (Random House, 2018) beschreibt solche Angststrategien als zentralen Mechanismus autoritärer Politik. Das schürt Feindbilder laut Madonna besonders dort, wo kaum Kontakt zu Vielfalt besteht. „Die rechte Seite ist immer sehr gut darin, die Furcht der Menschen vor dem Unbekannten oder vor Menschen, die anders sind, auszunutzen. Es ist immer eine Politik der Angst.“ Diese Taktiken hat dey längst durchschaut.

Wird die Gesellschaft konservativer, sinkt häufig auch die Akzeptanz für psychische Erkrankungen: Das zeigt eine 2024 veröffentlichte Studie aus Ungarn, die untersucht hat, wie verschiedene politische Einstellungen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen beeinflussen. Die Ergebnisse belegen, dass in Ungarn rechte autoritäre Einstellungen (Right-Wing Authoritarianism, RWA), die auf der Angst vor Gefahr, Bedrohung oder Unkonventionalität beruhen, zu einer stärkeren Abwertung psychischer Gesundheit führen. 

Der Begriff Right-Wing Authoritarianism wurde 1981 von Bob Altemeyer geprägt. Er beschreibt, dass Menschen in Zeiten zunehmender Unsicherheit stärker dazu neigen, sich Gruppen mit klaren Regeln und Identitätsgrenzen zuzuwenden und anders Wirkende abzuwerten. Das geschieht etwa in Phasen wirtschaftlicher Krisen oder politischer Instabilität. Neuere Studien zu Left-Wing Authoritarianism (linker Autoritarismus, LWA) zeigen ähnliche Muster – etwa Polarisierung, moralische Absolutheit und den Ausschluss Andersdenkender.

Wie stark sich die Abneigung gegenüber Menschen mit anderen politischen Ansichten auf die Psyche auswirken kann, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2023. Sie ergab, dass die US-Präsidentschaftswahl 2020 bei einigen Wähler:innen Symptome auslöste, die einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ähneln – etwa Herzrasen oder Atembeschwerden beim Gedanken an die Wahl. Das Forschungsteam geht davon aus, dass insgesamt 12,5 Prozent der erwachsenen Amerikaner:innen wahlbezogene PTBS-Symptome erleben. Die Studie legt nahe, dass nicht der Ausgang der Wahl entscheidend für die Entwicklung dieser Symptome ist, sondern vielmehr das Erleben von Distanz, Ablehnung oder Verletzung durch Angehörige der gegnerischen Partei.

Grafik: zwei Schlüssel verbunden durch einen Ring

Während das Atomium in Brüssel für Austausch und Zusammenhalt steht, erlebt die belgische Gesellschaft laut Psychologin Matin Seuha eine wachsende Spaltung.

Die Bildung entgegengesetzter Fronten beobachtet auch die klinische Psychologin Matin Seuha in ihrer Praxis. Viele ihrer Klient:innen vermeiden politische Gespräche im Freundes- oder Familienkreis oder brechen den Kontakt zu Menschen ab, die eine andere Meinung vertreten. Das helfe zwar dabei, sich von gewissen Themen zu distanzieren und schütze kurzfristig vor dem Gefühl der Machtlosigkeit. Gleichzeitig führe es jedoch dazu, dass abgeschottete Bubbles entstehen und kein echter Austausch über unterschiedliche Positionen mehr möglich ist, erklärt Seuha. „Es entsteht also Schwarz-Weiß-Denken: Entweder du bist meiner Meinung, oder du gehörst nicht zu mir. Das beginnt wirklich, die Gesellschaft zu spalten.” 

Nicht jede Diskussion lohnt sich

Auch Ange hat bereits Freundschaften beendet, wenn politische Meinungen zu weit auseinanderklaffen. Für sie steht fest, dass sich die Erfahrungen aus ihrer Schulzeit nicht wiederholen dürfen. Erst im Nachhinein erkannte Ange, mit wie viel Rassismus sie in ihrer Heimat Flandern tatsächlich konfrontiert war. Wenn sie mit ihren damaligen Schulfreund:innen über Nachrichten oder politische Ereignisse, die sie beunruhigten, sprechen wollte, reagierten diese oft abweisend. „Ich weiß noch, dass sie sagten, ich würde zu viel darüber nachdenken, was in der Welt passiert, und dass sie solche traurigen Dinge nicht hören wollen.” 

Das trug dazu bei, dass sie sich in Antwerpen nie wirklich zu Hause fühlte. „Freund:innen sind nicht nur dazu da, die schönen Momente des Lebens zu teilen, sondern auch Frustrationen. Ich erwarte, dass sie mir den Raum geben, um mich auszukotzen und mir einfach nur zuhören – und das gilt im Umkehrschluss genauso. Ich dachte mir: Wenn ihr das nicht wollt, dann möchte ich nichts mehr mit euch zu tun haben.”

Immer wieder wenden sich bei De Ambrassade Jugendliche an die Partizipationsbeauftragte, die aufgrund der aktuellen Situation frustriert sind und innerhalb der Organisation etwas bewirken möchten. „Das ist schön zu sehen, weil man daran erkennt, dass sie ihre Verzweiflung nutzen und in politisches Engagement umwandeln. Sie möchten helfen, die Situation zu verbessern.”

Halt finden

Wenn Madonna der Realität kaum standhält, sucht dey Zuflucht in der Theorie. Texte zu Faschismuskritik und Queer-Feminismus geben dey Orientierung und schaffen Distanz zu dem, was im Alltag schwer auszuhalten ist. Die Vorstellung, etwas Abstraktes analysieren zu können, ist tröstlich für mich”, sagt dey. Strukturen zu verstehen bedeutet für Madonna auch, zu wissen, dass Veränderung möglich ist. Das gibt dey Hoffnung. 

Um sich den Ballast von der Seele zu reden, sucht Madonna oft das Gespräch im Freundeskreis, in der Therapie oder im Arbeitsalltag. Aus Matin Seuhas Sicht wäre es ebenso hilfreich, sich von Gegensätzen nicht abschrecken zu lassen, um die gesellschaftliche Situation zu verbessern. „Ich glaube, es ist wirksam, wenn Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten miteinander in Dialog treten und die Kluft überbrücken.” 

Ange ist das bereits gelungen: Früher galt ich in meiner Familie als ‚die Aktivistin’ – einfach nur, weil ich gerne über Dinge gesprochen habe, die in den Nachrichten passiert sind. Mittlerweile merke ich, dass nicht nur meine Mutter, sondern auch meine Geschwister diese Themen für diskussionswürdig halten.” Bei den Familientreffen sprechen sie jedes Mal darüber, was gerade auf der Welt passiert und was sie für andere Menschen oder füreinander tun können. Vor zehn Jahren dachte meine Mutter noch, dass sie als Migrantin und Geflohene ausschließlich dankbar sein müsse. Dankbarkeit ist gut, aber gleichzeitig sollten wir immer noch kritisch gegenüber dem sein, was passiert.”

 

*(Anm.: Die belgischen Daten wurden mittels Quotenstichprobe erhoben und sind daher nicht statistisch repräsentativ für die gesamte Bevölkerung afrikanischer Abstammung in Belgien.)

Drei Amtssprachen, dreifach komplizierte Politik

Um die politische Lage in Belgien besser zu verstehen, muss man wissen, dass das Land in drei Regionen gegliedert ist: in die zweisprachige Hauptstadtregion Brüssel, das niederländischsprachige Flandern im Norden und das französischsprachige Wallonien im Süden. Außerdem gibt es drei Gemeinschaften: die flämische, die französische und die deutschsprachige Gemeinschaft (DG). Letztere liegt im Osten Walloniens, an der Grenze zu Deutschland und Luxemburg. 

Belgien ist eine föderale parlamentarische Monarchie: Drei Regionen (Flandern, Wallonien, Brüssel) und drei Gemeinschaften (flämisch, französisch, deutschsprachig) teilen sich Macht und Zuständigkeiten, häufig entlang sprachlicher Grenzen. Insgesamt existieren daher sieben Regierungen: die föderale Regierung, drei Regionalregierungen und drei Gemeinschaftsregierungen. Zuständigkeitsbereiche wie Bildung, Kultur oder Gesundheit liegen meist bei den Regionen und Gemeinschaften, während die föderale Ebene zentrale Aufgaben wie Außenpolitik und Verteidigung übernimmt.

Diese komplexe Struktur führt dazu, dass viele Parteien in flämischer und frankophoner Variante auftreten und politische Koalitionen oft über Sprachgrenzen hinweg gebildet werden müssen. Außerdem gibt es König Philippe, der in Belgien eine vorwiegend symbolische Rolle spielt. Im Vergleich dazu wirkt Österreichs Föderalismus überschaubar: Es gibt den Bund, neun Bundesländer und eine klare Kompetenzverteilung, die geografisch und nicht sprachlich motiviert ist.

Das eurotours”-Programm

Diese Recherche ist im Rahmen des Projekts eurotours entstanden. Das Projekt wird vom Bundeskanzleramt initiiert und von der Österreichischen Medienakademie unterstützt. Weitere Kooperationspartner sind die Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich sowie das Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments in Österreich. Der fünftägige Aufenthalt der Autorin im Juli 2025 wurde aus Bundesmitteln finanziert.

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