Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit dem Thema Suizid. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Plötzlich wie aus heiterem Himmel

Die Erinnerung an seinen Sohn Tobias holt Golli Marboe immer wieder ein. Im Kommentar reflektiert er den Suizid seines Sohnes und Einflüsse, die zum Unbegreiflichen geführt haben.

Text: Golli Marboe
Malerei: Tobias Marboe
Foto: VsUM

Datum: 7. November 2022

Ich sitze in der Schnellbahn nach Hause Richtung Wien Meidling, da hält der Zug beim Quartier Belvedere. Und da passiert es, wie so oft: Die Erinnerung an Tobias – in diesem Fall an unseren letzten gemeinsamen Besuch im „20er Haus“, das heutige Belvedere 21, schießt mir in den Kopf.

Es waren engagierte, schöne und einen Vater so glücklich machende Gespräche über Kunst, über unsere Gesellschaft, über das Leben. Als wir damals im Spätherbst 2018 über all das sprachen. Da war keinem von uns beiden bewusst, dass es wohl eines der letzten Gespräche sein würde, das wir so miteinander führen.

Jedes Mal, wenn ich heute in eine Ausstellung oder ein Museum gehe, denke ich an Tobias. Kann meine Gedanken zu den Objekten nicht mehr mit ihm austauschen. Das sind Momente einer unbeschreiblichen Traurigkeit. Diejenigen, die mit mir unterwegs sind, die hören in der Regel von Tobias. Dann berichte ich, dass er Künstler war und dass auch er – wie so viele andere seiner Zunft – unheimlich darunter gelitten hat, dass er von seinen Werken nicht leben konnte. Es fehlte an Wertschätzung von Menschen außerhalb seines nahen Umfelds. Tobias war unheimlich fleißig, produzierte Insta-Piktogramme, komponierte und textete Lieder, er malte und designte Alltagsgegenstände, wie auch jene Umhängetasche, die mich jeden Tag begleitet.

Seine Freunde und seine Verwandtschaft mochte das alles sehr. Und trotzdem, Tobias‘ Einsamkeit wurde zur Traurigkeit über den vermeintlichen Mangel an Anerkennung. Aus dieser Traurigkeit entstand Depression und in seinem Fall führte dann ein psychotischer Schub zur Katastrophe. Tobias suizidierte sich im Alter von 29 Jahren.

Meine Traurigkeit fühlt sich nicht depressiv an. Meine Traurigkeit fühlt sich wie Liebe an.

Als Elternteil und als Angehöriger wird man ein Leben lang in Verbindung mit denen bleiben, mit denen man untrennbar verbunden ist. Warum sollte man denn auch einen verstorbenen Menschen weniger im Herzen tragen als jemanden, der lebt?

Immer wieder begegnet mir der (unausgesprochene) Gedanke in den Gesichtern meiner Gegenüber: „Jetzt ist der Tod doch schon fast vier Jahre her – da könnte der Golli das langsam doch hinter sich lassen…“ Nein! Ich möchte Trauer keinesfalls hinter mir lassen. Diese gehört zu mir, so wie zu anderen Menschen die aufgesetzte Freundlichkeit, der dicke Bauch, die Liebe zu Extremsport, das Trinken von Alkohol. Bei mir gibt es die Trauer über den Tod meines Sohnes mit im Paket.

Was allerdings mit der Zeit tatsächlich anders wird, ist die Sicht auf Fragen der „psychischen Gesundheit“. Es ist richtig und wichtig, dass wir Symptome besser bekämpfen müssen. Dass es endlich genug Therapieplätze gibt und diese zu 100% ohne Selbstbehalt von der Krankenkasse bezahlt werden.

Es ist richtig, dass wir gegen Vorurteile gegenüber dem Gebrauch von Antidepressiva kämpfen müssen. Diese machen im Gegensatz zu zahlreichen Schmerzmitteln nicht abhängig. Sie helfen Menschen, die in Gefahr einer suizidalen Einengung sind, wieder zu sich zu finden. Niemand findet etwas Schlechtes daran, dass man gegen Entzündungen Antibiotika nimmt oder gegen die Zuckerkrankheit Insulin. Weshalb also diese Unterscheidung im Gebrauch von Medikamenten?

Es ist richtig, dass wir Krankheiten der Seele enttabuisieren und Betroffene wie Hinterbliebene, entstigmatisieren müssen. Aber wäre es nicht noch besser, wenn wir uns mehr damit beschäftigten, wie diese schreckliche Zunahme an psychischen Krankheiten gebremst werden kann? Prävention im wahren Sinn des Wortes, also der Verhinderung von Krankheiten und „nicht nur“ dahingehend, eine Krankheit früher zu erkennen als bisher so üblich.

Eine solche Art von Prävention schreit nach Paradigmenwechseln in unser aller Alltagsleben. Es geht dabei um gesellschaftspolitische Themen: Verteilungsgerechtigkeit, Medienkompetenz, das Bildungssystem, und um das Miteinander in einer Gesellschaft, die Außenseiter:innen nicht an den Rand drängt, sondern umgekehrt, die Vielfalt liebt – es geht um eine Weiterentwicklung der Demokratie.

Wir brauchen eine andere Wertschätzung für jene, die anders sind. Denn Anderssein ist nicht gut und auch nicht böse: Anders ist lediglich anders. Neben der Idee, zur Mehrheit gehören zu müssen, folgt unser Wirtschaftsnarrativ drei unerreichbaren Zielen: „schöner werden“, „jünger werden“, „reicher werden“. Man bleibt ewiger Konsument, um diesen Zielen nachzueifern. Aber kennt man irgendeine Lebensgeschichte, die schöne, junge oder reiche Menschen beschreibt, die zufrieden damit gewesen wären, die „Nummer Eins“ in welchem Ranking auch immer geworden zu sein?

Umgekehrt sollte man als Gesellschaft agieren: Das Raffen nach Geld ist nicht nur kein Menschenrecht, es geht immer auch auf Kosten anderer. Wirtschaftliche Unsicherheit ist einer der nachgewiesenen Motoren für psychische Krankheiten. Dementsprechend braucht es Verteilungsgerechtigkeit als Prinzip. Ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wir sollten nicht fragen, wie man das finanzieren könne, wir sollten fragen: Was müssen wir tun, um es zu finanzieren?

Auch im Bildungssystem zählen die Talente des Einzelnen wenig. Die Schwächen sind das Thema. Um eine Ausbildung oder die Schule mit einem positiven Abschluss zu beenden, muss man sich vor allem mit jenen Fächern herumschlagen, die man nicht so gut beherrscht. Die Zeit, eigene Stärken zu entwickeln, Begabungen zu folgen, muss dafür verwendet werden, eigene vermeintliche Unzulänglichkeiten zu beheben. Damit wird die Zeit der Ausbildung zur Qual. Lernen, Suchen, Forschen, Fragen werden als Belastung und als „nutzlos“ abgespeichert. Anderssein sowieso.

In unser aller Kommunikation im Netz gibt es ebenfalls Handlungsbedarf. Auch wenn kein Suizid alleine auf ein Ereignis zurückzuführen ist und es wohl auch im tragischen Fall der Ärztin Lisa Maria Kellermayr einen multikausalen Hintergrund Ihrer Verzweiflung gibt – die in diesem Zusammenhang aufgetauchten Hassmails, die mangelnde Unterstützung der mitlesenden „Standbyer“, das unausgereifte Vorgehen der Behörden waren mitverantwortlich für ihren Seelenzustand. All das hat einen Hintergrund im Mangel an Medienkompetenz. Warum unterscheiden wir in unserem sozialen Verhalten und der dementsprechenden Art zu kommunizieren zwischen einer „realen“ Begegnung im Gasthaus und der Begegnung im virtuellen Raum?

Sowohl im Bildungssystem, als auch in der Wirtschaft oder eben in der Onlinewelt reduzieren wir so oft auf „Richtig oder Falsch“. Wir entscheiden. Wir glauben, entscheiden zu müssen. Aber die meisten Dinge des Lebens sind nicht einfach so oder so. Bleibt man nicht ein Leben lang ein:e Suchende:r, ein:e Fragende:r, jemand, die:der eben zwischen Ja oder Nein, zwischen Eins und Null, zwischen Schwarz und Weiß die vielen möglichen Optionen dazwischen erleben möchte, statt zweifelhaften, vermeintlich eindeutigen Antworten zu folgen?!

Erst, wenn wir aufhören eine eigene „Wahrheit“ zu vertreten, vermeintliche Antworten zu geben oder für das Eindeutige einzutreten, werden wir als Gesellschaft ein Klima schaffen, das weniger psychische Probleme hervorbringt.

Ähnlich verhält es sich mit dem eigenen Ich und der Beziehung zu sich selbst:

Bin ich mitschuldig am Tod meines Sohnes? Nein.

Denn Schuld würde ja bedeuten, dass ich es in der Hand hätte, über das Leben eines anderen Menschen zu entscheiden. Bin ich mitverantwortlich am Tod meines Sohnes? Selbstverständlich ja. Weil ich zu wenig über psychische Gesundheit wusste, weil ich die Tragweite seiner Traurigkeit nicht erkannt habe, weil ich zu wenig mitgewirkt habe an einem anderen gesellschaftlichen Klima.

Oder wie ist das mit dem Zorn auf jemanden, der schon gegangen ist? Zorn ist verständlich, aber auch falsch, wie ich glaube. Zorn ist ein Zeichen dafür, dass ich mich selbst bedaure, mir leidtue. Aber ist nicht spätestens im Andenken an jemanden, der gestorben ist, nur mehr Empathie angesagt? Zorn sollte überwunden werden, um im Frieden zu sein mit denen, die gegangen sind. Schuld wäre Hochmut, aber Trauer ist schön. Sie ist das Zeichen der Wertschätzung, sie ist Zeichen der Erinnerung.

Was mir als Vater bleibt, neben der Erinnerung an gemeinsame Museumsbesuche und viele andere Momente des 29-jährigen Zusammenlebens, ist schließlich auch noch Hoffnung. In einem seiner Piktogramme meinte Tobias „Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, weil die Hoffnung gar nicht sterben kann“; und ganz in diesem Sinne lasse ich die Hoffnung, die ich tief in meinem Inneren eh nie beenden könnte, zu: nämlich, dass es irgendwann vielleicht in irgendeiner Form ein Wiedersehen mit dem Buben geben wird.

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Piktogramm: Tobias Marboe

Solltest du dich in einer akuten Krisensituation befinden, findest du hier Hilfe:

 

Österreich

  • Wien: Notfalltelefon der Psychosozialen DiensteSozialpsychiatrischer Notdienst
    Telefon: 01 31 330 (täglich von 0 bis 24 Uhr)
    Beratungs- und Entlastungsgespräche, Hilfe und Rat für Angehörige, medizinische Akut-Interventionen, medikamentöse Unterstützung sowie psychosoziale und psychotherapeutische Kurzbetreuung
  • Österreichweit: Telefonseelsorge
    Telefon: 142 (Notruf aus dem österreichischen Netz), täglich 0–24 Uhr
    Telefon-, E-Mail- und Chat-Beratung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder Krisenzeiten.
    Online unter www.telefonseelsorge.at.

Deutschland

  • Telefonseelsorge
    Telefon: 116 123 oder 0800 111 0 111 (gebührenfrei)
  • Nummer gegen Kummer – Kinder- und Jugendtelefon 
    116 111 oder 0800 – 111 0 333 (gebührenfrei), montags – samstags 14-20 Uhr
  • Nummer gegen Kummer – Elterntelefon
    0800 – 111 0 550 (gebührenfrei)

Weitere Kontaktstellen findest du auf unserer SOS-Seite.

Golli Marboe (c) VsUM

Golli Marboe (c) VsUM

Seine Gedanken zum Tod seines Sohnes hat Golli Marboe in einem Buch zusammengefasst.

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