„Asexualität hat nichts mit Verzicht zu tun”

Asexualität und Aromantik werden oft missverstanden. Eine Aktivistin erzählt, warum das ein Problem ist.

Text: Ania Gleich

Datum: 10. Februar 2026
Person mit Kaffeetasse hinter Glasscheibe. Regentropfen trüben die Sicht.

Immer wieder begegnet Lily Missverständnissen. Eines der hartnäckigsten ist das scheinbar wohlmeinende Abtun von Asexualität als „eh normal“. Das erzählt die 26-Jährige, die sich bei AceAro Wien engagiert. Der Verein vertritt asexuelle und aromantische Menschen.

Dass Asexualität und Aromantik normale Varianten menschlichen Empfindens sind, ist zwar richtig. Problematisch wird dieses „Normalisieren“ jedoch dort, wo es reale Diskriminierung und gesellschaftlichen Druck unsichtbar macht. Etwa wenn fehlende Repräsentation, Beziehungserwartungen oder das ständige Erklären-Müssen als individuelle Probleme abgetan werden.

„Wir sind keine Mauerblümchen”

In Lilys Leben spielen sexuelle oder romantische Anziehung keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Das widerspricht den gängigen Vorstellungen von Begehren, Beziehung und Intimität. Sexualität ist darin zwar allgegenwärtig, wird aber kaum hinterfragt.

Eine weibliche Person tanzt mit einer männlichen Person. Das Bild ist in der Bewegung verwischt.

In der Gesellschaft werden heteronormative Paare angesprochen. Sexualität und sexuelle Ausrichtung spielen dabei eine große Rolle, auch wenn sie nicht offen ausgesprochen werden.

Dabei wird gerne übersehen: Asexualität hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern mit Selbstbestimmung. Viele reagieren überrascht, wenn asexuelle oder aromantische Personen extrovertiert, selbstbewusst oder offen auftreten. Als hätte Asexualität etwas mit Schüchternheit oder „Mauerblümchen-Sein“ zu tun. „Tut es nicht“, stellt Lily klar.

„Ich will mich in meinen besten Freund verlieben”

Dass Sexualität gesellschaftlich als selbstverständlich gilt, hat konkrete Folgen für asexuelle Menschen. Beispielsweise gibt es kaum Sprache oder Vorbilder dafür, früh Grenzen zu benennen. Situationen, die sich zunächst normal oder erwartet anfühlen, werden oft erst im Nachhinein als unangenehm erkannt.

Die Vorstellung, Sexualität müsse die Grundlage einer Beziehung sein, ist tief verankert. Dadurch wird häufig übersehen, dass Zuneigung, Vertrauen und emotionale Nähe die eigentlichen Basispfeiler von Beziehungen sind. Das sagt Lily. Wenn Menschen sagen: „Ich will mich in meinen besten Freund verlieben“ oder „One-Night-Stands sind nichts für mich“, formulieren sie oft intuitiv demisexuelle Wünsche. Und damit eine Beziehungsform, so Lily.

Person mit weißem armellosen Oberteil hält rosa-blau gestreiften Stoff hinter sich nach oben.

Selbstreflexion sei unter queeren Menschen besonders verbreitet, glaubt Lily.

Was bedeutet Demisexualität? 

Demisexualität bedeutet: Sexuelle Anziehung entsteht erst dann, wenn eine enge emotionale Bindung zu einer anderen Person vorhanden ist. Lily geht davon aus, dass die Dunkelziffer hier besonders hoch ist. Viele Menschen brauchen emotionale Vertrautheit, damit sexuelle Anziehung entstehen kann. Auch wenn sie diesen Prozess nie bewusst benennen würden.

„Asexualität und Aromantik sind queer”

„Asexualität und Aromantik sind queer, weil sie gängige Vorstellungen von Beziehungen und Sexualität infrage stellen.“ Viele asexuelle Personen setzen sich früh und intensiv mit sich selbst auseinander. Diese Form der Selbstreflexion ist auch in anderen queeren Communities verbreitet. Etwa bei lesbischen, schwulen, non-binären oder trans Personen. Das erklärt, warum Asexualität dort besonders verbreitet ist.

„Gleichzeitig gibt es auch viele hetero und cis asexuelle Personen.“ Oft brechen sie klassische Paarbeziehungsnormen auf. Sie leben in Beziehungen mit mehreren Partner:innen oder in solchen, in denen Sexualität einfach keine Rolle spielt. Freundschaften und Wahlfamilien werden oft als wichtiger beurteilt als die Paarbeziehung.

„Es ist kompliziert und teuer, als Einzelperson zu leben”

Dass Asexualität und Aromantik viele Menschen betreffen und dennoch kaum sichtbar sind, ist für Lily ein strukturelles Problem. „Es ist kompliziert und teuer, als Einzelperson zu leben“, sagt sie. Versicherungen und Unterstützungsleistungen sind auf Paare ausgelegt. Bürokratische Prozesse benachteiligen Menschen ohne klassische Partnerschaft.

Asexuelle und aromantische Personen fallen dadurch „durch fast alle Raster“. Denn gesellschaftliche Infrastruktur ist um die Paarbeziehung gebaut. Diese Ausgrenzung verstärkt Einsamkeit und den Eindruck, anders zu sein.

Gefaltete Geldscheine auf einem Tisch, dahinter liegt eine Geldbörse.

„Es ist kompliziert und teuer, als Einzelperson zu leben; Versicherungen und Unterstützungsleistungen sind auf Paare ausgelegt. Bürokratische Prozesse benachteiligen Menschen ohne klassische Partnerschaft.“

Auch therapeutische Gespräche kippen sofort in eine Problemsuche, sobald Menschen sagen, dass sie keinen Sex haben, berichtet Lily. Oft wird ihre Identität reflexhaft mit traumatischen Erfahrungen verknüpft. Auch dann, wenn sie aus völlig anderen Gründen Unterstützung suchen.

Natürlich kann fehlende Sexualität ein Symptom sein. „Aber automatisch davon auszugehen ist gefährlich“, sagt Lily. „Weil Betroffene sich selbst erst outen müssen, um überhaupt widersprechen zu können.“

Deshalb müssen auch Psychotherapeut:innen anerkennen, „dass Asexualität und Aromantik normale Varianten menschlicher Erfahrung sind und keine Störung oder Ausnahmezustand“. Nur so könne ein Raum entstehen, „in dem Menschen sich sicher fühlen, unabhängig davon, ob sie geoutet sind oder nicht“.

Was hilft?

Für den medialen und gesellschaftlichen Umgang wünscht sich Lily vor allem Aufklärung und Empathie. Menschen sollten wissen, „dass Asexualität existiert und vielfältig ist“. Medien müssen asexuelle Stimmen sichtbarer machen.

Mehr Offenheit würde es erleichtern, Grenzen klar zu formulieren. Etwa einfach sagen zu können: „Ich mag das nicht“, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Zwei Personen sitzen einander gegenüber und unterhalten sich.

Auch in der Therapie brauche es Anerkennung: Asexualität und Aromantik sind normale Varianten menschlicher Erfahrung, keine Störung.

Lily zufolge müsse eine tatsächlich sexpositive Gesellschaft genau hier ansetzen: Sexualität dürfe weder tabuisiert noch vorausgesetzt werden. Weder ihr Ausleben noch das Nicht-Wollen, Nicht-Priorisieren oder bewusste Ablehnen von Sex. Nur das ermöglicht eine Haltung, die sagt: „Du bist anders und das ist vollkommen in Ordnung.“

Info: AceAro Wien

Aus einer kleinen, lose organisierten Gruppe entstand ab 2020 AceAro Wien: eine Community mit regelmäßigen Treffen, die bewusst soziale Räume jenseits von Dating, Romantik oder Sexualität schafft. Heute kommen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen zusammen. Von jungen Erwachsenen bis hin zu Personen, die erst spät die passenden Begriffe für ihr Erleben gefunden haben.

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