Die Psychiatrie im Wandel: Wolfgang

Wolfgang erzählt er von den letzten Veränderungen in der Psychiatrie und wie seine Arbeit in Zukunft aussehen könnte.

Text: Nadja Riahi
Bilder: Wolfgang W/ZIMT Magazin/AI-Generator: Canva

Datum: 14. November 2023
Verzerrtes Spiegelbild Illustration (c) Jana Reininger

Es ist Mittwoch, 9:00 Uhr morgens. Für viele Menschen beginnt jetzt der Arbeitstag. Für Wolfgang ist er zu Ende. Er arbeitet als Pfleger und hatte heute Nachtdienst. Er wirkt entspannt und gut gelaunt. Wolfgang ist seit fast 40 Jahren in der stationären Psychiatrie tätig. Aktuell ist er in einer Subakut-Station im Einsatz. Diese Stationen sind für Patient:innen, die zum Beispiel nicht mehr psychotisch sind, jedoch noch nicht entlassen werden dürfen. In Subakut-Stationen ist die Stimmung gelassener und ruhiger als in jenen Stationen, in denen sich Menschen mit Psychosen aufhalten.

Während seiner Berufslaufbahn hat Wolfgang viele Veränderungen in der Psychiatrie miterlebt. „Als ich angefangen habe, in der Psychiatrie zu arbeiten, war alles geschlossen, die Pavillons waren wirklich verschlossen. Wir waren eher Wärter:innen und keine psychiatrischen Pfleger:innen“, erinnert sich der Mann mit dem grauen Haar. Die 1979 beschlossene Psychiatrie-Reform änderte nach und nach die Arbeitsweise in der Psychiatrie. „Es hat ein bisschen gedauert, bis die Reform richtig gegriffen hat, aber Anfang der 1990er Jahre wurde alles offener. Ich habe diese Zeit als ‚Pflege auf Augenhöhe‘ erlebt. Von der Putzkraft bis zum Primar: Wir haben gut miteinander gearbeitet und hatten ein gemeinsames Ziel: das Patient:innenwohl“, so Wolfgang, der die Phase nach der Reform als „schönstes Arbeiten“ beschreibt. Seitdem habe sich einiges verändert. „Wir stecken heute wieder mehr in unseren Professionen drin – Putzkraft, Pfleger:in, Ärzt:in. Ich habe oft das Gefühl, dass sich niemand dafür interessiert, was ich aus pflegerischer Sicht zu sagen habe.“

Wiederholte Psychiatrieaufenthalte wegen fehlender Sicherheit

Die heutige Situation in der Psychiatrie beschreibt Wolfgang so: „Ich behandle die Patient:innen mit weniger Zeit und Ressourcen mehr schlecht als recht und entlasse sie relativ schnell in ein mir unbekanntes Umfeld“. Seiner Erfahrung nach finden sich die ehemaligen Patient:innen in diesem „Chaos ohne Struktur“ oft nicht zurecht und setzen kurz nach der Entlassung ihre Medikamente ab. Die Folge ist ein erneuter Aufenthalt in der stationären Psychiatrie. „Mehrere kurze Aufenthalte in einem Jahr, das nennen wir Drehtüren-Effekt.“

Handy mit Blüten (c) Jana Reininger

Steht die Psychiatrie in ihrer jetzigen Form vor dem Aus?

Früher seien die Aufenthalte länger und die Nachversorgung besser gewesen: „Psychiater:innen haben sich mit der Entlassung länger Zeit gelassen und es gab mehr Angebote für die Übergangsphase.“ Die Pfleger:innen haben Patient:innen vorab bei Trainingsausgängen begleitet und bei der Wiedereingliederung in den Alltag geholfen. Diese nachgehende Psychiatrie finde – auch aus Kostengründen – immer weniger statt.

Ungeschütztes Pflegepersonal

Auch das neue Unterbringungsgesetz mache den Pfleger:innen sehr zu schaffen: „Es ist klar, dass man auf Patient:innenrechte achten muss. Aber es ist immer ein Spagat zwischen jemanden unterzubringen, weil er:sie für sich nicht einstehen kann, und jemanden behandeln müssen, es ohne die Zustimmung der Patient:innen aber nicht dürfen. Die Situation ist schwierig“, sagt Wolfgang. Ein großes Problem sieht er auch für die Sicherheit der Pfleger:innen. „Ein:e Patient:in, der:die psychotisch ist, aber keine Medikamente nehmen muss, bleibt psychotisch. Das kann für uns, die in der Psychiatrie arbeiten, gefährlich werden. Wenn ein Mensch krank ist, dann sollen ihn Ärzt:innen und Pfleger:innen ohne Gerichtsbeschluss behandeln dürfen“, kritisiert er. Die Intention hinter der Behandlung sei es, dass es den Patient:innen besser gehe. Momentan werden notwendige Behandlungen aber manchmal nicht durchgeführt, weil sich Ärzt:innen und Pfleger:innen vor rechtlichen Konsequenzen fürchten. Gleichzeitig weiß Wolfgang, dass Zwangsmaßnahmen wie Fixiergurte für Patient:innen durchaus traumatisierend sein können. Daher müssen die Behandlungen im Nachhinein und in Ruhe besprochen werden.

Wolfgang wünscht sich ein Zurückgehen zur Psychiatrie, wie sie einmal war. „Momentan wird eher Wimmerl-Chirurgie betrieben, das heißt, die Somatik steht im Vordergrund. Jedes Wimmerl wegschneiden, löst aber nicht das Problem, wenn kein therapeutisches Gespräch stattfindet.“ Die Psychiatrie solle auf einer psychiatrischen Abteilung nicht im Hintergrund stehen. „Heutzutage schaut jede:r Pfleger:in hauptsächlich, dass ihr:ihm rechtlich nichts passieren kann. Keine:r schaut mehr auf die untergebrachten Menschen“, meint Wolfgang.

Handy mit Blüten (c) Jana Reininger

Immer wieder setzen Patient:innen auf eigene Faust die Medikamente ab – und landen dann rasch wieder in der Klinik.

Ungewisse Zukunft der Psychiatrie

Als Pfleger erlebt Wolfgang oft Menschen, die in einem Wahn sind. Das wichtigste im Umgang sei dann, den Menschen dort abzuholen, wo er:sie gerade ist. „Wenn ich mit einem:einer Alkoholiker:in spreche, der:die sehr betrunken ist, hilft es mir nicht, hochgestochen mit ihm:ihr zu reden. Dann bin ich auch kurz per Du“ – auch wenn das in den psychiatrischen Vorschriften eigentlich nicht so vorgesehen ist. Am nächsten Tag kläre er die Situation auf und stelle wieder ein distanziertes Verhältnis her.

Das vorrangige Ziel sei es, Situationen schnell zu entschärfen. Wolfgangs Methode funktioniere meistens. „Ich bin seit fast 40 Jahren in der Psychiatrie – zum größten Teil in Akutstationen – und bin noch nie verprügelt worden“, lacht er.

Die Zukunft der Psychiatrie einzuschätzen, findet Wolfgang schwer. „Ich denke jedoch, dass die Psychiatrie in ihrer jetzigen Form nicht mehr lange bestehen wird. Es fehlt an Nachwuchs, junge Menschen wollen nicht mehr in der Pflege arbeiten“, sagt Wolfgang, der in wenigen Monaten in Pension geht. Der Job macht ihm nach all den Jahren immer noch Spaß. „Ich wünsche mir, dass Psychiatrie in der breiten Öffentlichkeit einen besseren Ruf bekommt. Niemand sollte Angst davor haben, in die Psychiatrie zu gehen”, sagt er.

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