Leben mit Schizophrenie: Wenn die Gesellschaft nicht auffängt
Mit einer psychischen Erkrankung ist man viel allein, erzählt Stefan Malicky. Er weiß wie es ist, mit Schizophrenie zu leben.
Text: Stefan Malicky
Collage: Jana Reininger da Rosa / ZIMT Magazin
Eine Zeitlang war es modern, Diagnosen als falsch oder als halbwahr hinzustellen. Momentan ist das nicht so. Ob das besser ist, weiß ich nicht. Nebulös und anstrengend ist es ja jetzt immer noch, stigmatisiert zu sein.
Ich bin natürlich psychisch krank. So eine Diagnose ist ja kein wertloses Papier. Ich akzeptiere, dass ich krank bin und warte ab, in was für Situationen mich das führt. Meine Taktik besteht darin, Bücher zu wälzen, die mir Aufschluss über Dinge gewähren, die mir niemand so geradeheraus sagen will. Ich bin fündig geworden. Bücher sind wahre Freunde.
Eine Gesellschaft der Ausgeschlossenen
Was kann man im Fall einer psychischen Erkrankung überhaupt machen? Wie kann einem geholfen werden? Psychische Erkrankungen sind im Anfangsstadium noch am besten behandelbar. Jetzt, in meinem Fall, ist es schwieriger. Eine akute Psychose wäre in meinem Fall nicht gut auffangbar. Ich kenne viele Menschen, mit denen ich nicht viel zu tun habe und wirklich gute Freund:innen habe ich nicht. Ich wohne allein in Wien in einer Wohnung. Aber mit den meisten Leuten komme ich gut aus. Wenn ich bei meiner Mutter bin, unterstütze ich sie und komme dadurch mit ihren Bekannten in Kontakt. Die Psychiatrie ist traditionell eine Gesellschaft der Ausgeschlossenen, gesund ist das für niemanden.
Beim Psychiater kann man sich auskotzen und dann verschreibt er einem entsprechende Medikamente. Medikamentierung verhindert nicht nur schwere Verläufe, sie ist auch ein kulturelles und politisches Lenkungsmittel. Ich stehe einer Optimierung des Menschen kritisch gegenüber. Aber ich will niemandem die Schuld geben. Was ist schon optimal?
Psychiatrie als Gesellschaft der Ausgeschlossenen – wer hält wen?
Wenn ich den ganzen Tag alleine zuhause bin, ist meine Stimmung düster. Natürlich bin ich zornig, ich habe nur keinen geeigneten Raum für meinen Zorn. Da sind wir dann wieder bei der Paranoia. Darf ich das jetzt? Ich sollte mehr in der Natur spazieren gehen. Meine Mutter hat da recht.
Ein Ort der Gemeinschaft
Dann versuche ich Leute einzuladen. Haben sie auch solche Probleme, sind sie oft schwer auszuhalten. Haben sie keine Probleme, sind sie mit ihrer Arbeit beschäftigt. Das ist ein Grund für mich, psychosoziale Einrichtungen nicht von vornherein abzulehnen. Man trifft dort Menschen, die etwas zu erzählen haben, die interessant sind, die etwas erlebt haben. Möglicherweise habe ich diese Einstellung mit so manchen Psychiater:innen des Sozialpsychiatrischen Zentrums geteilt.
„Ist es der Politik egal, wie es den Leuten geht?“
Im besten Fall entsteht eine Gemeinschaft. Die treibende Kraft einer Gemeinschaft können aber nicht Einzelne sein, das muss die Gesellschaft tragen. Da spielt es eine enorme Rolle, aus welcher Richtung der politische Wind weht. Wir leben in sehr kalten Zeiten. Rechte Parteien gewinnen an Boden, alle machen es den Amerikaner:innen gleich. Ist es der Politik egal, wie es den Leuten geht und ob die Gesellschaft als solche überhaupt eine ist? Sind die sich ihrer Verantwortung bewusst? Man muss schon sehr genau hinsehen. Ein altes Sprichwort sagt: „Ein Unglück kommt selten allein!“ Das ist die multiple Krise.
Zuhause, aber nicht aufgefangen: Welchen Preis zahlen Menschen, die mit einer psychischen Erkrankung allein gelassen werden?
Um das Sozialpsychiatrische Zentrum zu vermissen, bin ich nicht sentimental genug. Das ist meine Herangehensweise. Sentimental bin ich nur im Kino. Ich glaube, ich werde ganz gut klar kommen.
Wir haben ja jetzt eine neue Gruppe in einem Nachbarschaftszentrum. Demnächst kommt uns dort ein Nationalratsabgeordneter besuchen. Der kocht an einem Tag im Monat gratis für die Leute. Sonst weiß ich kaum etwas von ihm. Ich lade manchmal ausgewählte Leute zum Essen ein. Gesellschaft tut mir gut. Die Vereinsamung älterer Leute ist ein großes Problem. Gemeinsam kochen und essen ist ein guter Ansatz. Für einen Politiker ist das sicher auch gut, um die Nähe zu den Leuten nicht zu verlieren.
Dieser Text ist im Rahmen der ZIMT-Recherchewerkstatt entstanden, einem Format, in dem auch Menschen ohne journalistische Erfahrung über eigene psychische Belastungen schreiben. Die Texte werden redaktionell begleitet und nach den journalistischen und ethischen Standards von ZIMT veröffentlicht.