„Ich wünsche mir, dass ich ankommen darf”

Als Jugendliche befindet sich Mara plötzlich in vorzeitiger Menopause. Jahre später macht sie sich auf die Suche nach ihrem Selbstbild.

Text: Jolanda Allram
Foto: Jolanda Allram

Datum: 5. August 2026
Junge Frau von hinten mit Ohrringen vor buntem Graffiti-Hintergrund

Orange und braun, so leuchten die Wände und Möbel in der gynäkologischen Ambulanz, die Mara an diesem Tag im November 2022 aufsucht. Die Farben bedrücken sie. Sie versucht, das Gefühl abzuschüt­teln und öffnet die Tür zum Behandlungsraum. Viel­leicht warten hier endlich Antworten auf sie.

So erzählt es Mara im Gespräch mit ZIMT. Während sie spricht, schließt sie manchmal kurz die Augen, als müsse sie Erinnerungen vorsichtig her­vorholen. Dann öffnet sie sie wieder – der Blick wird weich, gleichzeitig entschlossen.

Mara ist 14, als ihr Zyklus für immer endet. Die Scham und das Gefühl, selbst schuld zu sein, sind groß. Sie sei schon immer dick gewesen, erzählt Mara. Im Internet liest sie, dass Übergewicht den Zyklus stören kann.

„Ich habe gedacht, ich bin ein­fach zu dick für die Menstruation.“

Als sie 19 ist, zieht die Deutsche nach Wien. Nach einigen Jahren, einer schmerzhaften Untersu­chung und einer Fehldiagnose sucht Mara eine neue Gynäkologin auf. Die überweist sie für weitere Tests ins Krankenhaus – dorthin in den orange-braunen Flur. Zu der Tür, die sie gerade geöffnet hat. Im Untersuchungsraum blicken ihr fünf Gesichter ent­gegen.

„Sie stellen uns vor große Rätsel“, sagen sie. Die Erkrankung sei selten und anfangs schwer zu erkennen. Aber die Blutergebnisse bestätigen den Verdacht, dass Mara in einen menopausenartigen Zustand geraten ist. Ihre Eierstöcke haben einfach aufgehört zu arbeiten. Prämature Ovarielle Insuffizi­enz (POI) lautet die Diagnose.

Mara verlässt das Krankenhaus wie in Trance. Um sich etwas Gutes zu tun, geht sie in ein Teege­schäft. An der Kasse bekommt sie ein Probepäckchen geschenkt: einen Kräutertee gegen Menstruationsbe­schwerden. Mit dem Päckchen in der Hand wird alles plötzlich viel zu greifbar:

„Ich werde keine Kinder bekommen, die von meiner eigenen Eizelle stammen.“

Die Erkenntnis überwältigt sie. Mara ruft eine Freundin an, sucht Halt: „Wir sind stundenlang durch Wien spaziert.” Sie spricht über die Trauer und über das Gefühl, nie wirklich dazuzugehören: „Ich werde nie eine andere Frau nach einem Tampon fra­gen. Das sind die kleinen Momente, die uns Frauen verbinden. Da halten wir einfach immer zusammen. Ich wusste, das werde ich nie haben.“ Diese Sorgen und Gedanken nagen an Maras Selbstwert.

In den nächsten Monaten liest Mara alles, was sie über POI finden kann: „Ich habe genau zwei Bücher darüber gefunden, das war‘s.“ Online spre­chen oft Frauen über POI, die erst nach der Familien­gründung betroffen waren – mit ihnen kann sich Mara kaum identifizieren.

Im Krankenhaus rät man ihr zur Psychothera­pie:

„Man muss ganz viel trauern, dass man nicht so ist wie andere im gleichen Alter.”

Für Mara ist Psychotherapie nicht neu. Als sie die POI-Diagnose erhält, ist sie bereits wegen ihres Körperbildes und wiederkehrenden Depressionen in Behandlung. „Körperlich denkt man die ganze Zeit, dass man nicht richtig ist.” Ihre Therapeutin ist eine Stütze. Mit ihr tastet sie sich an ihre Gefühle heran.

Heute studiert Mara Sozialpädagogik und möchte mit Kleinkindern arbeiten. Ihr eigener Verlust habe ihre Berufswahl geprägt, vermutet Mara. Sie will lernen, mit POI gut zu leben, ohne dass die Krankheit alles über­strahlt. „Ich wünsche mir, dass ich im Leben ankommen darf, nach der Zeit der vielen Fragen. Dass ich sagen kann, es gehört alles zu mir und es ist okay.“

Melde dich zu unserem Newsletter an:

 

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter akzeptierst du unsere Datenschutzrichtlinien.