Triggerwarnung

Der Artikel befasst sich mit Essstörungen, Körperwahrnehmung, Gewicht und Essverhalten. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.

Dünn um jeden Preis: Alissa

Social Media beeinflusst Alissas Wahrnehmung. Ihr Spiegelbild entspricht längst nicht mehr ihrem Selbstbild. Doch einen Ausweg zu finden, ist nicht leicht.

Text: Celina Dinhopl
Illustration: Jana Reininger

Datum: 18. April 2023
Verzerrtes Spiegelbild Illustration (c) Jana Reininger

Es ist 2017 und Alissa* gerade 16 Jahre alt. Morgens kurz nach dem Aufstehen stellt sie sich vor den Spiegel und betrachtet ihren Körper – sie findet sich zu dick. Sie macht sich auf den Weg in die Schule mit dem festen Vorhaben, solange nichts zu essen, bis sie wieder nach Hause kommt. An manchen Tagen kommt sie erst um 15 Uhr heim. Ihr Hungergefühl stillt sie stattdessen mit Kaugummis. Zuhause isst sie höchstens 1200 Kalorien.

Zwar schaffte es Alissa ohne Therapie aus ihrer Essstörung heraus, dennoch wird empfohlen, sich professionelle Hilfe zu suchen, um langfristig die Essstörung zu besiegen.

Diese Recherche ist im Rahmen der ZIMT-Werkstatt erschienen.

An einem Tag entspricht das etwa der Menge eines Porridges morgens, einem Salat zu Mittag sowie einem Gemüseauflauf abends. Untertags scrollt sie durch Instagram, sieht tausende Bilder, die dünne Menschen abbilden.

Kate Moss‘ berühmtes Zitat „kein Essen schmeckt so gut, wie sich dünn sein anfühlt“ ist einer ihrer Leitsprüche. Stolz ist Alissa dann, wenn sie hungrig ins Bett geht. Meistens putzt sie deswegen ihre Zähne schon um 18 Uhr, um gar nicht in Versuchung zu kommen, nochmal etwas zu essen. Alissa hat eine Essstörung.

Heute kann die 21-jährige Medizinstudentin wieder gesund essen. ZIMT trifft sie im Thalia-Café auf der Mariahilfer Straße in Wien. Dort blickt sie zurück in die Vergangenheit und erzählt von ihrer Essstörung und wie die Sozialen Medien diese verstärkten.

Es fing mit einem Cheerleading-Kurs an, der einmal in der Woche nach der Schule stattfand. Für etwa drei Jahre ist dieser Kurs großer Bestandteil von Alissas Freizeit. Ihre Kursleiterin, die etwa zehn Jahre älter als sie ist, wird während jener Zeit ein Vorbild für sie. So fühlt sich Alissa inspiriert durch ihre Sportlichkeit, aber auch durch ihre schlanke Figur. „Ich wollte mit ihr mithalten können und unbedingt die beste Kursteilnehmerin sein“, so Alissa. Mit der Zeit bemerkt sie jedoch immer häufiger Unterschiede zwischen ihrer Kursleiterin und sich: Alissa findet sich weder sportlich noch dünn genug, und das will sie unbedingt ändern. „Anfangs schaute ich in einem gesunden Ausmaß auf meine Ernährung, aber irgendwann kamen Zwangsgedanken. Dann ging es darum, so wenig wie möglich zu essen, um so dünn wie möglich zu sein. Mein ganzer Tagesinhalt bestand darin, mir Gedanken darüber zu machen, wann und was ich das nächste Mal esse. Und das jeden Tag“, erzählt Alissa. Die Menge, die sie damals täglich ist, empfiehlt man üblicherweise Kleinkindern zwischen drei und vier Jahren.

Doch nicht nur das Cheerleading, auch die Sozialen Medien verändern ihr Selbstbild stark. Aus Langeweile verbringt Alissa täglich viele Stunden auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder We Heart It. Dort sieht sie sich Inhalte von Influencerinnen an, die dünner sind als sie. Heute weiß Alissa gar nicht mehr, wer diese Frauen genau waren – ihr ging es auch nicht um die Personen, sondern um ihre Körper und dass sie genauso aussehen wollte wie sie. Doch auf den Plattformen werden Inhalte gezeigt, die der Realität nicht entsprechen: Dünne, attraktive Frauen mit vermeintlich perfektem Leben. Die Bilder befeuern Alissas Essstörung noch weiter, sie konsumiert sie immerzu. „Wenn man einmal in einer Essstörung drinnen ist, dann ist man sensibler für solche Inhalte. Ich speicherte mir die Fotos ab und arbeitete darauf hin, so auszusehen“, so Alissa.

Alissa will gesehen werden und als attraktiv gelten. Es geht ihr darum, ein Leben zu führen, wie es auf Social Media gezeigt wird: schöne Menschen mit coolen Freund:innen, schicker Kleidung und einem aufregenden Leben. Diese Dinge gehen für sie Hand in Hand: So schaut schicke Kleidung ihrer Überzeugung nach nur an dünnen Menschen gut aus, nur dünne Menschen haben coole Freund:innen und daher ein aufregendes Leben. Alissa hingegen fühlt sich einsam.

Handy mit Blüten (c) Jana Reininger

Die Bilder auf Social Media haben längst Einfluss auf Alissas Alltag, sie lassen sie nicht mehr los.

Thigh Gap heißt der Trend, der zu der Zeit auf Social Media groß ist: Thigh Gap beschreibt die Lücke zwischen den Innenseiten der Oberschenkel. Junge Frauen* zeigen ihre Oberschenkellücke und geben Tipps, wie man diese auch erhält. Der Thigh Gap suggeriert Schlankheit – ungeachtet dessen, dass individuelle Faktoren wie der Knochenbau maßgeblich daran beteiligt sind, ob dieser überhaupt entstehen kann, selbst bei sehr zierlichen Menschen. Irgendwann hat Alissa so viel abgenommen, dass die Lücke zwischen ihren Oberschenkeln erkennbar ist, doch „als ich sie dann hatte, sah ich sie nicht.“ Sie nimmt weiterhin nur das wahr, was ihrer Ansicht nach „zu viel” ist. Heute weiß sie, dass Attraktivität nichts mit dem Gewicht zu tun hat. Zudem achten wahre Freund:innen ohnehin nicht auf das Aussehen, ist sie sich mittlerweile sicher.

Dass sie sich damals in einer Essstörung befand, war ihr zwar bewusst, doch es war ihr im Prinzip egal. Dass sie Kalorien zählte und kaum etwas aß, war für sie normal. Als psychisch belastend empfindet sie eher das Gefühl, zu dick zu sein, und dass sie ihr Gewicht für ihre Einsamkeit verantwortlich macht. Ihr Umfeld erweckt den Eindruck, als würde es sich kaum bis gar keine Sorgen um Alissas Gewicht machen. Ihre Mitschüler:innen kommentieren gelegentlich ihre dünnen Beine – manche sind neidisch, andere finden sie zu dünn. Aus all den Kommentaren sucht sich Alissa nur jene heraus, die sie in ihren Gefühlen bestärken. Ihre Eltern sprechen sie nicht auf ihre Essstörung an, bloß ihre damalige Klassenvorständin fragt sie, ob mit ihr alles okay sei.

Wie Alissa heute beschreibt, hätten Sorgen und Hilfestellungen anderer ohnehin wenig gebracht, denn sie hielt an ihrer Essstörung fest. Davon befreien konnte sie sich nur selbst.

„Ich machte nicht aktiv etwas dagegen, vielmehr beschäftigte ich mich mit anderen Dingen. Mein Körper war für eine gewisse Zeit lang mein zentrales Thema und dann nicht mehr, dann standen andere Dinge im Mittelpunkt“, erzählt Alissa. So helfen ihr unter anderem das Studium, ihre aktuelle Beziehung und der Kontakt zu Freund:innen dabei, andere Interessen zu entwickeln. Gleichzeitig entfolgt sie vielen Influencerinnen, um sich weniger mit ihnen zu vergleichen. Mit steigendem Alter verbessert sich außerdem ihr Selbstbild. Dadurch erkennt Alissa zunehmend, dass ihr Wert nicht in ihrem Gewicht zu messen ist.

Dass sie heute wieder ausgewogen (inklusive gelegentlichem Junk Food) isst, hätte sie sich noch vor fünf Jahren nicht vorstellen können. Heute kann sie sich und ihren Körper genauso akzeptieren, wie er ist.

*Name von der Redaktion geändert

Die Medienforschung untersucht seit einigen Jahren die Sozialen Medien und ihren Einfluss auf die Entstehung von Essstörungen, aber auch auf das Selbstbild oder die Einsamkeit von jungen Menschen. Diese sollen besonders stark von den Sozialen Medien beeinflusst werden können. Körperbilder von Personen, die dem (aktuellen) Schönheitsideal vermeintlich entsprechen, sollen in vielen jungen Menschen das Gefühl auslösen, selbst so aussehen zu wollen und nicht gut genug zu sein. Hinzu kommen Schönheitstrends wie das wiedererwachte Heroin Chic, die Schönheitsideale in neue Extreme rücken. Wir haben zwei Expertinnen über Schönheitstrends wie Heroin Chic interviewt. Den Text findest du hier.

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