„Wir kriegen das wieder hin”
Marcus verliert sich in Depressionen. Aus der Krise
helfen ihm seine Freund:innen – und eine unscheinbare
kleine Karte.
Text: Victoria Schwendenwein
Foto: Guilherme Reininger da Rosa
Es gab eine Zeit, da traute Marcus sich nicht, schlafen zu gehen – aus Angst davor, was ihm seine Psyche dieses Mal vorspielen würde. Er halluzinierte, sah und hörte Dinge, die nicht da waren. Monatelang versuchte Marcus den Gestalten zu entfliehen, doch der zunehmende Schlafmangel erschwerte ihm das zusätzlich. Nicht einmal mehr sein geliebtes Taekwondo, das ihm sonst Ausgleich verschaffte, konnte er ausüben. Die Sorgen endeten in Motivationseinbrüchen und Energieabfällen. Schon seit seiner Jugend begleiten den 28-Jährigen Depressionen.
Als er seinen Freund:innen von den Suizidgedanken erzählt, richten diese sofort ein Betreuungsnetz für ihn ein: Jeden Tag passt jemand anderes auf Marcus auf, sogar nachts. Doch neben eigenen Vollzeitjobs erschöpft sie die Sorgearbeit zusehends. Für die Freund:innen ist klar: Marcus braucht professionelle Hilfe. Sie wenden all ihre Energie auf, um ihn davon zu überzeugen, doch Marcus wehrt sich.
„Wenn du schwere Depressionen hast, kannst du teilweise nicht kommunizieren, was du brauchst”, sagt er. Die Sorge um ihn zehrt seine Freund:innen so sehr auf, dass sie letztlich selbst Hilfe in Anspruch nehmen müssen. „Am Ende haben sie mich quasi in die Therapie gedrängt.” Widerwillig lässt sich der 28-Jährige überzeugen. Die Beziehung zu seinen Freund:innen ist durch den Konflikt belastet.
Therapie und Diagnose zu finanzieren ist nicht einfach für einen arbeitslosen, alleinstehenden Mann, der monatlich Miete bezahlen muss. All das bringt Marcus erneut an seine Grenzen. Sein Selbstwertgefühl sinkt. Doch er hält durch. Schließlich bekommt er seine Diagnosen: schwere Depressionen mit akustischen und visuellen Halluzinationen, eine Autismus-Spektrum-Störung und Krampfanfälle.
Ohne Medikamente gehe es nicht, sagt Marcus. Anders könne er den stressigen Prüfungsalltag an der Fachhochschule nicht bewältigen. Rückhalt gibt ihm dabei aber auch noch etwas anderes: eine kleine unauffällige Scheckkarte, der österreichische Behindertenpass, der ihm eine 70-prozentige Behinderung bescheinigt. Warum er das Dokument beantragt hat? „Um Sicherheit zu gewinnen.”
Laut österreichischem Sozialministerium unterstützt der Pass vor allem bei Steuerbegünstigungen und Vergünstigungen im öffentlichen Verkehr. Der Pass ermöglicht zudem, schriftliche Prüfungen je nach Bedarf mündlich abzulegen oder umgekehrt. Bisher hat Marcus davon noch keinen Gebrauch gemacht – aber das Wissen um diese Möglichkeit stärkt ihn.
Mit der Zeit legt Marcus auch die Scham über seine Erkrankungen ab. „Ein Kollege wurde auf eine ungewöhnliche Verhaltensweise von mir aufmerksam und fragte, ob ich Autist bin. Da konnte ich ehrlich mit ‚Ja‘ antworten.”
Von seinen Kolleg:innen erfährt Marcus nicht zuletzt wegen seiner Offenheit Anerkennung. Sie wählen ihn sogar zu ihrem Jahrgangssprecher. Er vertritt nun ihre Anliegen gegenüber der Studienprogrammleitung. Und in dieser Aufgabe geht der 28-Jährige auf. Da komme ihm nun zu Gute, dass er wegen der psychisch bedingten Umwege doch schon ein paar Jahre Lebenserfahrung mehr als seine Kolleg:innen vorzuweisen hat.
Marcus ist in den vergangenen Jahren auch persönlich gewachsen. Vor zwei Jahren hätte er sich nicht zugetraut, für ein Praktikum in ein völlig neues Arbeitsklima einzutauchen, geschweige denn die Stadt dafür zu verlassen. Jetzt steht genau dieses Praktikum unmittelbar bevor. Marcus ist nervös, freut sich aber auf die neuen Erfahrungen. Seine neu gewonnene Offenheit hilft ihm auch dabei, die belastete Beziehung zu seinen langjährigen Freund:innen wieder zu kitten: „Wir kriegen das wieder hin, aber es ist eben auch ein Prozess.”