Triggerwarnung
Der Artikel befasst sich mit Suizidgedanken, Suizidalität und Depressionen. Bestimmte Inhalte oder Wörter können negative Gefühle oder Erinnerungen auslösen. Wir möchten dich darauf hinweisen, den Artikel nicht zu lesen, falls du dich heute nicht stabil genug fühlst.
Hinter den Wolken: Tanja
Nach der Geburt ihrer Tochter erkrankt Tanja an einer Psychose. Sie beschließt, ihr Kind abzugeben.
Recherche: Nicole Kornherr
Textliche Aufbereitung: Jana Reininger da Rosa
Collage: ZIMT Magazin
Tanja ist 21 Jahre alt, als die Hebammen ihr das Kind auf die Brust legen. Die Geburt sei schwer gewesen, erzählt sie. Sie habe gewartet, dass das Glücksgefühl eintrifft. Aber es kam nicht.
Schlaflosigkeit, Stimmen, Suizidgedanken
Etwa eine Woche nach der Entlassung hört Tanja auf, zu schlafen. Dann hört sie Stimmen, die eigentlich nicht da sind. Sie erzählen ihr, dass das Leben nicht lebenswert sei. Rastlos räumt Tanja den Keller voll, um für einen Weltuntergang vorzusorgen. „Bis zu einem gewissen Grad ist meine Welt ja auch untergegangen“, sagt sie später, zumindest ihre Kindheit, so sehr sie sich ihre Tochter auch gewünscht habe. Stunden-, gar tagelang geht Tanja mit dem Kinderwagen durch die Stadt, weil sie sich in ihrer Wohnung nicht sicher fühlt. Sie denkt an Suizid.
Davon erzählt Tanja im Podcast crazy turn – Sprachrohr, mit dem ZIMT für diesen Text kooperiert. Eigentlich heißt Tanja anders, ihre wahre Identität möchte sie nicht nennen. Dabei sei die heute Mitte 30-Jährige sehr offen, wenn es um ihre Erkrankung gehe.
„Zu einem gewissen Grad ist meine Welt ja auch untergegangen.“
Was Tanja damals erlebt, hat einen Namen: eine postpartale Psychose. „Ich möchte, dass diese Krankheit als Krankheit anerkannt wird und nicht als Stigma”, erzählt Tanja. „Und ich möchte vor allem auch ein Vorbild sein für andere Erkrankte, um anderen zu zeigen, dass man mit dieser Krankheit leben kann.“
Mit ihren Sorgen ist Tanja damals, als ihre Tochter noch ein Baby ist, viel alleine. Die Beziehung zum Kindsvater zerbricht. Als Tanja ankündigt, ihr Kind zu Pflegeeltern zu geben, sie selbst könne sich nicht kümmern, übernimmt ihre Mutter. Drei Monate nach der Geburt zieht Tanja gemeinsam mit dem Baby bei der frischgebackenen Großmutter ein. Später sucht sich Tanja eine eigene Wohnung, um Oma und Kind nicht mit ihren Manien zu belasten. Die Diagnose bipolare Störung mit psychotischen Elementen bekommt sie, als ihre Tochter acht ist.
„Ich habe gelernt, dass man Leistung mit Liebe entlohnt. Und habe das durchgezogen.“
Rückblickend sind die Zeichen früh da. Tanja wächst in einer Familie auf, in der Leistung gefordert wird: gute Noten, Auszeichnungen, Musik. Bis zu fünf Stunden Klavier und Orgel am Tag, neben der Schule. „Ich habe gelernt, dass man Leistung mit Liebe entlohnt. Und habe das durchgezogen.“
Als Tanja sich nicht mehr um ihr Kind kümmern kann, übernimmt ihre Mutter.
Schon mit fünf Jahren zeigen sich Anzeichen einer Depression. In der Volksschule denkt sie an Suizid. In der Pubertät trinkt Tanja viel. Sie schreibt suizidale Texte und liest sie ihrer Mutter vor. Die habe darauf nicht reagiert, sagt Tanja.
Tanja schreibt weiter. Theaterstücke, Kurzgeschichten, Gedichte, eine Biografie über ihre Erkrankung. In einem unbeaufsichtigten Moment nimmt ihre Tochter, damals etwa zehn, den Laptop und liest.
In einem Text steht, dass Tanja nicht mehr leben will. Und dass sie glaubt, ihre Tochter nicht allein auf dieser Welt zurücklassen zu können. Das Mädchen sagt: Ich verklage dich. Da steht mein richtiger Name, du schreibst über mich, ich nehme mir einen Anwalt. „Das war sicher ihre Art, da eine Distanz reinzubringen, die sie nicht hatte“, sagt Tanja. „Und ich habe es verstanden.“
Die Stelle hinter den Wolken
Sie schreibt den Text um. Setzt ihn in die dritte Person, schaut von oben auf die eigene Geschichte. Daraus wird ein Buch: Das Blau hinter den Wolken. Hinter den Wolken ist immer eine helle Stelle, sagt sie, man kann sie nur gerade nicht sehen. „Mir ist bewusst geworden, was für eine große Verantwortung ich habe. Und was ich mit Worten anrichten kann.“
Seit zwei Jahren stabil
Eine Zeit lang ist Tanja alle drei Monate in der Klinik, manisch oder depressiv. Rapid Cycling nennt man diese Form, bei der die Phasen schnell wechseln. Bis die Medikation passte, habe es Jahre gedauert. Seit zwei Jahren sei die heute Mitte 30-Jährige stabil. Um das zu bleiben, gehe sie früh schlafen, mache Sport und gehe auf die Arbeit – auch wenn es ihr gerade schlecht geht. Die Disziplin, die ihr schon oft geschadet hat, hilft ihr auch.
Wenn es dir schlecht geht:
Über Sorgen zu sprechen, hilft. Die folgenden Stellen sind kostenlos und vertraulich:
Österreich
Telefonseelsorge: 142 (rund um die Uhr)
Rat auf Draht (für Kinder und Jugendliche): 147 (rund um die Uhr)
Kriseninterventionszentrum Wien: 01 406 95 95 (Mo–Fr 8–17 Uhr)
Deutschland
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (rund um die Uhr)
Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche): 116 111 (Mo–Sa 14–20 Uhr)
Schweiz
Die Dargebotene Hand: 143 (rund um die Uhr)
Weitere Kontaktmöglichkeiten findest du hier.
Mit ihrer Tochter habe Tanja heute eine schöne Beziehung, sagt sie.
Ihre Tochter ist inzwischen 15 und wohnt immer noch bei Tanjas Mutter. Natürlich sei Tanja dankbar dafür, dass ihr Kind dort ein stabiles Umfeld habe. Aber emotional zerreiße es sie: „Ich hätte sie halt gern bei mir. Aber da droht dann doch immer wieder die nächste Manie.“
Eine Auflösung dafür hat Tanja nicht. Sie könne einfach keine normale Mutter sein, morgens aufstehen und Frühstück zubereiten, wenn sie gerade depressiv ist. Aber sie habe viel Kontakt zu ihrem Kind. „Einen Mutter-Tochter-Kontakt. Sie vertraut mir, sie erzählt mir alles, wir haben es sehr schön und auch sehr lustig miteinander. Wir haben auch Konflikte miteinander, wie sie Mutter und Tochter auch haben sollen.“
Was die beiden verbindet, ist Musik. Neulich haben sie ein Spiel gespielt: Errate das Lieblingslied der anderen. Die Tochter hat Tanjas Lied beim ersten Versuch getroffen. Es ist Purple Rain. Die Zeile, auf die es ihr ankommt, geht so: I never meant to cause you any pain.
Dieser Text ist in Kooperation mit dem Podcast crazy turn – ich bin bipolar entstanden. Alle Zitate stammen aus der Folge Sprachrohr #5. Anhören kannst du die Folge beispielsweise hier.